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Mit ihren dunklen Sounds, die sich im Grenzbereich von harschem Industrial, langsamen Orchestersounds und experimenteller elektronischer Minimalmusik bewegen, sind Coil zu einem der maßgeblichen Einflüsse für im Geiste verwandte Künstler wie die Sheffielder Warp-Pioniere Autechre geworden.
Gegründet wurde Coil 1983 in London, zunächst als Soloprojekt von John Balance. Doch schon nach einem Jahr erhielt Balance Unterstützung von Peter Christopherson, der in den Jahren davor als Gründungsmitglied von Throbbing Gristle und Psychic TV bereits eine beachtliche musikalische Karriere hinter sich hatte. Peter Christopherson und John Balance sollten zum festen Kern von Coil werden, der 1986 um Stephen Thrower erweitert wurde und um den sich dann für viele Coil-Veröffentlichungen eine illustre Schar von Gastmusikern sammelte. Die einflussreichsten unter ihnen waren Gavin Friday von der irischen Gruftband The Virgin Prunes, Marc Almond vom englischen Synthiepopduo Soft Cell oder Jim "Foetus" Thirlwell und Boyd Rice, die mit dafür sorgten, dass sich Coil ständig veränderten und sich einer Kategorisierung weitgehend entzogen haben: bis zum heutigen Tag.
Nach ihrer Debutmaxi "How To Destroy Angels" 1984, erregten sie erstmals mit einer düster-zähen Version des Soft Cell-Hits "Tainted Love" Aufsehen, dessen Videoclip mit Marc Almond in der Rolle des Todesengels zwar von allen Fernsehsendern mit einem Bann belegt wurde, dafür aber den Weg ins Museum of Modern Art in New York fand. Die Verschmelzung von Musik und Film prägte auch weitere Projekte von Coil, zum Beispiel mit dem bekannten englischen Experimentalfilmer Derek Jarman, für den sie eine Reihe von Soundtracks komponierten, unter anderem zu dessen Film "Blue", der auf der Bildebene lediglich ein monochoromes Farbtableau beinhaltet, das mit Sounds und Dialogen kontrastiert und ergänzt wird.
Waren die frühen Alben "Scatology" und "Horse Rotorvator" teils dem geräusch-orientierten Industrialbackground verhaftet, teils dunkel orchestral instrumentiert, so gewann ab Ende der 80er Jahre das elektronische Experimentieren stärkeren Einfluss auf die Arbeit von Coil. Ein beeindruckendes Zeugnis davon legt die LP "Love's Secret Domain" von 1991 ab, die den Einfluß der Acid-House-Bewegung auf Balance und Christopherson reflektierte und gleichzeitig neue Maßstäbe in der elektronischen Musik setzte. In den 90er Jahren folgten eine Reihe von Compilations (Unnatural History I-III), die hauptsächlich älteres Material enthielten, bis mit "Black Light District: A Thousand Lights in a Darkened Room" 1997 ein neuer superdepressiver Longplayer das Licht der Welt erblickte.
Einzige Konstante in ihrem Schaffen bildete neben der äußerst düsteren Grundstimmung, die sich in allen ihren Werken wiederfinden lässt, ihre Affinität zu Soundcollagen und damit zur Filmmusik, die sie unter anderem dazu veranlasste, einen Soundtrack für den Horrorklassiker "Hellraiser" zu komponieren, den Clive Barker, der Regisseur, eben aufgrund seines zu dunklen und bedrohlichen Charakters ablehnen musste; obwohl er selbst den Soundtrack als Meisterwerk zeitgenössischer Kompositionskunst bezeichnete.
Ende der 90er Jahre folgten dann noch eine Reihe von Remixarbeiten unter anderem für die CD "Further Down the Spiral" von Trent Reznors Nine Inch Nails, der die Klangexperimente von Coil ebenfalls zu seinen prägenden musikalischen Einflüssen zählt. Sehr zur Freude ihrer Fans sind Coil kurz vor Ende des Jahrtausends dann auch wieder auf der Bühne zu sehen.
Besucher dieser Shows dürfen sich glücklich schätzen, da sie damit die letzten Konzerte der Experimental-Musiker zu Gesicht bekommen haben. Denn am 13. November 2004 verstirbt John Balance bei einem Sturz in seinem Haus an schweren Kopfverletzungen. Wie die Band auf ihrer Internetseite bekannt gibt, fand Peter Christopherson seinen Partner Balance bewusstlos am Boden liegend. Er wurde 42 Jahre alt.
John Balance und Peter Christopherson gehören seit den frühen 80er Jahren zu den experimentellsten Musikern, die das Vereinigte Königreich hervor gebracht hat. Kein Stil ist ihnen eigen; sie sind einfach Coil.
Vielleicht gerade deshalb dauerte es beinahe 20 Jahre, bis Coil ihre Ideen nun endlich auch als Live Performance umsetzen können. Vor ihrem Gig in der Roten Fabrik in Zürich unterhielten sich Peter Christopherson, John Balance und Simon Noris mit LAUT über ihre Zeit bei Psychic TV, ihre aktuelle Tournee und ihre exzessive Beziehung zu Marc Almond.
Ihr habt eure Europatournee vor zwei Tagen in Limoges gestartet. Wie war der Gig? Wie hat das Publikum auf das neue Programm reagiert?
John: Es war ein guter Gig glaube ich. Aber was ist eigentlich passiert in Limoges?
Peter: Hat nicht jemand was dazwischen gerufen während dem Konzert?
John: Nein, ich glaube nicht. Weißt du, wenn du auf Tour gehst, verlierst du einfach deinen Kopf. Es funktioniert dann alles automatisch. Jemand sagt was und ich reime mir die Lyrics dann oft spontan zusammen. Hinterher hört man sich das an und kann sich gar nicht mehr daran erinnern. Deshalb muss ein bisschen länger nachdenken, wenn du mir so eine Frage stellst. Aber es waren beides sehr gute Konzerte.
