Porträt

laut.de-Biographie

The Brian Jonestown Massacre

Lange bevor eine neue Welle von Rock-Revivalisten wie die Strokes, The Warlocks oder der Black Rebel Motorcycle Club beschloss, es sei wieder cool, Lederjacken zu tragen, die Haare wachsen zu lassen und sein Leben Sex, Drogen und Rock'n'Roll zu widmen, waren es The Brian Jonestown Massacre, die die Flamme des dunklen, gefährlichen Rocks am Leben erhielten und sie durch den langen Winter des Grunge und des Alternative Rock trugen.

Dennoch haben es BJM nie geschafft, sich aus ihrem Nischenstatus zu befreien. Was weniger an der Musik liegt, sondern eher an ihrer zentralen Figur, dem talentierten, exzentrischen und psychisch instabilen Sänger und Gitarristen Anton Newcombe. 1967 geboren, gründet er die Band 1990 in Haight Ashbury/San Francisco und schart zwei Gitarristen, einen Schlagzeuger, einen Bassisten und einen "Führer der Revolution" um sich herum. Beständige Mitglieder gibt es keine; allein bis zum Jahr 2000 wechseln sich etwa 40 Musiker an den Begleitinstrumenten ab.

Den Namen leitet Newcombe von seinem Vorbild Brian Jones und dem Massenselbstmord einer Sekte in Jonestown, Guyana ab, bei dem 1979 fast tausend Menschen unter der Führung des "Gurus" Jim Jones starben. Die Band tritt zwar mit Material aus der Feder Newcombes an, der 1969 verstorbene Gitarrist der Rolling Stones übt jedoch über lange Zeit einen großen Einfluss auf ihre Tätigkeit aus. "Die Musik von 1967 war echt. Wenn du die Top 10 aus jener Zeit mit dem vergleichst, was heute so rauskommt, fühlst du dich komplett verarscht. Du hast das Gefühl, dass dein Gehirn vergewaltigt wird", begründet der Sänger seine musikalische Vorliebe. Auch in anderer Hinsicht eifert Newcombe seinem Idol nach, indem er massenhaft Drogen konsumiert, vorzugsweise Heroin.

Der psychedelische Rocksound der Band ist zum ersten Mal 1995 mit "Methodrone" auf Platte zu haben, erschienen auf dem Indie-Label Bomp Records, auf dem noch weitere acht Alben folgen. Aufmerksamkeit erregen BJM aber erst 1996, als sie innerhalb eines Jahres vier Alben auf den Markt bringen. "Their Satanic Majesties' Second Request" nimmt das fast gleichnamige Album der Stones auf, während "Thank God For Mental Illness" Country- und Blues-Material bietet.

"Take It From The Man" befasst sich mit britischer Musik aus den 60er Jahren. Ein Stück heißt "(David Bowie I Love You) Since I Was Six". Schließlich wirft "Spacegirl and Other Favorites" ein Licht auf die ersten Jahre der Tätigkeit. Die Veröffentlichungswut bringt ihnen Auftritte im Vorprogramm von Oasis bei ihrer erster US-Tour ein, ein weiterführender Erfolg bleibt ihnen aber verwahrt. Zur gleichen Zeit ernten die befreundeten Dandy Warhols, die das Brian Jonestown Massacre jahrelang auf Konzerten begleiteten, mit dem Song "Not If You Were The Last Junkie On Earth" erste Erfolge und machen große Plattenfirmen auf ihren Psychedelic-Pop aufmerksam.

Ob aus Neid oder aus purem Vergnügen, Anton Newcombe nimmt den Song "Not If You Were The Last Dandy On Earth" als Dandy Warhols-Parodie auf und schleicht sich mit einigen Pressungen auf ein DW-Konzert, wo er die Platten genüsslich im Vorraum verkauft. Die ehemaligen Kumpels reagieren verstört auf Newcombes Versuch, damit eine auf Aufmerksamkeit ausgerichtete Blur/Oasis-Fehde in Gang zu setzen und das Verhältnis kühlt merklich ab.

Doch der BJM-Leader scheint selbst kein gesteigertes Interesse am großen Durchbruch zu haben: Konzerte enden meist in Faustkämpfen mit Bandmitgliedern oder Zuschauern. Selbst ein Showcase im renommierten Viper Room in Los Angeles, wohl eines der wichtigsten Konzerte der Bandgeschichte mit zahlreichen Labelabgesandten im Publikum, endet 1996 im Fiasko, als der zugedröhnte Newcombe seinen Gitarristen Matt Hollywood angreift und so eine Prügelei in Gang bringt. Ein Vertrag kommt selbstverständlich nicht zustande.

