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Hinter dem Namen Eisbrecher verbergen sich zwei Münchner, die zusammen schon eine recht erfolgreiche Karriere bei Megaherz hinter sich haben. Namentlich sind das Sänger Alexx Wesselsky und Jochen 'Noel Pix' Seibert (Gitarre/Keys/Programming).
Auf der einen Seite steht Noel, der sich schon 2000 von Megaherz trennt und als Produzent, Sänger, Gitarrist, Arrangeur und Programmierer seine eigene Karriere vorantreibt. Auf der anderen Seite Alexx, der sich Ende 2002 von der Band verabschiedet, die er 1993 gründet, weil er dort seine musikalischen Vorlieben nicht mehr verwirklichen kann. Nachdem die beiden zwei Jahre lang getrennte Wege gehen, treffen sie erneut aufeinander und gründen Eisbrecher.
Den Sound von Eisbrecher beschreiben die beiden als modernen, elektronischen Trip-Rock, was so ziemlich alles und gar nichts bedeuten kann. Im Vordergrund steht nach wie vor Alexx' tiefe, charismatische Stimme, die Noels Kompositionen perfekt in Szene setzt. Da beide eine sehr genaue Vorstellung davon haben, was sie musikalisch umsetzen wollen, dauert es nicht lange, bis die ersten Songs fertig sind.
Für ihr Debütalbum "Eisbrecher" lassen sie sich Anfang 2004 etwas ganz besonderes einfallen. Neben der CD und einer kleinen Bonus-DVD mit Aufzeichnungen aus der 'Schattenreich'-Sendung auf Onyx, liegen dem Package zwei Rohlinge bei. Diese haben denselben Aufdruck wie die Original-CD und laden den Käufer dazu ein, sich ganz legal zwei Kopien des Langeisens zu machen. Das Label ZXY Music unterstützt die Aktion und liefert die ersten 5.000 Scheiben in dieser Special Edition aus. Auch in den USA finden die beiden in Dancing Ferret einen Vertrieb, der das Album Mitte Juni dort veröffentlicht.
Nach einer Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und ein paar Festivalauftritten (u.a. mit In Extremo oder Suicide Commando) spielen sie Ende Dezember noch ein abschließendes Konzert, ehe sie sich voll auf die Arbeiten am zweiten Album konzentrieren. Mit Keyboarder Max (Maximator), der schon seit 2003 zur Live-Band zählt, haben sie nun auch ein offizielles drittes Bandmitglied dabei. Live werden ihnen weiterhin Felix Primc (Gitarre), Miguel Behmke (Bass) und René Greil (Drums) zur Seite stehen, wenn es darum geht, die Songs von "Antikörper" vor Publikum zu spielen.
Die Scheibe erscheint Ende Oktober 2006 über AFM Records und hält den einen oder andere Hit bereit. Mit JBO geht es Ende des Jahres auf Tour durch Deutschland. Danach starten sie im Anschluss ihre eigene Headlinertour. Den Sommer 2007 über sieht man sie auf Festivals wie dem Wave Gotik Treffen, dem Amphi Festival oder dem Summer Breeze spielen. Der große Höhepunkt des Jahres ist es allerdings, als sie im Juni für einen Gig nach Moskau fliegen und dort ebenfalls mächtig abräumen. Schließlich stehen die Arbeiten am dritten Album. So verschanzen sie sich im Studio, um dort die neuen Songs zu schreiben.
Im Frühling 2008 ist der dritte Teil fertig und Ende August steht "Sünde" in den Regalen. In der Liveband gibt es deutliche Veränderungen. Die zweite Gitarre bedient Jürgen Plangger, am Bass steht Olli Pohl. Beide sind schon auf dem Rock Harz und dem Mera Luna-Festival mit dabei. Auf Tour geht es im September mit Jesus On Extasy und einmal mehr sind auch Auftritte in Russland mit dabei.
Den musikalischen Grenzweg zwischen Metal und elektronischen Elementen gehen sie auch auf "Eiszeit" weiter, das Mitte April erscheint. Wie in den Jahren zuvor wird auf die Festivalsaison im September eine ausgedehnte Tour folgen. Ende April des folgenden Jahres ist das Label schließlich der Meinung, das es Zeit für eine Best-Of wäre und wirft "Eiskalt" auf den Markt.
Den Eisbrechern kann's egal sein, denn sie haben mittlerweile beim Majorlabel Sony unterschrieben und legen dort Anfang Februar 2012 "Die Hölle Muss Warten" vor.
Noel Pix über unheilige Vergleiche und das neue Album.
Nach dem Abschlusskonzert auf der Zugspitze und der bereits am Nachtmittag anberaumten Listening Session zum neuen Album "Die Hölle Muss Warten", gehen Pix und ich gegen ein Uhr morgens noch mal kurz vor die Tür, um ein für alle Mal zu klären, wer den Längsten hat.
Da die Temperaturen allerdings gegen Null gehen, einigen wir uns auf ein Unentschieden und sprechen lieber ein wenig über die neue Scheibe ...
Von der ist der Songwriter, Produzent und Gitarrist voll und ganz überzeugt und scheint gerade in Sachen Produktion nahe am Optimum zu sein. Entsprechend kommt der gute Pix aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus.
Pix: Eddy, wenn du die CD erst mal bei dir daheim im Player hörst und den Druck spürst. Die ist von der Produktion jetzt wirklich topp geworden und glaube ich die erste, die ich mir auch privat noch selber gern anhöre und damit zufrieden bin.
Dass die Produktion sehr satt und druckvoll geworden ist, konnte man ja heute Mittag schon feststellen. Auch wenn ihr letztendlich mit der Anlage ein wenig improvisieren musstet. Das Teil scheint echt gut zu sein, auch wenn der Titeltrack für meinen Geschmack doch recht mainstreamig, um nicht zu sagen poppig ausgefallen ist.
Hm, jein. Ich weiß schon, was du meinst, aber das hören wir ja eigentlich bei jedem Album. Wir hatten schon immer ein paar Nummern dabei, bei denen es dann jedes Mal hieß, wir würden kommerzieller. Dann muss ich immer sagen: 'stimmt nicht, sowas hatten wir schon immer dabei' (lacht). Klar sind ein paar ruhigere und ein paar eingängigere Sachen dabei, aber ein guter Song ist ein guter Song, so oder so.
