Porträt

laut.de-Biographie

Marcello

Aggro ist Anfang des neuen Jahrtausends in Berlin das Gebot der Stunde, harte Raps von Kool Savas, Sido oder Bushido prägen dieses Bild. Dass es auf der anderen Seite der Stadt einen ganz anderen Hip Hop gibt, geht dabei leider ein wenig unter. Im heute so hippen Bezirk Mitte wird Marcello, Jahrgang '80, groß. Er rappt über das Leben in seinem Viertel und die Probleme der Leute, die dort leben. Mit Tiefgründigkeit und einem Niveau, das man Rap aus Berlin kaum zugetraut hätte. Gegen Aggro hat er selbst nichts, manche Sachen findet er schon ganz lustig. Aber er sieht sich in einem anderen Kontext und möchte in seinen Raps auch die relaxtere Einstellung des Ostens der Stadt transportieren.

Seine Kindheit verbringt der nachdenkliche Rapper in der Nähe des Hackeschen Markt, des heutigen Touristenzentrums Berlins, immer mit Blick auf die Mauer. In seinem Debüt "Innercity Kinder" wird er später reimen: "Früher spielte ich zwischen Blumentapete und Stacheldraht/heute rapp ich wischen Kabelsalat und Kachelbad." In den Neunzigern muss er sich die Veränderungen in seinem Bezirk mit ansehen, irgendwann zieht er in den Prenzlauer Berg um. Auch hier gibt es tot-sanierte Gegenden, die von zugezogenen Yuppies bevölkert werden, doch Marcello findet ein Refugium.

Zum Hip Hop kommt er 1996 auf einer Jam. Er zieht mit seinen Freunden los und kauft Instrumental-Platten. Im heimischen Wohnzimmer freestylen sie auf die Instrumentals, ein Recorder nimmt die ersten Gehversuche auf. Mit dem Nachbarjungen, über den er später auch den Rapper V-Mann und DJ V-Räter, die zusammen als V2 unterwegs sind, kennen lernt, schreibt er die ersten Reime. Mit ihnen zusammen firmiert er zunächst unter Stiftung Reimetest oder Flow-Niveau. Mit ihnen und weiteren Rappern wie Lunte und Steiner gründet er 1999 das Funkviertel, die Crew als Kollektiv. Alle kennen sich, alle sind befreundet und unterstützen sich gegenseitig. Außer Hip Hop findet sich unter dem Dach von Funkviertel auch das Spoken Word/Minimal-Elektro-Projekt Sichtbeton.

Nicht nur Marcello, die ganze Funkviertel-Crew ist, was die Musik anbetrifft, recht open-minded. Sie experimentiert gerne rum, so kann es sein, dass anstatt eines Posse-Tracks schon mal ein Hörspiel entsteht. Nachdem sich die ersten selbstgefertigten Mixtapes viel besser als erwartet verkaufen, beschließt Marcello, mit seinem Debüt-Album den nächsten Schritt zu tun. Nebenbei kümmert er sich um die Belange des Viertels, er will Labelstrukturen aufbauen. Klein, alternativ und self-made mit ihren eigenen Vorstellungen. So kann es schon mal sein, dass eine Record-Release-Party mit Bier und Ghettoblaster im Park gefeiert wird, während einer von der Parkbank rappt. "Wir leben viel auf der Straße, was nicht heißt, dass wir Ghetto sind", bringt Marcello den Unterschied zwischen Aggro-Style und Funkviertel auf den Punkt.

Nach einigen Kollabos mit französischen Rappern kommt im Herbst 2003 das großartige Debüt "Innercity Kinder". In der Tat klingen die melancholisch-düstere Stimmung und die resignativ-wütenden Reime ("Ich schmeiß den Stein doch bleib in Deckung/schmeiß ihn weit und schrei nach Rettung") sehr nach French Rap. Langsam und fast ohne Cuts ein eher ungewöhnliches Hip Hop-Album. Marcello ist sich dessen bewusst: "Meine Platte kannst du nicht im Club spielen". Das sei auch richtig so. Er will, dass die Leute über seine Worte nachdenken und nicht, "dass die Leute meine Musik tottanzen!"

Er betätigt sich als Chronist der Stadt, sieht mit ausdrucksstarken Worten Berlin von unten. "Ich will in einem Satz ausdrücken, was beim Hörer sofort 'ne halbe Seite Comic auslöst", beschreibt er seine Art, Reime zu schreiben. "Die Sprache der Rahmen, das Wort die Farbe", so läuft es bei ihm. Da kommt es auch mal vor, dass er live eine Spoken Word-Einlage gibt. Als scharfer Beobachter und Kritiker der sozialen und politischen Zustände betätigt er sich, ohne dabei jedoch den erhobenen Zeigefinger zu bemühen. Marcellos Musik ist halt mehr Hip Hop für den Kopf als für die Beine.

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