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Wo könnte man einen schönen Frühsommertag in Wien, nach einem gemütlichen Bummel vorbei an den Amüsierbetrieben des Praters, besser ausklingen lassen als bei einem entspannten Glas Champagner in der Hotelbar des Marriott. Für den musikalischen Rahmen sorgt dort Louie Austen, der mit seinen Jazz- und Bluesnummern noch jeden Abend zum Erfolg werden lässt.
Bald drängen sich Fans und A-Prominente um sein Klavier und die Hotelkette lässt die Bar eigens für Austen vergrößern. Wer den weit gereisten Sänger heute hören möchte, der wird in der Bar des Mariott nicht mehr fündig. Stattdessen verspricht ein Streifzug durch die Wiener Clubs mehr Erfolg.
Als Luis Alois in Wien am 19. September 1946 zur Welt gekommen, zieht ihn bald in die Ferne. Nach dem Studium von Gesang und Schauspielerei am Wiener Konservatorium (ein Ingenieurstudium bricht er ab) wandert Louie Austen, wie er sich später nennt, zunächst nach Südafrika aus. Dort macht der Pianist, Akkordeonspieler und Gitarrist aufgrund der Apartheidpolitik aber nur einen kurzen Zwischenstopp und geht dann nach Australien.
Doch auch Down Under erweist sich als musikalische Provinz für den ausgebildeten Sänger, und so führt in sein Weg schließlich, auf den Spuren von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. (auch die Klassiker Ravel, Debussy, die Jazzer Miles Davis und John Coltraine oder Ray Charles und Edith Piaf zählen zu seinen Vorbildern) in den Big Apple und nach Las Vegas. Dort versucht sich Austen als Sänger zu etablieren, was wegen seines Exotenstatus alles andere als leicht ist. Er lebt am Rand des Existenzminimums, tritt aber mit weltweit bekannten Musikern, wie dem britischen "King of Romance" - Engelbert Humperdinck - auf, der in den 60er und 70ern Chart-Erfolge feiert.
Gemeinsam mit seiner afroamerikanischen Combo The Harlem Blues & Jazz Band folgt Austen in New York seiner Leidenschaft für Jazz und Blues, und kehrt erst 1980 wieder in seine Heimatstadt zurück, wo er einen Job in der Bar besagten Hotels annimmt. Das beschauliche Leben von Louis Austen gerät etwas aus den Fugen, als er auf den Wiener Produzenten Mario Neugebauer trifft, der dem Alt-Star vorschlägt mit ihm ins Studio zu gehen. Clubkultur trifft auf klassisches Entertainment.
So entsteht 1999 "Consequences", das auf dem Wiener Cheap-Label erscheint. Schnell erliegt die Clubszene dem verführerischen Charme das Altmeisters dank Hits wie "Hoping" oder "Amore". Kein Wunder also, dass die Kooperation zwischen den Generationen weitere Früchte trägt. Mit der kanadischen Sex-Botschafterin Peaches nimmt Austen den Elektro-Track "Grab My Shaft" auf - dirty lyrics selbstverständlich inklusive.
2003 kommt "Easy Love" heraus, das mit gewohntem Feingespür die Genregrenzen zwischen House, Easy Listening und Big Band-Sound überschreitet. Eine Platte, die zeigt, dass die Clubs noch immer als Inspirationsquelle für Neues taugen. Austens musikalische Frischzellenkur zahlt sich auch live aus: Er bereist in den kommenden zwei Jahren die ganze Welt. Ob in Europa, Australien, Mexiko, Brasilien, Russland, China, der Ukraine, Korea, Japan oder der Türkei - beim Nachwuchs punktet Louie. Auch das renommierte spanische Elektronik/Indie-Festival Benicàssim kommt um den Wiener Entertainer nicht herum.
Im Juli 2005 wechselt Austen, der mittlerweile drei Ehen hinter sich hat und sich für die Ärzte ohne Grenzen engagiert, zu Universal. Ende September erscheint die EP "Heaven's Floor", die Dancefloor und Austen-Pop mal funky, mal elektronischer im eleganten Mainstream-Format zusammen schweißt. Zum Einstand schickt Louie u.a. Hot Chocolates "Heaven (Is In The Backseat Of My Cadillac)" ins Rennen.
Ein Full-Length-Album steht Ende 2006 auf dem Programm: "Iguana" erscheint allerdings beim Wiener Label Klein Records und entsteht in Zusammenarbeit mit den Produzenten DJ Friction und Phonique. Kurz zuvor ruft die Best-Of "Hear My Song" seine Hits ins Gedächtnis.
Im August 2007 stellt "Europas einzig wahrer Crooner" - wie manche finden - seine "Sommer Love-EP" in die Läden: Mit einer Handvoll Produzenten mixt Louie smartes Entertainment aus luftigen Latin-Rhythmen, Elektro/House-Fundament, ein wenig Gitarre und 50er-Charme. Der tanzbare Rundling erscheint mittlerweile über sein eigenes Label Louie Austen Music, eine Division von Klein Records.
