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Über lange Jahre war Phillip Boa mit seinem Voodooclub neben den Berliner Krachspezialisten Einstürzende Neubauten der einzig international anerkannte Act, den die deutsche Indieszene zu bieten hatte. Bereits die erste, auf dem eigenen Constrictor-Label veröffentlichte, Scheibe "Philister" ließ die Schreiberlinge der Musikpresse jenseits des Kanals hellhöriger werden als gemeinhin üblich.
Was sie da zu hören bekamen war äußerst gefällig. Vereinnahmende Melodien verband Boa mit rotzig-treibenden Sounds und der unverwechselbaren Stimme von Pia Lund. Ein Markenzeichen war geschaffen, das über Jahre nichts von seiner Anziehungskraft einbüßte und Phillip Boa neben guten Kritiken auch jede Menge verkaufter Tonträger bescherte.
Seine musikalische Prägung erhielt der am 18. Januar 1963 geborene Ausnahmemusiker durch die britische Punkbewegung Ende der 70er Jahre. Nach verschiedenen erfolglosen Versuchen eine Karriere als Musiker zu starten, tat er sich Anfang 1985 mit Pia Lund zusammen. Kaum ein Jahr später wird mit der Single "Most Boring World" die Geburt von Phillip Boa & The Voodooclub gefeiert. Von da an ging es steil bergauf: Die zweite Single "Skull" wird von der Presse im In- und Ausland hochgelobt; eine Entwicklung, die zuerst mit "Philister" und später dann mit "Aristocracie" fortgeschrieben wird.
Als Boa dann 1987 auf ein Angebot der Industrie eingeht, schlagen die Wellen der Empörung hoch. "Verräter" und Phillip Boa werden fortan synonym verwendet. Doch wie die LP "Copperfield" beweist, sind mit dem Wechsel keinerlei musikalische Kompromisse verbunden. Pop und Avantgarde bilden auch weiterhin die Pole zwischen denen die Musik von Phillip Boa & The Voodooclub oszilliert.
Anfang der 90er Jahre sucht sich Boa eine zweite Heimat und findet sie auf Malta, wohin er mit seiner Ehefrau Pia und den Kindern zieht. Nach beinahe endlosen Diskussionen um das "sympathische Arschloch" (Musik Express), das früher gerne mal sein Publikum beschimpfte oder Interviewern die Kassetten zerstörte, schien sich die Gelassenheit des Alters schließlich durchzusetzen. Um so lauter war der Paukenschlag, als Boa Mitte der 90er sein Projekt Voodooclub ruhen ließ und mit Voodoocult deutlich härtere Töne anschlug, ohne allerdings ein eingenständiges Profil zu erlangen.
Privat leben sich Pia und Phillip 1997 endgültig auseinander; so scheint der Voodooclub fürs erste zu Grabe getragen. "Lord Garbage" veröffentlicht Boa ohne seine Begleitband. Das Ergebnis ist melodiös und poppig und stößt die Freunde des gepflegten Krachs mal wieder mächtig vor den Kopf. Ganz zufrieden war ist auch Boa wohl nicht, denn auf "My Private War" ist der Voodooclub wieder mit dabei. Auch in Sachen Pia Lund, die mittlerweile auf mehrere Soloalben zurück blickt, scheint das letzte Wort noch nicht gesprochen: ab "C90" (2003) übernimmt Pia bei den meisten Stücken wieder den Gesang.
Dennoch bezeichnet Boa selbst die folgenden Jahre selbst nicht ganz zu Unrecht als krisenhaft. Ansprechende Alben hat er wie eh und je zu bieten. Doch die Zeiten sind nicht seine. Mit "Diamomds Fall" setzt er anno 2009 ein erstes kreatives Ausrufungszeichen seit langem. Doch erst "loyalty" befreit den 'deutschen Alternative-God' komplett. Samt Dresden Doll Brian Viglione und einer erstaunlich versiert singenden Pia haut das Powerpaar locker die beste Platte seit 20 Jahren auf den Tisch.
Die mediale Resonanz ist entsprechend hoch. doch kein Rauschen im Blätterwald kann den im Grunde sanften Musikrebell von deutlichen worten abhalten. Boa attackiert lustvoll und bundesweit die eingefahrene Beschränktheit der heimischen Unterhaltungsindustrie und ist live besser denn je.
Boa über sein neues Album, Adorno, die Ärzte und überwundene Zweifel.
Phillip Boa schüttelt mit "Loyalty" eines der besten Alben seiner ohnehin beeindruckend qualitätsdichten Karriere aus dem Ärmel. Deutschlands abgeklärter Alternative Pionier ist sich seines seltenen Status' als international relevanter Germane durchaus bewusst. Ein Leisetreter ist der Sympath deshalb längst nicht.
