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Sir Paul McCartney, Sir der Rekorde: Er ist fünffacher Empfänger des britischen Ivor-Novello-Preises und steht im Guinness-Buch mit mehr als einhundert Millionen verkaufter Singles sowie 60 goldenen Schallplatten als erfolgreichster Komponist und Interpret im Bereich Popmusik. Außerdem haben ihn seine Heimatstadt Liverpool zum Ehrenbürger, die University of Sussex zum Ehrendoktor und das Royal College of Music zum Ehrenmitglied ernannt. 1997 adelt ihn schließlich noch die Queen herself - so er darf sich seitdem SIR Paul McCartney nennen.
Man möchte beinahe meinen, dieser Mann hält auch den Weltrekord, was das Anhäufen von Ehrungen und Rekorden angeht. Mit Glück allein stieg der 1942 in Liverpool geborene Sohn einer Familie aus dem unteren englischen Mittelstand – die Mutter eine Krankenschwester und Hebamme, der Vater Angestellter der Baumwollbörse – aber nicht in diese schwindelerregenden Höhen des Ruhmes auf. Eine gehörige Portion Talent und Geschäftssinn, gepaart mit Witz und Bescheidenheit, leisteten einen wesentlichen Beitrag.
Als eine Hälfte des Songwriterduos Lennon-McCartney schreibt er unzählige Hits wie "Hey Jude" oder "Yesterday". Letzteres hält einen weiteren Weltrekord: "Yesterday" ist mit über sechs Millionen Radioeinsätzen allein in den USA und gut zweitausendzweihundert aufgenommenen Coverversionen der populärste Popsong aller Zeiten.
Als 1969 die Bilder von der Trauung mit der New Yorker Fotografin Linda Eastman im TV laufen, flennen Millionen Teenager rund um den Globus. Einige sogar mit ihren Müttern, die dem verlorenen Fiktivschwiegersohn hinterher trauern. Es ist eine der schwierigsten Phasen in McCartneys Leben: Nach unendlichen Reibereien lösen sich seine Beatles gerade auf. Ein tiefer Einschnitt, auch wenn er sich später mit den ehemaligen Kumpanen wieder versöhnt. Mit Lennon, bevor dieser 1980 bei einem Attentat das Leben verliert. Mit George Harrison und Ringo Starr, mit denen er in den 90er Jahren eine üppige Beatles-Anthology zusammen stellt.
1970 sieht die Sache allerdings ganz anders aus. McCartneys Vermögen, zu einem nicht geringen Teil an das bandeigene Label Apple gebunden, liegt wegen der unsicheren Rechtslage auf Eis. Mit seiner Frau zieht er sich nach Schottland auf eine Farm zurück. Im Alleingang mit einem Vierspurrekorder entsteht dort sein selbstbetiteltes Solodebüt, das noch im selben Jahr erscheint. Mit Songs wie "Maybe I'm Amazed" und "The Lovely Linda" gehört er zu seinen wichtigsten Platten.
Amschließend gründet er die Wings, die neben dem Ehepaar aus wechselnden Mitgliedern bestehen. "What do you call a dog with wings? Linda McCartney", lautet ein verbreiteter Witz, der die musikalischen Fähigkeiten der Gattin zum Thema hat. "Die Beatles-Geschichte ist die von vier Jungs aus Liverpool, die einen phänomenalen Erfolg hatten. Mit den Wings war ich gewissermaßen gezwungen, diesen Erfolg zu wiederholen. Die Beatles konnten ihre Fehler anfangs privat in einem kleinen Club in Hamburg begehen. Die Wings machten ihre Fehler in aller Öffentlichkeit, weil ich eben schon sehr bekannt war", analysiert McCartney später
Doch der große Erfolg bleibt keineswegs aus, etwa 1973 mit dem Titelsong zum 007-Streifen "Live And Let Die", den Guns N'Roses zwei Jahrzehnte später noch einmal zu einem großen Hit machen. Die Tourneen sind weltweit ein Verkaufsschlager, das Paar lebt kinderfreundlich und skandallos in Eintracht. Für Schlagzeilen sorgt höchstens McCartneys Einreiseverbot in Japan, nachdem ihn die Grenzbehörde 1980 mit Haschisch erwischt und ihn neun Tage im Knast darben lässt.