Derweil strebt der ambitionierte Tennisspieler schon neuen musikalischen Herausforderungen entgegen. Mit Senor Coconut arbeitet er an einer Coverversion des "La Boum"-Klassikers "Dreams (Are My Reality)". Zuvor erscheint 2009 mit "Flying Away/My Amy" Austens EP-Hommage an Amy Winehouse.
Einen Weltenbummler zu interviewen, der vom Alter her der eigene Vater sein könnte, hebt sich auf exotische Weise aus dem Redaktionsalltag ab: die Pulsfrequenz beginnt zu steigen.
Doch alle Aufregung ist schnell verflogen, als sich am anderen Ende der Leitung ein super gelaunter Louie Austen meldet und mit zurück genommenem Wiener Akzent von der ersten Sekunde an munter drauf los plaudert.
Hallo Louie, hier ist Daniel von LAUT aus Konstanz. Wie geht es dir?
Hallo Daniel, mir geht es super. (lacht) Ein toller Tag. Ich hoffe, dir geht es am Bodensee genauso gut wie mir. Ich habe heute einen wunderschönen Tag hier in Berlin.
Danke, bestens. Bevor wir richtig mit dem Interview beginnen, möchte ich noch wissen, ob es ok ist, wenn ich dich duze.
Ja klar. Ich bitte sogar darum, sonst komme ich mir so alt vor. (lacht)
Ich habe in deinem Tourplan gesehen, dass du gerade aus Barcelona zurückgekommen bist. Wie hat das Publikum die Songs von deiner neuen Platte "Easy Love" aufgenommen?
Ich habe bei meinem Konzert in Barcelona eine Mischung aus alten und neuen Songs gespielt. Ich habe zwischen die Lieder von den alten Platten immer wieder Songs des neuen Albums eingestreut, so dass ich nicht genau sagen kann, wie den Leuten die Songs von "Easy Love" gefallen haben. Insgesamt war die Stimmung sehr gut. Es hat viel Spaß gemacht, dort zu spielen.
Du absolvierst einen Teil deiner Auftritte mit Band. In den Clubs bist du jedoch meist allein auf der Bühne. Wie kann ich mir einen Live-Auftritt von dir vorstellen? Nimmst du eine ganze Big Band mit auf Tour?
Nein, nein. Wenn ich mit meiner Band spiele, dann sind wir als Trio auf der Bühne. Das läuft im kleinen Rahmen ab. Eine Big Band wäre viel zu teuer, um auf Tour zu gehen. Die ganzen Musiker, das wäre auch viel zu aufwendig. Bei den meisten Auftritten spiele ich ein Halb-Playback, das heißt die Musik wird eingespielt und ich singe natürlich live dazu. Das hat sich als guter Kompromiss erwiesen, der in den Clubs auch gut umzusetzen ist, weil er nicht so viel Aufwand erfordert wie das Touren mit einer Band.
Was für Leute kommen zu deinen Konzerten? Wer ist dein Publikum?
Das ist relativ unterschiedlich und hängt auch immer davon ab, wo ich gerade auftrete. In die Clubs kommen meist ganz junge Leute zu meinen Konzerten. Das ist eine tolle Erfahrung. Die jungen Leute sind total offen und unvoreingenommen. Die nehmen mich einfach so wie ich bin und verbreiten eine unglaublich positive Stimmung. Dafür bin ich sehr dankbar, dass ich endlich das machen kann, was ich möchte und von einem Publikum ein überwältigendes Feedback bekomme. Das ist ein sehr großes Glück.
Spielst du auch noch im Hyatt in Wien?
Nein, das lässt sich schon zeitlich nicht mehr vereinbaren. Ich habe vor rund zwei Jahren damit aufgehört. Seitdem reise ich sehr viel und spiele so oft wie möglich in Clubs. Dort ist mein Publikum, das mich für das liebt, was ich gerne mache. Da habe ich keine Konventionen, kann einfach ausprobieren und rumexperimentieren, verrückte Sachen machen, die in einer Hotelbar einfach nicht drin sind. Man spielt da eher sein Repertoire runter. Das macht auch Spaß, befriedigt mich auf die Dauer aber nicht wirklich. Jetzt bin ich in der glücklichen Lage, dass ich genau das machen kann, was ich schon immer wollte und damit auch noch genug Geld verdiene, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
Du hast ein klassische Ausbildung als Sänger. Der Weg in die Clubs ist damit nicht unbedingt vorgezeichnet. Wie bist du zur elektronischen Musik, zu House und Techno gekommen?
Richtig, ich habe in Wien am Konservatorium Gesang und Schauspiel studiert. Die klassische Musik stand hier natürlich im Vordergrund, aber ich habe mich schon immer auch für experimentelle Musik interessiert. Nur das eine zu machen, ist mir auf die Dauer zu langweilig. Ich bin jemand, der immer wieder etwas neues erforschen muss, sich neuen Herausforderungen stellt. In der neuen Musik gab es eine ganze Reihe von Komponisten und Musikern, die schon früh mit elektronischer Musik experimentierten. Wenn ich zu Hause bin, höre ich mir Musik an, die nichts mit dem zu tun hat, was ich mache. So habe ich Jazz und Blues gespielt, mir aber gleichzeitig auch Platten von Ligeti oder anderen Komponisten der neuen Musik angehört. Diese Neugier für das Neue war es auch, die mich vor einigen Jahren für moderne elektronische Musik fasziniert hat. Ich bin immer auf der Suche nach Neuem, muss mich ständig selbst herausfordern.