Ihr seit sehr lange nicht live aufgetreten. Was war es, das euch nach beinahe 20 Jahren wieder auf eine Bühne gebracht hat?
John: Es gibt einige Gründe, die uns dazu bewogen haben. Wir haben immer gesagt, dass wir auf die richtige Technik warten, um unsere Ideen umsetzen zu können. Wir hatten sehr komplexe und weit entwickelte Ideen darüber, wie unsere Musik, die Projektionen, wir benutzen live Videoprojektionen, und die Sachen, die wir auf der Bühne anhaben, sich zusammen fügen sollten zu einem stimmigen Bild. Und es war bis vor fünf Jahren einfach nicht möglich, unsere Ideen live umzusetzen. Deshalb brauchten wir eigentlich gar keine Entschuldigung, um nicht zu spielen. Aber vor einiger Zeit ist mir dann auch bewusst geworden, wie alt wir werden. Schau Peter und mich an.
Simon: Ich bin noch jung. Ich bin erst 36. (lacht)
John: (lacht) Das ist ziemlich jung. Aber ernsthaft. Mir wurde bewusst, dass ich etwas an das Publikum, die Fans zurück geben wollte und der einfachste Weg dies zu tun war live zu spielen, auch wenn mir dabei nicht ganz wohl war. Ich war überrascht, wie gut es mir dann auch der Bühne gefiel.
Es war also eine gute Erfahrung für dich?
John: Ja, eine sehr gute Erfahrung.
Werdet ihr heute wieder die gleichen Songs spielen wie im letzten Jahr?
John: Nein, es werden andere Songs sein. Wir spielen ein komplett neues Set. Coil auf Platte hat so viele verschiedene Stile, dass wir für jede Tour ein anderes Programm spielen können. Mit unserem Selbstbewusstsein, das ein bisschen, nein eigentlich stark gewachsen ist, können wir auch feinsinnigere oder raffiniertere Performances machen. Die ersten Konzerte waren mehr so eine Art Geräuschbombardement für Kopf, Ohren und den Körper.
Dann werdet ihr heute melodiösere Töne anschlagen?
John: Ja teilweise. Wir haben Cliff Stapelton mit auf Tour, der Drehleier spielt...
Ist er mit Steven Stapelton von Nurse With Wound verwandt?
John: Nein, nein...und wir haben noch Michael York dabei der Dudelsack spielt. Wir haben sie erst kürzlich kennen gelernt. Unser anderes Mitglied Thipaulsandra, der gerade mit Spiritualized auf Tour ist, hat uns gezwungen nach neuen Leuten Ausschau zu halten mit denen wir arbeiten können. Erst dachte ich, dass dies etwas Schreckliches sein würde und habe ihn verflucht und gehasst. Aber dann habe ich begriffen, dass dies ein guter Anlass ist, um sich wieder zu verändern. Deshalb arbeiten wir jetzt mit neuen Leuten zusammen.
Ihr werdet also auch richtige Instrumente benutzen, nicht nur Synthesizer?
John: Ja, ich wollte das schon lange wieder machen. Seit "Horse Rotorvator" eigentlich. Zu einigen der Melodien auf "Horse Rotorvator" wurden wir von mittelalterlichen arabischen und andalusischen Stücken inspiriert. Also ziemlich frühe Musik. Und ich wollte immer etwas aus traditioneller englischer Musik, kombiniert mit arabischen Elementen, machen. Aber mit den richtigen Instrumenten, nicht nur mit Samples. Und jetzt können wir das endlich machen.
Ich bin nur etwas überrascht, denn eure vor kurzem veröffentliche Platte "Time Machines" ist ja durch und durch synthetisch.
John: Das machen wir schon auch noch, aber jetzt können wir eben beides machen.
Kommen wir mal auf die Anfangstage von Coil zu sprechen. Wie habt ihr euch beide kennengelernt?
Peter: Ich habe damals in den 70ern in einer Band gespielt, die Throbbing Gristle hieß. Und immer wenn es eine Gelegenheit jemanden aus dem Publikum heraus zu greifen und richtig zu verwirren, dann habe ich das getan. John war einer jener Schuljungen, die zu unseren Konzerten kamen. Ich glaube du warst 16, als du zum ersten Mal auf einem Throbbing Gristle Konzert warst.
John: Wahrscheinlich 17. An der Grenze der Legalität. (lacht)
Peter: So ist es mir gelungen ihn zu hypnotisieren...
John:..., so dass ich dir überall hin folge und mache was du willst.
Peter: Leider hat er es in den 20 Jahren seither geschafft den Spieß umzudrehen. Jetzt arbeite ich für ihn.
John: Jetzt machst du, was ich will. (lacht)
Es war also mehr als nur das gemeinsame Interesse an der Musik?
John: Ja, das Interesse für den anderen, als Person. Ich erinnere mich, wie ich eine Throbbing Gristle Platte gekauft habe ... Nein, ich habe sie nicht gekauft, die Band hat sie mir geschickt ... es war "20 Jazz Funk Greats" mit Peter auf dem Cover. Und ich dachte mir hier stimmt irgendwas nicht. Meine damalige Freundin Lucy meinte, ich würde ihm den Kopf verdrehen. Ich dachte, so geht es mir auch. Es ist interessant, wie man sich in eine Photographie verlieben kann und trotzdem einen Eindruck von der Persönlichkeit bekommt. Das war bevor ich die dunklen und bösen Abgründe seiner Gedankenwelt kannte (alle lachen). Das Chaos, das er verursacht, die Ordnung, die er schafft ... Das passiert, wenn man zwanzig Jahre mit jemanden zusammenlebt.
