In "Girl In A Band" reflektiert die Queen Of Cool ihr Leben mit Sonic Youth und das Ende ihrer Ehe mit Thurston Moore.

Konstanz (mis) - Einen besseren Titel als "Girl In A Band" hätte Kim Gordon für ihre Autobiografie nicht finden können. 30 Jahre lang stand sie als Sängerin und Bassistin der einflussreichen US-Indie-Rock-Band Sonic Youth vor. Eine Zeitspanne, in der sie zur Pop-Feministin, Mode-Revoluzzerin und Stilikone reifte, ja sogar ihren Bandkollegen Thurston Moore heiratete und ein Kind groß zog.

30 Jahre lang schien es, als sei diese "Uber-Woman", die sich in der Männerdomäne Rock'n'Roll mit Intelligenz und nie nachlassenden künstlerischen Ambitionen behauptete, das unverwüstliche Idol aller PJ Harveys und Kim Deals. Und Sonic Youth sowieso unsterblich. Doch dann fiel dieses allen Zeitgeist-Moden lässig strotzende Bandgefüge einfach so in sich zusammen. Und Kim Gordons Leben auch. Wegen eines Seitensprungs von Moore, dessen absurd-filmreifer Soap-Charakter dann noch vergleichsweise knapp von ihr abgehandelt wird.

Lessons in Art & Noise Rock

"Warum sollten wir anders sein als alle anderen?", geht Gordon auf die für sie und Moore reservierten öffentlichen Bezeichnungen des Vorzeige-Traumpaars ein. "Gute Frage. Wir waren es nicht. Und was passiert war, war vermutlich die normalste Sache überhaupt." Die 2011 erfolgte Trennung, die die Musikerin erstmals 2013 der Elle bestätigte, bildet jedoch nur die Klammer für ihre "Lessons in Art & Noise Rock".

Kim Gordon hat ein völlig anderes Buch über das Leben eines Rockstars geschrieben, als ungezählte Kollegen ihres Geschäfts mit ihren Sex, drugs & Rock'n'Roll-Memoiren. Ihre persönliche Empathie und künstlerische Integrität lässt einen mehrmals erfürchtig innehalten.

Man ertappt sich sogar dabei, dass man melancholisch wird, sobald 1980 Gordons New York-Chapter beginnt, denn gleichzeitig enden an dieser Stelle ihre faszinierenden Beobachtungen des Los Angeles ihrer Kindheit in den 60er Jahren und die damit zusammenhängende liebevolle, aber nie ins Kitschige abdriftende Schilderung der eigenen Familie.

Empathische Queen of Cool

Kim Gordons Schreibstil ist nüchtern im besten Sinne. Sie hält wenig von Verklärung, und öffnet ihr Herz doch an zahlreichen Stellen weiter, als man es ihr vielleicht zugetraut hat. Dies passt wiederum zu ihrer öffentlichen Wahrnehmung als unnahbare Queen of Cool, die nach eigener Aussage nicht weiter von der Wirklichkeit entfernt sein könnte.

Es sind die Details in "Girl In A Band", von denen man sich als Fan nichts erwartet hat, zumal man vermutlich gar nicht wusste, dass Gordon aufgrund der Profession ihres Vaters als Dekan der UCLA ein Jahr auf Hawaii und in Hongkong gelebt hat. Abseits dieser spannenden Biografie beschreibt sie die zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten ihres älteren, an paranoider Schizophrenie leidenden Bruders Keller und dessen prägende Einflüsse auf ihren eigenen Charakter sowie die ersten künstlerischen Versuche als Malerin und Bildhauerin.

Von Basquiat und Koons bis zu Corgan und Cobain

Die schwierige familiäre Situation resultierte in einer geringen Erwartungshaltung ihrer Eltern hinsichtlich einer beruflichen Karriere: "Kim kann tun, was immer sie will, solange sie nur nicht verrückt wird." Mit ihrem Umzug nach New York beginnt ihr Leben mit der Kunst, mit Sonic Youth, mit Thurston Moore. "Es ist schwer, mit gebrochenem Herzen über eine Liebesgeschichte zu schreiben", bezieht sie sich gleich vorab auf die Ostküstenmetropole und meint doch auch ihr altes Privatleben und die Karriere mit ihren Ex-Kollegen.

Man erfährt von ihrer No Wave-Begeisterung, taucht in die Downtownszene der Frühachtziger, und begleitet sie in frühe Jobs in Kunstgalerien, und ehe man sichs versieht, trifft sie Jean-Michel Basquiat oder Jeff Koons. Später natürlich auch Billy Corgan ("Heulsuse"), Courtney Love oder Kurt Cobain und damit Musiker-Begegnungen, deretwegen ein Gros ihrer Zielgruppe Gordons Autobiografie kaufen werden. So kurz sie auch die meisten davon abhandelt: Man erfährt über die Person Courtney Love dank Gordons unaffektierter Art womöglich in fünf Sätzen mehr als in einem abendfüllenden Biopic.