Was heißt Loyalität heute? Ist Deutschland nur eine große sich künstlerisch prostituierende Musikprovinz? Warum kennen relevante Medien David Bowie nicht? Und wie zum Teufel nimmt man eine relevante Platte auf? Der Mann von Malta fliegt den "Love Bomber" und zeigt sich dabei extrem reflektiert.
Moin Phillip, ich freue mich so, mit dir zu sprechen. Ich bin seit "Aristocracy" dabei. Wir können ans Eingemachte gehen.
Du machst das doch für laut.de oder?
Ja, ich mach das für laut.de.
Ok, schon lange dabei?
Gute fünf Jahre. Warum?
Oh, das war nicht negativ gemeint. Ich steh ja auf laut.de und finde das super. 2010 habe ich Fußball mitgetippt und war bei euch der beste Tipper unter den Künstlern. Hat total Spaß gemacht. Hat mir gefallen.
Dank dir. Phillip, deine neue Platte heißt "Loyalty". Ich habe den Eindruck, dass der Titelsong textlich ein wenig angebittert rüberkommt. Hast du den Eindruck, dass Loyalität in anderen Epochen verbreiteter war als heutzutage?
Angebittert oder bitter? Solche Gefühle und Adjektive existieren in meiner Welt nicht. Meine Songs sind im negativsten Fall bittersüß. Eigentlich ist dieser Song sehr persönlich gemeint. Es geht um einen Konflikt, den ich persönlich seit Jahren führe. Es ist doch die Frage, ob man diese spezielle Treue ewig behalten kann, die man in der Familie hat oder zu einer Person, die man sehr liebt, empfindet. Welche Opfer muss man bringen? Was ist Verrat. Was nicht? Wie gesagt; ein sehr persönlicher Song. Inspiriert von einem typischen alten Graham Greene-Roman, wo es um Leben, Tod und Verrat geht. Natürlich kannst du das Lied gern auf die Gegenwart projizieren, wenn du es so auffasst, wie angedeutet. Wenn du es nicht so persönlich nimmst wie ich, nimm es im Zusammenhang mit der Gesellschaft heute. Es ist jedem überlassen. Ich versuche nicht, meine Songs eins zu eins zu erklären. Dadurch nähme ich dem Lied doch die Mystik und seine Magie. Man kann interpretieren, wie man will. Hauptsache, man nimmt das Lied für sich an, weil ein Gefühl rüberkommt und es dadurch etwas bedeutet.
Dennoch ist es seit fast 30 Jahren doch so, dass du allgemein mitunter auch zu etwas kryptischen Zeilen neigst. Im Opener "Black Symphony" sagst du: "'Who killed Adorno and his lonely heart?' says the man on tv to the man who never came." Ist das ein surreales Bild oder deutliche philosophische Sozialkritik?
Ok, du befasst dich damit. Ich werde dieses Bild, das du zitiert hast, nicht eins zu eins erklären.
Brauchst du auch nicht.
Ich werde es dann mal so erklären: Die Figur Adorno wird rein fiktiv wiedergeboren und irrt durch die Jetztzeit. Er irrt durch die Macht der Medien und die globale persönliche Isolation der Menschen. Das verwirrt ihn sehr, so dass er sich als Hummer im Nebel - "Lobster In The Fog" - desorientiert fühlt. Er versteht diese Zeit nicht. Zum Schluss dreht er durch. Die Musik begleitet das. Sie gerät auch mehr und mehr durcheinander und konfuser. So könnte man das sehen, wenn man es so sehen will.
Dann siehst du dich auch als Lyriker? Oder ist die Musik doch so dominant, dass die Texte lediglich Beiwerk sind?
Die Texte sind auf jeden Fall genau so wichtig wie die Musik. Ein Song ist gut, wenn beides übereinstimmt. Der Soundtrack muss gut sein. Das heißt, er sollte immer ein gewisses Gefühl vermitteln. Dieses Gefühl verlangt nach einem gewissen Text. So funktioniert das meistens. "Loyalty" ist direkt gekommen. Ich hatte den Song. Der war zunächst verworfen worden. Und plötzlich hatte ich dieses Loyalität im Kopf. Eine Sache, bei der ich dankbar bin, dass sie in meinem Leben vorhanden ist. Allgemein jedoch auch eine Sache, die, ohne dass die Menschen es merken, verloren geht, nicht wahr? (Fügt schelmisch hinzu:) Leichte Anspielung auf Orwells "1984".
Nun erzählt mir jeder Musiker im Gespräch, das jeweils aktuelle Album sei der totale Burner. "Loyalty" dagegen scheint wirklich mal alle Stärken zu bündeln und zu pointieren. Alles hat einen gewissen Drive, den ich ganz persönlich mir nach "Boaphenia" gewünscht hätte. Was habt ihr in der Produktion so anders gemacht?
