Porträt

laut.de-Biographie

Kraan

Legenden haben's auch nicht leicht! Falls nicht einer der Beteiligten bereits das Zeitliche segnete, schwebt die Gefahr einer Reunion permanent über den Ex-Stars. Manches Mal kommt der Drang, die Bühnenbretter zurück zu erobern, von den Musikanten selbst. In anderen Fällen kommt der Druck von außen. Fans, Labels und Veranstalter drängen die Musikdinos ins Studio und auf die Festivalbühnen. So geschehen bei Kraan!

Die deutschen 70er-Idole werden von den Machern des Herzbergfestivals umschmeichelt, bis sie schließlich am 15. Juli 2000 die Bühne auf Burg Herzberg betreten. Hellmut Hattler im Laut-Interview: "Die haben jedes Jahr eine Band auf dem Plan, die es eigentlich nicht mehr gibt, und arbeiten relativ militant daran, die jeweilige Band für einen Gig zu reformieren."

Der Reinkarnation folgen mehrere Festivalgigs, eine Japan-Tournee, ein Live-Album und drei Jahre später ein neues Studio-Album. "Through" erblickt im Sommer 2003 das Licht der Welt und beweist eindrucksvoll, dass es keinen Kodex gibt, der eine musikalische Veränderung zwingend vorschreibt.

Ihren Stil entwickeln die Kraaniche in den wilden 70ern. Als offizielles Gründungsdatum wird einheitlich 1971 genannt, obwohl die Mitglieder schon im Vorfeld musikalische und persönliche Kontakte zueinander pflegen. Peter Wolbrandt (Gitarre, 28.10.1949), Jan Fride Wolbrandt (Drums, 8.3.1952), Johannes Pappert (Saxophon, 26.6.1949) und Hellmut Hattler (Bass, 12.4.1952) bilden die Keimzelle von Kraan. "Die Hippiezeit ging damals los. Freejazz haben wir das genannt, was wir da machten. In der Zeit haben wir sehr viel gelernt, weil es ein total freies Spielen war, rauf und runter. Es zählte nur der Ausdruck."

Kurz nach der Gründung geht die Band geschlossen nach Berlin, nicht nur um ihre Drogenerfahrungen zu erweitern. Außer Peter W. erliegen alle Bandmitglieder dem Reiz östlicher und asiatischer Musiktraditionen, deren Zugang in einer Metropole leichter fällt, als auf'm Dorf. Die Kraaniche stammen nämlich allesamt aus dem süddeutschen Ulm. Dennoch, Drogen und Konzertbesuche sind teuer, und so torkelt die Mannschaft ein Jahr später abgebrannt wieder zurück in ihre Heimat. Der Grundstein für ihren Stil (Jazz, Rock und östliche Elemente) ist dennoch gelegt.

Nach einigen Turbulenzen findet sich die Kraan-Kommune auf 'Gut Wintrup' im Teutoburger Wald wieder. Der Mäzen Graf Metternich stellt den Musikern sein Anwesen kostenlos zur Verfügung. "Wenn in der Küche alles stimmt, geht auch die Musik in Ordnung" ist der damalige Leitspruch des Kollektivs, der vom alten Musikertraum erzählt, gemeinsam zu leben und zu musizieren. "Wir lebten die Revolution! Kein Privateigentum, keine Privatsphäre und keine Hierarchien - alles kollektiv. Es war der Wahnsinn. Das erste selbstverwaltete Irrenhaus Deutschlands."

Dort begegnen sie auch ihrem ersten Manager, der ihnen Gigs und einen Plattenvertrag besorgt. Auf "Kraan", ihrem Debüt-Album, bannen sie das in Berlin komponierte Live-Material auf Vinyl. Die Fachpresse und das Publikum reagieren euphorisch, Kraan spielt sich an die Spitzen der Leser-Polls und avanciert zu einer der beliebtesten Festival-Bands im aufkeimenden Deutsch-Rock-Boom.

1974 trifft Kraan auf Conny Plank (u.a. Kraftwerk, Guru Guru) mit dem sie das Album "Andy Nogger" produzieren. Der Live-Mitschnitt (1975) gilt als eines der besten Live-Alben der deutschen Rockgeschichte. Kraan befinden sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, obwohl sich erste Ermüdungserscheinungen bei den Musikern einstellen. Der aus Berlin stammende Ingo Bischof (Keyboards, 2.1.1951) ergänzt ab 1975 das Kraan Line-Up, 1976 verlässt Johannes Pappert die Band, weil er "eine übereinstimmende Weltanschauung" vermisst. Langsam fordert die Zeit, in der die Kraaniche eng aufeinander hockten, ihren Tribut. "Das Wort 'Zusammen' wurde ein Albtraum, das Wort 'Alleinsein' zum Wunschtraum".

Nach zweijähriger Atempause entsteht das Album "Wiederhören", das von den Musikern als gefühllos, von den Fans und der Kritik jedoch als 'beste Studio-Einspielung' gebrandmarkt wird. Mit dem neuen Drummer Udo Dahmen nehmen sie "Flyday" auf, die nichts mehr mit dem ehemaligen Kraan-Charisma gemein hat. In den Folgejahren spielt Kraan mehrere Tourneen in unterschiedlicher Besetzung, insgesamt aber "war die Luft aus Kraan endgültig raus", bis 1987 eine erste ernst zu nehmende Wiedergeburt stattfindet. Hellmut, Peter und Jan tun sich mit dem Trompete spielenden Jungspund Joo Kraus zusammen. "Joo war damals 21 Jahre jung und ein Naturtalent. Er kannte die alten Sachen von Kraan nicht, hat uns zugehört und gleich die richtigen Töne dazu getroffen. Wir ergänzten uns einfach, es gab keinen Generationskonflikt."

Neue Spielfreude macht sich breit, obwohl sie nach wir vor "ihr Ding, ihren Sound spielen, der seine Ohren nicht in den Wind der Moden hängt". Die neue Liaison hält drei Jahre, bevor eine erneuter Bruch die Band auseinander sprengt. Peter Wolbrandt: "Kraan bestand sozusagen aus Tab Two, Jan und mir. Hellmut und Joo waren sehr 'together', in allen Lagen. Die liebten sich wirklich. War ja auch eine erfolgreiche Ehe".

Die Ehe Tab Two bestimmt in den 90ern Hellmut Hattlers Werdegang, während der Rest der Crew sich profanen Arbeitnehmertätigkeiten widmet. Zehn Jahre vergehen, bevor Peter, Jan, Ingo und Hellmut auf Initiative der Herzberger Buben wieder zusammen musizieren. Inzwischen haben Tab Two sich aufgelöst. Hattler hat zwar immer noch stets mehrere Eisen im Feuer (u.a. spielt er bei der groove-orientierten Deep-Dive-Corp.), dennoch findet er im Sommer 2005 die Zeit für einige Festival-Konzerte mit seinen alten Bandkollegen. Inspiriert vom Live-Spielspaß und dem boomenden Krautrock-Revival stellen die Veteranen 2007 ein neues Kraan-Album ("Psychedelic Man") in die Läden.

Alben

Kraan - Through: Album-Cover
  • Leserwertung: Punkt
  • Redaktionswertung: 2 Punkte

2003 Through

Kritik von Kai Kopp

Dieser Stil scheint in ihren Genen zu liegen ... (0 Kommentare)

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