Neben der Popmusik ist der Ex-Beatle in vielen weiteren Bereichen tätig. Er macht sich als Natur- und Umweltschüter einen Namen wie auch als Künstler. Museen weltweit zeigen seine Bilder und Zeichnungen, 1991 komponiert er für die Royal Liverpool Philharmonic Society sein erstes von mehreren Oratorien. 1993 versucht er sich mit dem Produzenten Youth (Ex-Killing Joke) an einem elektronischen Album mit dem Titel "Strawberries Oceans Ships Forest". Die Zusammenarbeit setzt sich 1998 ("Rushes") und 2008 ("Electric Arguments") fort.
Am 17. April 1998 stirbt Linda an Brustkrebs. Trost findet McCartney bei Heather Mills, ein karitativ tätiges Ex-Model, das bei einem Unfall ein Bein verloren hat. 2002 heiratet das Paar, 2003 kommt Tochter Beatrice zur Welt. Die Presse ist von der Frau wenig überzeugt, ebenso wie McCartneys bekannteste Tochter aus erster Ehe, Stella, die sich als Modedesignerin einen Namen gemacht hat.
Am 11. September 2001 sitzt der Musiker in New York in einer Maschine auf dem Rollfeld und kann durch sein Fenster beobachten, wie die Flugzeuge in die Türme fliegen. Die Katastrophe erschüttert ihn tief und führt zur Aufnahme des Albums "Driving Rain", das auch die Single "Freedom" enthält. Kurz darauf folgt der nächste Schlag: George Harrison stirbt am 29. November 2001 an Lungenkrebs. Zwar trifft ihn die Nachricht nicht unerwartet, aber doch schwer. Vor seinem Tod besucht er seinen ehemaligen Mitstreiter im Krankenhaus und erklärt nach seinem Tod: "Ich habe meinen kleinen Bruder verloren".
McCartney reagiert in den folgenden zwei Jahren mit einer triumphalen Welttournee, die fast ausschließlich aus Beatles-Klassikern besteht und ihn auch nach Rom führt, wo er vor 500.000 Menschen spielt. Wie gut er und seine Band klingen, zeigt das Live-Album "Back In The World" (2003).
Doch muss er sich auch mit anderen Angelegenheiten auseinadersetzen. Eher amüsant dürfte er die Theorien über seinen Tod finden: Seit 1966 kursiert das Gerücht, dass er bei einem Autounfall gestorben sei und danach durch einen Doppelgänger ersetzt wurde. Auslöser dieser Verschwörungstheorie: Eine Studentenzeitung, die damals eine Glosse zu dem Thema verfasste. Seither finden zahlreiche Anhänger immer neue Beweise. So fällt aufmerksamen Beobachtern auf, dass McCartney auf dem Cover der Beatles-Platte "Abbey Road" als Linkshänder eine Zigarette in der rechten Hand hält. Außerdem sollen auf einem Song der Beatles, "Getting Better", wenn man ihn rückwärts spielt, die Worte "Paul is dead" zu hören sein.
Weit weniger lustig ist das Ende seiner Ehe, das er im Juli 2006 offiziell bekannt gibt. Anschließend entbrennt eine Schlammschlacht, in der Mills behauptet, McCartney habe sie beleidigt und geschlagen. Wie beliebt der Beatle nach wie vor ist, zeigt sich an der Reaktion der britischen Boulevard-Presse, die sich auf seine Seite schlägt und die Frau als Lügnerin und Opportunistin darstellt. Der Rosenkrieg endet im März 2008 mit der Scheidung, in der Mills die Rekordsumme von circa 32 Millionen Euro zugesprochen kriegt. Kein wirkliches Problem für McCartney, denn ist Milliardär und gilt als reichster Musiker der Welt.