"Ich wollte kein Sonic Youth-Buch schreiben"

Mit der Geburt ihrer Tochter Coco ändert sich natürlich auch bei einem Rockstar-Ehepaar das Leben. So erntet sie einmal beneidenswerte Blicke, als ihr gegenüber einem Vater im Kindergarten herausrutscht, dass sie es eilig habe, weil sie gleich Yoko Ono interviewen müsse. Auf Tour mit den Beastie Boys in Japan dagegen brauchen Gordon und Moore plötzlich dringend einen Babysitter.

Nach der traurigen Passage über ihr Ehe-Aus findet Gordon mit der Einladung von Dave Grohl und Krist Novoselic zur Nirvana-Rock'n'Roll-Hall-Of-Fame-Sause 2014 ein versöhnliches Ende. "Ich sang 'Aneurysm' mit dem Refrain 'Beat me out of me' und packte meine eigene Wut und meinen Schmerz der letzten Jahre hinein." Anekdoten aus ihrem Leben mit den großen Stars, nach denen sich ihre Fans sicher die Finger lecken. Doch "Girl In A Band" verzichtet darauf größtenteils, denn "ich wollte kein Sonic Youth-Buch schreiben", so Gordon jüngst in einem Interview. Das Resultat gibt ihr vollkommen Recht.

Fotos

Courtney Love, Hole und Nirvana

Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © Virgin (Fotograf: ) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © Virgin (Fotograf: ) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © Virgin (Fotograf: ) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © Virgin (Fotograf: ) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © Motor (Fotograf: ) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © Motor (Fotograf: ) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © Motor (Fotograf: ) Courtney Love, Hole und Nirvana,  | © Motor (Fotograf: )

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1 Kommentar mit 9 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Ueber die Alte hatte ich mich vor einiger Zeit gehoerig aufgeregt. Weiss aber inzwischen schon nicht mehr warum. Ach, doch, wegen ihrer Kommentare zu Lana Del Rey. Die soll mal ihr Maul halten.

    • Vor 2 Jahren

      Ich fand ihre Kommentare eigentlich ziemlich passend.
      ...
      Aber die Producer Barbie del Rey darf man natürlich nicht angreifen!

    • Vor 2 Jahren

      Hab die Passage über Lana del Rey gerade erst gelesen. Da ist doch überhaupt nichts bei. Die Gordon äußert darin doch nur ihre Abneigung gegenüber del Reys Image aus Selbstzerstörung, Depression, teeniehafter Düsternis und Pseudo-Selbstbestimmung. Da sie es für ein Fake hält, schlägt sie der del Rey vor, sich konsequenterweise einfach umzubringen.

      Man kann ja anderer Meinung sein und dieses Image für echt halten (ich halte es nicht dafür). Aber Gordons paar Sätze sind nur in dem Kontext zu begreifen, also halb so wild.

    • Vor 2 Jahren

      Ich bin jetzt kein Überfanboy, der mit Kims Biografie nackt von Bett zu Bett springen wird, aber sie ist schon ein Ehrenweib.

    • Vor 2 Jahren

      Ich habe und kenne nur die "Dirty" von 92. Gibt es da Alben die herausstechen, Tipps?

    • Vor 2 Jahren

      "Sister" und "Daydream Nation".

    • Vor 2 Jahren

      http://www.laut.de/Sonic-Youth/Alben/Daydr…

      wie ist denn dann der kommentar #2 zu werten?

    • Vor 2 Jahren

      Nicht Dirty, Daydream Nation, Molti hat Recht. Danke. Also Sister besorgen, Danke Santi.

    • Vor 2 Jahren

      mir fällt auf, mister X hat seinen Kommentar zum Album gelöscht. Damit ist ein gutes Stück laut-Geschichte gestorben :(
      Zu diesem Kommentar bin ich einen Sommer lang nackt von Bett zu Bett gesprungen.

    • Vor 2 Jahren

      Werde den Trubel um Lana Del Reys Image nie verstehen, welches für mich komplett nebensächlich ist und war.
      Davon abgesehen wirken die besagten Kommentare ziemlich unreflektiert und schlecht informiert, also absolut irrelevant für jeglichen Diskurs. Sie hat einfach eine Abneigung und tut dies kund, woran nichts Schlimmes ist, sofern es auch so gelesen wird.