Mal auf ganz andere Leute gehört. Das fing an mit Brian (Brian Viglione von den Dresden Dolls; Anm. d. Red.), den ich zunächst vollkommen anders einschätzte. Ich dachte, Brian wäre ein genialer Drummer und punkt. Dabei ist er ein musikalischer Visionär mit unglaublichem musikalischen Wissen. Ich habe ihn respektiert und mir seine Ideen angehört. Im Gegenzug hat er mir Ängste genommen. Zum Beispiel Coolnessängste. Ich kann dir ein Beispiel geben. Das Lied "My Name Is Lemon" enthält ein analoges Synthieriff. Alle elektronische Musik von heutzutage entsteht immer noch auf analogen Synthies. Wir haben dieses Riff geschrieben, und ich hätte das niemals so auf Platte kommen lassen. Ich dachte, es sei zu sehr 80ies, zu sehr Gary Numan. Aber Brian hat gesagt: "Fuck it! If it's good, it's good!" Verstehst du, was ich meine?
Absolut. Hat der nicht schon mit Treznor und seinen Nine Inch Nails was gemacht?
Zum Beispiel, ja genau. Der macht viel für andere Leute. Auch viel an Schauspielhäusern. Er ist einfach ein ziemlich Getriebener. Er macht einfach unglaublich viel. Kürzlich hat er ein Violent Femmes-Album live eingespielt. Er kann einfach alles. Damit fing es an. Und dann habe ich auch mal auf meinen Bassisten gehört, der u.a. Elektropunk macht. Auch auf meinen Gitarristen. Ich habe deren Ideen mehr akzeptiert.
Also ein richtiges Team-Album? Du warst nicht länger der freundliche Diktator?
Natürlich habe ich immer noch die Entscheidungsgewalt. Aber man könnte das so sagen. Die gewissen intellektuellen Vorbehalte, die ich meinen eigenen Ideen gegenüber habe, sind von den anderen gekillt worden. Die haben einfach gesagt: "Du denkst zu viel!"
Bei Pia habe ich auch den Eindruck, dass der Girliefaktor in ihrer Stimme zu Gunsten von Lady-artiger Vocals rückgeschraubt wurde; zB "Sunny When It Rains". Trugschluss meinerseits oder bewusste Methode?
Das war der Mixing Engineer, der darauf geachtet hat. Das war mir nicht so bewusst. Allerdings gab es schon Leute, denen auffiel, dass Pia nicht sehr laut ist. Wenn laut, dann eher in den Strophen manchmal ... vielleicht ist es das, was ... (lacht) ... Ich bin zu nah dran und kann das noch nicht beurteilen.
Klingt jedenfalls großartig, wenn in bestimmten lauten Passagen mal die Instrumente anstelle der Vocals übernehmen. Das Coverartwork mit dem Hund finde ich ebenso gelungen. Habt ihr da mehrere Bilder und Tiere eingesetzt? Ich dachte, ich hätte verschiedene Varianten gesehen?
Ich war bei der Fotosession leider nicht dabei, weil ich krank geworden bin. Das ist im Dezember von unserem Fotografen gemacht worden. Ich weiß nicht mehr, ob es zwei oder drei Hunde waren.
Eure Hunde?
(Fröhlich und warmherzig) Nee, ich kenne aber einen davon. Den wollte ich eigentlich auch haben. Deshalb haben wir jetzt drei Formate. Wenn du das digitale dazu nimmst, sogar vier. Die Hunde sind auf die Formate verteilt. Nicht jedes Cover hat denselben Hund!
Das ist eine gute, aber schwierige Frage. Also, ich glaube nicht, dass ich das eins zu eins so gesagt habe, sondern, dass so etwas von der Plattenfirma lanciert wurde.
Neenee, Phillip. Das war schon ein Interview. Ich habe dich mit diesen Worten im Fernsehen gesehen. Das war schon richtig nassforsch. So mit Mitte 20 und Bumm! Anno "Kill Your Ideals" 1988.
(Schmunzelt über sein jüngeres Ich) Hm ... ok ... würde ich heute nicht mehr sagen. Heute fehlt mir dazu das jugendliche Alter. Wenn man jung ist, hat man einfach ne große Klappe. Das finde ich auch so geil daran, wenn man jung ist. Man muss sich einfach äußern. Heute sehe ich vieles viel lässiger. Ich mache meine Arbeit und habe nach wie vor Schwierigkeiten, diese anerkannt zu bekommen. Dafür gab und gibt es damals wie heute keine Lobby. Dann gab es die Phase ungefähr gegen 1993 bis 1996, wo wir ein wenig populärer waren. Da hatte ich aber auch gleich Angst davor. Habe ich heute ehrlich gesagt immer noch. Wir hatten ja eben auch darüber gesprochen, dass ich zu viel denke. Ich denke immer: Oh je, dies klingt so sehr wie das oder jenes. Will ich nicht. Kein Klischee! ... Würde man mir heute die Frage stellen, würde ich vielleicht auch wieder die große Klappe haben. Aber mit Stil.