Seinen Platz unter Großen hat er gefunden, weil er es verstanden hat, eingängige Melodien zu schaffen, die auf komplexen Harmonien beruhen. Auch wenn er sich den Vorwurf gefallen lassen muss, dass seine Musik zu seicht sei, hat er sich stets an die unterschiedlichsten Stile gewagt. Schon bei den Beatles war er für viele Soundexperimente verantwortlich, die im Allgemeinen eher Lennon zugeschrieben wurden. Später war er einer der ersten Europäer mit einer Antenne für Reggae, letztendlich ist es zu einem nicht geringen Teil sein Verdienst, dass Pop aus seinen straffen harmonischen Strukturen ausbrach und Elemente bei der Klassik entlieh. Er leistete also einen wesentlichen Beitrag für die Transformation der U-Musik zur E-Musik.
Über ihn haben sich Scharen an Journalisten und angehenden Doktoranden die Köpfe zerbrochen. Ein weiterer Rekord: Über wohl keinen anderen Popmusiker gibt es so viel Sekundärliteratur wie über McCartney. Pflichtlektüre für jeden, der von sich behaupten möchte, wenigstens ein wenig Ahnung von Musik zu haben, ist Barry Miles' "Many Years From Now", die einzige Biographie, die sich nicht hauptsächlich auf Pressequellen beruft, sondern auf Zeitzeugen. Und die natürlich auch den Mann zu Wort kommen lässt, um den es geht: Sir Paul McCartney. Ex-Beatle, MBE, fünffacher Ivor-Novello-Preisträger und erfolgreichster Popmusiker aller Zeiten. Nur um ein paar wenige Rekorde zu nennen.
Der Ex-Beatle über alte Zeiten, seine Live-DVD und die neue Medien-Welt.
Paul McCartney erzählt im Interview mit laut.de, wie die aktuelle Live-DVD "Good Evening New York City" zustande kam und wie sehr sich die Produktionsbedingungen im Lauf der Zeit geändert haben.
Manchmal ist die berufsbedingt anerzogene Höflichkeit von Promo-Agentur-Mitarbeitern bezaubernd. Ob denn Interesse an einem Paul McCartney-Interview bestünde, wurde ich neulich ernsthaft gefragt. Also mal ausnahmsweise nicht an der neuen Band um den Bassisten dieser anderen Band, die sich vor zwei Jahren aufgelöst hat. Nein, sie meinen tatsächlich den Bassisten, dessen Band sich vor 39 Jahren aufgelöst hat. The one and only Paul McCartney.
Es könne sein, dass unser Telefonat nach 20 Minuten abrupt beendet werde, kündigt mir McCartneys Presse-Agent an, Paul sei "very busy today". Wo sich der Ex-Beatle genau befindet, wird nicht mitgeteilt. Kann man ihn ja fragen. Tabu sind schließlich nur Fragen zu Heather Mills. Im verabredeten Zeitfenster zwischen 19 und 20 Uhr deutscher Zeit meldet sich McCartney exakt um 19.40 Uhr. 20 Minuten später sind seine letzten Worte "Auf Wiedersehn, schuss!"
Hello Michael? Hier spricht Paul aus England.
Großartig. Ich fühle mich geehrt, dass du mich anrufst.
Danke sehr. Ich bin gerade auf der Autobahn Richtung London unterwegs. Wo bist du?
Ich bin in Konstanz, einer Stadt in Süddeutschland, direkt am Bodensee und nahe der schweizerischen Grenze.
Cool. (Auf deutsch:) Wie ist den Wetter?
Es regnet. Schon die ganze Woche. Was machst du in London?
Ich spiele eine Show für die Charity-Veranstaltung "Children In Need", eine ziemlich große Sache, bei der auch die BBC dabei ist. Im letzten Jahr sammelten sie meines Wissens um die 40.000 Pfund, eine enorme Summe. Ich werde einer von mehreren Teilnehmern des Abends sein, Take That sind auch dabei.
Wir haben uns hier alle sehr gefreut, dass du im Zuge deiner neuen Live-CD/DVD-Veröffentlichung "Good Evening New York City" speziell mit einem Online-Musikmagazin sprechen wolltest.
Ja, das sind nun mal die modernen Kommunikationskanäle. In den USA habe ich Pitchfork Media ein Interview gegeben. Kennst du die Seite?
Ja, die kenne ich. Dein PR-Agent erzählte mir heute mittag, unsere Seite würde ihn an Pitchfork erinnern.