Ich habe gehört, dass ihr große Kunstfans seid. Was für Kunst sammelt ihr?
John: Okkulte Kunst, wie zum Beispiel Bilder von Aleister Crowley, Bilder von Ausman Ostin Square. Ich kaufe auch zeitgenössische britische Kunst, aber wir sind sehr wählerisch in dieser Beziehung. Seit wir aus London weg gezogen sind, kennen wir über Freunde einige der berühmten Leute. Aber um richtig Kontakt zu haben muss man eben am sozialen Leben teilnehmen, und da wir nicht mehr in London wohnen, ist das schwierig. Deshalb verpassen wir einiges. Aber Isolation ist an sich gut.
Peter: Man kann es aber auch übertreiben?
John: Ja, das stimmt...
Peter: John hat das Haus drei Jahre lang nicht verlassen.
Macht ihr Scherze?
John: Nein, wirklich.
Peter: Ein sehr scheuer Mensch.
Was hast du dann die ganze Zeit gemacht?
John: Aus dem Fenster geschaut. (alle lachen)
Im nachhinein erscheint einem London zu Beginn der 80er als ein idealer Ort, um Musik zu machen. David Tibet wohnte dort genauso wie Marc Almond oder Genesis P’Orridge und andere. Was war es, das so viele kreative Köpfe nach London zog?
John: Ich weiß nicht, was daran so speziell war. Es war eher so, dass es im Rest von England zu dieser Zeit ziemlich langweilig war. Es war sehr demoralisierend für jeden, der irgendeine künstlerische Vision hatte. Die Menschen zieht es eben immer dahin, wo sie glauben, dass etwas passiert. Und Punk war eben eine Sache der Großstädte, wie London, Glasgow, Manchester oder Leeds, wo Marc seine Karriere begonnen hat. Schließlich waren auch die ganzen Plattenfirmen da, was für viele Leute auch ein Anreiz war nach London zu ziehen. Ich bin nach London gezogen, weil ich näher an den Throbbing Gristle und Cabaret Voltaire Leuten sein wollte. Außerdem hatte Some Bizarre eine lebendige Szene mit Einstürzende Neubauten, Matt Johnson, The The, Soft Cell, Psychic TV. Ich traf Marc damals, weil wir viel mit Psychic TV rumhingen. Du hast auch Dave Tibet erwähnt, der zur selben Zeit wie ich nach London gezogen ist. Steven Stapelton hat schon dort gewohnt. Er ist aus London. Wir trafen uns in einem Club, wo extremer Elektroniksound a la Whitehouse gespielt wurde. Es gab 1982 einen Event, der Equinox hieß. Dort trafen sich alle Leute, die später dann auch selbst Musik gemacht haben. Jim Thirlwell war da, John Goslin und die Psychic TV Leute.
Habt ihr heute noch Kontakt zu den Leuten?
John: Mit Dave Tibet bin ich in ständigem Kontakt.
Mit Marc Almond auch nehme ich an...
John: Nein, nicht so sehr eigentlich...
Aber es gab doch eine Zeit in der ihr sehr intensiv zusammengearbeitet habt.
John: Ja, wir haben viele Sachen gemacht und wir sind auch noch sehr gut befreundet, aber er reist sehr viel und wir reisen sehr viel und ab und zu treffen wir uns. Als wir in London gelebt haben waren wir sehr, sehr enge Freunde. Aber wir hatten irgendwann einmal zu viele seltsame Drogenerfahrungen. Wenn wir so weiter gemacht hätten wie damals, dann hätten wir Marc Almond umgebracht oder Marc Almond hätte uns umgebracht (lacht). Es wäre ein Doppelmord oder ein Doppelselbstmord gewesen. Wir haben uns dann entschlossen, eine gesunde Distanz zu wahren, zumindest für einige Zeit. Aber wir würden gerne wieder mit ihm arbeiten. Das phantastische an guten Freunden ist, dass ein Türspalt immer offen steht.
Simon: Das Vertrauen zu haben auch nach einem Jahr ohne Kontakt zurückkommen zu können ohne das Gefühl zu haben, dass der Freundschaft etwas fehlt. Du fängst einfach an einer neuen Stelle an und baust auf den alten Erfahrungen auf.
Warum hast du Coil gegründet, was wollest du mit diesem Projekt erreichen im Gegensatz zu deiner Mitarbeit bei Psychic TV?
Peter: Die Freiheit auf kommerzielle Überlegungen oder überhaupt auf Überlegungen, die andere Leute an dich herantragen, keine Rücksicht nehmen zu müssen. Die Egos der anderen ignorieren zu können.
John: Wessen Egos?
Peter: Eben die Egos all der Leute mit denen wir zu der Zeit zusammen gearbeitet haben. John und ich haben Coil gegründet, weil wir die Möglichkeit haben wollten alles zu tun. Ohne jede Begrenzung. Die einzigen Begrenzungen, die wir bis jetzt hatten waren entweder technischer Natur oder kreativer Natur, was aber beides keine wirklichen Grenzen sind. Deshalb haben wir Coil gegründet haben.
John: Deshalb haben wir Coil gegründet. Schon seit dem Teenageralter hatte ich immer eine Vision, dass ich Musik machen würde, die ich noch nie davor gehört habe. Das war was ich machen wollte. Ich hörte damals sehr schräge experimentelle Musik und ich wollte etwas machen, das noch niemand gehört hatte. Etwas, das ich machen konnte.
Ging es dir darum, die Kontrolle über die Musik zu haben?
John: Nein, nicht unbedingt. (Peter lacht). Eine Sekunde. Es ist nicht ganz einfach die kreative Motivation zu analysieren. Alles was ich weiß ist, dass ich es sehr stark in mir fühle. Wir fühlen es sehr stark in uns.
Es war also mehr die grundsätzliche Freiheit die du gesucht hast?