Keine Frage. Ich will den Song dadurch nicht schlecht machen, ich bin nur der Meinung, dass ihr damit durchaus auch den ein oder anderen Unheilig-Fan auf euch aufmerksam machen könntet.
Oh, damit machst du dir grad keine Freunde (lacht). Ganz im Ernst, da wollten wir NICHT hin. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass das Gesamtkonzept der Scheibe viel zu heavy für den durchschnittlichen Unheilig-Fan ist und das soll auch so sein. Der Alexx ist einer mit Ecken und Kanten und die soll er auch haben und zeigen. Wir hatten schon immer ein paar Pop-Anleihen, aber dass wir jetzt nur noch auf nem Schmusekurs schippern, das kannste vergessen. Ich seh keinen Grund, auf diese Elemente zu verzichten, genauso müssen aber die harten Sachen vorhanden sein und wenn man bei dem Album auf play drückt, dann gibt es auch erst einmal auf den Sack!
Das ist richtig. Der Einstieg zeigt gleich mal, wo der Hammer hängt, da macht ihr keine Kompromisse.
Eben und damit dürften die Unheilig-Fans ganz schnell wieder weg sein. Den Track haben wir ganz bewusst an den Anfang gestellt, um solchen Diskussionen gleich mal den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wir verkaufen und verändern uns da nicht. Ob wir nun bei einem Major-Label sind, oder nicht. Da sind ja schon wieder die ersten Heuler, die uns irgendwas vorwerfen, aber da kann ich hier und jetzt nur ganz klar sagen: 'Ich konnte bei diesem Album, genau wie bei jedem anderen zuvor, genau so arbeiten und schreiben, wie ich das wollte, ohne dass mir von dem Label auch nur irgendeiner reingequatscht hätte.' Die haben die Songs von uns bekommen und waren einfach nur begeistert. Gerade "Herz Aus Eis" hat es unserem A&R total angetan.
Ich hab mir ja ein paar Notizen zu den einzelnen Songs gemacht und einen Titel wie "Keine Liebe" könnte ich mir auch von einer Lady Gaga vorstellen.
Soso (lacht). Ok, ich hab irgendwann mal "Vergiss Mein Nicht" geschrieben. Als "Antikörper" rauskam, hat es keine Sau interessiert. Ging kurz in die Charts und gleich wieder raus – inzwischen reden die Leute von der besten Scheibe und der Song ist die beliebteste Nummern überhaupt, aber an sich ist das ne absolute Schlagernummer. Dann kam irgendwann "Heilig", das ging auch so n bisschen in die Ecke und jetzt haben wir eben "Keine Liebe". Aber genau wegen dieser Attitüde mag ich den Song so, denn mit dem Alexx kann man so ne Nummer auch bringen, ohne das es lächerlich wird. Mit den meisten anderen Sängern, könnte ich mir das nicht anhören. Im Kontext von der CD funktioniert das aber meiner Meinung nach herrlich. Als alleinstehenden Track um Eisbrecher zu kategorisieren, taugt die natürlich überhaupt nicht (lacht).
Ich meinte das jetzt auch nicht mal negativ. Immerhin scheint Lady Gaga auch in Metalkreisen einiges an Respekt zu genießen. Sowohl Iron Maiden, als auch Saxon verstehen sich mit der Dame offensichtlich hervorragend.
Warum auch nicht. Es ist ja, wie vorhin gesagt, ein guter Song ist ein guter Song. Zumal ich mit dem Alexx auch Nummern erarbeiten kann, die mit manch anderem Sänger nicht funktionieren würden.
Was mir positiv aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass Alexx ein paar sehr raue Sachen singt. Gerade im Vergleich zum vorletzten Album, wo mir die Effekte auf der Stimme immer wieder negativ aufgefallen sind.
Was soll ich sagen, das ist sowas wie ein Zeichen der Zeit. Wir planen solche Sachen nicht, das entwickelt sich einfach während der Produktion und dieses Mal wollten wir auf die meisten Effekte auf der Stimme eben verzichten. Es ist immer noch sehr viel Elektronik auf dem Album, aber eben so verpackt, dass es sich nicht unbedingt in den Vordergrund drängt. Allerdings sind das nicht die typischen Presets und Sounds, die man in jeder zweiten Gothic-Produktion hört, sondern die wurden von mir mit sehr viel Liebe zum Detail weitgehend selber erarbeitet und erstellt. In Sachen Gesang sind wir dieses Mal sehr reduziert vorgegangen. Da wurde stimmlich auch gar nicht so viel gedoppelt, was aber funktioniert, da der Alex ein echt geiler Sänger ist. Beim vorletzten Album "Sünde" lief auch vieles nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Vor allem konnte ich da mit Alexx nicht wirklich an den Songs arbeiten. Seine Stimme kam erst dazu, als alles schon so gut wie fertig war. Da kam es dann schon vor, dass die Tonlage entweder zu hoch, oder zu niedrige, oder sonst irgendwas war und dann mussten wir hin und wieder tricksen. Dieses Mal war das vollkommen anders. Wir müssen auf die nächste Tour wahrscheinlich 20 Gitarren mitnehmen, weil die Songs alle in unterschiedlichen Tonarten sind. Wir wollten dieses Mal 100%ig sicher gehen, dass sie genau auf Alexx' Gesang zugeschnitten sind. Da spielte es auch keine Rolle, ob ich an dem Song sonst schon viel gebastelt und auch aufgenommen hatte. Wenn das von der Tonart oder vom Tempo her nicht das Optimum war, haben wir das neu gemacht.
Weißt du, das Schöne ist dabei, dass wir alle keine Zwanzig mehr sind und entsprechend sehr genau wissen, wie der Hase läuft. Wir sind eigentlich ohne jegliche Erwartungen an den Major-Deal heran gegangen. Warum auch? Egal, mit welchem Label wir gearbeitet haben, wir sind unseren Weg gegangen und mussten uns in keiner Weise reinreden lassen. Das war uns bislang immer das Wichtigste. Selbst wenn Sony keinen Strich für die Platte tun würden, wir würden dennoch unsere Fans finden und wenn wir jetzt KEINE 1,5 Millionen Platten verkaufen, wie Unheilig, dann bin ich wirklich der Letzte, der deswegen weinend ins Bett geht (lacht). Sollten die Verkaufszahlen zurück gehen, dann muss man sich ein paar Gedanken machen, aber das glaube ich nicht. Wir lassen uns nicht verbiegen, werden die alten Fans mit der neuen Scheibe wohl kaum verprellen und wenn wir noch ein paar dazu bekommen – super.
