Porträt

laut.de-Biographie

Stress

"Manche Dinge muss man so sagen, wie man sie meint", befindet Stress. Das Blatt vor dem Mund gehört mit Sicherheit nicht zur Grundausstattung des Mannes aus Lausanne: "Fuck Blocher!"

Der Weg des wohl erfolgreichsten Rap-Exports der Westschweiz beginnt allerdings gar nicht in der Eidgenossenschaft. Andres Andrekson kommt am 25. Juli 1978 in Estland zur Welt. Erst im Alter von zwölf Jahren zieht er mit seinen Eltern in die Schweiz, deren Staatsbürgerschaft er später erwirbt. Andres studiert Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Lausanne. Anschließend arbeitet er in der Marketingabteilung eines internationalen Unternehmens in Genf.

Nebenbei entdeckt er den Hip Hop für sich: "Rap ist für mich Therapie, ein emotionales Ventil. In erster Linie schreibe ich die Texte für mich", erklärt er im Interview mit aightgenossen.ch. Unter seinem Alias Stress textet Andres in der Sprache, die ihm vertraut geworden ist: auf Französisch.

Stress, sein MC-Kollege Nega und Produzent Yvan schließen sich zu Double Pact zusammen. Gemeinsam veröffentlicht das Trio zwischen 1995 und 2002 vier Alben und eine EP und kommt so besonders in Frankreich und Deutschland zu Ehren. Man kollaboriert unter anderem mit Freundeskreis.

Der Track, der Stress - diesmal auch in der Deutschschweiz - besondere Aufmerksamkeit einträgt, entsteht in Zusammenarbeit mit Xavier Naidoo. Der Kontakt kam über gemeinsame Verbindungen zu Kopfnicker Records zustande, als Double Pact mit Spax unterwegs sind. "Tu Me Manques" erscheint im Januar 2003, stürmt die Schweizer Hitparaden und liefert einen amtlichen Vorgeschmack auf Stress' ersten Alleingang.

Nach drei unabhängig veröffentlichten Alben erscheint sein komplett von Yvan produziertes Solo-Debüt "Billy Bear" bei Universal und fällt ungünstigerweise mit seinen Abschlussprüfungen zusammen. Dem Erfolg beider Unterfangen tut dies keinen Abbruch. Stress beendet seine Ausbildung. "Billy Bear" steigt, trotz harter Beats und noch härterer Texte, auf Anhieb in die eidgenössischen Top 10 ein.

Neben Naidoo begrüßt er Soul-Sängerin Emel und Bligg - mit dem er bereits vorher durch die Kollabo "Relextra" von sich reden machte - Person aus Lausanne, einige Kollegen aus Frankreich sowie die Schweizer Rockband Favez als Gäste im Studio.

Toleranz und Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem werden bei Stress stets großgeschrieben. Für "Olmapeople" rappt er beispielsweise auf Schwitzerdütsch, während sich Bligg im Französischen versucht: "Das war sehr hart für mich", erinnert sich der gebürtige Este später. "Ich sprech' ein bisschen Deutsch, aber Schweizerdeutsch ... keine Chance!"

Um für eine möglichst große Hörerschaft verständlich zu bleiben, lässt Stress seine Lyrics deutsch wie französisch im Booklet abdrucken: "Ich finde wichtig, dass die Leute verstehen, worüber ich rappe." An den Mann bringen muss man das Material anschließend natürlich auch: Stress begibt sich mit Backup-MC Nega, DJ Yvan und etlichen Live-Musikern auf Tour.

Die Arbeiten am nächsten Album ziehen sich über eineinhalb Jahre hin. Yvan versorgt Stress mit neuen Beats, dieser kommt jedoch nur recht zögerlich in die Gänge, liegt doch eine turbulente Zeit inklusive Hochzeit und vier Monate darauf erfolgter Scheidung hinter ihm. "Anfangs hatte ich noch meinen Job und habe nur nebenher ein wenig geschrieben", blickt Stress zurück. Doch dann entdeckt er einmal mehr die therapeutische Wirkung von Rap, hängt seinen bürgerlichen Beruf an den Nagel und widmet sich ganz der Musik.

"25.07.03" erscheint im Februar 2005: Der Titel (von der Cover-Gestaltung ganz zu schweigen) outet den Rapper als recht sarkastischen Hund, bezeichnet es doch neben seinem Geburtstag das Datum der Trennung von seiner Ex-Frau und markiert gleichzeitig den Beginn der Aufnahmen. Stress benutzt seine ungewöhnlich offenherzigen Tracks wie andere ein Tagebuch: "Ich habe nie zuvor derart harte Texte verfasst."

Die musikalische Seite sorgt für die nötige Balance, gibt sich versöhnlicher und lässt viele verschiedene Stilrichtungen einfließen. Features stammen diesmal unter anderem von Nega, Shurik'N von I AM, Saïd und dem Lausanner Sänger Mark Angelil. "25.07.03" steigt ebenfalls unter den ersten Zehn in die Hitlisten ein, erreicht Gold-Status und wird anlässlich dessen noch im gleichen Jahr in einer Gold-Edition neu aufgelegt.