Ja, das hat er mir auch erzählt.
Wie kam es denn zu der Entscheidung, die großen Zeitungen dieses Mal außen vor zu lassen?
Nun, ich habe sie nicht direkt außen vor gelassen. Ich spreche hier und da immer noch mit ihnen. Aber die Welt ist zu vielfältig, als dass man sich unnötig beschränken sollte. Online-Medien geben dir auch mal die Chance, mit jüngeren Leuten zu sprechen. Es ist einfach interessant.
Ich habe deinen New York-Auftritt auf DVD gesehen. Er beinhaltet einen Zusammenschnitt deiner drei Konzerte aus diesem Sommer. Ist dieses neue Baseballstadion CitiField, das auf der Stelle des früheren Shea Stadiums gebaut wurde, in Wirklichkeit auch so beeindruckend und atmosphärisch wie es am Fernsehschirm erscheint?
Ja. Ich habe ohnehin eine enge Verbindung zu dem Ort, da ich das Shea Stadium seinerzeit mit den Beatles eröffnete, es später mit Billy Joel verabschiedete und nun das neue CitiField einweihen durfte. Aber letzten Endes war es vor allem ein Konzert, das auch ohne die Historie gut gewesen wäre.
Könnte man sagen, dass du mit dieser Veröffentlichung dein gesamtes Schaffen zusammen fasst?
Es ist schon ziemlich umfassend: Von den frühen Beatles-Sachen über die Wings, hin zu meinen Solosachen und den aktuellen Fireman-Songs. Von daher ist die Aussage sicher ganz treffend.
Hast du dir die DVD denn schon zuhause angeschaut oder wäre das ein zu beängstigendes Szenario?
Haha, nein. Ich war ziemlich in den Entstehungsprozess involviert, so dass ich das meiste schon im Schneideraum gesehen habe. Also ich weiß schon, was alles drauf ist. Es wäre sonst nicht allzu beängstigend gewesen, das zuhause anzuschauen.
Wie ist das, wenn man so ein Ereignis noch einmal im Schneideraum durchlebt?
Dazu gibt es eine schöne Anekdote: Als ich mit der Einladung betraut wurde, im CitiField zu spielen, dachte ich zunächst nur an ein Konzert. Dann sagte einer aus meinem Team: Warum filmen wir es nicht? Und ich meinte, okay. Es sollte zunächst einfach mal ganz zwanglos gefilmt werden und sollte es dann funktionieren, hätten wir ja alles auf Band. Daher gab es logischerweise auch keinen Regisseur. Wir sammelten einfach das ganze Live-Material. Danach brachten wir alles nach London in ein Filmstudio.
Dort fragte ich die Leute immer mal wieder, wie der Auftritt denn in Szene gesetzt würde. Doch da das niemand so recht wusste, musste ich eben mit in den Schneideraum und ein paar Dinge festlegen. Ich kam daher ziemlich oft vorbei und stellte Fragen wie: "Warum macht ihr das nicht so?" oder "Wie wäre es, das rauszuschneiden?" Es war ein großer Spaß. Am Schluss meinten die Filmleute, es sei auch für sie toll gewesen, da im Endeffekt ich der Regisseur war. Damit hatten sie immer einen, auf den sie die Schuld schieben konnten.
Eigentlich ist das gar nicht so schwer. Ehrlich gesagt habe ich einen Hauptansatz: Ich stelle mir vor, was ich am liebsten höre würde, wenn ich zu einem Paul McCartney-Konzert gehen würde. Soweit mir das möglich ist. Ich habe also Geld für eine Karte bezahlt, wochenlang auf das Konzert gewartet und stehe dann in der Halle. Was möchte ich dann hören? Was erwarten die Leute von mir? So erstelle ich die erste Liste. Und dazu ergänze ich die Sachen, die ich gerne spielen würde.
Vor allem Sachen, die die meisten nicht kennen, zum Beispiel von meiner Fireman-Platte. Das war ja eher ein Underground-Thema. Mit dieser ewig langen Liste gehe ich dann zu meiner Band und was uns allen am meisten Spaß bereitet, landet auf der finalen Setlist. Das ist das ganze Geheimnis. Eigentlich geht es vordergründig darum, dem Publikum einen tollen Abend zu bescheren. Ob alt oder jung, jeder will Spaß haben.