John: Zum Teil ja. Aber ich hatte auch bei Psychic TV alle Freiheit. Nur wurden dort die Ideen von vielen Leuten verwendet, ohne dass dieser Input auch entsprechend honoriert wurde. Das hat mich angenervt. Aber es war nicht wirklich der Grund warum ich Coil gegründet habe, denn es gab eine Zeit als Psychic TV und Coil perfekt zusammengearbeitet haben. Kein Wettbewerb, es ist nur sehr verschieden. Coil ist, was ich machen möchte.
Siehst du Coil primär als Band an oder hast du ein weiteres Konzept, da ihr ja auch immer viel mit Visuals arbeitet?
John: Ein Freund und Journalist, Ian Pennman, der für The Wire arbeitet, sagte einmal in einem Jahrespoll, in dem es um die Tops und Flops des Jahres ging: Top des Jahres: Coil, alles andere ist nur Musik. Das impliziert, dass Coil immer mehr waren. Ein Sprungbrett für Ideen. Aber nicht notwendigerweise nur für Musik. Wir benutzen Musik und Bilder und uns selbst. Wir möchten jedoch mehr hohe Kunst machen. Gemälde, Skulpturen, Objekte, die eine Ähnlichkeit zur Musik von Coil haben. Coil Schallplatten, das sind alles Objekte.
Auf eurer Homepage schreibt ihr, dass "Love's Secret Domain" das Ergebnis einer "MDMA fueled" Session war. Glaubt ihr, dass Drogenerfahrungen es dem Zuhörer leichter machen, sich auf eure Musik einzulassen?
John: Hmmm, nein nicht notwendigerweise. Es kommt vielmehr darauf an wie die Gehirne der Leute funktionieren. Mein Gehirn funktioniert nicht auf die gleiche Weise wie Simons oder Peters, weil wir alle unsere eigene "chemische Geschichte" haben. Ich glaube jeder hat so eine Geschichte. Ich habe sehr sehr viele psychedelische Drogen und Speed genommen, Simon hat sehr viel Speed gezogen. Deshalb ist jedes Gehirn verschieden gepolt. Wir können nicht diktieren oder beeinflussen, wie jemand unsere Musik erfährt.
Ihr hattet also nicht unbedingt bei der Aufnahme schon an den Zuhörer gedacht?
John: Doch irgendwie schon. Aber es ist nicht so, dass wir sagen, für dieses Album solltest du diese Droge nehmen und für ein anderes Album jene Droge. Drogen sind mehr dazu da uns in Schwung zu bringen, uns kreativ werden zu lassen. Aber manchmal können Drogen auch enorme Blockaden auslösen.
Ihr habt auch das Stück "Rush" von Depeche Mode geremixt. Wisst ihr, warum der Remix nie veröffentlicht wurde?
John: Er ist zu gut für sie. (lacht)
Wer kam auf die Idee, bei euch um einen Remix anzufragen?
John: Wir haben sie gefragt, weil wir von Mute bemustert werden und uns "Songs Of Faith And Devotion" sehr gut gefallen hat. Wir hatten zu der Zeit nur für Nine Inch Nails Remixe gemacht. Alles war noch sehr neu für uns und wir waren einfach in Stimmung, um Remixe zu machen. So haben wir dann Depeche Mode geremixt, aber ich weiß nicht warum es den Leuten bei Mute nicht gefallen hat. Sie fragen immer bei vielen Leuten an und verwenden dann nur einen Bruchteil. Die können sich das leisten. Außerdem wollen sie immer am Zahn der Zeit sein, vielleicht sind wir ja schon darüber hinaus geschossen.
Fühlt ihr euch geehrt oder in eurem Schaffen bestätigt, wenn anerkannte Institutionen im Kunstbetrieb wie das Museum of Modern Art in New York eure Werke kaufen (Das MoMa in New York besitzt eine Kopie von Coils "Tainted Love" Video, Anm. d. Red.)?
John: Ja, ich wünschte, das würde öfters vorkommen. (lacht) Sie sollten viel mehr von unseren Sachen kaufen. Aber wir haben ein gespaltenes Verhältnis zur Kunstszene. In der White Chapel Gallery, einer der größten Galerien in London, hat man uns angeboten für eine Woche eine Installation zu machen. Wir hatten schon große Pläne für diese Ausstellung, aber wegen irgendwelcher dummer technischer Probleme wurde daraus nichts. Aber vielleicht bekommen wir ja noch eine zweite Chance. Viele unserer Freunde haben es besser raus an finanzielle Unterstützung zu kommen. Wir sind aber noch nicht so weit, weil wir viel zu sehr mit unserer Arbeit beschäftigt sind.
Malst du eigentlich auch?
John: Ja, aber das ist zu verrückt und chaotisch, um es auszustellen. Ich verschenke sie lediglich an Freunde. Simon hat auch einige. Ich male viele Geister. Geister von Tieren oder Bäumen oder Tischen oder Pyjamas...Geister von allem möglichen. Oder aber auch "Astral Landscapes", wie ich sie nenne.
Simon: Wir malen viele Bilder zusammen. Das funktioniert dann so ähnlich, wie das automatische Zeichnen oder Malen der Surrealisten.
John: Wir waren einmal einen Urlaub in einer waldreichen Gegend gemacht und abends sind wir dann um das Feuer gesessen und haben mit geschlossenen Augen gemalt. So haben wir uns den Geistern der Bäume und Eulen angenähert. Simon hat die Bilder, die ich angefangen habe weiter gemalt und alles mit geschlossenen Augen. Ein gemeinsames automatisches Bild. Dann haben wir sie für eine Weile versteckt, um danach noch einmal an den Bildern zu arbeiten. Es macht viel Spaß.