Wie war denn die Situation, als Sony an euch heran getreten sind?
Ha, das war natürlich ne feine Sache. Wir waren mit dem letzten Album auf Platz 5 in den Charts, hatten unseren Deal mit dem letzten Label erfüllt und auf einmal standen sie alle da (lacht). Das hat uns dann doch etwas geplättet. Vorher wollte keine Sau was mit uns zu tun haben und auf einmal winken alle mit dem Scheckbuch. Wir waren dann natürlich in der bequemen Position, dass wir uns die aussuchen konnten, die uns künstlerisch am besten betreuen und uns alle Freiheiten lassen. Unser A&R war schon vor fünf Jahren auf unseren Gigs und hätte uns auch damals schon gern gesignt. Das ging leider aus Vertragsgründen damals nicht, aber der ist immer noch bei Sony und glaubt heute genauso sehr wie damals an uns und auch das war letztendlich ausschlaggebend. Wir fühlen uns da sauwohl und schauen, was jetzt passiert. Man ist heute einfach erwachsener, als für 15 Jahren. Alexx wollte damals noch unbedingt Rock'n'Roll-Star werden, wir waren beide noch bei Megaherz und irgendwie hat das nicht so funktioniert, wie man das wollte. Das wurde dann richtig unangenehm und nach der dritten LP konnte keiner mehr dem anderen in die Augen schauen. Das ging einfach nicht mehr und als wir mit Eisbrecher loslegten, war das wirklich nur aus Spaß an der Musik und ohne irgendwelche Erwartungen. Und jetzt schau, wo wir auf einmal sind. Das ist mir fast schon ein bisschen suspekt, weil tonnenweise Arbeit vor der Tür steht (lacht).
Wenn du ans Songwriting gehst und, wie du bereits selbst gesagt hast, sehr detailliert auch an den elektronischen Komponenten arbeitest. Nimmt das dann mehr Zeit in Anspruch, als die Arbeit mit den Gitarren?
Oh ja, deutlich mehr! Und auch wenn du das vermutlich nicht gerne hörst, aber die Zeit, in der ich mich einfach mit der Gitarre hingesetzt und Songs geschrieben habe, ist eigentlich vorbei (lacht). Mittlerweile ist es eher ein Groove oder ein bestimmter Sound, der mich inspiriert und mit dem ich dann einen Song ausarbeite. Ich passe allerdings immer auf, dass da auch noch Platz für Gitarren ist, denn das Ergebnis muss schon ausgewogen sein. Aber auf der Wandergitarre hab ich schon lange nichts mehr geschrieben, was im Umkehrschluss aber nicht heißt, dass man viele Songs damit nicht spielen könnte.
Du fühlst dich also in erster Linie als Produzent und dann als Gitarrist?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich war früher immer in erster Linie Gitarrist und habe auch unglaublich viele Sachen als Studiogitarrist gespielt. Nach und nach bin ich dann so ins Produzieren reingerutscht und hab für die anderen Sachen mittlerweile keine Zeit mehr und bin auch oft zu faul, die ganzen Sachen erst aufzubauen und anzuschließen (lacht). Es ist inzwischen relativ ausgewogen, was und wie ich arbeite. Ich habe auch nicht mehr den Anspruch, dass ich auf den eigenen Scheiben alles selber spielen muss. Die Songs sind alle von mir und alle meine Gitarrenspuren sind drauf, aber da kamen dann noch einige andere dazu. Die Drums sind endlich mal live, das knallt dann schon ganz anders, wir haben ein paar Streicher mit dabei und die passen auch gut ins Konzept – das ist alles gut so, wie es ist. Manche Dinge werden viele Leute gar nicht heraus hören, das weiß dann vielleicht nur ich, was da gerade passiert, aber für mich ist das ein extrem tolles Gefühl zu wissen, wie viel Zeit und Mühe ich investiert habe.
Welchen Song hast du denn zuletzt tatsächlich noch auf der Klampfe komponiert?
Oh Gott ... (langes Schweigen) ... das ist jetzt echt schwer zu sagen. Fakt ist, ich produziere im Jahr etwa ein, bis zwei Stunden Musik, die in welcher Form auch immer, veröffentlicht wird. Das ist ja nicht nur Eisbrecher, das sind ganz viele verschiedene Sachen. Ich geh damit nur nicht groß hausieren. Das letzte, was ich an der Gitarre geschrieben habe, war glaube ich irgendwas für BMW. Die wollten für ihre Werbung nen Gitarrensong und dann bleibt dir kaum was anderes übrig, als den auch an der Gitarre zu schreiben (lacht). Aber nur weil die Initialidee nicht von der Gitarre stammt, heißt das ja nicht, dass ich nicht mehr mit der Gitarre arbeite.
Klar, schon verstanden. Nur wenn ich im Bett liege und nicht pennen kann, geistern mir eben Gitarrenriffs in der Rübe rum. Wie ist das bei dir?
Hm, das kommt ganz drauf an. Es hängt ja auch davon ab, was man machen will. Manchmal gehe ich schon eher harmonisch vor und gehe nicht von Sounds aus, sondern maßgeblich von Akkorden. Dann geht es aber weniger um Riffs, sondern eher um Harmonien, Akkorde mit Melodiebögen und ähnliches, auf die ich dann aufbaue. Bei den härteren Sachen inspirieren mich oftmals eher Grooves. Das liegt vor allem aber auch daran, dass es kaum mehr Riffs gibt, die mich selber noch kicken. "Tanz Mit Mir" ist ein Riff, das mich persönlich noch kickt, das ist aber am Synthie entstanden (lacht).
Welches Lied mich sehr beeindruckt hat, war das epische "Ein Leben Lang Unsterblich". Täusche ich mich oder ist das eine Art Nummer, die bislang nicht in eurem Sortiment vorkam.
Danke, ich finde auch, dass das ein wunderschönes Lied ist. Und du hast recht, gerade das epische an dem Song ist in gewisser Weise neu für uns. Das liegt vermutlich auch daran, dass ich den Song nicht allein komponiert habe, sondern dass der in Gemeinschaftsarbeit entstanden ist. Das waren nicht nur Alexx und ich, sondern an dem Track haben wir zu viert gearbeitet und ich freu mich immer noch sehr, dass das so gut geklappt hat. Aber da ist nicht nur die Melodie sehr schön, sondern auch der Text.