Mit größeren Labels würde er aber sowieso niemals zusammenarbeiten, behauptet er schon seinerzeit pausenlos. "Ich hasse Ruhm. Ich würde es nicht mögen, wenn sich Leute Gedanken darüber machten, mich wie die arme Disney Spears zu ficken, oder wenn fette Typen mit Ziegenbärten und Geldbeuteln an Ketten sich so anziehen wollten wie ich oder in einer Art Straßenslang wie Fred Durst redeten", erklärt er in einem Interview. Der Mangel an Erfolg liege obendrein weniger an ihm, sondern am Rest der Welt. "Ich bin großartig. Euer Problem ist einfach, dass ihr nicht den Unterschied zwischen gut und großartig versteht. Ist Gott gut? Nein, er ist großartig. Lernt, Größe zu erkennen", gibt er an anderer Stelle zu Protokoll.

"Strung Out in Heaven" erscheint 1998 zwar auf Amerikas größtem Indie-Label TVT Records (u.a. Nine Inch Nails). Der vereinbarte Vier-Alben-Vertrag bleibt jedoch unerfüllt, da der erhoffte Erfolg nicht zuletzt aufgrund des nach wie vor unsteten Gemütszustands des Sängers ausbleibt. Ohne Majorvertrag im Rücken gründet Newcombe anschließend sein eigenes Label The Committee To Keep Music Evil und leitet ein Jahr später wieder Aufmerksamkeit auf sich, als er einen Text des Mörders Charles Manson für ein Lied verwendet. Heroinsucht und der Missbrauch weiterer Drogen schlagen sich nun mehr und mehr auf Studiotätigkeit und Auftritte nieder, die zunehmend zum Sicherheitsrisiko werden. Die Band verpflichtet zeitweise Bodyguards, um sich vor dem Zorn der Zuschauer zu schützen.

Eine zweite Chance erhält Newcombe im neuen Jahrtausend mit dem Erfolg der Strokes und BRMC, der neuen Band des Ex-BJM-Gitarristen Peter Hayes. "Ich trage die Fackel, so dass andere den Weg sehen können", erhebt sich Newcombe in seine angebliche Vorreiterrolle. Als sein Name wieder ins Gespräch kommt, gibt er jedoch zu, an der Musik vieler Kollegen Gefallen zu finden. Eine Achtung, die auf Gegenseitigkeit beruht, sogar die alten Buddies der Dandy Warhols nehmen das BJM-Stück "Stars" für die B-Seite einer Single auf.

Newcombe nutzt die Gelegenheit, legt seine Drogenabhängigkeit ab und veröffentlicht mit "And This Is Our Music" ein vielfältiges Album, das mit den schwer psychedelischen Anfängen von BJM wenig zu tun hat. Das Urteil zu seiner ehemaligen Lieblingsband fällt dementsprechend nüchtern aus: "Sie sollten dem Beispiel von Brian Jones folgen und sich verziehen. Der Zauber ist einfach vorbei. Mit Charlie Watts könnte ich jedes ihrer Stücke besser spielen als sie. Was sie so groß machte, war Sex. Nur Pervertierte würden heutzutage noch diese alten Typen vögeln wollen. Außer Charlie Watts, natürlich", erklärt er gewohnt angriffslustig in einem Internet-Forum.

2004 erhält Ondi Timoners Filmdokumentation "Dig!" auf dem Sundance Filmfestival den Ehrenpreis der Jury. "Dig!" beschreibt in 90 Minuten die siebenjährige Rock-Odyssee der einst befreundeten Bands The Brian Jonestown Massacre und The Dandy Warhols, für die die Regisseurin 1500 Stunden Filmmaterial sichtete. Timoner, die beide Bands seit 1996 begleitete, lässt in ihrem Film die angeblichen Gegenpole Kunst und Kommerz aufeinanderprallen und zeigt die Mechanismen des Musikgeschäfts in ihrer ungeschminkten Form.

Eine Antwort von Anton Newcombe, den "Dig!" als ungemein talentierten Verlierer darstellt, dem ständig seine Bandkollegen abhanden kommen, lässt nicht lange auf sich warten. Auf seiner Homepage schreibt er: "Ihr habt nun also die preisgekrönte Dokumentation 'Dig' gesehen und meint jetzt, ihr wüsstet alles über mich und das Brian Jonestown Massacre? Falsch gedacht! Denn Anton Newcombe ist kein Film."

Anschließend zählt der Songwriter die Erfolge seiner jüngsten Vergangenheit auf, zu denen Auftritte mit dem Black Rebel Motorcycle Club sowie Festival-Einladungen von Perry Farrell (Lollapalooza) und Patti Smith (Meltdown) gehören, und er zitiert Iggy Pop, der Newcombes Band in einem Interview 2005 als "fucking great" bezeichnet. Mit einem freundlichen Ratschlag entlässt er schließlich den Leser: "Anton Newcombe is the real deal. And once you Dig! that, you're really getting somewhere."

Doch offenbar glaubt nicht mal mehr er selbst daran. Die Veröffentlichungen werden seltener und wirr. Am ehesten zu empfehlen sind die Sammlungen "Tepid Peppermint Wonderland: A Retrospective" (2008) und "Singles Collection 1992-2011".

Alben

Videos

Video Video wird geladen ...

Termine

So 08.06.2014 Berlin (Postbahnhof)
Do 12.06.2014 Dresden (Beatpol)
Fr 20.06.2014 Hamburg (Knust)

Noch keine Kommentare