Interessiert ihr euch auch für elektronische Musik, wie Techno? Geht ihr noch in Clubs?
John: Nein, nicht mehr. Wir sind 1987 auf Acid House abgefahren. Das war, bevor es ein Jahr später in den Zeitungen so groß rauskam. Zu jener Zeit hatten wir uns schon schwindlig oder zu Tode getanzt. Aber so um 1990 war das ganze schon vorbei für uns. Aber die ganzen Erfahrungen auf Ecstasy neue Bewusstseinszustände zu erreichen ist immer noch sehr aufregend. Aber die Musik wurde von 1990 an nur noch repetitiv, deshalb haben wir das Interesse verloren. Wir haben zur Zeit von "Horse Rotorvator" viel Dance Music gehört, aber gleichzeitig auch sicher gestellt, dass beides getrennt voneinander blieb. Was wir uns privat anhören unterscheidet sich sehr stark von dem was wir produzieren.
Was kommt denn bei euch zu Hause in den CD Spieler?
John: Wir hatten ein Jahr, in dem wir viel Musique Concrète gehört haben. Sachen von Francois Bayle, Karl-Heinz Stockhausen uns solche Leute, die von der ersten Stunde an dabei waren. Viele Leute haben uns gesagt ihr klingt ein bisschen nach Stockhausen und so, deshalb sind wir neugierig geworden.
Ach, ihr kanntet Stockhausen und Musique Concrète gar nicht?
John: Nein, davor überhaupt nicht. Simon hat da schon früher eine Bezug dazu gehabt.
Simon: Ja, ich habe das auch früher schon gehört. Aber es war erst in den letzten Jahren, dass wir uns richtig damit beschäftigt haben.
John: Seitdem ich aufgehört habe ... Ich weiß nicht wie ich das sagen soll, aber man muss sehr vorsichtig sein mit dem, was man an seine Ohren heran lässt als Musiker, weil einen alles irgendwie beeinflussen kann. Wir unternehmen große Anstrengungen, um uns so wenig wie möglich beeinflussen zu lassen. Die beste Art und Weise das zu tun ist sich eine Musikrichtung zu suchen, die ein bisschen vernachlässigt wird, wie zum Beispiel Musique Concrète und sich mit solcher Musik zu umgeben. Das wirkt dann wie eine Art Isolierschicht gegen all den Müll, den es gibt. Wir hören auch klassische Musik. Oder einfach abgedrehtes Zeug. Was ist das noch, was du immer hörst?
Peter: Eine Art Acid-Dancehall.
John: Acid-Mutant-Dub-Monster-Atari-Teenage-Riot meets Lee-Scratch-Perry-Kind-Of-Thing. Das ist großartige Musik. Ab und zu muss man sich mit solchen Sachen reinigen. Wir haben auch schon immer ethnische Musik, World Music gehört, noch bevor es überhaupt so geheißen hat. Wir haben eine große Sammlung an Inuit Musik und ähnliches Zeug. Captain Beefheart bringt dich immer wieder in die Realität zurück.
Peter: Zurück in seine Realität. (alle lachen)
John: Wir sind ein Teil seiner Realität. Aber solche Sachen spiegeln sich kaum in unserer Musik wider. Pan Sonic zum Beispiel hört die ganze Zeit Rockabilly Musik. Das sind die geheimen Musikhörgewohnheiten.
Ich habe gelesen, dass ihr "Scatology", "Horse Rotorvator" und "Love’s Secret Domain" zusammen mit einer Remix 12" rausbringen werdet. Stimmt das?
John: Jam, wir werden das als Vinylboxset veröffentlichen mit Remixes von Autechre und Tony Child aka Surgeon...
Peter:...und noch irgendein anderer Remix, an den ich mich gerade nicht erinnern kann.
John: Beides sind Acts, die ich sehr gerne mag. Autechre haben "Panic" auseinander genommen und Tony hat ... Was hat Tony doch gleich gemacht? Ich kann mich nicht genau erinnern, aber es war etwas außergewöhnliches. Außerdem ist auch eine sehr interessante Band vertreten, die sich Left Hand Path nennen und auch einen Remix beisteuern werden. Ich wollte eigentlich auch Boards Of Canada fragen mit denen wir befreundet sind. Zusätzlich zur Tour haben wir auch eine CD-R aufgenommen, die "The Remote Viewer" heißt und eine special limited edition ist. Es sehr psychedelisch und repetitiv, aber auch sehr schön. Wir haben die Drehleier verwendet, genauso wie den Dudelsack und verschobene elektronische Geräusche. Und es wird nach der Tour rereleased mit komplett neuer Musik darauf und neuen Lyrics.
Vielen Dank für das Interview.
Vor ihrem Konzert im Frankfurter Mousonturm trafen sich Genesis P-Orridge, Larry Thrasher und Bryin Dall, die derzeit unter dem Projektnamen Thee Majesty zusammen arbeiten mit den LAUT-Redakteuren Michael Schuh und Daniel Straub zum gemütlichen Plausch auf nicht immer ganz luftigen Sesseln. Nur keine Bange: Das Interview ist lang, aber es lohnt die Mühe (des Lesens).
Die letzten Eurer Projekte Mitte der 90er Jahre, von denen wir gehört haben, waren allesamt sehr technoid. Seid Ihr daran im Moment noch interessiert, oder ist das ein abgeschlossenes Kapitel?
Genesis P-Orridge: Ein absolut geschlossenes Kapitel. Mir gefällt DJ-Musik auch gar nicht. Dir vielleicht? (Frage an Larry)
Larry: Ich habe viele Freunde die DJs sind.
Gen: Oh, ich auch.
Aber im Moment sind Lesungen mit musikalischer Begleitung ein größere Herausforderung für Euch?