Hm, dann vermute ich, dass man das Album und vor allem diesen Song ein paar Mal hören muss, um den Gedanken dahinter zu erkennen. Wenn das geschehen ist, dann ist das ein wahrer Monstersatz! "Augen Unter Null" ist jetzt zum Beispiel ein meiner Meinung nach sehr ausdrucksstarkes Bild, das Alexx da entwirft. Mag nicht jedermanns Sache sein, ich mag das sehr gern. "Tanz Mit Mir" ist natürlich auch keine weltbewegende Message, aber die Amis packen das quasi in jeden zweiten Song rein. Die Nummer kickt aber, deswegen geht für mich auch der Text klar. Mit Provokation kommt man ja eh nicht mehr sonderlich weit, also warum sollten wir da noch mal drauf klopfen. Das machen wir mit "Exzess Express" zwar auch noch mal ein bisschen, aber das ist ja eher mit Humor zu sehen. Aber hör dir die Scheibe einfach noch mal in Ruhe an.
Werd ich tun. Mal so nebenbei, nächstes Jahr um die Zeit geht ja laut Maja-Kalender die Welt unter. Was habt ihr denn da geplant?
Bislang noch nicht viel, aber das ist doch mal wieder typisch. Kaum werden wir ein bisschen erfolgreicher, schon geht die Welt unter (lacht). Wir hatten sogar einen Song, der sich mit der Thematik befasst hat, aber der ist nicht mehr auf der Platte gelandet, weil der Text und die Musik nicht 100%ig miteinander harmoniert haben. Vielleicht auf dem nächsten Album, aber ne, da ist ja die Welt dann schon untergegangen.
Ich frag mich ja eh, wie ein Kalender zu Ende gehen kann ...
Was schaust du jetzt mich an? Ich bin kein Maja, oder Azteke oder sonst was in der Art. Ich hab keine Ahnung (lacht).
Bleiben wir doch gerad mal ein bisschen Off-Topic. Hast du "Lulu" mal gehört?
Ja, hahaha, das hab ich tatsächlich mitbekommen und zwar auf Arte. Da saßen Lou Reed und Metallica zusammen und waren groß am erzählen. Irgendwas von wegen, sie seien Blutsbrüder und würden jetzt zusammen Musik machen. Das hat mich dann schon neugierig gemacht und habe mir das auf amazon angehört. Ich bin allerdings sehr erschrocken. Nach der vorletzten Metallica, dacht ich es, könne nicht mehr schlimmer kommen, aber das ist schon … das geht halt nicht. Aber hey, es gibt auch Leute die sogar da drauf stehen. Von daher will ich mich da gar nicht groß zu äußern.
Wie sieht das bei dir eigentlich mit den sogenannten Social Networks aus? Alexx ist auf Facebook ja sehr umtriebig, wenngleich er neulich mal ne Zeit lang aus unerfindlichen Gründen weg vom Fenster war.
Ja, da weiß er immer noch nicht, was da los war. Und nein, ich bin da eigentlich gar nicht unterwegs auf solchen Plattformen. Mir sagt man immer nach, ich wäre eben der ruhigere Teil bei Eisbrecher, das stimmt so aber eigentlich überhaupt nicht. Der Alexx hat einfach eine Vorliebe dafür, im Mittelpunkt zu stehen, was als Frontmann absolut notwendig und richtig ist. Ich hab jetzt auch nichts dagegen, such die Aufmerksamkeit aber auch nicht. Was ich gar nicht mag, ist wenn bei mir im Studio irgendwelche Menschen auftauchen, die da eigentlich nichts zu suchen haben. Deswegen steht da auch nirgends ein Schild oder ähnliches. Das ist auch kein Vermietstudio, sondern einfach mein Arbeitsplatz und fertig. Ich hab kein Problem damit, dass der Alexx die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Auch nicht damit, dass viele ihn als Kopf der Band ansehen. Wenn man sich ein wenig mit uns beschäftigt, oder einfach mal das Booklet anschaut, anstatt sich alles nur runterzuladen, dann weiß man ja, dass ich zu Eisbrecher auch einen gewissen Beitrag leiste (grinst).
Was hältst du denn dann von so einem Mist wie Twitter?
Da bin ich vollkommen raus aus sowas. Ich bin weder auf Facebook, noch Twitter, noch sonst irgendwas. Von daher kann ich da auch kaum was zu sagen. Ich bin einer von denen, die immer noch gern telefonieren oder ne SMS schreiben und auch emailen. Aber alles andere ist irgendwie nicht relevant für mich. Ich neulich erst mit meiner Freundin drüber geredet, dass wir beide morgens nach dem Aufstehen erst mal die Laptops aufklappen und Mails checken. Das ist ja an sich schon ok, aber irgendwie doch auch ein bisschen traurig, oder? Man schaut erst mal, ob man irgendwas verpasst hat, ob irgendwer was von einem will. Wenn ich da auch noch bei Facebook und dem ganzen Kram aktiv wär, dann wüsste ich gar nicht, wo ich noch meine Zeit für all die anderen Sachen herholen sollte. Ne, das wäre nicht meins. Mir geht es ja schon auf den Sack, dass wenn ich mal mein iPhone im Studio vergessen habe, ich unbedingt noch mal zurück fahre, um das Ding zu holen, weil es könnte ja irgendwas sein, dass auf keinen Fall bis zum nächsten Tag warten kann … Man denkt heutzutage immer, dass man jederzeit und überall erreichbar sein muss und das nervt mich selber schon (lacht). Ich habe zwar nicht Dreitausend Freunde, sondern nur ein paar, aber dafür sind das gute Freunde und wenn ich die sehen will, dann klappt das auch. Und wenn mich jemand erreichen will, dann schafft man das auch irgendwie. Ich versteck mich ja nicht.
Erzähl doch mal noch kurz was zu den zwei Wechseln im Line-Up bei euch.