Ein guter Ansatz.
Es ist doch beim Film dasselbe: Ob du nun aus "Terminator" oder aus irgendeinem Kunstfilm kommst, die Hauptsache ist, dass du gut unterhalten wurdest.
Deine Homepage empfängt den Besucher mit einem Trailer voller Beatles-Szenen des 1965er Auftritts analog zu deinen Bühnen-Visuals. Musstest du oft an die alten Zeiten denken, als du im Sommer die drei Konzerte gespielt hast?
Ah, interessant. Da sich die Website ständig ändert, wusste ich von den Beatles-Snippets gar nichts, aber das geht natürlich in Ordnung. Ich bin mir meiner Geschichte durchaus bewusst und auch sehr stolz darauf. Ich schaue sehr gerne zurück. Gleichzeitig finde ich es sehr wichtig, nach vorne zu schauen.
Mir ist klar, dass die Beatles eine ziemlich gute Band waren, die einen großen Einfluss auf unzählige Menschen in der Welt ausgeübt hat. Aber nur Beatles-Songs zu spielen, wäre langweilig. Wenn ich die alten Sachen aber mit neuen Songs oder Wings-Nummern vermische, dann wird es plötzlich interessant. Ein neuer Song neben "Live And Let Die" oder "Magical Mystery Tour"; diese Gegenüberstellung verursacht Spannung.
Es klingt aus heutiger Sicht unglaublich, dass ihr 1965 ein komplettes Stadion mittels einer Baseball-Soundanlage beschallen musstet.
Klar, das ist eben das Lustige an Geschichte. Wenn ich Leuten von den Bedingungen erzähle, denen wir damals ausgesetzt waren, sagen sie immer: "Das ist nicht möglich. Wie habt ihr das hingekriegt? Das geht doch gar nicht!" Aber für uns war das damals hochmodern. Ihr macht jetzt diese Website, Laut ist für euch auf dem neuesten Stand der Technik. Aber glaube mir, in 20 Jahren wird man euch fragen: Wie zur Hölle konntet ihr so arbeiten?
Dinge verändern sich. Ich finde das faszinierend. Für mich ist es sehr hilfreich, die Bedingungen von damals kennen gelernt zu haben. Ich kann heute ohne Probleme, sagen wir, mit schlechten Kopfhörern auftreten. Ich muss nur an die Zeit damals denken.
Würdest du dich als nostalgischen Menschen bezeichnen?
Eher nicht, denn ich lebe gerne in der Gegenwart. Weil ich aber solch eine interessante Vergangenheit habe, ist es quasi unvermeidlich, auch gerne zurückzuschauen. Ich würde das dann aber nicht als nostalgisch bezeichnen, denn generell schaue ich hoffnungsvoll nach vorne.
U2 haben in den USA gerade mit 97.000 Fans in Pasadena einen Besucherrekord gebrochen. Hast du zufällig eine Show gesehen?
Nein, ihre neue Show kenne ich nicht.
Auf manchen Konzerten spielten sie "Blackbird".
Ja, das ist reizend, ich habe davon gehört. Weißt du auch wie? Meine Tochter Stella schickte mir eine SMS: "Papa, ich bin bei U2 in Paris und Bono hat gerade 'Blackbird' gesungen." Aber hey, wusstest du, dass wir in Brasilien mit 185.000 Zuschauern auch einen Besucherrekord aufgestellt haben? Ich weiß nicht, ob U2 da mithalten können. Der Auftritt steht im Guinness Buch der Rekorde.
Ja, in Rio 1990, habe ich gelesen. Ich wollte eigentlich auf etwas anderes hinaus: U2 spielten vor knapp 100.000 Menschen, du in New York vor insgesamt 120.000. Wo liegen für dich die grundlegenden Unterschiede zu einer Hallenshow mit, sagen wir, 10.000 Leuten?
