laut.de-Kritik

Viel Gras, Spannung und Indianer.

Review von

"Es ist Wahnsinn, Lieder wie diese rauszubringen, weil damit garantiert ist, dass die der anderen NIEMALS so klingen." "Der Sänger Von Björk" spricht wahre Worte gelassen aus: Was Marsimotos bewährter Produzenten-Club für "Grüner Samt" zusammenschraubt, das klassifiziert das Etikett" Wahnsinn" allenfalls höchst unzureichend.

Es rumpelt, pumpt, und knarrt derart mächtig aus den Boxen, dass es eigentlich nur George Clinton per Mothership aus dem übernächsten Jahr herangekarrt haben kann: Hör' mal, Will.I.Am: So klingt next level shit, der diese ausgelutschte Bezeichnung endlich einmal verdient. Es bleibt zum Glück kein Wunschtraum. "Dieser Sound existiert." Dead Rabbit, Nobody's Face, Kid Simius, Robot Koch und The Krauts - sie seien gepriesen.

Wie die ersehnte Erlösung knüppelt der Dub-Reggae-Bass in die schillernd-spacige Spannung des Titeltracks. Murder war gestern, "Out in the streets they call it Marsi." "Endlich wird wieder gekifft. Du hast doch längst vergessen, wie das ist." Hab' ich? Hab' ich vergessen. Egal. Dass THC vergesslich und gleichgültig macht, wird schon einer der Schreihälse, die die bloße Erwähnung des Namens Marsimoto scheinbar zwingend auf den Plan ruft, ausführlich darlegen.

Es findet sich auch sicher immer noch jemand, der Marterias grün dampfendem Alter Ego neben Drogenverherrlichung unbeirrt bloßes Abkupfern bei Madlib vorwerfen will. Meine Güte. Bastelt euch einen Lord Quas, schlagt den Unterschied zwischen Hommage und Kopie nach und lasst euch vor allem endlich mal was Neues einfallen.

Wie das geht, dürfen die ewigen Motzköpfe sich gerne beim Meister abkucken: Marsimoto erweist sich als unerschöpflich sprudelnder Ideenquell. Neben "endlich wieder viel Gras, Spannung und Indianer(n)" beschäftigen ihn der Verbleib der Realness ("Wer malt heute noch den Zug? Alle nur noch Wellness ...") oder das unerfreuliche Schicksal der Wale ("Blaue Lagune").

"All die Geschichten, niemand wills glauben. Wir haben sie gesehen, alle sind wahr." Alles und jeder liefert Marsimoto Stoff. Als "Der Springende Punkt" hüpft er von Todesfall zu Todesfall durch die jüngere Musikgeschichte. "Mein Kumpel Spalding" und supergroovy-fluffige Karibik-Melodien leisten ihm auf seiner kleinen Insel kurz vor Dänemark Gesellschaft.

"I Got 5" bietet Raum für ein bisschen Zahlenmystik. Eine gepflegte Unterhaltung mit dem Milchtopf führt zu ebenso gepflegter Paranoia. Einen vergleichbar drastischen Beat, wie ihn "Alice Im WLAN Land" auffährt, habe ich in den letzten Jahren auch nur bei Panacea gehört. "Man your battlestations."

Der Genuss von "Absinth" induziert lustigen Größenwahn, der sich im unwirklichen, unentrinnbaren Instrumental zerrspiegelt. Flackernde Spielautomatenklänge, verschrobene Orgelsounds, Roboterstimmen, eine großzügige Prise Rummelplatz - alles drin. "Hast du Angst?" Besser wärs, spätestens nach den phantasievoll ersonnenen vielfältigen Horrorszenarien aus "Angst".

Das wirklich Gruselige an dieser Platte: "Mann, ich bin Marsi. Ich weiß alles!" - und sein Schöpfer Marteria kennt alles. Alles. Einfach alles, beileibe nicht bloß die deutsche Rap-Historie. In bisher unerreichter Manier samplet und zitiert er sich einmal quer durch Medienlandschaft, den Kino-Kanon, ach: die gesamte Popkultur.

Keine Zeile, in der keine Anspielung oder Doppeldeutigkeit steckt. Neben Torch, den Beginnern und den Stiebers zieht Marsimoto Luniz' "I Got 5 On It" aus der Kapuze - und damit auch gleich Club Nouveau. Ich wette, ihm ist sogar das todtraurige Waljagd-Szenario vertraut, mit dem - Deckung! - Purple Schulz einst nicht nur Hobby-Umweltschützer zu Tränen rührten.

Darin, eine solche Fülle unterschiedlichster Querverweise zu präsentieren, ohne dabei auch nur einen Augenblick lang verkopft oder verkrampft zu erscheinen, steckt Marsimotos größtes Kunststück. Dafür lässt sich die Helium-schwangere Mickeymaus-Stimme mühelos aushalten. "Ich bin Marsimoto, du hast nichts anderes verdient." Hölle, muss ich brav gewesen sein!

Trackliste

  1. 1. Grüner Samt
  2. 2. Wellness
  3. 3. Der Springende Punkt
  4. 4. Indianer
  5. 5. Ich Tarzan, Du Jane
  6. 6. Grünes Haus
  7. 7. Marsi Der Zigeuner
  8. 8. Mein Kumpel Spalding
  9. 9. Alice Im WLAN Land
  10. 10. I Got 5
  11. 11. Absinth
  12. 12. Blaue Lagune
  13. 13. Angst
  14. 14. Wo Ist Der Beat
  15. 15. Für Uwe
  16. 16. Der Sänger Von Björk
  17. 17. Green Granada
  18. 18. Cuba Clubbin' Junior

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