Ja, schade sowas. Jetzt nicht wegen der neuen Leute, sondern weil die beiden alten Kollegen bei uns aufhören mussten. Wir hatten mit Olli (Pohl, Bassist) und René (Greil, Drums) eine fantastische Liveband zusammen, doch mit dem Alter verschieben sich eben die Prioritäten und Neue kommen hinzu. Heiraten, Kinder, der fest Job, das sind alles Dinge, die immer wieder dazu führen, dass man sich entscheiden muss. Irgendwann kam einfach der Punkt an dem wir sagen mussten, dass wie die Eisbrecher-Termine nicht mehr um die Termine von Olli und René herum bauen konnten. Wir haben uns dann zusammen gesetzt und die Sache durchgesprochen und leider konnten sich die beiden nicht anders entscheiden, was ich voll und ganz verstehen kann. Olli war vorhin bei unseren Gig oben auf der Zugspitze auch da. Der hat fast geweint, weil sowas tut dann schon weh, wenn man die alte Band auf der Bühne sieht. Aber so ist das nun mal, wenn man Kinder hat und das versteht jeder in der Band. Alexx und ich geben nach wie vor alles für Eisbrecher und daran wird sich wohl auch nichts ändern. Ich mach das jetzt seit unzähligen Jahren und nach wie vor wirklich nur aus der Liebe zur Musik und nicht wegen dem Geld oder dem Ruhm oder was weiß ich. Ganz im Ernst - Alexx und ich haben uns letztes Jahr zum aller ersten Mal selber eine Gage ausgezahlt. Bis letztes Jahr ist das ganze Geld, das reinkam, immer direkt an die anderen Jungs in der Band oder die Crew gegangen. Das war das erste Mal, dass auch Alexx und ich sagen konnten: 'Hey, ich hab heute mit einer Show von Eisbrecher Geld verdient. Auch mal was Neues' (lacht).
An sich ein schönes Schlusswort, aber ich lass dich nicht zu deinem Bier, ohne einen Buch- oder Filmtipp.
Hm, schwierig, weil ich in letzter Zeit eigentlich ganz viel Schlechtes gelesen habe (lacht). Und vieles davon war auf der Bestseller-Liste. "Schneewittchen Muss Sterben" war zum Beispiel ganz schlecht. Auch sowas wie "Der Schwarm" fand ich absolut überbewertet. Der Autor macht sich zwar richtig viel Arbeit mit Nachforschung und sowas, aber das Ergebnis fand ich nicht wirklich den Hammer. In Sachen Film gab es 2011 kaum Bemerkenswertes, aber einer meiner All-Time-Favoriten ist immer noch "Boogie Nights". Gerade Mark Wahlberg hat mich als Schauspieler richtig überrascht. Einen Film gab es allerdings, der mir richtig gut gefallen hat und das war "Willkommen In Cedar Rapids". Schaut da mal rein.
Alexx Wesselsky über "Eiszeit", Amokläufer und den Zynismus der "Geboren Um Zu Leben"-Kampagne.
Eisbrecher-Sänger Alexx Wesselsky spricht u.a. über Schlagertendenzen bei Unheilig und die "Geboren Um Zu Leben"-Kampagne.
Als ich den Backstageraum betrete, ist Alex gerade mit einer akustischen Gitarre bewaffnet und probt mit Gitarrist Jürgen ein Medley aus "Tränen Lügen Nicht" und Unheiligs "Geboren Um Zu Leben". Nach ein paar Minuten ist die Sache abgeschlossen und der Sänger widmet sich nach kurzem Zigarettensuchen dem Interview.
Jetzt wird's Ernst. Für welches Magazin bist du hier?
laut.de. Noch nie gehört?
Doch, klar, aber ich verwechsel das immer mit last.fm. Aber das ist ja so ein Web 2.0 Portal, oder? So eine Art Facebook nur mit Musik, oder?
Wir betreiben auch laut.fm, wofür du mir nachher noch eine schöne Station ID geben darfst ...
Ah, verstehe, laut.de, laut.de, das waren doch die, die meine Sachen schon bei Megaherz verrissen haben und die ersten Eisbrecher-Alben.
Das kann ich so nicht bestätigen. "Kopfschuss" und "Himmelfahrt" wurden zerrissen, dann hab ich mich der Sache angenommen. Die "Herzwerk II" ist bei mir gelandet, und die find ich nach wie vor gut.
Stimmt, aber davor dachte ich echt immer – bamm – hat das der Wolf-Rüdiger Mühlmann vom Rock Hard geschrieben, oder was? Da habt ihr ja echt richtig rein gehauen. Aber die Review jetzt zu "Eiszeit" fand ich richtig gut. Warst du das?
Jüp.
Das ist eine, die kann man sich durchaus auch ins Portfolio nehmen. Die hat Aussagekraft und man merkt, dass du dich mit der Scheibe beschäftigt hast. Ob die dann nur positiv oder auch kritisch ist, spielt dabei gar keine so große Rolle. Es ist ja nicht die Kritik, die einen nervt, es ist die Art und Weise. Zillo oder Sonic Seducer Soundcheck … die müssen ja nicht schreiben, dass die Platte super ist, wenn sie die nicht mögen. Die müssen auch nicht schreiben, dass die Texte nicht die schlauesten sind. Das find ich selber ja gar nicht. Ich will ja nicht Friedrich Schiller oder Franz Kafka vertonen. Das ist sicherlich nicht intellektuell, aber es ist eben auch nicht blöd!
Die Frage ist doch immer: was wollen wir eigentlich? Wir wollen tanzbare Clubmucke machen, auf Konzerten rocken und dazu brauchen wir auch Texte. Und die ordnen sich dem ganzen System eben in gewisser Weise unter. Ich kann auch Dichterlesungen machen, dann denkt jeder: 'Boah, ist der Typ hochintelligent!' Aber dann würde halt keiner tanzen. Und das ist nicht das Ziel. Mich regen einfach Kritiken auf, die nur sagen: 'Oomph! sind scheiße, Rammstein sind scheiße und Eisbrecher sind am beschissensten.' Lasst es doch einfach sein, wenn ihr die Musik gar nicht mögt. Von mir könnte man auch nichts Anständiges erwarten, wenn ich über eine neue Manowar was schreiben sollte. Ich fand die Band früher nicht schlecht, aber mittlerweile nur noch lächerlich. Also schreib ich da nix drüber, weil ich den Fans nichts Relevantes zu der Musik mitteilen könnte. Es sei denn, ich kann das Ganze objektiv halten und sagen: 'Geile Produktion, definitiv was für die Tanzfläche, aber halt nicht mein Fall.' Aber wenn man von vorne herein mit irgendwas nichts anfangen kann, dann lasst es doch einfach sein. Man muss sich nicht zu allem äußern. Was interessiert mich denn, wenn einer behauptet, dass wir nicht innovativ wären? Ja und? Scheiß doch auf Innovation. Soll ich mich so lange neu erfinden, bis alle Fans weg sind? Ach, da könnt ich mich grad in Rage reden …
Tu dir keinen Zwang an. Ich hab genügen Batterien dabei.
