laut.de-Kritik

Die Erfindung einer eigenen deutschen Popkultur.

Review von

Das Kölner Gebäude 9 war hoffnungslos ausverkauft an diesem einen Abend im August 2002. Drinnen wars verdammt eng, aber draußen auch, denn unzählige Musikfans waren zu spät dran oder hatten vom geschichtsträchtigen Ereignis schlicht zu spät erfahren. Noch dazu war Popkomm in Köln, was den Postpunk-Insidern der Rheinmetropole noch eine Horde mehr Bescheidwisser (mich zum Beispiel) an Ticketkonkurrenz vor den Latz knallte. Die Fehlfarben hatten sich wiedervereinigt in Originalbesetzung, was so viel hieß wie: Die Fehlfarben von "Monarchie Und Alltag", denn nach dem Debüt stieg Sänger Peter Hein bekanntlich aus.

Drinnen im Club angespannte Stimmung: Können Sie es noch? Elf Jahre nach dem letzten gemeinsamen Auftritt, ebenfalls auf der Popkomm und damals mit einer vielversprechenden Supportband namens Blumfeld. Und dann kamen sie auch schon auf die Bühne gestiefelt, hier Bauchansatz, da Halbglatze, Hein im FDJ-Hemd und Sakko, alles irgendwie schrullige Typen, die aussahen, als würden sie abseits der Bühne nicht wirklich viel miteinander anfangen können. Und dann noch diese junge Schlagzeugerin, die Originaldrummer Uwe Bauer ersetzt hatte. Doch vieles von dem, was 1980 da gewesen sein muss, war auch 2002 noch da. Die Band schüttelte alle Spätgeborenen eineinhalb Stunden lang durch. Auch FM Einheit soll im Publikum gewesen sein.

Sie waren die heimlichen Stars aus Jürgen Teipels gerade taufrischem Doku-Roman "Verschwende Deine Jugend", der die deutschen New Wave/Punk-Anfänge von 1976-82 nachzeichnete und der die Fehlfarben praktisch dazu zwang, sich schon wieder zu erinnern, wie das alles damals war in Düsseldorf und warum Campino so groß geworden ist und sie nicht. Dabei wollte Peter Hein viel lieber nach vorne schauen, es gab schließlich auch das neue Studioalbum "Knietief im Dispo", das wirklich großartige Songs enthielt. Aber es gab eben (leider) auch "Monarchie Und Alltag", ein Album, das Ende 1980 an der Nahtstelle zwischen Punk und New Wave nichts weniger als eine eigenständige deutsche Popkultur erfand, einfach so.

Die Musikszene zu jener Zeit war unauthentisch, denn alles war geborgt von den großen Brüdern USA und England. Rockmusik in deutscher Sprache galt Jugendlichen nicht als verpönt, sie war gar nicht existent. Udo Lindenberg und selbst eine vermeintliche Punk-Sängerin wie Nina Hagen waren klare Feindbilder für den Düsseldorfer Szene-Jungbrunnen zwischen Ratinger Hof und Kunstakademie, denn auch Hagen verzichtete nicht auf Mucker-Typen, die die Uhr nach ihrem Gitarrensolo stellten.

Mehr oder weniger ungeplant kristallisierte sich im Fehlfarben-Proberaum 1979/80 ein neuer Sound heraus. Zunächst mussten sich aber alle einig werden, dass der aus London von einem Specials-Konzert importierte Ska wieder verabschiedet werden müsse, denn "es hat ja auch keinen Sinn, nur die Neger nachzumachen" (Hein). The Clash war zwar ein gemeinsamer Nenner, aber insgesamt eben auch nur die Antriebsfeder, endlich mal den eigenen Arsch hoch zu kriegen. Irgend etwas am Markt vorbei zu produzieren, was damals in erster Linie hieß: Keine aus angloamerikanischen Traditionen entlehnten Blues-Schemata zu kopieren.

