Porträt

laut.de-Biographie

The Dynamites feat. Charles Walker

"Ich glaube, die Leute haben die Schnauze voll von dem meisten, das Musik von heute bietet. Sie sind auf der Suche nach etwas Echtem", glaubt Charles Walker. "Genau das versuchen wir ihnen zu geben."

Hinter "wir" steckt der altgediente Soul-Sänger in diesem Fall nicht alleine. Gemeinsam mit den Dynamites gelingt ihm die Überführung von Soul und Funk aus den ausgehenden 60er Jahren in die Moderne mühelos.

Zu einem Zeitpunkt, da Funk weltweit eine Rennaissance zu erleben scheint, und Sängerinnen wie Amy Winehouse tiefschwarze Musik auch einem weißen Mainstreampublikum verkaufen, hat Charles 'Wigg' Walker bereits vier Jahrzehnte Erfahrung im Showgeschäft auf dem Buckel.

"In den späten 60ern tourte ich mit James", erinnert er sich. "Ich war mit einer Menge Künstlern unterwegs. Es würde wie Namedropping aussehen, würde ich sie alle aufzählen." Nur nicht so bescheiden: Neben dem Godfather of Soul teilte sich Walker die Bühnen, darunter so prestigeträchtige wie die des Apollo Theaters, mit Etta James, Sam Cooke, Wilson Pickett, Jackie Wilson und vielen, vielen anderen.

Obwohl er von Anfang an in der Szene mitmischt und für so ziemlich alle relevanten Labels seiner Zeit, darunter Decca, Champion und Chess, Singles aufnimmt, bleibt ihm der große Durchbruch verwehrt. Charles Walker verschwindet in den übermächtigen Schatten von Otis Redding, James Brown und Konsorten.

Kleinere Erfolge sind ihm, der als Frontmann von Little Charlie & The Sidewinders unterwegs ist, dennoch vergönnt. Nummern wie "Talkin' About You" oder "Twice As Much For My Baby" lassen die Truppe aus Nashville in Tennessee Ende der 50er zur lokalen Berühmtheit aufsteigen. Charles Walker singt regelmäßig im New Era Club, einem der gerade angesagtesten Lokalitäten für schwarze Musik.

In den 60er und 70er Jahren verlegt Charles Walker seinen Schaffensschwerpunkt nach New York. Er singt als Frontmann verschiedener Formationen und bleibt auch abseits der ganz großen Öffentlichkeit durchgehend aktiv. Mit einer in Europa aufkeimenden Northern Soul-Szene zieht es auch Walker in die alte Welt: Touren führen ihn über den großen Teich. Fortan verbringt er viel Zeit in Spanien und Großbritannien.

Zurück in die alte Heimat und gleichzeitig zum klassischen Soul und Blues findet Charles Walker erst in den 90ern. "I'm Available", der Titel seines Solo-Albums von 1999, wird zum Programm. Bis 2003 veröffentlicht er mehrere Longplayer, darunter "Number By Heart", und tourt in den USA und in Europa, meist mit der Mo' Indigo Band. Die eigentlich verdiente Aufmerksamkeit beschert ihm jedoch auch das nicht.

Szenenwechsel: Gleiche Stadt, anderer Protagonist. Ebenfalls in Nashville trägt sich Bill Elder, auch unter seinem Bühnennamen Leo Black bekannt, inspiriert von Doyle Davis' Radio-Show mit dem Gedanken an ein neues Deep Funk-Projekt: "Ich wollte fünf oder sechs Funk- und Soul-Nächte auf die Beine stellen, wie sie Nashville seit den späten 60ern nicht mehr gesehen hat."

In einem zwei Jahre währenden Prozess sammelt der Gitarrist, Songwriter, Komponist, Arrangeur und Produzent eine Gruppe äußerst fähiger Musiker um sich: Wir erleben die Geburt der Dynamites. Das einzige Problem: Es findet sich kein geeigneter Sänger für die neunköpfige Truppe.

Elder klagt Davis, später Manager der Dynamites und Inhaber des Labels Outta Sight Records, sein Leid. Der stellt den entscheidenden Kontakt her. Bei einer Veranstaltung mit dem sperrigen Titel "Country Music Hall Of Fame's Night Train To Nashville" treffen die jungen Soulrecken auf den Veteranen: Kaboom!

Die Zusammenarbeit steht von Anfang an unter einem guten Stern. Erstmals bekommt Charles Walker Songs direkt auf den Leib geschrieben. "Als ich für Chess oder Decca aufgenommen haben, habe ich gemacht, was man von mir wollte", blickt er zurück. "Jetzt kann ich mir die Lieder aussuchen, die ich singen möchte. Ich kann's noch gar nicht glauben."

An die veränderten Verhältnisse gewöhnt man sich besser schnell: Gleich mit ihrem Live-Debüt treten The Dynamites feat. Charles Walker einen Sturm der Begeisterung los. "Bei unserem ersten Auftritt im Basement war es rappelvoll", so Walker. "Ich hab in die Menge geschaut und gesehen, dass wir die Leute wirklich am Wickel hatten."

Das erste Album, "Kaboom!" folgt im Sommer 2007. "Die Idee dahinter war nicht, eine Platte aufzunehmen, die klingt, als stamme sie aus dem Jahr 1962", erklärt Elder. "Unser Ziel war es, mit einem Fuß in den späten 50ern, 60ern zu stehen, der Musik aber gleichzeitig einen neuen Dreh zu verpassen."

Elder rollt für Charles Walker einen roten Teppich aus staubtrockenen Drums, stabilen Basslinien, quietschenden Orgelsounds und immer wieder Percussion- und Bläsereinsätzen aus. Seine Stimme fügt sich wie ein weiteres Instrument in den flirrenden Groove. Bis "Kaboom!" auch in Deutschland erhältlich ist, geht allerdings fast ein Jahr ins Land.

Kritiker und Fans zeigen sich gleichermaßen begeistert: "Was für New York die Dap Kings, sind für Nashville die Dynamites", urteilt die New York Times. Aus Kollegenmund setzt es ebenfalls Lob: "Charles Walker und den Dynamites zuzuhören, katapultiert mich auf der Stelle zurück ins Small Paradise, 1964. So wundervoll, Charles Stimme ist so kräftig wie eh und je." So spricht Bettye LaVette.

Alben

The Dynamites feat. Charles Walker - Kaboom!: Album-Cover
  • Leserwertung: Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2008 Kaboom!

Kritik von Dani Fromm

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