laut.de-Kritik

Das rauste und beste Rap-Album des noch jungen Jahres.

Review von

Freddie Gibbs' knallharte Straßenraps gepaart mit Madlibs unendlicher, nicht selten abgedrehter Sample-Kreativität - die Ankündigung eines gemeinsamen Albums rief ebenso Hoffnung wie Skepsis hervor.

Schließlich war zu befürchten, dass sich zumindest einer der beiden allzu weit von seinem Sound entfernt, um dem anderen gerecht zu werden. Die drei im Voraus veröffentlichten EPs zeigten jedoch, dass dieses Duo perfekt harmoniert. "Piñata" entpuppt sich gar als eine der großartigsten Rap-Fusionen seit "Madvillainy".

"I'm straight thuggin' / And it feels so good, and it feels so right", stellte Freddie Gibbs bereits im vorab veröffentlichten "Thuggin'" klar. Keine Kompromisse, kein Rap übers Rappen, sondern die ganze Brutalität der Straße, auch wenn er als MC längst Ansehen genießt: "Give a fuck about your feedback / Critically acclaimed, but that shit don't mean a thang ".

Produzent Madlib steckt aber keineswegs zurück, um die rauen Geschichten über Drogen, Kriminalität und missbrauchtes Vertrauen zu untermalen. Stattdessen zieht der Kalifornier nur das Allerfeinste aus seiner magischen Schublade, wie die Kush-Hymne "High" zeigt. Die Kombination aus gediegenem vor sich hin soulenden Beat und Freddies Doubletime-Zeilen mag ungehört widersprüchlich wirken, funktioniert aber perfekt.

"I was in the crib laying on a kush cloud / Getting zoned out, eyes red" - wo sich der Rauch verdichtet, die Umgebung verschwimmt und die Augen rot glühen, kann der omnipräsente Zahnlücken-Träger Danny Brown nicht weit sein. Und selbst dessen etwas zu gestresst vorgetragener Part gefällt in dem Szenario aus Haschisch, Angel Dust und Kokain. Genug Stoff ist also vorrätig, um sämtliche Schmerzen zu betäuben, die Gibbs zu grellen Streichern in "Deeper" beschreibt.

Betrogen und sitzengelassen, während er im Gefängnis saß. Von der Frau, die sein "Thug Life" früher bewunderte, ihn nun aber für zu schlecht befindet. Sie bevorzugt einen gebildeten, anständigen Kerl, trägt bereits dessen Baby ihn sich. Klar, "that cut a nigga deep". Dann, nach all den Jahren, der Anruf, der sowohl schöne als auch schmerzhafte Erinnerungen hervorruft. Warum nur? Der Verdacht, dass das Kind doch von Freddie stammen könnte, erhärtet sich - "that cut a nigga deep."

Zur Ablenkung gehts zu "Harold's", sein liebstes Chicken Restaurant. "Six Wing Mild Sauce with all the fries you can give me", lautet die Bestellung. Während er wartet, verlässt die Hand nie den Griff des .38er-Revolvers in der Hosentasche - man weiß ja nie. Endlich liefert Madlib das Menü an den Tisch, bringt statt eiskalter Coke aber lässige Loops und einen Beat, der ganz ohne Drums, dafür mit fettem Bass daherkommt. Das schmeckt verdammt gut!

Die "MadGibbs"-Kombo dürfte bald bei sämtlichen Rap-Gourmets zum Kassenschlager reifen. Denn auch "Shitsville" beweist, dass der aus Indiana stammende Rapper jede Vorlage, die ihm sein kongenialer Partner serviert, verwandelt. Sampelt Madlib auf "Piñata" bis zu diesem Punkt noch hauptsächlich Funk- und Soul-Elemente, bastelt er hier einen schnellen, aggressiven Sci-Fi-Beat, den Gibbs für eine Botschaft an all die Scheinheiligen da draußen nutzt: "You shed tears when you hurting, if I cut you then you bleed, right? / You motherfuckers just like me / But bitch you acting like your shit don't stink."

Einmal ausgeholt, lässt sich der Rundumschlag gegen die falschen Spieler im Game nicht mehr zurücknehmen. So bekommt besonders Jeezy sein Fett weg, der sich in der Vergangenheit nicht gerade als "Real" erwies. "I looked up to you, put that on my momma", erinnert sich Gibbs, der Jeezys Label 2012 im Streit verließ. Der "Snowman" sei ein geltungssüchtiger Labelboss gewesen, unantastbar, unterdrückend, vor allem aber durch und durch fake. Die Karten, die das wahre Gesicht seines ehemaligen Vorbilds zeigen, könnte Freddie ohne Weiteres aufdecken: "Don't make me expose you to those that don't know ya."

Doch nur auf andere mit dem Finger zeigen, ist nicht die Art des Wahl-Kaliforniers. Drogen und Kriminalität will er keinesfalls verherrlichen und zeigt in "Broken" mit schwermütigem Bariton Reue. Seine Großmutter log er an, seinem Vater konnte er nicht mal mehr in die Augen sehen, ohne sich zu schämen für das, was er Tag ein Tag aus anstellte: Dealen, Raubüberfälle, Schießereien.

Seine einzigen Freunde fand er in einer Gang, die ihm Halt gab und die Unsicherheit vergessen ließ. Die traurige Grundstimmung erinnert unweigerlich an einige Tracks auf "The Foundation" von den Geto Boys. Wie passend, dass Altmeister Scarface einen großartigen Part beisteuert, in dem er die Rechtfertigung für üble Taten liefert: "Niggas don't respect to live and let live / So I pack a .40 caliber cause that's how shit is".