Was gefällt dir an Techno?
Das Tollste an Techno ist der Bass. Dieser Wumms! (lacht). Es ist eine sehr körperliche Art der Musikerfahrung, die vor Techno keine große Rolle gespielt hat. Der Bass ist ja nicht nur ein Ton, sondern vor allem auch eine Schwingung, eine Vibration, die vom ganzen Körper erfahren werden will. Der Bass muss dir richtig in den Arsch treten, muss aus dem Bauch heraus gefühlt werden. Wenn man sich ein Oper von Wagner zum Beispiel anhört, dann entsteht dort ein ähnliches Gefühl. In der Popmusik hat das lange Zeit keine Rolle gespielt. Wenn man sich ein Aufnahmen von vor zwanzig Jahren anhört, dann sind die Unterschiede enorm. Das war alles total zahm und flach im Vergleich zu den Songs von heute, die auf diese körperliche Erfahrung von Musik hin produziert sind. Das ist finde ich ein sehr wichtiger Aspekt beim Musik Hören. Die Musik muss dich packen und mitreißen. Das Verdienst von Techno ist es, dem Bass wieder zu einem neuen Stellenwert, einer anderen Wertschätzung in der populären Musik verholfen zu haben.
Du bist weit gereist in deinem Leben, hast als junger Mann Österreich verlassen und bist in die weite Welt hinaus gezogen. Warum?
Österreich war mir damals einfach zu eng. Hier hatte ich keine Perspektive, nachdem mit meiner Ausbildung fertig war. Also bin ich erst nach Südafrika, dann weiter nach Australien bis ich schließlich in New York gelandet bin, wo ich meine Band getroffen habe: The Harlem Blues & Jazz Band. Das waren alles alte schwarze Musiker, von denen ich sehr viel habe lernen können. Sie haben mir gezeigt, dass es nur auf die Musik ankommt, die von Herzen kommen muss. Der ganze Glamour und das Star-Gehabe sind überhaupt nicht wichtig. Man muss vor allem mit sich im Reinen sein, das tun, was man tun will, die Musik vor sich selbst rechtfertigen können. Das ist wichtig. Das ganze Drumherum ist nur schmückendes Beiwerk zur Musik. Deshalb ist mir Geld auch nicht so wichtig. Klar sollte man genug haben, um die Miete bezahlen und sich was zu essen kaufen zu können. Mehr ist nicht nötig. Die Gefahr bei kreativen Leuten besteht, dass sie mit der Zeit faul und träge werden, sich mit dem abfinden, was sie gerade tun, nicht mehr forschen, nichts Neues mehr entdecken. Deshalb zwinge ich mich immer zu einer Askese, die es mir erlaubt, mich immer neu zu hinterfragen, herauszufordern.
Du hast auch in Las Vegas gesungen, bist auf den Spuren von Frank Sinatra und Dean Martin gewandelt. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?
A: Die Zeit in Las Vegas war sehr hart. Als ich dort ankam, kannte mich natürlich niemand. Ich war ein Österreicher, der in Las Vegas singen wollte. Ich war ein Außenseiter im Geschäft. Das ist ungefähr so, als ob ein Amerikaner nach Wien kommt, um Heurigen-Sänger zu werden. Ich habe in dieser Zeit viel gehungert und in Armut gelebt. Langsam ist es mir dann aber doch gelungen, mir einen Ruf aufzubauen. Mich hat es wahnsinnig gefreut, als ich langsam positives Feedback bekommen habe. Wenn Leute nach dem Auftritt zu mir kamen, dem unbekannten Barsänger (lacht), und mir erzählt haben, dass ihnen meine Musik gefallen hat, dann war das super. So habe ich Charlton Heston kennen gelernt und auch Engelbert Humperdinck, mit dem ich auch zusammen aufgetreten bin. Ich finde das total wichtig, den Leuten auch ein Feedback zu geben. Wenn ich heute mit einem DJ zusammen auftrete und mir gefällt die Musik, die er spielt, dann gehe ich immer hin und zeige ihm das auch, weil es für einen Künstler das Schönste ist, positives Feedback für seine Arbeit zu bekommen.
Dann wünsche ich dir für deinen Auftritt nachher viel positives Feedback. Und lass es im Club richtig krachen.
Das werde ich auf alle Fälle tun (lacht). Ich hoffe wir sehen uns mal bei einem meiner Auftritte.
Wenn du demnächst in die Nähe von Konstanz kommst bestimmt.
Das Interview führte Daniel Straub
Hear My Song (2006)
Only Tonight (2001), Consequences (1999)
"My Amy" in voller Länge als Stream.
http://www.louieausten.com/t3/webplayer/index.html
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