Das heißt, du wärest diplomatischer, aber inhaltlich bliebe es so korrekt, wie damals, oder? Oder findest du, dass sich die Gesellschaft diesbezüglich in den letzten 20 Jahren verbessert hat?
In Deutschland ist das alles einfach noch ein Problem. Der Musikgeschmack im angloamerikanischen Bereich ist viel weltoffener. Man hat auch mehr Möglichkeiten, sich als Künstler auszudrücken. Das hat sich nicht geändert. Aber ich hatte damals und habe heute keine Lust, mich da anzupassen und ins TV zu gehen oder Dinge zu tun, die meine Popularität erhöhen würden. Das ist mir total zuwider. Ich nenne das Prostitution. Und DAS gibt es in meiner Welt nicht.
Klingt, als wenn deiner Ansicht nach bei uns der Umgang mit Pionieren und Ikonen besonders zu wünschen übrig lässt. Den Eindruck habe ich auch. Fehlfarben haben es nicht leicht, Platten zu machen. Die Einstürzenden Neubauten müssen schon die eigenen Fans anbetteln, um überhaupt mal was zu produzieren. Und bei dir klingt es auch nicht nach Begeisterung.
Moment, Moment ... ok ... du hast vielleicht Recht. Zu den Beispielen möchte ich nichts sagen. Ich habe größten Respekt vor Neubauten und Fehlfarben. Wir jedoch haben dieses Album superteuer und in absoluter Freiheit produziert. Das Geld stammt tatsächlich im Prinzip immer noch aus den 90ern. Mir ist scheißegal, ob sich das lohnt oder nicht. Ich möchte ein Album so aufwändig produzieren, wie ich es jetzt gemacht habe. Ein anderes Leben gibt es für mich nicht. Dann hör ich lieber mit der Musik auf.
Glaubst du, dass du auch jüngere Leute mit dem aktuellen Sound ansprichst?
Gute Frage ... In den letzten zwei Jahren sind Jüngere dazu gekommen. Wir ziehen live deutlich mehr Leute, und in den ersten Reihen sieht man auf jeden Fall viele Jüngere. Das ist keine Absicht. Die Zeit davor war wohl einfach nicht so gut für uns. Seit 2009 wird das alles langsam wieder besser, ohne dass sich etwas von unserer Seite geändert hätte. Meine Musik ist aber auch nicht für eine bestimmte Generation gemacht. Ich habe mit Brian gearbeitet, mit Ian Grimble (produzierte u.a. Bauhaus, Peter Murphy, Manic Street Preachers; Anm. d. Red), das heißt ein Statement wie - 'Meine Musik ist nicht für junge Leute gemacht!' - sehe ich überhaupt nicht. Die oberste Maxime ist für mich, dass die Musik zeitlos klingt. Sie muss in zehn Jahren noch gut klingen. Eben hast du ja "Boaphenia" oder "Helios" erwähnt. Die klingen überhaupt nicht nach 1992, sondern zeitlos. Und es sind fast dieselben Engineers, mit denen wir jetzt produzierten. Guck mal, in den USA macht Steve Albini (Big Black, Nirvana; Anm. d. Red) immer noch viel. Es sind immer noch dieselben Leute und die Studios haben sich überhaupt nicht verändert. Die mittelgroßen und großen Bands arbeiten immer mit demselben analogen Equipment. Musik für jung oder alt? Nein, das gibt es nicht!
"Ernest 2" ist doch die Anknüpfung an "Ernest Statue" von "Hispanola", oder?
Exakt.
Ihr habt des öfteren Fortsetzungsgeschichten; "Container Love" zu "Love On Sale".
Die meisten meiner Songs und Figuren sind fiktiv. Aber es steckt viel von mir in ihnen. Du kennst dich ja gut aus. In diesen beiden Beispielen nämlich sind es reale Personen. Paul, der später wirklich so geendet ist, dass er als wirklich uralter Opa an Zuhälter und so weiter vermietet hat. "Ernest Statue" ist eine Figur, die mir sehr nahe stand. Näher geht eigentlich nicht. Eine Person, die aber irgendwann nicht mehr da war. Und da musste ich diesen Song einfach schreiben, um die Geschichte zu schließen.
