Porträt

laut.de-Biographie

Kevin Ayers

Kevin Ayers war wohl eine der merkwürdigsten und gleichzeitig liebenswertesten Erscheinungen im Rock/Pop-Geschäft. Viele meinen, dass er sein musikalisches Potenzial nicht ausgeschöpft habe, dafür nahm er die Musik wohl nicht ernst genug. Aber Ayers wollte auch nie ein Popstar werden. Wer das wollte, konnte seiner Meinung nach "nicht ganz klar im Oberstübchen sein".

Kevin Ayers - The Unfairground Aktuelles Album
Kevin Ayers The Unfairground
Liebenswert-lakonischer Pop mit Bläsern und Chören.

Der am 16. August 1944 in Herne Bay/Kent geborene Engländer Kevin Ayers ist Songwriter und Gründungsmitglied der 1966 ins Leben gerufenen Band Soft Machine, die maßgeblich an der psychedelischen Bewegung Ende der 60er Jahre beteiligt war. Mit Soft Machine kreiert er einen innovativen Artrock, der der sogenannten Canterbury School zugerechnet wird und sich sowohl durch Rock- als auch durch Jazzeinflüsse auszeichnet.

Ab 1969 firmiert er als Soloartist und arbeitet mit Musikergrößen wie Syd Barrett, Brian Eno, Mike Oldfield, John Cale oder Nico zusammen.

"Kevin Ayers' talent is so cute you could perform major eye surgery with it", schreibt ein begeisterter John Peel einst in sein Tagebuch. Nachdem sich seine Mutter von seinem Vater, dem BBC-Produzenten Rowan Ayers getrennt hat, verbringt Kevin den größten Teil seiner Kindheit in Malaysia, wo er mit seiner Mutter lebt, die mittlerweile einem britischen Beamten das Jawort gegeben hat.

Erst mit 20 Jahren kehrt Ayers nach England zurück, besucht ein Internat und stößt während seiner ersten Collegejahre auf die Musikerszene Canterburys. Er steigt bei der Band Wild Flowers ein, der neben Robert Wyatt und Hugh Hopper auch Musiker der künftigen Combo Caravan angehören.

Aus den Wild Flowers geht 1966 Soft Machine hervor mit den Neuzugängen Mike Ratledge am Keyboard und Daevid Allen an der Gitarre. Mit Robert Wyatt, der später auch als Soloartist erfolgreich unterwegs sein wird, teilt er sich den Gesang und übernimmt nach dem Ausstieg Allens die Gitarren- und Bassparts.

Nach einer ausgedehnten und nervenaufreibenden Tour mit Soft Machine im Vorprogramm von Jimi Hendrix zieht sich Ayers an den Strand von Ibiza zurück, um sich von den Strapazen zu erholen. Vor seiner Abreise schenkt ihm Hendrix seine Gibson J200 und ringt Ayers angeblich das Versprechen ab, weiterhin Songs zu schreiben.

Noch auf Ibiza schreibt er sein erstes Album "Joy Of A Toy", das 1969 als eines der ersten neben Platten von Pink Floyd auf dem noch jungen Label Harvest erscheint. Lakonische Folkpop-Songs prägen das Solodebüt, das Ayers als anerkannten Songwriter etabliert.

Schon ein Jahr später schließt sich das progressive Nachfolgewerk "Shooting At The Moon" an, das Ayers mit Mike Oldfield und dem Avantgarde-Komponisten David Bedford einspielt, die als Begleitband The Whole World aufgeführt sind. Mit "Whatevershebringswesing" aus dem Jahr 1971 schlägt Ayers mit rauen Balladen wieder zugänglichere Töne an, mit "Bananamour" (1972) geht er diesen Weg weiter.

1974 sollte ein prägendes und erfolgreiches Jahr für Ayers werden. Neben einem vielbeachteten Livealbum und zahlreichen Kooperationen mit anderen Künstlern wird die breite Öffentlichkeit auf Ayers aufmerksam, der am 1. Juni 1974 mit John Cale, Nico und Brian Eno das ACNE-Konzert bestreitet, das sich als Akronym nach den auftretenden Künstlern benennt.