Das ist genauso, wie wenn ich hier meine Späße über Unheilig mache. Das ist ja nicht so, dass ich sagen würde, dass der Graf ein Arschloch ist. Ganz und gar nicht. Es geht einfach darum zu sagen, dass ich – der auch alle Unheilig-Scheiben im Schrank stehen hat – die momentane Entwicklung schwierig finde. Mir gefällt das nicht mehr sonderlich. Gerade diese Schlagertendenzen. Wir bei Eisbrecher arbeiten ja durchaus auch mit Schlagerelementen, aber es wird halt doch kein Schlager. Und bei Unheilig isses nun doch einer geworden. Aber das ist eben nur meine, persönliche Meinung.
Was mich viel eher stört, ist die Tatsache, dass man mit der Nummer "Geboren Um Zu Leben" einen auf Betroffenheit macht, um Spendengelder für Haiti zu sammeln. Das ist meiner Meinung nach zynisch und menschenverachtend. Das ist RTL-Marketing auf der untersten Schiene. Ich versteh auch nicht, wie man allen Ernstes zu Big Brother gehen kann. Damit disqualifiziert sich meines Erachtens nach jeder. Egal ob Künstler, Politiker oder was auch immer. Man muss doch nicht jeden Dreck mit machen, nur um Platten zu verkaufen. Die ganze Vermarktungskampagne, die da gerade mit Unheilig läuft, finde ich echt scheiße und peinlich. So was regt mich wirklich auf. Das hat aber nichts mit der Musik zu tun. Dass die mir auch zu schlagerlastig geworden ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Unzähligen anderen gefällts, also muss irgendwas dran sein. Ich schau auch nicht den Florian Silberrücken und seine Gorillabande, aber Tausende Leute tun das. Für jeden gibt's ja Gott sei Dank die richtige Mucke. So, jetzt kannst du mal ne Frage stellen (lacht).
Naja, die 80er Jahre Versatzstücke sind bei uns ja schon immer wieder aufgetaucht. Das ist ja spätestens seit "This Is Deutsch" bekannt. Das ist einfach die Zeit, die uns mit Sicherheit am nachhaltigsten geprägt hat. Damals war ja noch wirklich alles möglich. Man durfte Iron Maiden UND New Wave hören, ohne dass man schief angeschaut wurde. Aber, wart mal kurz (ruft in den Nebenraum) Pixx, warum klingt "Supermodel" so n bisschen nach NDW?
Pixx: Findest du? Find ich gar nicht.
Find ich schon.
Pixx: Ne, ich nicht.
Alex: Wir machen hier grad Interview, falls du auch was sagen möchtest:
Pixx: Ja, find ich nicht!
Schön, dass wir das geklärt haben.
Tja, er findet's wohl nicht. Ich sag: es klingt, wie es klingt. Das ist vielleicht die Phrasierung, die ein wenig stakkatohaft ist. Aber das hat sich eben so angeboten. Den Song durften wir nicht zu kompliziert machen, er heißt ja schließlich "Supermodel" (lacht). Da heißt immer: Ja, diese 'Reim dich oder ich fress dich'-Sachen. Hallo? Das Supermodel soll ihn doch auch verstehen! Da kann der Text nur einfach und schmerzhaft sein.
Wär das vielleicht mal was als Titelmelodie für die nächste Klum-Staffel?
Klar, aber die sollen einfach aufhören ständig Neue zu suchen, das wär viel besser. Aber es ist halt ein Text, bei dem wir uns den Spaß gemacht haben, das Ganze mal zu kommentieren. Wir geben uns mit unseren Texten durchaus Mühe, aber hinterher heißt es dann immer irgendwo: 'Ach, ich vermisse die Spitzfindigkeit, blablabla.' Seit ich denken kann, heißt es immer: 'Die Texte sind im Vergleich zu Rammstein nicht provokativ genug, für Intellektuelle nicht intellektuell genug und für Dumme nicht dumm genug …' Da kannste auch drauf scheißen. Auf "Herzwerk II" haben wir uns zu sozialkritischen Themen geäußert und alle Register gezogen - dankts dir einer? Quatsch! Es ist echt scheißegal. Am Ende des Tages solltest du machen, worauf du Bock hast.
Der Song muss einfach rocken, alles andere ist dabei eigentlich nebensächlich. Wenn du eine Message brauchst oder was lernen willst, geh in die Schule, die Uni, die Bibliothek. Ich halte niemanden davon ab. Aber warum wird von mir als Künstler immer eine besondere Message erwartet? Unser Ziel ist es, die Leute zum Tanzen zu bringen und gut is. Wir machen das so – wir könnten auch anders, aber warum? Ich möchte, dass das was ich mit Eisbrecher mache, ins Herz geht – je schneller, desto besser. Dazu brauch ich keine komplizierte oder tiefsinnige Message. Wir sind keine Geschichtenerzähler, wir schreiben Songs. Wenn man von einem Konzert von uns nach Hause geht soll man sagen: Ich hab geschwitzt, ich hab getanzt, ich hab gelacht und jetzt gehts mir einfach gut. Wenn das der Fall ist, haben wir alles richtig gemacht und unser Ziel erreicht.
Die Scheibe hast du deinem Dad gewidmet. Was mich ein wenig wundert, ist dass du das nicht auch in einem Song verarbeitet hast.