Es war eine Zeit, als deutsche A&R-Talentsucher bei großen Plattenfirmen zu jungen Punks, die mit einem Demotape vorsprachen, Sätze sagten wie: "Lassen sie mir die Kassette mal da. Ich höre mir das am liebsten auf der Heimfahrt in meinem Porsche an" (Pyrolator in "Verschwende deine Jugend"). Es herrschte Aufbruchsstimmung, die teilweise von Düsseldorfer Bands wie Mittagspause, S.Y.P.H. und DAF schon vorweg genommen wurde. Als Michael Kemner von DAF, Saxophonist Frank Fenstermacher von Der Plan und Uwe Bauer von Materialschlacht dann mit den Mittagspause-Stars Thomas Schwebel und Peter Hein Fehlfarben gründeten, war der Szene-Hype perfekt.

Harte, ungekünstelte Musik mit deutschen Texten kristallisierte sich schnell zum Masterplan heraus. Denn so was gab es 1980 nicht. Präzise geschliffene Akkorde verlangen nach kurzen Sätzen und mit Peter Hein hatten die Fehlfarben den Meister des lakonischen Statements in ihren Reihen. Selbst wenn er Pausen macht, sagt das oft viel mehr aus als bei anderen eine ganze Strophe. Er ging der Langeweile in seinem kleinbürgerlichen Leben nicht aus dem Weg, sondern hörte ihr genau zu und fand vielleicht dadurch als erster einen Weg, aussagekräftige Texte in deutscher Sprache zu formulieren.

"Monarchie und Alltag", das war eine neue deutsche Welle, die für einen kurzen Moment auch genau so genannt werden durfte. Neuartige Musik, neuartige Texte, der Versuch einer ganz neuen Bildsprache: "Die Schatten der Vergangenheit / wo ich auch geh da sind sie nicht weit / ich weiß nicht einmal wer ich bin / in der Zeitung zu lesen das hat keinen Sinn" (aus "Hier Und Jetzt"). Hein lag nichts an Gesellschaftskritik, ideologischer Ballast ging ihm schon bei den verhassten Hippies gegen den Strich. Er formulierte einfach, was ihm gefiel und zog das ab, was er schon bei anderen Bands gehört hatte. Bis nur noch die reine Essenz übrig blieb.

In guten Momenten rasierte Hein die alten Hippie-Zöpfe mit einem Einzeiler ab: "Schneid dir die Haare, bevor du verpennst / wechsle die Freunde wie andere das Hemd." Mit dem ab 1982 berühmt gewordenen NDW-Begriff hatte das nichts zu tun, wie Detlef Diederichsen einmal schön unterschied: "Die Erfolgsgeschichte der zweiten Neuen Deutschen Welle von Extrabreit und Nena wurde geschrieben von zweitklassigen Rockmusikern, die vorher zu schlecht waren, um mitspielen zu dürfen, zu den Hochzeiten zu doof, und dann endlich ihre Chance witterten und ergriffen, im Sog der NDW ihren alten Mist mit neuem Etikett zu verkaufen."

Peter Heins kräftige Wortbilder vermittelten weniger eine klare Vision, als vielmehr eine Art Übersättigung mit dem Status Quo, ließ dabei aber in einem Song mehr Slogans fallen, als eine ganze Generation Fehlfarben-verrückter Nachkömmlinge: "Es liegt ein Grauschleier über der Stadt / den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat" ("Grauschleier"). Wenn es Vorbilder gab, dann den Industrie-Realismus von Devo aus Detroit, denn Schornsteine und Hochspannungsmasten standen auch im Ruhrgebiet genug herum.

Doch bei all der textlichen Revolution darf man die Brillanz des Gitarristen Thomas Schwebel nicht vergessen, der im Verbund mit Bassist Michael Kemner hypnotische Akkordmotive erschuf: Die düstere Dramatik in "Das Sind Geschichten", das an Wire erinnernde "Apokalypse" oder natürlich das elektrisierende, fast achtminütige "Paul Ist Tot", mit der Jahrhundertzeile "Was ich haben will das krieg ich nicht / und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht", ein mitreißendes deutsches Pendant zu "A Forest".

