laut.de-Kritik

Einst bereicherte Samy die Jugendsprache, nun verspottet er sie.

Review von

Samy Deluxe hat sich nach den rückwärtsgewandten Ausfällen "Männlich" und "Gute Alte Zeit" wieder gefangen. Seine "Berühmten Letzte Worte" rückten die Kurve wieder nach oben. Auf diesem Niveau stabilisiert sich der Hamburger. Seine EP bzw. sein selbstbetiteltes "Halbalbum" "Deluxe Edition" weist sowohl die Stärken als auch die Schwächen auf, die den Rapper seit einiger Zeit begleiten.

Allerdings gibt Samy Deluxe 16 Jahre nach dem ironischen "Sell Out Samy" den Kritikern neue Nahrung, wenn er die sieben Songs seiner "Deluxe Edition" ganz unironisch auch als solche verkauft. Angesichts einer derart schlauen Gewinnmaximierung verwundert seine Verwunderung darüber, wie sich sein Kontostand entwickelt: "Ich habe letztes Jahr mehr verdient, als jemals zuvor. Wie kann das sein?"

Im Opener "Blessed Und Gifted" agiert der Hamburger spürbar hungrig und variiert seinen Flow nach Belieben. Wer einmal den Big Baus im Rahmen eines Festivals im direkten Vergleich mit einem Haufen anderer Genre-Vertreter erlebt hat, kann Deluxe' Standpunkt nur beipflichten: "Ich bin ein Live-MC, der seinesgleichen hier sucht." Die Selbstbeweihräucherung findet passenderweise über einer Orgel-Produktion statt.

Überhaupt gehören die Instrumentals zu den Stärken von "Deluxe Edition". Die Beats zu "Eskimo Im Tanktop", "Rooftop" und "Fantasie Pt. 2" gehen zwar auf das Konto von Nottz, der sich mit Beiträgen für Busta Rhymes, The Game, Snoop Dogg, Talib Kweli oder Royce da 5' 9'' praktisch nur die Crème de la Crème in seine Produzenten-Vita notiert, aber die musikalischen Höhepunkte liefert Samy dann doch selber. In Zusammenarbeit mit DJ Vito baut er sich blubbernde Bässe ("Allein In Der Überzahl") oder eine beschwingte Piano-Produktion ("Irgendjemand Muss Es Tun").

"Nein, ich bin nicht mehr Schulhofthema", schätzt Samy Deluxe bereits im einleitenden Song die Lage korrekt ein. Wobei er sich andererseits doch auf den Lehrplänen wähnt: "Während ihr eine imaginäre Mutter fickt, analysieren Teenies meine Texte im Deutschunterricht." Wenn es also darum geht die Hausaufgaben über diesen Opa-Rapper abzuschreiben, trendet der Name Samy Deluxe auf bundesdeutschen Schulhöfen noch immer.

Jungen, rapaffinen Menschen begegnet er durchgehend höhnisch: "Als die anfing'n, war ich schon da. Wenn die weg sind, hab' ich 'n Plan für das Jahr." Mit einer unangenehm verächtlichen Altherren-Haltung hält sich der Hamburger noch immer für das Nonplusultra, weit weg von sämtlichen Eintagsfliegen: "Qualitativ sind im Gesamtbild nur wenige ernst zu nehm'n / Ich schau' mir das Geschehen an aus der zweiten Reihe / Seh' Leute heute Hype haben, morgen keine Scheine." Einst bereicherte der Hamburger selber die Jugendsprache, nun blickt er nur noch spöttisch auf den Slang der nachrückenden Generation herab: "Dein Rap ist lit, ich weiß, mein Rap ist Literatur."

Dabei wird Deluxe diesem Anspruch in keiner Weise gerecht. Vielmehr konzentriert er sich auf die Verwaltung der Vergangenheit: "Ich baute eine Dynastie mit Dynamit, mit grüner Brille auf einmal quer durch die Industrie." Darüber hinaus fehlt es dem Wickeda MC an handfesten Inhalten, was auch seine Kritik ins Leere laufen lässt: "Die Rapper haben nichts zu sagen - Pantomime-Künstler."

Möglicherweise verhält es sich im Hip-Hop wie im Sport. Während der in Führung liegende Leichtathlet seine volle Konzentration auf den Sieg richtet, neigen die Zurückgefallenen eher dazu, den Blick in Richtung des angehenden Champions schweifen zu lassen. Doch statt über die Konkurrenz zu lamentieren, sollte sich der nach gängigen Kriterien nach wie vor hervorragende Rapper Samy Sorge seiner Stärken besinnen. Vielleicht hat er sich seinen Rückstand auch schon insgeheim eingestanden. Zumindest deuten die spärlich gesäten selbstironischen Zeilen darauf hin: "Tut mir Leid, dass ich mich selber so feier', aber irgendjemand muss es tun."