Er hat sich während der Produktion von "Eiszeit" verabschiedet. Das war eine schwere Zeit. Man kann wirklich sagen, dass es Eisbrecher nur wegen meinem Vater überhaupt gibt. Weil er mich auch in ganz brutalen Zeiten immer unterstützt und an mich geglaubt hat. Dabei machen wir ganz bestimmt nicht seine Art Musik, und trotzdem ist er mal auf ein Konzert mitgekommen. Er hat uns immer dermaßen unterstützt, dass eigentlich unser ganzes Schaffen meinem Vater gewidmet ist. Das letzte Album nun eben ganz besonders. Und wenn wir dieses Mal tatsächlich den Top 10 Charteinstieg bekommen, dann hab ich das einzig und allein ihm zu verdanken. Ich weiß, wie er jetzt empfinden würde und das ist mir sehr wichtig. Wir hatten im Studio einen Song, den wir teilweise ausgearbeitet hatten, der vom Gefühl her ganz gut war. Das war relativ kurz nach dem Tod meines Vaters. Darin ging es dann auch um den Abschied von ihm, aber letztendlich wurde die Nummer nicht fertig ausgearbeitet. Deswegen ist halt kein Song auf der Scheibe, der das Thema behandelt. Letztendlich ist es ja auch eine sehr private Angelegenheit. Es war nicht der richtige Zeitpunkt oder das richtige Gefühl und auf Biegen und Brechen wollte ich da nichts machen. Da gibt es genügend andere Songs, die meine Gefühle da sehr gut beschreiben.
Mir kommt da direkt "An Deinem Grab" von der "Herzwerk II" in den Sinn. Find ich immer noch einen bärenstarken Song.
Das ist ein toller Song, aber in dem Fall eher unpassend, denn die Frage, wer an seinem Grab stehen wird, muss sich mein Vater nicht stellen! Das ist eine Frage, die sich eher jemand wie ich stellen muss (lacht bitter). Einer, der da oben auf der Bühne steht und sich von Fremden Leuten Zuspruch und Zustimmung erhofft. Warum macht man das? Warum muss man sich vor all diesen Leuten präsentieren und produzieren? All die Zeit, die wir unseren ganzen Fans zur Verfügung stellen, klaut man im Endeffekt der Familie, der Frau, den Eltern oder dem Nachwuchs. Und irgendwann macht es Bumm, und du bist weg. Dieser Text ist eher für Leute, die ständig etwas hinterher rennen und sich schließlich fragen: war's das wert? Die Frage muss sich mein Vater nicht stellen! Mein Vater war eigentlich genau das Gegenteil von mir. Der war sich selbst immer genug und hat in sich geruht. Mit wenig zufrieden, hilfsbereit, immer für andere da. Definitiv ein Geber und kein Nehmer. Da muss ich echt noch an mir feilen, hab aber zumindest ein großartiges Vorbild.
Du hast gesagt, dass du dich weder als Geschichtenerzähler noch als Vorbild siehst. Als Sänger ist man aber automatisch immer das Sprachrohr der Band.
Schon klar, aber ich hab einfach nicht das Bedürfnis, irgendwelche politischen Botschaften in meine Songs zu packen. Das kann ich auch zwischen den Songs tun. Und da sind wir auf der Bühne auch immer recht tagesaktuell. Der Standardspruch ist dann immer: 'Alex halts Maul und spiel lieber noch nen Song.' Aber wenn dir was auf der Seele brennt muss es raus. Da macht man sich zwar angreifbar, aber auf der Bühne stehen, heißt für mich auch ein bisschen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Deswegen muss ich aber nicht im Studio einen auf BAP machen.
Das habt ihr auf dem Castle Rock letztes Jahr ja ganz gut umgesetzt, als vor euch die Frau Bürgermeisterin auf die Bühne kam. Dein Spruch: 'Ich würde sie wählen', war echt der Brüller!
Ja, die Frau Bürgermeisterin (lacht). Wenn es mit der Rock'n'Roll-Karriere nichts wird, lass ich mich auch mal aufstellen. Aber es hat gewirkt, wir sind dieses Jahr wieder auf dem Castle Rock. Da hat die Frau ein gutes Wort für uns eingelegt. Wie schauts mit euch aus? Ihr spielt da nicht, oder?
Nein. Wir würden sie auch nicht wählen (alle lachen).
Hätteste dich vielleicht mit der Bürgermeisterin ein bisschen besser stellen müssen.
Na wer weiß … Aber zurück zu euch. An der neuen Scheibe ist mir gleich aufgefallen, dass der Gesang nicht mehr so oft verzerrt oder verfremdet ist. Habt ihr das bewusst so gemacht, weil in der Richtung Kritik kam?
Nö, eigentlich nicht. Ich finde, die letzte Scheibe war per se einfach elektronischer und vor allem auch sehr – ich sag mal – düster. Dadurch haben sich die verzerrten Sachen beim Gesang einfach angeboten und es hat für unseren Geschmack auch gepasst. Das haben wir dieses Mal eben weitgehend wieder weggelassen. Das ist aber an sich nichts, worüber wir uns eingehend Gedanken machen. Wenn es passt, passt's eben. "Eiszeit" ist aber auch deutlich mehr ein Songalbum als "Sünde". Die Songstrukturen sind ausgeprägter als auf dem Vorgänger, der ja doch deutlich experimenteller war. "Eiszeit" ist die Scheibe, auf der ich bislang am meisten mit echtem Gesang arbeite. Puh, war auch ganz schön anstrengend. Vor allem der arme Pix hat da ganz schön leiden müssen (lacht). Auch die Tina (Gastsängerin) hat immer wieder Tipps gegeben. 'Versuchs doch mal mit Atemübungen usw'. Aber am Ende haben wirs irgendwie hingekriegt, jetzt muss es nur noch live funktionieren …
Das find ich auch! Das ist jetzt so was wie unsere Sexbombe. Was auch immer mit der "Bombe" gemeint ist, was sie in die Luft jagen soll. Gerade durch den Einsatz des weiblichen Gesangs bekommt der Song eine komplett andere Wendung. Vor allem wie dominant Tina da auftritt, das find ich schon richtig geil! Auch bei den anderen Songs harmonieren die weiblichen Vocals einfach nur noch geil mit dem Rest, also warum sollten wir so was nicht verwenden?
Nö, hast ja recht. Solche Ideen kommen dann aber erst im Studio auf, wenn der Song schon weitgehend fertig ist, oder?
Ja, da ist der Pixx dann absolut federführend im Studio, und der hat ein super Gespür für so was. Dann probieren wir ein paar Sachen aus und schauen was passt. Wir haben ja von der ersten Scheibe an schon mit Ladies gearbeitet. Diese Mal fällt es den Leuten seltsamerweise mehr auf. Ich hoffe ja immer noch, dass Tina irgendwann mal mit uns gemeinsam auf der Bühne stehen wird.