Sehr sympathisch finde ich auch "My Name Is Lemon". Lovestory unter Obstsorten oder doch Hommage an Onkel Jack Lemmon?
(Lachend) Nein gar nicht. Ok, wer die Figur eben war, sage dir wirklich nicht. Aber Lemon ist meine Schwester, die mit 18 nach Amerika ausgewandert ist.
Auf der surrealen Ebene käme der Text aber auch gut. Hat was sehr Dali-istisches.
(Lacht) Ja, sie ist auch ein bisschen so drauf.
Bleiben die verstärkten Tourneen im Programm oder ist das einmalig für dieses Album geplant?
Wir touren seit 2011 wieder mehr und arbeiten auch härter. Diese Krisenzeit, in der ich mich ein wenig deplaziert und unsicher fühlte, ist vorbei. Die Band und ich sind eine Einheit, die sich unglaublich gut versteht; plus Crew und Fans. Wobei wir wieder bei 'Loyalität' sind. Wir haben Spaß und möchten die Songs vor Publikum spielen und herumreisen.
Das alte Livetier wie früher?
Na, ganz früher nicht. Hatte schon meine Krise zu verarbeiten. Ich dachte: Bin ich eigentlich noch relevant oder nicht?
So eine Phase gab es tatsächlich? Mensch, das ist ja schade.
Deswegen kann man trotzdem gute Platten machen.
Apropos Relevanz: Die Ärzte loben dich doch in der Mini-Hommage "Wir Sind Die Besten". Schon mal gehört? Kennt ihr euch?
Das war eine total merkwürdige Konkurrenz zwischen uns. Obwohl die Ärzte uns ja in der Popularität zigfach überlegen waren, gab es merkwürdige Differenzen. Wohl auch, weil ich in der Zeitschrift SPEX als großschnauziger Junge irgendwas gegen sie gesagt habe. Das hat ihnen nicht gefallen. Mit den Jahren, so glaube ich, hat sich das alles wieder eingerenkt. Das mit dem Song fand ich nett. Man hat wohl gegenseitig Respekt. Ich finde einfach, beide Bands haben ihren ganz eigenen Status. Es ist doch lächerlich, wenn man sich da bekriegt.
Privat haben wir ja schon sehr, sehr lange nichts mehr miteinander zu tun. Und die berufliche Seite funktionierte auch nicht immer. Es gab unendlich viel Streit, vor allen Dingen im Studio. Live gibt es nie Probleme. Wir haben alle Spaß, und auch Pia und ich verstehen uns super. Aber so rein privat sind das Welten.
Was ich zuletzt jeden Frage: Wie ist es bei deiner Facebookseite. Machst du das persönlich oder jemand vom Label?
Neenee, vom Label nicht. Das machen Fans.
Echt? das ist ja mal ein anderer Ansatz. Mir sind bislang nur Künstler begegnet, die bewusst alles selbst machen wie Jan Delay oder so gar keine Lust haben und es der Plattenfirma überlassen wie Funny van Dannen.
Bei mir machen alles Fans. Sogar unsere Website ist von Fans gemacht. Das sind alles eigentlich so Typen wie du. Du warst ja Lawyer, ne? Und jetzt machste es nebenbei und sonst Musik?
Nur im Notfall. Es reicht mir damit. Glück ist wichtiger.
Ich finde das gut. Also meinen Respekt, ok? Ich sag dir mal ein Gegenbeispiel, ok? Aber meinen Respekt für diese Tat muss ich kurz noch mal zu Ende führen. Solche Typen wie du managen mein ganzes Dasein. Facebook, Merchandise bis hin zu coolen Agenturen, alles loyale Typen. Ende dieser Durchsage! Nun mein Beispiel zum Thema 'Journalismus heute'. Vor ungefähr einem halben Jahr hat mich jemand interviewt. Von einer großen Tageszeitung, ja? Da hat sie mir die Frage gestellt: Was ist musikalisch dein größtes Vorbild? Ich: David Bowie! Und sie: David wer? Konnte die nicht mal googlen. Weißt du, wie oft das auf dem Level passiert? Das ist schon heftig. Ich mache wirklich gerne Presse-Interviews. Aber so was ist ja wirklich unfassbar, nicht wahr? Unfassbar!
Der Indie-König über die 80er Jahre, Zoff mit der Presse und die neuen Medien.
Phillip Boa leistete sich als einer der ersten deutschen Popstars einen Zweitwohnsitz auf einer Insel. Dabei reist er bis heute vor allem der Arbeit wegen nach Malta. "Das Wort Urlaub ist für mich nicht anwendbar", findet der Musiker, der mit "Diamonds Fall" gerade ein wunderbares Album veröffentlicht hat.