Larry: Ich glaube, daß die Spoken Word-Performances noch in den Kinderschuhen stecken. Sie bieten einem viel Raum sich zu entwickeln. Die Leute in Amerika bringen solchen Sachen inzwischen sehr viel Aufmerksamkeit entgegen. Aber wenn ich an den Auftritt von Thee Majesty in der Royal Festival Hall denke (Auftritt im April 1999), dort gab es viele Passagen, wo nur Genesis zu hören war, ohne Sound. Die Stille war der Sound, aber die Leute schienen nicht ganz zu verstehen, daß dies ein Teil der Performance war. Einige Leute zumindest. Aber es gab auch viele Zwischenrufe, wo die Leute sich eingebracht haben. Genesis liebt das natürlich und benutzt dieses Feedback auch. Das ist sehr interessant.
Der Prozeß, das Erforschen ist für Euch also sehr wichtig?
Larry: Wir fühlen uns bei unserer Arbeit, als ob wir die Unendlichkeit zum Leben erweckt hätten.
Gen: Auf eine gewisse Art ist es sehr einfach. Eine meiner Aufgaben ist es Ideen zu haben. Ich bin ein Ideen-Mensch. Aber wenn ich eine Idee zum Leben erweckt habe, dann ist sie weg. Der Samen ist gepflanzt und es ist nicht meine Aufgabe, den Grundgedanken auszubauen und ihn in all den verschiedenen Richtungen zu erforschen. Ich bin nicht gegen die Erforschung, aber meine Leidenschaft sind Ideen. Das Verdrehen einer bekannten Idee, um etwas Neues zu finden oder versuchen etwas Neues zu finden. Ich habe mich drei Jahre von der Musik-Musik und Techno gelöst, weil es so schien, als ob Techno, ohne mein Zutun, passieren musste. Überall auf der Welt schien dasselbe zu passieren, ich mußte mich daran nicht mehr beteiligen. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, der Idee zum fanatischen Durchbruch zu verhelfen. Ich habe kein Problem mit dem, was die Leute aus dieser Idee gemacht haben; einiges ist wirklich erstaunlich. Mir gefällt es, daß die Leute zusammenkommen und "tribal experiences" haben.
Ich war 1984/85 in dieser Szene und ich bin der Meinung, daß kein Künstler zehn oder fünfzehn Jahre später immer noch das gleiche machen sollte. Meine Aufgabe ist es, zu überlegen, was sonst können wir noch tun? Das kann alles sein, es muß mich nur begeistern. Ich habe mir also die Zeit genommen und meine Liebe für Wörter neuentdeckt. Die Art und Weise, wie Wörter funktionieren hat mich schon immer fasziniert. Die Macht, die von Worten ausgeht. Der Gedanke, daß jedes Wort ein Samen ist, eine Idee. Wenn es ausgesprochen wird hat es ein Leben. Es ist nicht das Leben, welches ich ihm gab. Das hat mich an Brian Gysin, den Beatnik-Schriftsteller erinnert, der ein Gedicht geschrieben hatte, dessen zentrale Aussage war: Dichter besitzen keine Worte. Als er mir das vor zwanzig Jahren zum ersten Mal erzählt hat, dachte ich, das hört sich schlau an, aber es machte damals wenig Sinn für mich. Ich habe es nicht verstanden. Jetzt verstehe ich was er meinte. Wörter gehören sich selbst, sie sind lebendig. Sie haben ihr eigenes
Geschlecht und sie können Sachen machen, die wir uns gar nicht vorstellen können. Der Dichter gibt den Wörtern das Leben, er läßt sie frei und dann haben uns diese Wörter etwas mitzuteilen, als Lebewesen. Diese Wörter gehören nicht mir, genausowenig wie die Kunst mir gehört. Selbst wenn ich ein Bild malen würde, das Euch gefällt, so wäre es nicht mein Bild. Ich gebe nur etwas das Leben, das von wo anders kommt.
Was ist dann Deine Inspiration?
Gen: Ich habe nicht einmal eine Inspiration. Ich versuche an Nichts zu denken und die Wörter hervorkommen zu lassen. Ich versuche mir der Idee bewußt zu werden, etwas nicht menschliches zu sein. Die Idee, daß jeder Körper eines Menschen lediglich ein Container für ein Lebewesen ist, das größer, göttlicher und fantastischer ist, als dasjenige, welches wir uns vorstellen. Wir fangen an aufzuwachen, zu denken, zu lernen, wie verschiedene unerwartete Kombinationen von Wörtern und Gefühlen langsam die Verbindung zum einst Unglaublichen und Göttlichen aufbauen.
Die Erde hier ist ein Ort zum Lernen, zum Geschehen lassen. Und die einzige Möglichkeit Kunst zu schaffen ist, sich mit dem Göttlichen wieder zu verbinden. Dazu wurde die Kunst ursprünglich erfunden. Aus dieser Erkenntnis ist Thee Majesty entstanden. Der Grund warum ich mit Larry und Bryin zusammenarbeite ist, daß ich instinktiv weiß, daß sie genauso an die Kunst herangehen. Larry arbeitet aus diesem Grund mit Sound und Rhythmus und Bryin arbeitet mit reinem Sound und einer Gitarre. Er spielt nicht Gitarre-Gitarre. Er spielt Sounds, die sich zufällig oder absichtlich mit meinen Wörtern verbinden. Das sind dann nicht mehr wir, es ist etwas anderes. Das ist das Wesen von Thee Majesty. Es ist beinahe eine Rückkehr zu den Wurzeln der Kunst.
Siehst Du Dich dann eher als einen Dichter, Philosophen, Musiker oder alles zusammen?