Dass nur einen Track zuvor mit Domo Genesis und Earl Sweatshirt zwei junge Wolf Gangster das verträumt jazzige "Robes" bereichern, stellt die Besonderheit der Featureliste von "Piñata" heraus: "MadGibbs" vereinen auf ihrem Werk nicht nur verschiedene Stile, sondern allem voran verschiedene Generationen von Rappern. So brummt Urgestein Raekwon mächtig auf dem düsteren "Bomb", während TDE-Mitglied Ab-Soul in den wunderschön melodiösen Lobgesang auf Los Angeles einsteigt ("Lakers") - die Stadt, der Gibbs so viel zu verdanken hat: "My home, my home, L.A. I ride for you / When I am gone just know that I owe you".

Der abschließende Titeltrack fährt mit Beiträgen von sechs MCs noch mal groß auf, fällt als einziger leicht schwächerer Track aber etwas ab. Dennoch gerät die Platte nicht zu lang, was beim Umfang von 17 Titeln keineswegs selbstverständlich ist. Jedes einzelne Stück zieht den Hörer mit maßgeschneiderten Samples, ausgereiften Rap-Skills und glaubwürdigen Storys von der ersten bis zur letzten Sekunde in den Bann. Zudem schafft es der Hauptdarsteller, trotz all der gelungenen Features im Mittelpunkt zu stehen - seine Performance bleibt die stärkste.

"MadGibbs" präsentieren mit "Piñata" schlicht das rauste und beste Rap-Album des noch jungen Jahres. Auf Beats von genialer Virtuosität beleuchtet Freddie Gibbs die dunkelste Seite der Straße - schonungslos, roh, brutal. Und selbst wenn er andere Geschichten erzählen wollte, man würde es ihm ohnehin nicht glauben: "Granny found my dope, I told her I would stop for selling it / Nigga please, she knew I was lying before I even spoke it".

Trackliste

  1. 1. Supplier
  2. 2. Scarface
  3. 3. Deeper
  4. 4. High feat. Danny Brown
  5. 5. Harold's
  6. 6. Bomb feat. Raekwon
  7. 7. Shitsville
  8. 8. Thuggin'
  9. 9. Real
  10. 10. Uno
  11. 11. Robes feat. Earl Sweatshirt & Domo Genesis
  12. 12. Broken feat. Scarface
  13. 13. Lakers feat. Ab-Soul & Polyester The Saint
  14. 14. Knicks
  15. 15. Shame feat. BJ The Chicago Kid
  16. 16. Watts feat. Big Time Watts
  17. 17. Piñata feat. Mac Miller, Domo Genesis, G-Wiz, Casey Veggies, Sulaiman & Meechy Darko

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9 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Madlibs Beats sind einfach smooth like butter...Gibbs überzeugt mich auf solchen instrumentalen am meisten...

  • Vor 3 Jahren

    Endlich dann auch mal gehört. Bombenteil und für mich, im Gegensatz zu Oxymoron, nicht überbewertet. Schade nur, dass ich Danny Brown nicht so geil finde und der High einfach mal demoliert. :(

  • Vor 2 Jahren

    Mit Cilvia Demo, Russisch Roulette und My Krazy Life eines der meistgehörten Alben vom letzten Jahr. Rotiert nach wie vor regelmäßig.

    Da waren Medieval Chamber, Oxymoron, Blasphemy, 36 Seasons und RTJ2 wesentlich kurzlebiger. Wobei man Schoolboy Q lassen muss, dass er live die Hütte abgerissen hat. Der geht echt ab. Nur die Crowd war für'n Arsch. Stehen meist rum und bei einer Grütze wie Studio singen se auf einmal alle mit. Noch schlimmer: Bei Collard Greens wurde nur der Kendrick Part mitgerappt. Naja, genug dazu.

    Ich habe den großen Fehler gemacht, wegen der ESGN Review nicht in die vorherigen Werke zu hören, weil ich dachte, hier würden das erste mal die Beats passen. Fataler Fehler. Ich hab die letzten Tage "midwestgangstaboxframecadillacmuzik", "Baby Face Killa" "Cold Day in Hell", "St8 Killa No Filla" und "The Labels Tryin To Kill Me!" gehört und muss sagen:
    Fuck. Der Typ kann echt alles. Trap, NY-Sound, schlichte Chillsongs, Clubbanger, harte Gangsterstorys. Selbst auf "The Labels Tryin To Kill Me!" wo einige alte Songs und ein paar neue nur für 1-2 Minuten gespielt werden schafft er es, einen jeweils einzufangen und mitzunehmen. Der zerreißt echt jedes Ding. Nicht umsonst einer der wenigen Künstler, der mit allen Releases bei Datpiff 5 Sterne eingefahren hat.

    "Got a slug for the judge, bringin' heat for police/
    And a book full of sins that I reap when I sleep/
    Then I wake up and I put em on a beat, how you love that?"

    Dagegen hat er sich auf Pinata ja fast schon zurückgenommen. Aber auch da ist es unfassbar, wie unglaublich entspannt er mit den Beats harmoniert, und währenddessen noch mit haufenweise Flowvariationen und teils auch Doubletime aufwartet. Da wird ein Jeezy im vorbeigehen auseinandergenommen, als wäre es nichts.

    Falls sich also irgendwer nochmal hierhin verirren sollte und wie ich noch nicht die Mixtapes gehört hat: Hol es nach!