Das Telefon klingelt zum vereinbarten Zeitpunkt: "Hallo, hier ist Phillip. Äh, können wir das Interview auf heute Abend verschieben? Das letzte ging gerade so lang und ich müsste noch etwas erledigen."
Bleibt einem denn da eine Wahl? Natürlich haben wir nichts dagegen. Vielleicht klingt er am Abend dann auch ausgeschlafener. Tut er nicht.
Phillip, ich war ehrlich gesagt überrascht, als das Interview-Angebot reinkam, da ich geglaubt habe, dass du mit der Presse nicht so regen Umgang pflegst.
Phillip Boa: (seufzt) Meine Probleme mit der Presse konzentrieren sich eher auf den Radio- und Fernsehbereich. Es muss halt seriös sein.
Verstehe. Beim letzten Album habe ich glaube ich einen Studioreport in der Süddeutschen gelesen, kann das sein?
Kann sein, weiß ich nicht mehr. Ein Studiobesuch, sagst du?
Ja. Das fand ich vor allem unter dem Gesichtspunkt spannend, dass man über dich in den letzten Jahren nur Album-Rezensionen zu lesen bekam, wenn überhaupt. Wie ist denn dein Verhältnis zur Presse oder zu Musikzeitschriften im speziellen?
Musikzeitschriften finde ich nicht so spannend. Tageszeitungen mach ich gerne. (Pause) Außerdem mach ich doch normalerweise alles ... wenn man mir diesen Pressefolder schickt, is der eigentlich ganz schön dick. Aber das interessiert mich auch nicht wirklich.
Deine neue Platte gefällt mir sehr gut. Kannst du sie selbst auch schon einordnen?
Schwer. Auf jeden Fall ist sie sehr von Jaki (Liebezeit, Can-Drummer, Anm. d. Red.) und Tobi (Produzent Tobias Siebert, Delbo) beeinflusst. Mir geht es halt ziemlich auf die Nerven, immer an meinen alten Platten gemessen zu werden. Das war auch einer der Gründe, warum ich eine Weile gar keine Interviews mehr gegeben habe. Dieses ständige 'Früher war er besser' nervt unglaublich. Daher spreche ich auch am liebsten mit Journalisten, die ich schon länger kenne.
Die Presse gibt einem ja eh keine Chance, sich weiter zu entwickeln. Als deutscher Künstler sowieso nicht. Aber mich stört das nicht sonderlich. Ich bin besessen davon, Songs zu schreiben. Und die sollen genau so gut, wenn nicht besser sein als "And Then She Kissed Her", "Container Love" oder wie auch immer. Ich glaube, dass mir das diesmal ganz gut gelungen ist.
Negative Kritiken lassen dich also auch nicht ganz kalt?
Nun, es gibt ja zwei Phasen: In der einen war ich sehr erfolgreich mit "Boaphenia" 1993. Da bekam ich die schlimmsten Kritiken meiner ganzen Karriere. Das passte vielen nicht in den Kram, dass da einer, der den Indie miterfunden hat, plötzlich so einen Erfolg hat. Und dann gab es die Krise zwischen 1997 und 2000, da gabs auch schlechtere Kritiken und Desinteresse. Das hat sich mit dem "The Red"-Album im Jahr 2001 aber gewandelt. Seither habe ich eigentlich keine schlechte Presse erlebt. Und im Ausland sind die Kritiken immer gut.
Findest du, dass sich deine Art zu schreiben über die Jahre verändert hat?
Die Texte waren immer sehr persönlich und bisweilen auch fiktiv und frei erfunden. So ist es diesmal eigentlich auch. Mein ganzes Herzblut steckt in diesen Songs. All die von den Veränderungen dieser Welt geprägten Eindrücke, das ganze Unterbewusstsein schlägt sich darin nieder. "Fiat Topolino" ist beispielsweise sehr surrealistisch.
Wie verhält sich das mit "Lord Have Mercy With The 1-Eyed"? Könnte auch ein Morrissey-Titel sein, finde ich.
Mehr Morrissey ist eigentlich "The World Has Been Unfaithful".
Gut, der eigentlich auch.
"I feel betrayed" und so. Ja, die Smiths gabs ja noch etwas früher als uns. War ein großer Einfluss, schon immer. Ich mag Songwriter, die sagen was sie wollen und dafür teilweise auch verhasst sind. Morrissey wurde ja gute zehn Jahre von der NME total ignoriert beziehungsweise schlecht gemacht.
Erst seit vier Jahren wird er wieder hofiert. Solche Leute polarisieren eben. Oder nimm John Lydon von PIL oder Lou Reed. Die sagen alle, was sie denken, auch wenn es politisch nicht korrekt ist. Das imponiert mir immer sehr und in dieser Tradition sehe ich mich auch.
