laut.de-Kritik

Catchy Plattitüden am laufenden Band.

Review von

Während ein Mediamarkt-Mitarbeiter am Freitagmorgen "Everything Now" ins Regal räumt, laden tausend andere das Album bei iTunes runter. Alles passiert zur gleichen Zeit. Alles ganz normal. Nicht für Arcade Fire. Das kanadische Indie-Kollektiv schwingt auf seinem neuen Werk den Zeigefinger der analogen Abrechnung und präsentiert sich dabei so, als überfordere sie dieses Internet noch immer ein wenig.

"Every song that I've ever heard / is playing at the same time, it's absurd", lautet die prägnante Feststellung von Sänger Win Butler in der ersten Single "Everything Now". Dass er schon immer ein kleiner Hippie war, der plakative Aussagen in seinen Songtexten nicht scheute, das kaufte man bisher gerne mit. Beispielsweise auf dem Debütalbum "Funeral", als er mit Textzeilen wie "MTV, what have you done to me? / Save my soul, set me free" bereits antiquierten Opportunismus von sich gab.

Inzwischen spiegelt sich in Butlers Texten aber umso mehr ein alter Herr mit Zukunftsangst wider. Das ärgert insofern, als dass die Band zu einer Indie-Instanz angewachsen ist, die ernst genommen wird. Win Butlers Haltung und seine Texte haben mit steigender Popularität zwangsläufig mehr Gewicht bekommen. Ab jetzt zaubert jede Belehrung Bono ein Lächeln ins Gesicht. Das sollten Arcade Fire eigentlich wissen. Stadien bespielen sie ja spätestens seit ihrem Grammy für "The Suburbs".

Butler nimmt auf "Everything Now" zwar nicht – wie sein U2-Pendant – die großen moralischen Fragen in den Blick, gibt sich aber als Technik-Skeptiker, der catchy Plattitüden am laufenden Band fabriziert. Solche wie "Silicon Valley is melted back into silicon / we'll find a way to survive" wären auf "Funeral" noch als authentischer Ausruf eines von Weltschmerz geplagten Jungspundes durchgegangen. Genau diese Zeilen stellt die Band in "Put Your Money On Me" ins Umfeld düsterer Arpeggios und lässt sie wahrhaftig erscheinen: Technikkonzerne sind böse, der Mensch braucht das alles gar nicht! Natürlich darf die Band eine solche Meinung kundtun, aber eine solch undifferenzierte darf man den Musikern auch mal übelnehmen.

Da ist es gut, dass "Everything Now" nicht nur aus Text, sondern auch aus Musik besteht. Doch auch hier gab es nach dem Release der Titel-Single Alarm im Arcade Fire-Fanlager: Der von Daft Punks Thomas Bangalter produzierte Song klingt durchweg nach harmlosem ABBA-Pop mit einigen Ekel-Momenten. Natürlich ist die Klaviermelodie eingängig wie einst das Material der Schweden. Auch der dem französischen Musiker Francis Bebey entliehene Flöten-Part bleibt im Ohr. Im Zusammenspiel mit dem eingebauten Mitsing-Moment für Live-Konzerte steht der Song letztlich aber als einkalkulierte Anbiederung an die Masse da.

Noch so ein Fall: "Chemistry", zu dessen Refrain man künftig wohl alkoholisierte Festivalbesucher "I love Rock'n'Roll" grölen und Britney feiern hört. Angenehmer gestaltet sich "Signs Of Life", bei dem Butlers Gesang an die distanziert-kühle Art David Byrnes erinnert, das aber trotz Groove und Saxophon letztendlich etwas dahinplätschert. So geht es einigen Songs auf der ersten Hälfte der Platte: Die Liebe zum Detail ist da, doch das Songwriting eher mau.

Der zweite Teil des Albums versöhnt schließlich. Nicht nur aufgrund von Régine Chassagnes Gesang erinnert "Electric Blue" an die guten Tage von Blondie. "Put Your Money On Me" kann man natürlich eingangs erwähnte Zeile nachtragen, das wäre allerdings ein Fehler. Das Stück wartet mit düsteren, melancholischen Synthesizern auf und setzt Butler als emotionalen Erzähler in Szene, bevor dieser einen energiegeladenen Refrain anstimmt: nach wie vor eine Schlüsselqualität der Band. Der letzte eigenständige Song "We Don't Deserve Love" besteht anfangs aus nicht mehr als elektronischen Drums und schrägen Synthesizern und steigert sich langsam von der ruhigen Ballade zum erhabenen, aber reduzierten und deshalb nie kitschigen Höhepunkt.

Wie beim Vorgänger "Reflektor" ziehen sich allerhand Disco-, Funk- und Souleinflüsse durch "Everything Now". Wirkt dieser Mix auf der ersten Albumhälfte etwas zerfahren, so präsentiert sich die zweite sehr homogen. Darin liegt dann auch die große Stärke der Stücke: Arcade Fire schaffen einmal mehr ein dicht ineinander verwobenes Gesamtkunstwerk, in dem sich die Songs textlich und musikalisch gegenseitig zitieren oder auf vorherige Werke der Band verweisen.

Schlägt man sich nun anfangs durch die paar Songs, die in punkto Songwriting recht abgenutzt klingen, erwartet einen ein musikalisch sehr gutes Album. Den wahren Arcade Fire-Fan schmerzt an "Everything Now" die Erkenntnis, dass die Kanadier ihren Hang zu Opulenz und Kitsch mit größerem Bekanntheitsgrad wohl weiter steigern werden. Vielleicht überschreiten sie in dieser Hinsicht künftig auch öfter musikalisch die Grenzen des vertretbaren Klischees.

Momentan beschränkt sich der bittere Beigeschmack einzig auf ihre Haltung: Die alten, weisen Damen und Herren erheben den skeptischen Zeigefinger. Spätestens wenn ich das Album bei iTunes downloade, ist das der Band aber sicher wieder so egal wie mir, und den Mediamarkt-Verkäufer freut es vielleicht ein bisschen.

Trackliste

  1. 1. Everything_Now (Continued)
  2. 2. Everything Now
  3. 3. Signs Of Life
  4. 4. Creature Comfort
  5. 5. Peter Pan
  6. 6. Chemistry
  7. 7. Infinite Content
  8. 8. Infinite_Content
  9. 9. Electric Blue
  10. 10. Good God Damn
  11. 11. Put Your Money On Me
  12. 12. We Don't Deserve Love
  13. 13. Everything Now (Continued)

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