laut.de-Kritik

Gallagher sei Dank!

Review von

Obacht! Diese Kritik kann Spuren von Nostalgie, Wohlwollen und Glückseligkeit enthalten.

Am 25. Oktober 2014 vollbrachte Liam Gallagher seine beste Tat seit der Oasis-Trennung: Er löste eher beiläufig seine Band Beady Eye auf - per Tweet. Damit verschaffte er seinem Gitarristen Andy Bell mehr Freizeit. Freizeit, die dieser nutze, um die Band wieder zusammenzubringen, mit der er einst Shoegazing-Geschichte schrieb: Ride.

Mit "Nowhere" und "Going Blank Again" veröffentlichten sie Anfang der 1990er zwei Meilensteine, die den Fans noch heute Tränen in die Augen treiben. Songs wie "Vapour Trail" und "Leave Them All Behind" gehören zum Besten, das das Genre zu bieten hat. Danach entsandte ein zerstrittener Haufen zwei weitere Alben in die Welt, die mit den beiden Großtaten außer dem Namen der Band nichts mehr gemeinsam hatten. Der Britpop überrannte sie. 1996 fand die einst so vielversprechend gestartete Geschichte ihr unrühmliches Ende.

Fast zwei Jahrzehnte später standen Ride am 10. April 2015 wieder auf der Bühne. Plötzlich waren sie wieder da, Mark Gardeners und Bells entrückte Gesänge, ihre vor Effekten aufheulenden Gitarren, Steve Queralts melodische Basslininen und Loz Colbert herausragendes Schlagzeugspiel. Zwei Jahre später veröffentlichen Ride nun mit "Weather Diaries" den Nachfolger, den "Going Blank Again" 1994 eigentlich verdient hatte. Wie einst übernimmt der alte Weggefährte Alan Moulder den Mix, Erol Alkan hebt Ride behutsam in die Gegenwart.

Bereits der klassische Opener "Lannoy Point" tritt geschickt in die Fußstapfen von "Seagull" und "Leave Them All Behind", ohne als fade Kopie zu enden. Ein sofortiger Klassiker, der erst langsam in Fahrt kommt. Doch mit jedem erneuten Einsatz der emporsteigenden Synthesizer und der The Cure-Gitarren fällt Rides Rückkehr fulminanter aus. Ein Song, so frisch und klar wie ein Gebirgsbach. Kaum fassbar, dass unter dieser Oberfläche der Verdruss auf die Menschheit lauert: "We'll be wiser when we fall / Like the dinosaurs before / When we've swept ourselves away / A better sense can start again." Ein Stück Musik, für das die wiedervereinigten Stone Roses töten würden, deren Albenpläne nach ein paar miesen Vorabsongs bis auf weiteres im Nirwana verschwanden.

Doch Ride starten nicht nur perfekt in ihr Comeback, sie finden auch den bestmöglichen Ausstieg. Eine bedächtige Suite, bestehend aus "Integration Tape", "Impermanence" und "White Sands", die Shoegazing nur noch am Rande berührt. Diese umklammert "Weather Diaries" zusammen mit "Lannoy Point" bravourös. Das Ambient-Instrumental "Integration Tape" definiert nach dem Aufruhr des Mittelteils die Stimmung, leitet in die Ruhe nach dem Sturm über. Das in seiner eigenen Schönheit schwelgende "Impermanence" übernimmt diese und setzte für sich genommen schon eine erhabenen Schlusspunkt. "White Sands" legt jedoch mit seinem Dreivierteltakt, sakralem Chorgesang und Colberts unberechenbaren Drumbreaks noch eine Schippe drauf. Ein in seiner ruhigen Dringlichkeit zunehmendes Psychedelic Rock-Drama. Der Abspann nach dem finalen Knall. Diese drei Lieder bieten, am Stück gehört, ein Finale zum Da­hin­schmel­zen.

Mit diesem umwerfenden Start-Ziel-Sieg kann auf "Weather Diaries" kaum noch etwas schief gehen. Die Ausfälle halten sich auch tatsächlich in Grenzen. Die dezente Ähnlichkeit zwischen Donovans "Atlantis" und "Home Is A Feeling", die abgehakten Sprach-Samples in "All I Want" und die Strophen und deren pluckernde Beats in "Rocket Silver Symphony" hätte es in dieser Form nicht dringend gebraucht.

Klingt beim Einstieg von "Charm Assault" noch deutlich Bells Oasis-Vergangenheit durch, orientiert sich der Track schnell zu frühen The Cult-Klassikern ("Love"). Zwischen diesen beiden Polen pendelnd, kotzen sich Ride über Boris Johnson aus: "Acid sweating hunchback apparition / Privilege abused at every turn / Serious as a heart attack he's standing / He sets fire to your world and lets it burn." So wütend und politisch erlebte man die Band, die einst für ihre vagen Texte kritisiert wurde, vorher nie. Wo sie sich gerade in Rage gesungen haben, bekommt Theresa Mays Politik im folgenden "All I Want" auch noch einen mit: "While you were sleeping on it / Your future was torn from under you / It's not a pretty picture / This is 1932."

Kurzzeitig boxt sich mit "Lateral Alice" gradliniger Adrenalin-Rock in der Vordergrund, der nur noch in seiner Gitarrenbridge entfernt an Rides Ursprünge erinnert. Ein Riff, das kaum gradliniger ausfallen könnte, und Colberts wütend hämmerndes Schlagzeug führen Gardener durch einen seltsamen Trip, in dem ein surfender Robert Anton Wilson und David Forster Wallace eine undefinierte Rolle spielen. "Cali" greift die Energie auf, formt aus dieser aber kaleidoskopischen Power-Pop.

Im Gegensatz zur Vergangenheit, in der ab "Carnival Of Light" alles schief ging, müssen sich Ride nicht mehr gegen aufkommende Trends positionieren oder diesen folgen. Sie finden mit "Weather Diaries" mit spielender Leichtigkeit einfach wieder auf den Weg zurück, den sie einst nach "Going Blank Again" aus den Augen verloren. Sie schließen die Wunde, die sie mit ihrem zu frühen und weit unter ihren Möglichkeiten bleibenden Aus zufügten. Mit einer Träne im Auge kehren wir nach Hause zurück. "Home is a feeling / Warm like the sun."

Trackliste

  1. 1. Lannoy Point
  2. 2. Charm Assault
  3. 3. All I Want
  4. 4. Home Is A Feeling
  5. 5. Weather Diaries
  6. 6. Rocket Silver Symphony
  7. 7. Lateral Alice
  8. 8. Cali
  9. 9. Integration Tape
  10. 10. Impermanence
  11. 11. White Sands

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1 Kommentar

  • Vor 10 Tagen

    Hab das Album erst mit einen Durchlauf gewürdigt und würde bisher 3/5 geben. Den Titeltrack und White Sands find ich aber ziemlich großartig. "Home Is A Feeling" klingt mir hingegen zu sehr nach Donovans Atlantis und diese Assoziation hat es mir leider komplett ruiniert.