Ein Mythos ist das nicht. Immer wenn mir etwas nicht gefallen hat, dann habe ich das ausgedrückt. Den Mut dazu hatte ich, weil ich nie Musiker werden wollte. Ich wollte ein ganz normaler Mensch werden. Von der Musik zu leben, war ein Traum. Und da ich das nie ernst genommen habe, nebenbei sogar noch studiert habe, wars mir immer egal.
Wenn mich ein Journalist provoziert oder despektierlich behandelt hat, habe ich das Gespräch nach der dritten dummen Frage eben beendet. Oder im Fernsehen, wo man als Band immer ins kalte Wasser geworfen wurde und Medienvertreter der Ansicht waren, dass man als deutsche Band drittklassig zu sein hat. Das habe ich mir nicht gefallen lassen.
Im Prinzip lebe ich das heute noch, mich greift nur kaum noch jemand an. Ich glaube, ich bin heute etabliert und polarisiere einfach weniger. Dafür machen mir Interviews heute manchmal sogar Spaß.
Wie erinnerst du denn deine Anfänge in den 80ern, als es außer euch und den Neubauten eigentlich keine Indie-Bands gab, die international was reißen konnten?
Ich weiß nur noch, dass das eine geniale, unglaublich intensive Zeit war. Gleich mit unserem ersten Plattenvertrag waren wir ja in England und einigen anderen europäischen Ländern präsent. Das ist mir sicherlich dann auch zu Kopf gestiegen und mischte sich mit einer Arroganz, die mir nicht bewusst war. Wir waren ständig auf Tournee oder am Aufnehmen, immer war was los.
Ende der 80er kam dann die Zeit, als wir mit internationalen Produzenten arbeiten konnten, das war natürlich unglaublich. Leute wie John Leckie, die Stone Roses und Pink Floyd gemacht haben und später Muse. Oder Tony Visconti, der Bowie und jetzt Morrissey produziert hat. Das geht ja nicht spurlos an einem vorbei. Wir waren jung und vollkommen verwirrt, denn das war ja alles gar nicht geplant.
Konnte dich vor dieser Arroganz, die zum Teil sicher auch Selbstschutz war, nicht deine Partnerin Pia Lund schützen? Dich von diesem Sockel runterholen?
Ich glaube zwischen 1989 und 93 konnte mich da niemand runterholen. Diese Arroganz war, wie du sagst, eine Mischung aus Selbstschutz und einem Gefühl der Wehrlosigkeit. Denn mit dem Erfolg kam auch Hass und Neid, weil die Menschen das nicht verstanden haben. Und wir schon gar nicht.
Speziell für jüngere Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, muss es unglaublich klingen, dass es damals nur zwei oder drei Zeitschriften gab, die über Indie Rock berichteten. Wenn dann da zum Beispiel drin stand: "Zuschauer beschimpfen Boa", dann haben das alle geglaubt.
Das war auch so.
Okay, aber meine Frage ist: Hatte man als Künstler damals mehr Freiheiten, bevor das Internet die Presse neu definiert hat?
(langes Schweigen) Mir persönlich gefällt diese Zeit sehr gut, aber für eine neue Band finde ich es heute hoffnungslos. Wenn ich heute wieder 21 wäre und meine erste Platte promoten wollte, ohne mich prostituieren zu müssen, ich wüsste nicht wie. Alles ist konditioniert und dreht sich um Einschaltquoten. Die Financial Controller regieren alle Medien und Plattenfirmen. Junge Bands tun mir fürchterlich leid.
Aber wenigstens haben sie MySpace, die größte Erfindung überhaupt. Im Netz haben sie natürlich Möglichkeiten, aber anderswo wieder überhaupt nicht. Konzerte laufen ja auch nur, wenn du nicht ignoriert wirst.
Dann ist dir Youtube sicher auch nah?
Ja, das ist auch schön. Auf MySpace schreibe ich auch meine Blogs. Nur mit Facebook komme ich überhaupt nicht klar, das funktioniert irgendwie nicht bei uns, also beim digitalen Output vom Voodooclub.
Ach, das ist eine uralte Idee, die von Conny Plank kam, der damals unser zweites Album produzieren wollte. Jaki war einer seiner besten Freunde. Naja und zwanzig Jahre später wollte ich diesen Jugendtraum dann erfüllt wissen. Also hab ich ihn kontaktieren lassen und dann haben wir ihn besucht. War klasse.
Hat er sich die Songs erstmal angehört oder aus Sympathie zu dir gleich zugesagt?
Ich glaube, Jaki wusste, dass ich in Ordnung bin. Er meinte zwar, normalerweise mache er sowas nicht mehr, hat dann aber gleich zugesagt und kam nach Berlin.