Gen: Alles zusammen, mindestens. (grinst) Ja absolut. Mir kam vor einigen Tagen ein Begriff in den Sinn. Was wir machen ist "expanded poetry". Es vielleicht der nächste Schritt, der auf die Beatnik-Gedichte folgt. Es ist Neo-Beatnik. "Expanded poetry" mit Sound, visueller Begleitung und Wörtern. Auf eine gewisse Art ist das was wir machen eine Meditation und wir sind genauso erstaunt, gelangweilt oder fasziniert von dem was passiert, wie jeder andere. Wir wissen es nicht was passiert. Was mir an Musik gefällt ist, wenn ich aufwache und denke: Das war wirklich eine Überraschung. An den besten Abenden mit Thee Majesty gehe ich von der Bühne und denke: was hat er gerade gesagt, so als ob es jemand anders gewesen wäre und nicht ich. Das ist immer fantastisch. Wenn du glaubst es war jemand anders und nicht das Medium, für das du dich hältst. Der Gedanke ein Schema zu haben, blieb mir immer rätselhaft.
Ich habe in einem Buch gelesen, daß Du vor einigen Jahren in einem Transvestitenclub in Hamburg die Sauna besucht hast und nach einer Weile wurden deine Piercings (Gen hat mehrere Dutzend Piercings am ganzen Körper; Anm. d. Red.)so heiß, daß Du zur Abkühlung ins Eiswasser gesprungen bist und dann die Piercings entfernen mußtest. Stimmt das?
Gen: (lacht) Oh, das ist eine verrückte Geschichte, aber nur ein Gerücht. Es ist absolut falsch. Eine großartige Geschichte. Aber ich habe noch alle Piercings. Ich werde sie jedoch nicht rausholen, um das zu beweisen.(alle lachen) Du hast mich heute schon nackt gesehen, richtig? (Wendet sich an Bryin) Ich habe sie immer noch.
Bryin: Das ist richtig. Wenn Du mit Gen auf Tour bist, wirst du morgens sehen, daß er sehr lebhaft und total nackt ist; und ja, er hat alle seine Piercings.
Gen: Ja, und nach dem Aufstehen mache ich meine körperlichen Übungen mit tausend Wiederholungen. Dann meditiere ich. Ich bin sehr diszipliniert.
Nimmst Du auch keine Drogen mehr?
Gen: Das würde ich nie sagen. (lacht) Ich denke, daß psychedelische Drogen ihren Platz in meinem Leben haben. Das trifft nicht für jeden zu, aber in meinem Leben werden Drogen weiterhin nützlich bleiben. Man sollte aber nichts zur Gewohnheit werden lassen. Man sollte aber immer offen sein für alles, das einen an etwas erinnert, das mehr als nur menschlich ist. Verschiedene Leute machen das auf verschiedene Art und Weise. Drogen helfen mir, ab und zu das körperliche Selbst zu vergessen und mich an das Göttliche zu erinnern. Das ist immer eine gute Sache. Aber ich würde niemals empfehlen, daß jeder das so tun sollte.
Mein Leben ist meine eigene Erkundungsreise und ich kann nur hoffen, daß die Ergebnisse davon für andere Leute von Nutzen sind. Larry hat seine Weg dasselbe zu erreichen und Bryin auch. Jeder der denken kann und einen wachen Geist hat, findet seinen Weg. Das Wichtigste ist zu erkennen, daß nur Mensch zu sein nicht genug ist. Das ist der erste Schritt: geboren zu werden und zu bemerken, daß man einen Körper hat. Der zweite Schritt ist zu fragen: Ist das genug oder warum bin ich in diesem Körper? Und wenn man sich das gefragt hat, sucht man nach Wegen sich vorzustellen oder zu sehen, auch wenn es nur für einen Moment ist, was alles möglich sein könnte. Woher wir wirklich kommen. Was unsere eigentliche Bestimmung wäre. Von dort aus findet man dann seinen eigenen Weg.
Was möchtest Du in Deinem Leben erreichen?
Gen: In diesem Leben? Es wäre schön, einen Satz oder ein Wort zu schreiben, das nützlich ist für andere Leute. Nur ein Teil davon zu sein, was anderen Leuten nützlich ist, so daß der Wert ihres Lebens erhöht wird und sie auf ihrem Weg weitergehen können. Was immer Weisheit auch sein möge. Ich wünsche mir ein kleines Stück davon zu entdecken, nur für mich selbst, so daß ich nicht so dumm sterben muß, wie ich geboren wurde. (lacht) Einfache Dinge. Es ist die Hoffnung nicht dumm zu sterben und daß man lernt, dabei keine anderen Leute zu verletzen. Das ist alles.
Was haltet Ihr vom Internet. Benutzt Ihr es viel?
Bryin: Warum? Hast Du mich schon mal in einem Chatroom gesehen? (lacht)
Gen: Ich muss kurz weg, ich komme gleich wieder.
Bryin: Ich benutze es wirklich sehr viel.
Nur um Deine Mails zu checken?
Bryin: Nein, nein. Ich benutzte es die ganze Zeit, um Informationen zu sammeln. Natürlich auch, um die Mails zu checken. Aber die meiste Zeit um Informationen zu suchen. Manchmal gehe ich sogar in Chatrooms.
Larry: Ich war noch nie in einem Chatroom. Ich habe das noch nie gemacht. Aber für mich ist es ganz offensichtlich das neue Medium.
Bryin: Ich habe mich über das Internet schon mit Leuten verabredet. Ich trinke keinen Alkohol und ich hasse es, meine Zeit in Bars oder Clubs zu verschwenden. Da ich nicht trinke, muß ich in New York vier oder fünf Dollar für eine Cola bezahlen. Zudem höre ich in den Clubs Musik, die ich wirklich nicht mag und treffe eine Menge Leute, die auf ihrem Film sind. Ich finde es sehr spannend, etwas über eine Person zu lernen, ohne ein körperliches Bild vor sich zu haben. Versteht Ihr was ich meine? Wenn ich jemanden treffe, habe ich immer einen ersten Eindruck, der mich dann eine Weile prägt. Ich genieße es, die Person kennen zu lernen, die die Person im Inneren ist, bevor ich denjenigen dann auch körperlich treffe.