Grundsätzlich kann man sagen: In Stadien musst du einfach größer denken. Als wir zum Beispiel das Gratiskonzert in Rom am Kolosseum vor 500.000 Menschen gespielt haben, mussten meine Techniker auf beinahe wissenschaftliche Art und Weise die Verzögerung des Bühnensounds berechnen, damit er bei den Leuten ganz am Ende der Straße nicht umkippt. Das geht heute alles. Und natürlich verändern sich mit den Größenordnungen auch die Ansagen.
Zu hundert Leuten kann ich einfach sagen (spricht betont gelassen): "Good evening, everybody. It's nice to see you." Stehen 90.000 Menschen vor dir, musst du einfach mehr aus dir heraus gehen (schreit): "People! I Love You!" Ich weiß, das klingt ein bisschen lächerlich, aber so ist es eben. (lacht)
Eigentlich ist vieles spontan, wenngleich ich das ein oder andere natürlich auch mehrfach erzähle. Aber ich habe da jetzt kein Skript oder sowas. Es hat ohnehin lange gedauert, bis ich gelernt habe, zum Publikum zu sprechen. Früher war das nicht so mein Ding. Als ich aber vor ein paar Jahren den Gedichtband "Blackbird Singing" schrieb, gab ich ein paar Lesungen vor kleinem Publikum. Ich fragte einen Freund: "Wie mache ich das? Wie funktioniert das?" Darauf meinte er: Erzähle einfach, wie ein Gedicht entstanden ist und dann lies es vor.
Dadurch kamen viele Erinnerungen wieder hoch. Vor "Blackbird", das ich auch vorgelesen habe, erzählte ich also, dass ich zu jener Zeit in Schottland lebte und über die Bürgerrechtsbewegung und speziell über die Leiden einer jungen, schwarzen Frau in Little Rock/Arkansas nachdachte. Nach ein paar Lesungen kam mir der Gedanke: Warum überträgst du das nicht auch auf deine Konzerte? Manche Songs besitzen ja auch mehrere Entstehungsgeschichten.
Ich mochte auf der DVD vor allem deine Anekdote, wie Frank Sinatra einmal zu dir sagte, "Something" sei sein Lieblingsstück von Lennon/McCartney. (Der Song stammt von George Harrison, Anm. d. Red.)
Oh ja. Ich dachte nur, meine Güte, nach all den Songs, die wir zusammen geschrieben haben ... Es war köstlich. Nun ist "Something" natürlich auch eine hervorragende Wahl, denn es ist ein fantastischer Song, aber er hatte eben die Komponisten-Angaben nicht nachgeprüft.
Und was antwortete Sinatra, als du ihn über die Verwechslung aufgeklärt hast?
Ich habe ihn nicht aufgeklärt. Machst du Witze? (lacht) So was konnte man nicht zu Sinatra sagen. Zudem war es ein Telefongespräch, ich habe ihn nie persönlich getroffen.
Als du in New York "Something" auf der Ukulele gespielt hast, schien das gesamte Stadion die Luft anzuhalten. Ein faszinierender Moment.
Für mich ist das sehr interessant, denn so etwas würde ich normalerweise nie tun. Aber da wir schon von Entstehungsgeschichten sprechen: Bei diesem Song war es so, dass ich mit meiner Ukulele zu George gegangen bin und wir das Lied gemeinsam spielten. Seither denke ich bei Konzerten an dieser Stelle immer: Wenn es für dich in Ordnung war, Georges Song mehr schlecht als recht mit ihm auf den Treppenstufen seines Hauses zu spielen, dann kannst du ihn genau so auch für alle anderen Menschen aufführen. Dieser Gedanke gibt mir Selbstvertrauen.
Ecce Cor Meum (2007), The Space Within Us Live In The U.S. (2006), Ecce Cor Meum (2006)
Paul McCartney - Music Box Biographical (2005), Paul McCartney - In The Red Square : A Concert Film (2005), Paul McCartney - Wingspan: Hits & History (2004)
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Noch mehr zur "größten Verschwörung des Rock'n'Roll".
http://homepages.tesco.net/harbfamily/opd/index.html
Paul McCartney über Paul McCartney.
http://www.blogotheque.net/article.php3?id_article=3549
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05.03.06, 08:55 Kukuruz |
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