Als sie mit dem gegen ihren Willen von EMI ausgekoppelten Hit "Ein Jahr (Es geht voran)" später ungefragt zum Soundtrack-Lieferanten für Friedensbewegung und Hausbesetzungen missbraucht wurden, war Hein schon längst ausgestiegen. Angeekelt nicht nur vom Ausverkauf der ursprünglichen Anything Goes-Idee des Punk, sondern auch von den Vorstellungen der Industrie, dem gelungenen Album tretmühlenartig weitere folgen zu lassen.

Ähnlich wie beim Debüt von Velvet Underground beeinflusste "Monarchie und Alltag" über die Jahre mehr Musiker, als sich je an Verkaufszahlen ablesen ließ. Und wie Lou Reed erlebte auch Peter Hein noch eine späte Ehre: Im November 2000 erhielt die Band für 250.000 verkaufte "Monarchie Und Alltag"-Tonträger eine Goldene Schallplatte. Seither lebt die noch aktive Band mit der Bürde, eines der besten deutschsprachigen Alben aller Zeiten bereits in jungen Jahren vorgelegt zu haben. Aber sie scheint damit mittlerweile gut zu leben.

"Was wir beweisen wollten, hatten wir bewiesen. Dass wir gut sind, hatten wir bewiesen", erklärte Peter Hein einmal mehr entnervt seinen frühen Ausstieg nach diesem Debütalbum. Aber er kam zum Glück mit neuen Weisheiten wieder zurück: "Bleib ein Leben lang Punk, aber weine nicht den alten Zeiten hinterher. Auch im Anzug kann ein Punk punkig aussehen und ein Depp deppert." So wie im August 2002 in Köln. Und vielleicht schon bald wieder im Club in deiner Nähe.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Hier Und Jetzt
  2. 2. Grauschleier
  3. 3. Das Sind Geschichten
  4. 4. All That Heaven Allows
  5. 5. Gottseidank Nicht In England
  6. 6. Millitürk
  7. 7. Apokalypse
  8. 8. Ein Jahr (Es Geht Voran)
  9. 9. Angst
  10. 10. Das War Vor Jahren
  11. 11. Paul Ist Tot

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9 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Ganz ganz großartiges Album. Ich bin ebenfalls ein wenig irritiert: MuA ist doch DER typische Vertreter für die Meilensteinsektion. Dachte eigentlich der wäre schon längst behandelt worden.

    • Vor einem Jahr

      Da kann ich dir voll und ganz zustimmen, Jana. Die Platte "Monarchie und Alltag" ist DER Meilenstein schlechthin im Bereich deutschsprachige Alben! Da gibt es gar keine Diskussion!

  • Vor einem Jahr

    Das Album "Monarchie und Alltag" von den FEHLFARBEN ist ohne jeden Zweifel die mit Abstand großartigste und musikhistorisch bedeutsamste Platte, die jemals in Deutschland produziert wurde. Wahrlich ein Meilenstein! Dieses Album hat mein Leben jedenfalls in der Tat nachhaltig verändert und geprägt.

    • Vor einem Jahr

      Also in Deutschland wurden ja zum Beispiel auch "Tago Mago", "Neu!" und zum Teil "Low" produziert.
      Eine einzelne davon als die zweifellos musikhistorisch bedeutsamste Platte anzuführen, halte ich für wenig feinfühlig.

    • Vor einem Jahr

      Wie kannst du mir wenig Feinfühligkeit unterstellen, ohne mich auch nur im Geringsten zu kennen? Beschäftige dich lieber einmal mit den Kompositionen und Lyrics von "Monarchie und Alltag" im Zusammenhang mit dem Zeitraum der Veröffentlichung dieser Platte. Vielleicht wirst du die Bedeutsamkeit dann erkennen...

  • Vor 7 Monaten

    Fehlfarben !!!
    Monachie Und Alltag.
    Ein gutes Review von Michael Schuh.
    1980 war ein kreatives Jahr für Punk & Rockbands
    in der Szene.