War "Gothkiller" auch so eine spontane Entscheidung im Studio?
Ja, mehr oder weniger. Aber wenn du gerade damit anfängst: In den USA und Kanada teilt der Song die Meinungen wie Moses seinerzeit das Rote Meer. Die einen sagen: 'Um Gottes willen, hoffentlich bleibt es bei dem einen Song. Wieso singen die auf einmal englisch?' Die anderen sagen: 'Geiler Scheiß, der Song rockt dir die Socken weg.' Der Pixx hatte die Idee für den Song schon ewig liegen und hat das dann mit Rob von Lacrimas Profundere aufgenommen. Den hat er mir dann mal vorgespielt, und ich habe sofort gesagt, dass der auf die Scheibe muss. Dann haben wir halt ein Duett draus gemacht. Ob der jetzt englisch oder deutsch ist, ist uns doch scheißegal. Einmal mehr: Hauptsache es rockt! Message? Haben wir nicht. Grammatikalische Fehler drin? Auf jeden Fall! Die hab sogar ich entdeckt, aber selbst da haben wir druff geschissen. Das Ding klingt geil, klingt nach Sisters nach Billy Idol, was auch immer. Gashahn auf, Weiber, Sex, Rock'n'Roll. Wenn man einen Manowar-Text ins Deutsche übersetzt, werden dir auch die Ohren abfallen. Was solls? Vielleicht machen wir auch mal einen auf Französisch? Das ist doch cool. Wenn man den Song nach Sisters in der Disse spielt, weiß keiner, wer das ist, aber alle bleiben auf der Tanzfläche. Ziel erreicht.
Ich hab aus guter Quelle mal gehört, dass du es – vor allem auf Tour – nur sehr ungern hörst, wenn du auf deine Tätigkeit als "Der Checker" angesprochen wirst.
Ja mei, ich bin dann ja nicht als DMAX-Fritze unterwegs, sondern eben als Alex von Eisbrecher und was wir uns mit Eisbrecher aufgebaut haben, hat mit "Der Checker" ja herzlich wenig zu tun. Klar, es kommen auch viele Leute über "Der Checker" überhaupt erst auf Eisbrecher, aber ich steh da echt nicht sonderlich drauf. Ich finde das natürlich super, dass ich da in ner Sendung bin, die super läuft und die mittlerweile das Quotenzugpferd auf DMAX ist. Das ehrt und freut mich gleichermaßen. Aber es ist doch so: nach drei Jahren Checker kennen mich im Fernsehen 20-30.000 Leute und wenn ich mit Eisbrecher nach 20 Jahren Arbeit auf Tour gehe, ist man froh, wenn man vor 800 Leuten spielt. Ich möchte das einfach getrennt haben, denn Eisbrecher ist wirklich mein Baby, die harte Arbeit meines Lebens, und das andere Ding ist auch richtig Spaß, aber das ein hat mit dem anderen kaum was zu tun. Aber vergesst den Checker, wir haben uns dazu entschlossen, uns selber zu adeln. Nachdem der Adel in Deutschland gerade wieder so hoch im Kurs steht. Es gibt da ja den Herrn von und zu Gutenberg und den Grafen. Ich bin ab jetzt der König. Und der Pixx ist der Prinz. Der Pripi, sozusagen.
Und ich dachte schon, die Prinzessin … Aber kommen wir abschließend noch mal zu einen ernsteren Thema, das ihr in "Amok" aufgegriffen habt.
Das ist ein Thema, mit dem die Medien wie immer reißerisch und vollkommen beschissen umgehen. Der Vater, der sein Gewehr nicht weggeschlossen hat, der Sohn, der losläuft und in der Schule ein Blutbad anrichtet. Das sind alles Symptome. Natürlich ist das furchtbar, aber der Killer steckt doch in uns allen, es ist nur die Frage, welchen Knopf du drückst. Man muss an die Gesellschaft ran, immerhin schaffen wir hier alle die Voraussetzungen, dass so was möglich wird. So was ist aber immer nur interessant und ein Thema, bis ne Aschewolke aus Island rüber rutscht oder was anderes kommt. Es ist pervers, krass und krank, dass so was möglich ist, dass uns unsere Kids entgleiten und einen derartigen Lebensfrust aufbauen. Eine totale Verachtung der eigenen Existenz und der anderer Leute, das ist bestimmt nicht auf Ballerspiele oder Heavy Metal zurück zu führen. Wer schafft denn Sozialstationen und Kitas und andere Einrichtungen ab? Wer schafft denn Bildung, Kultur, Moral und Ethik ab? Da dürfen wir uns alle selber an die Nase greifen. Man muss an die Ursachen ran und nicht an die Symptome. Wo ist der Auslöser? Ich weiß es nicht. Ich hab die Antwort darauf auch nicht – ich stelle nur fest. Und was ich dabei sehe, frustriert mich immer mehr.
Eiskalt (2011)
Eisbrecher (2004)
| Do | 16.02.2012 | Eisbrecher Hamburg (Docks) | |
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| Sa | 18.02.2012 | Eisbrecher Berlin (Huxley's Neue Welt) | |
| So | 19.02.2012 | Eisbrecher Hannover (Capitol) | |
| Di | 21.02.2012 | Eisbrecher A-FM4 Fest (Wien) | |
| Do | 23.02.2012 | Eisbrecher München (Backstage) | |
| Fr | 24.02.2012 | Eisbrecher Nürnberg (Löwensaal) | |
| Sa | 25.02.2012 | Eisbrecher Erfurt (Stadtgarten) | |
| So | 26.02.2012 | Eisbrecher Magdeburg (Factory) | |
| Mi | 29.02.2012 | Eisbrecher Dortmund (FZW) | |
| Do | 01.03.2012 | Eisbrecher Köln (Live Music Hall) | |
| Fr | 02.03.2012 | Eisbrecher Kaiserslautern (Kammgarn) | |
| Sa | 03.03.2012 | Eisbrecher CH-Pratteln (Z 7) | |
| So | 04.03.2012 | Eisbrecher Stuttgart (LKA Longhorn) | |
| Sa | 21.07.2012 | Eisbrecher Amphi Festival 2012 (Köln) |
Hebt sich inzwischen deutlich von der offiziellen ab.
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