Er gründet außerdem das Label Banana Productions, mit dem er anderen Künstlern wie Lady June zum Karrierestart verhilft, deren Dichtung er auf "Lady June's Linguistic Leprosy" (1974) Musik und Stimme leiht. 1974 erscheint auf dem Label Island das aufwändig produzierte "Confessions Of Dr Dream", mit dem entspannten "Yes We Have No Maňanas (So Get Your Maňanas Today) kehrt er mit weniger pompöser Produktion wieder zu Harvest zurück. Als Liebling der Fans erweist sich die aus demselben Jahr stammende Kompilation "Odd Ditties", die musikalischen Ausschuss und B-Seiten zusammenfasst.

In den späten 70er und 80er Jahren sieht Ayers sich mit den sich verändernden Musiktrends konfrontiert, was dem Album "Diamond Jack And The Queen Of Pain" (1983) deutlich anzuhören ist, ehe er mit "Falling Up" (1988) wieder zur Schlichtheit früherer Veröffentlichungen zurückfindet und für Gesprächsstoff unter den Fans führt. Weitere Kreise ziehen diese Alben dennoch nicht.

In den 90ern beschränkt sich Kevin Ayers auf die Veröffentlichung des Studioalbums "Still Life With Guitar" (1992), einer sich am Mainstream orientierenden Akustikpop-Platte. Das sollte für lange Zeit seine letzte musikalische Hinterlassenschaft sein.

2000 kommt zwar "Turn The Lights Down" auf den Markt, aber dabei handelt es sich um eine Liveaufnahme von Ayers Auftritt mit den Wizards Of Twiddly in Brentford im Jahr 1995, der einen Querschnitt des musikalischen Schaffen Ayers präsentiert und ihn als exzellenten Live-Musiker ausweist.

Es vergehen schließlich 15 Jahre, bis Kevin Ayers mit einem weiteren Studiowerk in Erscheinung tritt. Mittlerweile hat er sich in ein kleines Haus in Südfrankreich zurückgezogen, frönt dem schönen, bescheidenen Leben und spielt weiter Songs mit Hilfe eines ordinären Kassettenrekorders ein. Die Demoaufnahmen gibt er dem befreundeten amerikanischen Künstler Tim Shepard, der sich von diesen Liedern begeistert zeigt und nach einem Weg sucht, die Songs professionell einzuspielen.

Es ist schließlich Gary Olson von der New Yorker Band Ladybug Transistor, der die Aufnahmen in New York initiiert. Die Beklemmung Kevin Ayers löst sich erst, als die Songs Struktur annehmen. Gemeinsam mit einigen Musikern finden in den Wavelab Studios von Craig Schumacher in Tucson, Arizona erste erfolgreiche Sessions statt.

Als musikalische Mitstreiter gewinnt er die australischen Damen von Architecture In Helsinki für sich. In England und Schottland wird das Album fertig gestellt unter Beteiligung von Teenage Fanclub, Bill Wells vom Bill Wells Trio, Frank Reader von den Trash Can Sinatras und Phil Manzanera von der einstigen Kombo Roxy Music, die fasziniert sind von der Arbeit mit dem 63-jährigen Ayers.

Auch seine ehemaligen Soft Machine-Gefährten Robert Wyatt und Hugh Hopper lassen es sich nicht nehmen, im Studio vorbei zu schauen. Im September 2007 erscheint "The Unfairground" und ist nicht weniger als das faszinierende Ergebnis zweier Generationen, die die Liebe zur selben Musik vereint.

Seinem Vorsatz, kein Popstar zu werden, untreu zu werden - dafür bietet auch seine letzte Veröffentlichung keinen Anlass. Seine letzten Jahre verbringt Ayers einem SZ-Bericht zufolge "frustriert und irritiert" im südfranzösischen Dörfchen Montolieu. Dort stirbt er in der Nacht zum 20. Februar 2013 im Bett seines Hauses.

Alben

  • Kevin Ayers - Fanpage

    Tolle, umfangreiche Seite mit allem Wissenswertem.

    http://www.users.globalnet.co.uk/~marwak/
  • Perfect Sound Forever

    Schönes Interview von 1998.

    http://www.furious.com/PERFECT/kevinayers.html
  • Rock's Backpages

    Ältere Interviews und Reviews.

    http://www.rocksbackpages.com/artist.html?ArtistID=ayers_kevin

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