Dein Produzent Tobias Siebert hatte mit seinem Klez.e-Album ja eigentlich auch genug zu tun, hat sich das überlagert?
Nein, das war schon fertig. Ich habe ja eine andere Auffassung als das Management von Klez.e: Meiner Meinung nach sollte man ein fertiges Album so schnell wie möglich veröffentlichen. Ich kannte das schon und finde einige Songs auch wirklich gut.
Wächst da zwischen dir und Tobias eine neue, auf längere Sicht funktionierende Songwriting-Partnerschaft heran?
Ich blicke nicht so gern in die Zukunft, sondern lasse mich lieber von der Gegenwart lenken. Alles andere übt nur Druck aus. Das Tolle an den neuen Songs war ja gerade, dass es keinen Druck gab und keine Plattenfirma. Wir saßen einfach so rum und hatten irgendwann Songs wie "Valerian", das war der erste.
Dann kannst du über deinen jetzigen Rough Trade-Deal hinaus also nichts sagen?
Ach nee, weiß ich alles noch nicht. Mark E. Smith von The Fall hatte ca. 22 Labels in seinem Leben und ich hab erst sechs oder sieben. Das darf noch nicht das Ende sein.
Hast du noch Kontakt zu deinen alten Kollegen vom Voodoocult?
Waldemar sehe ich hin und wieder, weil der im Ruhrgebiet lebt, Dave Lombardo habe ich lange nicht gesehen. Gabby, der geniale Gitarrist, ruft mich manchmal aus New York an. Wer war noch dabei? Mille hab ich seither nie wieder getroffen, aber ich verfolge natürlich seine Sachen mit Kreator. Chuck von Death ist ja leider an Krebs gestorben und Bassist Dave Ball wollte ich eigentlich für die neue Platte haben, konnte ihn aber nicht erreichen.
Inwieweit interessieren dich die Sachen der Ex-Kollegen, zum Beispiel Fantômas mit Lombardo?
Mich interessiert alles. Fantômas fand ich immer sehr gewagt. Gibts jetzt eigentlich Faith No More wieder?
Nee, da arbeitet Mike Patton beharrlich gegen an. Der hat ja immer mindestens drei Bands parallel am Laufen.
Ah, okay. Ich hab mich sehr darüber gefreut, dass Dave sich wieder mit Slayer vertragen hat. Für mich war er unersetzbar und ich mag Slayer sehr.
Hast du sie dir auch live angeguckt?
Nein. Nein, ich mag auch Fußball, aber deswegen gehe ich nicht ins Wes-, also ... ins Stadion.
Lag dir da eben Westfalenstadion auf den Lippen?
Nee, wie biste denn da jetzt drauf gekommen?
Weiß nicht, das gibts ja auch gar nicht.
Genau. Signal-Iduna-Park wollte ich nun wirklich nicht sagen.
Dein alter Weggefährte Blixa Bargeld hat sich ja neulich im Spiegel-Interview als Gourmet-Liebhaber geoutet. Hast du dir in den letzten Jahren auch Hobbys zugelegt, die man vor zwanzig Jahren niemals mit dir in Verbindung gebracht hätte?
Ich hab immer noch die selben Hobbys. Ich lese viel, ich versuche mich fit zu halten, ich gehe ins Kino, ich verreise unheimlich gerne ... Gut, jetzt gehe ich natürlich auch ins Netz, manchmal stundenlang. Aber ein extremes Hobby habe ich nicht. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, als im Prinzip jede Nacht, schaue ich alte Michael Caine-Filme oder die Sopranos. Morgens um sieben schlafe ich dann meistens ein. Aber das habe ich schon immer gemacht.
Werfen deine alten Platten eigentlich noch genug ab, dass du von deiner Musik leben kannst?
Eigentlich eher die neuen Platten. Aber es wird auch ganz gut runtergeladen. Und die drei, vier kleinen Klassiker, die ich geschrieben habe, laufen im Fernsehen auch oft im Hintergrund. Zusammen mit den Konzerten ergibt das einen guten Mix. Ich kann mich wirklich nicht beklagen. Manchmal habe ich sogar ein schlechtes Gewissen, warum gerade ich in diese Position gekommen bin.
Lord Garbage (1998), Fine Art In Silver (Best of) (1997), She (1996), God (1994), Boaphenia (1993), Live! Exile On Valetta Street (1991), Helios (1991), I Don't Need Your Summer (Offizielles Fanbootleg) (1990), Hispanola (1990), Hair (1989), Copperfield (1987), Aristocracie (1986), Philister (1985)
Der Künstler präsentiert sich aktuell und im guten Layout.
http://www.phillip-boa.de
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