Larry: Das ist cool. Es ist sehr schön, weil es nur um mich und eine andere Person geht, wie es nicht möglich wäre, wenn man sich gleich treffen würde.
Bryin: Und man könnte so etwas nicht ohne das Internet machen. Auch im Internet haben die Leute eine Persönlichkeit.
Könntet ihr euch vorstellen Material im Internet zu veröffentlichen?
Larry: Das ist sehr interessant. Und sehr wenige Leute nur wissen
wirklich, was die Zukunft hier bringen wird. Die Plattenfirmen wissen das nicht.
Sie haben manchmal ziemliche Angst vor dem Internet, wie es scheint.
Larry. Ja, sie haben Angst und gleichzeitig versuchen sie auch sich selbst zu positionieren. Aber es ist definitiv etwas für Leute wie uns, die mit ihren Plattenverkäufen nie viel Geld gemacht haben. Gen hat nie viel Geld gemacht. Mit Throbbing Gristle und Industrial Records (Anm. d. Red.: Von Throbbing Gristle 1976 gegründete unabhängige Plattenfirma, da kein Majorlabel ihre Sachen veröffentlichen wollte) haben sie genug Geld gemacht, um das Label ständig weiterzuführen. Aber sie sind sicher nicht rumgelaufen und haben sich Großraumlimousinen gekauft (alle lachen).
Gen: Oh, die anderen haben das gemacht. Aber das ist eine andere Geschichte (lacht).
Larry: Nein, aber MP3 und der direkte Vertrieb, das sind alles Dinge, die in der Luft liegen. Ich habe viele Freunde die Seiten entwickelt haben, von denen man dann MP3-Dateien downloaden konnte, und so. Es ist eine gute Art sich selbst zu promoten. Es passieren auch einige interessante Sachen, was interaktive Performances angeht. Leute aus Paris, London und New York machen Shows zusammen.
Gen: Ich wurde erst neulich gefragt, ob ich eine Show machen würde. Kroatien und New York.
Gestaltet Ihr Eure Websites selbst?
Gen: Ich habe einen Freund, der mir hilft. Habt Ihr sie schon gesehen?
Erst gestern.
Gen: Und hat sich gewackelt und gezittert.
Ja, fantastisch.
Gen: Großartig.
Bryin: Ein anderer cooler Punkt ist, daß Leute, die in keiner Großstadt wohnen und nicht zum Plattenhändler um die Ecke gehen können, der die absurdesten Titel führt, jetzt die Möglichkeit haben, solche Sachen online zu kaufen. Es kommt nicht mehr darauf an, wo du dich befindest. Du kannst auf eine Website gehen, die sich auf diese Art von Musik spezialisiert hat, sie suchen und dann kaufen. Eine ganz neue Welt tut sich da auf.
Gen: Ich denke, daß es in zwei bis drei Jahren noch viel effektiver sein wird. Es fängt gerade erst an. Unsere Website wird noch mindestens zwei Jahre benötigen, bis sie fertiggestellt ist. Der Grund dafür ist, daß ich Stunden mit unveröffentlichten Interviews mit William Burroughs habe und Kunstwerke von Brion Gysin. Eine riesige Kiste mit unveröffentlichtem Material von Timothy Leary. Es wird wie ein Museum werden, ein Museum der "alternative culture". Und ich habe auch noch Fluxus Sachen. Es wird dann eine Art Chronologie geben, Fluxus, Burroughs, Gysin, Leary, Throbbing Gristle. Ich habe zwei Räume voll mit Material. 100 Stunden unveröffentlichte Throbbing Gristle-Sachen. Das wird alles auf unsere Seite kommen.
Wir haben sogar eine Novelle von Burroughs, die nie veröffentlicht wurde. Es wird viel Zeit und Arbeit benötigen, die Sachen ins Netz zu stellen. Aber wenn erst einmal alles im Netz ist wird es sicher fantastisch sein. Dann werden wir das ganze vernetzen mit den Leuten, die wir treffen, wie Euch, jedem den wir kennen, Freunde oder einfach Leute, die auf ein Art denken die Sinn macht. Wir werden unsere Seite sozusagen als Spitze des Eisbergs betrachten, von der aus man weitergehen kann, so daß man hoffentlich eine Menge Zeit dadurch spart. Wenn ich etwas suche, gehe ich dort hin, vielleicht wissen die ja etwas.
Larry, Bryin und Genesis, vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Spaß bei Eurem Auftritt nachher.
Musick To Play In The Dark Vol. 2 (2000), Unnatural History III (1999), Astral Disaster (1999), Musick To Play In The Dark Vol. 1 (1999), Transparent (1999), Time Machines (1998), Black Light District: A Thousand (1997), Unnatural History II (1996), Worship The Glitch (1995), Chaos In Expansion (1994), The Angelic Conversation (1994), Stolen & Contaminated Songs (1992), Love's Secret Domain (1991), Gold Is The Metal (1988), Unnatural History I (1988), Horse Rotorvator (1987), Scatology (1984)
Die Selbstdarstellung der Fürsten der Dunkelheit, mit vielen raren Bildern, Schriften zu ihrer Musik und einer Linksammlung, die das Interesse am Obskuren bedient
http://brainwashed.com/coil
Langes Interview aus der Zeit von Love's Secret Domain
http://www.uncarved.demon.co.uk/Coil.html
Interviews aus den Anfangstagen von Coil im Axis-Archiv
http://brainwashed.com/axis/coil/warfare.htm
John Balance und Peter Christopherson präsentieren ihr Label gewohnt stylisch. Top!
http://www.thresholdhouse.com/
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