Die bekannteste Nummer des Albums vereint Stress erstmals mit den Kollegen Gimma und Greis am Mikrofon und bereitet Universal einiges Kopfzerbrechen. Stress pfeift auf die Bitten des Labels, er möge den Tracktitel ändern: "Fuck Blocher" wird, nicht nur im Rahmen der sich anschließenden Tour, fortan gerne und oft intoniert.

"Ich finde, man kann nicht immer politisch korrekt sein. Manche Dinge muss man so sagen, wie man sie meint. Blocher ist ein Arschloch, und was die SVP zum Teil macht, ist unfair. Die Art wie sie die Kampagne gegen die Einbürgerung von Ausländern promoten ... Es ist nicht fair, wenn man die Menschen mit der Angst beeinflusst", so der Musiker gegenüber aightgenossen.ch.

Für Double Pact bedeutet Stress' Solo-Karriere das Ende. 2006 trennt sich die Crew, allerdings nicht ohne ihren Fans zum Abschied mit einer Best-Of-Kollektion ordentlich "Au Revoir" zu sagen. Von Langeweile keine Rede: Stress begibt sich im April des Jahres im Rahmen von "Der Match", einer Doku-Soap des Schweizer Fernsehens, ins Fußball-Trainingslager, kann aber nicht verhindern, dass das Promi-Team der Auswahl ehemaliger Schweizer Nationalspieler letztlich mit 0:1 unterliegt.

Im gleichen Jahr tritt Regisseur Mike Eschmann an Stress und seinen Produzenten Yvan heran und bittet für den Soundtrack zu seinem Filmprojekt "Breakout" um Mithilfe. "So etwas haben wir bis dahin noch nie gemacht." Der Rapper freut sich über eine neue Herausforderung und steuert die musikalische Untermalung sowie den Titelsong "Avenues" bei. Am Ende fällt in dem in der Zürcher B-Boy-Szene angesiedelten Streifen sogar eine Nebenrolle für ihn ab.

Auch wenn er sich mit dem Resultat, das Anfang 2007 in die Kinos kommt, zufrieden zeigt, stoßen Stress doch einige Dinge sauer auf. Neben der Tatsache, dass Breakdancer unvorteilhaft mit Gewalt und Kriminalität in Verbindung gebracht werden, stört ihn das Aufhebens, das um seine Beteiligung gemacht wird: "Ich fühle mich einfach nicht so gut dabei, dass ich dabei so prominent behandelt werde, auf den Werbeplakaten auftauche oder so intensiv mit dem Film in Verbindung gebracht werde, da ich wirklich nur eine kleine Rolle habe."

Der Soundtrack zu "Breakout" wird nicht extra veröffentlicht, statt dessen steht im Februar 2007 bereits der nächste Longplayer auf dem Plan: "Renaissance" beschäftigt sich mit Stress' persönlichen Erfahrungen, mit Gefühlen, Sehnsüchten, Beziehungen, mit Alkohol, Drogen - und einmal mehr mit Politik.

Die Single "Mais Où" greift die Kritik aus "Fuck Blocher" wieder auf, der zugehörige Video-Clip erregt erneut die Gemüter in den Reihen der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei, die (im Gegensatz zu etlichen anderen) nicht amüsant finden, beobachten zu müssen, wie sich Stress ihren Vorsitzenden, respektive einen Darsteller mit Blocher-Maske, von hinten vornimmt.

Die SVP jault auf und droht Stress mit einer Klage wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts. "Wenn die vereinfachen dürfen, darf ich das auch", kommentiert dieser trocken gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung und bezieht sich damit auf eine SVP-Kampagne gegen Jugendgewalt, die einen Knaben in vollem Hip Hop-Ornat zum Sündenbock degradiert.

Mit seinem dritten Solo-Album feiert Stress seine persönliche "Renaissance": "Ich habe meinen Job gekündigt, lebe von der Musik, habe eine neue Beziehung." Wieder einmal geht Double Pact-Kollege Nega mit an den Start, Gimma und Baze sind mit von der Partie, ebenso Sängerin Karolyn, mit der der Musiker bereits für den "Breakout"-Soundtrack zusammenarbeitete.

Die Texte gestalten sich gewohnt authentisch: Bei "20.07.03" handelt es sich keinesfalls um die einzige hochgradig persönliche Nummer. Musikalisch hinterlassen Stress' private Vorlieben (unter anderem für Dirty South und die Red Hot Chili Peppers) ihre Spuren. Ab März 2007 geht es, wieder mit Live-Band, auf Tour. "Mit den Gedanken bin ich aber schon wieder ein Album weiter." Bevor dieses in Angriff genommen wird, erscheint jedoch "Rennaissance" im Oktober 2007 auch außerhalb der Schweiz. International wird der Longplayer unter dem Titel "Stress" vertrieben.

Im Frühjahr 2009 liegt "Des Rois, Des Pions Et Des Fous" auf dem Tisch, größtenteils produziert vom alten Double Pact-Mitstreiter Yvan. Das erklärte Ziel: die Eroberung des französischen Marktes.

Bei allen Wandlungen, die Stress über die Jahre durchgemacht hat, bleibt seine Grundeinstellung doch stets die gleiche: "Ich finde bedeutungslose Musik zum Kotzen. Entertainment ist gut, aber wenn es nur noch darum geht, frage ich mich: Haben solche Songs wirklich eine Existenzberechtigung?"

Alben

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