Trackliste

  1. 1. Blessed Und Gifted
  2. 2. Irgendjemand Muss Es Tun
  3. 3. Eskimo Im Tanktop
  4. 4. Rooftop
  5. 5. Fantasie Pt. 2
  6. 6. Allein In Der Überzahl
  7. 7. S Dot Sorge

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6 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 14 Tagen

    5/5 weil immer noch technisch bester Rapper hier

  • Vor 14 Tagen

    In der heutigen Zeit Samy hören ist irgendwie deplatziert. Da ist der Zug schon lange durch die Kunstwerkstatt gerauscht und abgefahren

    Das alles hört sich so ungeheuer gezwungen, gepresst, scheinheilig an was er liefert. Immer dieses "ja er kanns noch, aber er kanns doch", dieses Warten auf den Zünder, diesen einen Moment der alle verträumten Nostalgiker ins Jahr 1998 vom puren Gift naschen lässt. Der Messias, der Prophet, der kann wenn er nur will

    Das alles und viel mehr ist es eben nicht mehr. Verquarzte Relikte aus 90er Jahre Bonghütten, heutzutage sitzt er schmierig und dicklich in irgendwelchen Juryshows, packt überteuerte Pseudoschmiereien in dicke Karren und lässt sich von Naidoo und Co bauchpinseln, immer unter dem Deckmanel der Legende. Dass er noch Musik rausbringt und von so dämlichen Experimenten wie dem Herr Sorge Debakel absieht, gute Producer holt und Energie freisetzt ist vollkommen ok, nur fühlt sichs nicht richtig an

    Ähnlich denke ich aber über Savas und Sido auch, vielleicht machen die mal einen Dreier in Albumform und das Cover wird dann statt nem Hai ein grinsendes Gnu

    • Vor 14 Tagen

      Tja, dann freu dich mal auf die Comeback-Trapper in 10 Jahren, die haben nicht mal Skills über ;)

    • Vor 14 Tagen

      Ich glaube, der gute Samy weiß selber - ebenso wie Sido, Savas und Co. - dass ihn keiner mehr braucht. Aber was soll er machen? Irgendwie muss ja die Kohle reinkommen und durch andere Talente ist er mir bis jetzt nicht aufgefallen.

      Wobei das Schlimme ja wirklich ist, dass er ja noch immer genug positives Feedback bekommt. Meist ja von so anderen "Legenden".

    • Vor 14 Tagen

      Das will ihm sicherlich auch niemand absprechen, nur machts halt für mich als Konsument dann keinen Spaß mehr so einem neunmalklugem Herbergskoch zuzuhören. Das ist alles so anstrengend seinem senilen Geschwurbel über Politik, den müden Beziehungstipps und dem unvermeidlichen Migrationsthema zu folgen..Er ist so ein richtiger Rap-Opa, ein Schaukelstuhlpoet der von alten Zeiten träumt. Immenses Talent ja, doch das pure Zuhören wird von Jahr zu Jahr schwieriger

  • Vor 14 Tagen

    Alleine schon die "rückwärtsgewandten Ausfälle" Männlich und Gute Alte Zeit. Bei Männlich könnte ich das ja Stellenweise noch verstehen, aber sorry, Gute Alte Zeit ist eines der besten Samy Tapes und wer Musik macht, rapt und Beats baut, würde auch nichts anderes behaupten. Ich frag mich bei euren Reviews eh, was euch wohl der eine oder andere Künstler getan haben muss, da das nicht das erste Mal und nicht der erste Künstler ist, bei dem das auffällig wird. Völlig Objektiv kann man halt auch keine Review schreiben aber ständig von negativ subjektiver Meinung durchwachsene Äußerungen kann auch dem letzten Angestellten Verfasser nicht gerecht werden, der ja schließlich, im Gegensatz zu mir gerade, Geld dafür bekommt. Abgesehen davon, dass jede Kritik dem eigentlichen Wert der künstlerischen Ausernandersetzung, die darin kritisiert wird ,eh nie nach kommt, könntet Ihr bei Laut.de bzw. ja vielleicht zukünftig(vor-)laut.de vielleicht wenigstens versuchen Eure eigene Arbeit als künstlerisch zu betrachten, damit sie zumindestens nicht völlig belanglos neben dem eigentlich kritisierten Produkt steht. Und wenn nicht deswegen, dann wenigstens um der eigenen Tätigkeit einen Sinn und ihren künstlerischen Geist zuzugestehen,der ihr eigentlich Inne wohnt. Aber ist schon okay, Ich weiss Ihr macht einfach nur Eure Arbeit.
    Peace Out!

  • Vor 14 Tagen

    War Samy eigentlich schon nach diesem "Weck mich endlich auf aus diesem Alptraum"-Lied schlecht oder fand das noch in seiner "guten" Zeit statt?

    • Vor 14 Tagen

      Erstens heisst es Albtraum und zweitens war es einer intelligentesten Texte überhaupt....Versteht nur keiner ...

    • Vor 14 Tagen

      Es gibt beide Schreibweisen und aus dem Kontext heraus würde ich sagen das Olivander schon die richtige gewählt hat. Ausserdem hast du einen Artikel vergessen.
      An "Weck mich auf" ist gar nichts schwer zu verstehen (song war natürlich geil).

  • Vor 13 Tagen

    Samy hat sich textlich in so eine unangenehme Zeigefinger-hoch-Haltung manövriert, dass man sich das ganze immer nur in kleinen Dosen geben kann, um nicht das totale Kotzen zu bekommen.

  • Vor 13 Tagen

    Keine Ahnung, aber für mich wirkt es einfach nur furchtbar Langweilig. Die Beats dümpeln nur so vor sich hin, nichts was wirklich Energie liefert, neeeeeee das taugt mir 0