Porträt

laut.de-Biographie

Nurse With Wound

Unter all den exotischen Gestalten, die das Londoner Post-PunkLeben so hervorbringt, nimmt sich Steven Stapelton aus wie ein Fossil. Im schwarzen Frack mit Zylinder, zwei runden dunklen Gläser, die die Augen verdunkeln und im Kontrast zum blonden Spitzbart Stapeltons stehen, wirkt er wie aus einer anderen Zeit entsprungen. Unter Ausschluss all zu großer Anteilnahme, es sei denn sie schlägt sich in Plattenverkäufen nieder, folgt der Londoner seiner künstlerischen Berufung, die in seiner experimentellen Musik sowie in seinen surrealistischen Bildern und Collagen ihren Ausdruck findet.

Die Berufung zur Kunst kommt schon früh, und so will Stapelton Kunst studieren, doch nach wenigen Tagen am College verläßt er es aus Frust über die endlosen Zwänge wieder und fährt stattdessen ein Jahr nach Deutschland. Dort arbeitet er als Rowdie bei verschiedenen Krautrockbands, deren Musik er später "als die größte Innovation in der modernen Musik" bezeichnet. Zurück in England, ergibt sich die günstige Gelegenheit ein Studio für wenig Geld zu mieten und Stapelton sagt gleich zu. Einziges Problem, es gibt gar keine Band und auch keinen Track. Doch alles kein Problem, er ruft seine Kumpels John Fothergill und Heeman Pathak an, die ein paar Instrumente mitbringen, und so wird dann "Chance Meeting On A Dissecting Table Of A Sewing Machine And An Umbrella" an einem Tag aufgenommen. Ein Debut, wie es besser nicht sein könnte.

Die ersten Alben bis "Merzbild Schwet" sind von einem starken Bezug zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts geprägt, sei es in Form dadaistischer Komposition, surreal-bedrohlicher Bildlandschaften oder die Nähe zu den Ideen der Wiener Situationisten, wie Rudolf Schwarzkogler oder Herrmann Nitsch. Abstrakt-akustische und gleichzeitig dem Minimalismus verschriebene Klangkollagen prägen diese Zeit. Jim "Foetus" Thirlwell kommt für Aufnahmen vorbei und Stapelton zusammen mit William Bennett von Whitehouse begibt sich Stapelton bei den Aufnahmen zu "150 Murderous Passions" in die perverse Phantasiewelt des Marquis de Sade. Doch schon bei "Homotopy To Marie" von 1982 ist erstmals deutlich zu erkennen, daß sich Nurse With Wound zum Soloprojekt von Steven Stapelton entwickelt hat. Einzig sein Freund und gleichgesinnter im Geiste, David Tibet von Current 93 bleibt als ständiger Kollaborateur über die Jahre an Stapeltons Seite.

Nach den harschen Sounds der frühen Jahre und der schockierenden Bondagegirl-Covergestaltung der ersten Alben, weicht die dunkle Bedrohlichkeit einer minimalistisch-schönen Schlichtheit. Diese Tendenz verstärkt sich, als Stapelton 1989 mit Frau und Kindern nach Südirland zieht, um dort fortan Schafe zu züchten und sich nur noch seiner Kunst und seiner Familie zu widmen. 1995 erhitzt seine Remixarbeit für die Electroambience-Formation Stereolab die Gemüter und macht Stapelton auch einem jüngeren Publikum bekannt.

"Ich bin überhaupt nicht an Kompromissen interessiert", hat Stapelton einmal postuliert, und der Blick auf seinen Release-Schedule zeigt, dass er nicht im Scherz spricht. Rund zwei LPs pro Jahr neben einigen anderen Projekten ist an sich schon beachtlich. Sie wird jedoch umso beachtlicher zollt man der außerordentlichen Qualität seiner Arbeiten Rechnung, die Steven Stapelton zu einem der seltenen freien Geister in der Musik machen.

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