Porträt

laut.de-Biographie

Freddie Gibbs

In der Geschichte des Hip Hop-Genres hat es das Feuilleton mit der musikalischen Kulturform oft nicht gut gemeint. Der eine oder andere Betreiber von so genanntem Qualitätsjournalismus prophezeite schon mal das Ende des Abendlandes, als ein Haufen Gangbanger aus L.A. öffentlichkeitswirksam die Polizei nicht so gern haben wollte, ein weißer Junge aus Detroit ein wenig zu laut aus dem Wohnwagen fluchte oder ein Berliner Maskenmann die Vorzüge von Mehrfamilienhäusern besang.

Oftmals kollidieren die Kunstvorstellungen der Rüpel-Rapper aus den sozialen Brennpunkten mit denen der Chronisten des Bildungsbürgertums. Manchmal aber können sich die Kultur-Korrespondenten der Leitmedien nicht nur zufrieden auf einen Hip Hop-Künstler einigen, sondern sogar selbst für einen astreinen Hype sorgen.

So geschehen bei dem aus dem US-Bundesstaat Indiana stammenden Freddie Gibbs, der per Erwähnung in den angesehenen Printmedien LA Times und The New Yorker in nur wenigen Wochen global bekannt wurde.

Aufgewachsen in Gary durchläuft Freddie Gibbs die Entwicklung eines Straßenjungens mit hohen Erwartungen an die mit Möglichkeiten spärlich gesegnete Umwelt. Seine Heimatstadt zählt zu den sozialen Brennpunkte des mittleren Westens, in denen sich die kriminelle Laufbahn als einzige Karriereoption für Heranwachsende darstellt.

Die Nachwehen der bitterkalten Reagen-Jahre sowie der Wegzug der Industrie machen aus Gary einen sozialen Morast aus korrupter Polizei, unverhältnismäßig hoher Mordrate und kaum vorhandenen Job-Chancen. Freddie Gibbs ist mittendrin und wählt den Gang in die Kriminalität als Weg aus der Verwahrlosung.

Die Gangster-Ikonen des Hip Hop-Genres - 2Pac, Scarface, Notorious B.I.G. - sind für Gibbs nach dem Tod seines Crack-abhängigen Onkels die einzigen Respektspersonen. Neben seiner delinquenten Hauptbeschäftigung avanciert Rap zum Nebenjob - und bietet die Möglichkeit einer Kanalisation seiner Erlebnisse im Ghetto.

Das sauer auf der Straße verdiente Geld steckt Gibbs in die Anmietung lokaler Studios. Das Feedback seines Umfelds gibt ihm Recht. Freddie Gibbs hat die Geschichten, er hat den Hunger, und er hat das Talent, beides in eine ansehnliche Mischung zu packen. Dazu ist er mit einer einzigartigen Stimme gesegnet - ein subliminal grummelnder Barriton, der sich im Flow zwischen 2Pac und Bun B einpendelt.

Es braucht einen Praktikanten in der A&R-Abteilung von Interscope, Ben "Lambo" Lambert, der das Talent Gibbs' erkennt und den Newcomer ins Boot holt. Es klingt wie die Bilderbuchgeschichte des Gangsters, der zum neuen Rap-Star wird.

Gibbs zieht von Gary nach Los Angeles, nimmt sich eine Auszeit vom Straßenhustle und lebt das große Musikerleben. Bei einem Label-Vorschuss von 250.000 US-Dollar kein Problem. Gibbs arbeitet mit den Großen des Genres zusammen: Just Blaze, Alchemist, Polow da Don - alle sitzen mit dem Rapper aus Gary im Studio.

Erste Probleme überschatten jedoch die vielversprechenden Ergebnisse: Der Marketing-Abteilung fällt auf, dass es wohl nicht ganz so einfach wird, einen Gangsterrapper aus dem mittleren Westen im Hip Pop-Betrieb der ausgehenden Nullerjahre zu platzieren. Außerdem stapeln sich die Briefe der Justiz im Hause Gibbs (illegaler Waffenbesitz, etc.). Interscope bekommt kalte Füße.

Zu allem Überfluss verlässt Gibbs' A&R das Label, der Rapper verliert somit seinen stärksten Vertrauten. Was als große Chance auf Major-Ebene begann, verliert sich in den Mühlen der Industrie. Die Tracks verschwinden in den Schubladen der Führungsetage. Bald ist Gibbs weg vom Major-Fenster.

Es geht zurück nach Gary. Zurück auf die Straße. Zurück in die Kriminalität. Dennoch bewahrt sich Gibbs eine musikalische Rest-Motivation. Seine jüngst gewonnenen Freunde aus der Szene erinnern den Rapper stetig daran, welches Potential in ihm schlummert. Auf zwei Mixtapes verschafft Gibbs seinem Frust Luft und knallt der Szene "Midwestgangstaboxframecadillacmuzik" und "The Misseducation Of Freddie Gibbs" vor den Latz.

In den Massenmedien findet der Gary-Rapper neue Verbündete. Erst sind es die Meinungsmacher von Pitchfork und Fader, die Gibbs lobpreisen. Bald folgen Großkaliber wie LA Times und The New Yorker. Sasha Frere-Jones, Musikjournalist des New Yorkers, nennt Gibbs gar "den einzigen Rapper, auf den ich gerade mein Geld verwetten würde".

Über die Begeisterung der Blogosphäre, den Muskel der Massenmedien und einen Indie-Vertrieb mausert sich Freddie Gibbs kurzerhand zum neuen Internetphänomen Jay Electronicascher Ausmaße. Die Zusammenarbeit mit Madlib für zwei EPs 2011 und 2012 lässt die Leitungen der Headz förmlich durchglühen und das folgende "Babyface"-Mixtape heizt auch in Trap Rap-Kreisen den Hype weiter an.

Der Acker ist bestellt, alle warten auf den großen Schuss, auf ein Majorlabel-Signing, Freddie überwirft sich 2013 jedoch lieber mit Mentor Young Jeezy und das wahre Debüt "ESGN" gerät im Sommer zwischen die Räder der Releases von Kanye und Jay-Z und floppt. Der Weg vom Internet-Hype zum Mainstream-Star geht auch im Rap nur mit guter Qualität. Die Fans haben online heute halt die Qual der Wahl, doch ein Gibbs gibt zum Glück nicht auf.

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