18. Juli 2017

"Jan Böhmermann hat es sich zu leicht gemacht"

Interview geführt von

Max Richard Leßmann wurde bekannt als Sänger der Indie-Band Vierkanttretlager. Mit "Liebe in Zeiten der Follower" erkundet er nun neues musikalisches Terrain.

Am Freitag erscheint Max Richard Leßmanns Debütalbum "Liebe in Zeiten der Follower". Nach den ersten Singles "Ich wünschte" und "Einen im Tee" gab er am Wochenende bei Inas Nacht den Album-Closer "Am Hafen brennt noch Licht" zum Besten. Auf 12 Songs nimmt uns der 25-Jährige mit in die Ära der Goldenen 20er Jahre, als deutscher Schlager noch nach den Comedian Harmonists klang. Wie es zu der stilistischen Wendung kam, warum es immer noch wichtig ist, romantisch zu sein und was Leßmann von Jan Böhmermanns berühmter Echo-Kritik hält, lest ihr hier.

Max, du hast dich im Frühjahr schon mal warm gespielt im Vorprogramm der Sportfreunde Stiller, noch bevor überhaupt Songs von dir veröffentlicht waren. Wie wars?

Max Richard Leßmann: Gut wars. Wobei ich sagen muss, dass ich schon mit Vierkanttretlager einige Support-Shows für Casper, Kraftklub oder Madsen gespielt habe. Das Sportfreunde-Publikum ist interessant, weil da auch viele Kinder unter zehn Jahren dabei sind. Für mich ist das deshalb spannend, weil ich mir insgeheim so ein bisschen gewünscht habe, dass Kinder das gut finden was ich mache. Einfach weil ich als Kind diese Art von Musik auch gut fand, etwa die Comedian Harmonists. Und bei den Konzerten haben die Kinder das auch gefühlt und mitgemacht, das war schon toll.

Kann ich bestätigen, meine neunjährige Tochter singt schon die Texte mit. "Ich wünschte" ist der Hit im Auto.

Sehr schön, das freut mich.

Ich hätte jetzt nicht unbedingt erwartet, dass das Sportfreunde-Publikum da unbedingt total mitgeht, einfach weil ich mal etwas voreingenommen annehme, dass das schon zum Großteil eine Feier-Crowd ist, die die Sporti-Hits mitgrölen will. Deine Songs kennt nicht nur keiner, sie leben auch gerade von den Texten, man muss also zuhören, wie war das?

Also die Musik, die ich bisher gemacht habe, war düster, melancholisch und eher zwischen den Zeilen lebensbejahend. Da finde ich meine neuen Songs schon direkter. Es war schön, in die Gesichter zu schauen und zu sehen, welche Zeilen für ein Grinsen sorgen. Ich sehe sonst Leute, die meine Musik mögen, aber eher Pogo tanzen. Jetzt wurde mal richtig zugehört. Die Leute waren schon aufmerksam.

Kamst du auch mit Leuten in Kontakt? Etwa am Merchandise-Stand?

Ja, wir hatten eine Zeitung dabei, die Romantische Allgemeine Zeitung. Darin sind einige Texte, zum Beispiel von meinem guten Freund Prinz Pi, der beinahe schon eine wissenschaftliche Abhandlung über Liebe in Zeiten der Follower geschrieben hat. Mein guter Freund Romano gibt Datingtipps und ich noch ein paar Hinweise zur romantischen Bedienung des Internets. Die Zeitung haben wir nach der Show verteilt und auch hier haben sich die grinsenden Gesichter bestätigt, vom 10-jährigen Jungen bis zur 80-jährigen Dame. Schon toll, wer da alles bei den Sportfreunden rumläuft. Es hat sich angefühlt wie eine Marktforschung.

Einer deiner Leitsätze zur neuen Platte ist "Make Romantica Great Again". Wie steht es um Romantik in 2017?

Ich glaube, wir leben in einer oftmals kalten, klinischen Zeit. Aber man kann es sich auch gemütlich machen. Darum geht es mir bei dem Begriff Romantik: Man sieht die schönen Dinge zwar im Bewusstsein der schlechten, aber man macht es sich nett, man genießt Zweisamkeit, man stellt sich Blumen in die Vase. Oder man ist für sich alleine romantisch, das geht auch. Man benutzt die Mittel, die man hat. Das finde ich wichtig, weil viele Leute heutzutage zum Meckern neigen oder sich wegen Nichtigkeiten schlecht zu fühlen. Das finde ich wiederum unromantisch.

"Ich besitze weder Smartphone noch Netflix"

Dein Albumtitel "Liebe in Zeiten der Follower" stellt die Liebe ja ins kritische Verhältnis zum Internet, Romantik versus Daddeln. Wie sehr findest du dich selbst als Person und Handynutzer in diesem Zwiespalt wieder?

Schon sehr. Ich bin ja nicht nur kritisch. Ich wollte keine Retroplatte machen, ich komme ja nicht aus den 20er Jahren und sage: Hört auf, ihr macht nur euer Leben kaputt. Wenn es kritisch wird, wird es vor allem selbstkritisch. "Der Mann im Stream" handelt ja konkret davon, wie man sich vor der Welt versteckt, weil man im Internet so ein breites Angebot hat und sich nehmen kann, was man will. Das kenne ich gut und habe mich nun auch selbst ein bisschen diszipliniert, weil ich kein Smartphone und keinen Netflix-Account besitze. Einfach weil ich meine Zeit anderweitig verbringen möchte.

Ah, es gibt sie noch, die Desktop-User.

Ja gut, ich gebe zu, ich habe noch einen iPod, mit dem ich mein Social Media bediene, aber nur wenn grade WLAN da ist. Also wenn ich mit jemandem im Restaurant sitze und der auf die Toilette geht, dann sitze ich einfach nur da. Und gucke in die Gegend, was so passiert.

Romantisch.

Ja, und das ist toll. Man guckt ganz anders in die Welt. Ich gehe sehr viel spazieren und bemühe mich auch nach Kräften, keine Musik oder keinen Podcast dabei zu hören. Einfach zwei Stunden nur durch die Stadt gehen, gucken und vielleicht auch mal gar nix denken dabei. Das sind so die kleinen Dinge, die man tun kann, um sich mal kurz aus dem Internet auszuklinken. So wichtig ist das alles ja auch gar nicht.

Ich habe Freunde, die sind in 50 Whatsapp-Gruppen und wenn die mal zwei Minuten nicht draufschauen sind da 150 Nachrichten drauf. Und das ist jetzt nicht mal ne Übertreibung. Sowas finde ich unfassbar. Ich bin sehr froh, dass ich mich da rausziehen kann, weil ich weiß, dass ich auch sehr anfällig für sowas bin. Ich finde das Internet ja toll, aber eben auch ganz schlimm (lacht).

Wie erklärst du einem Vierkranttretlager-Fan, dass jetzt die Gitarrenriffs fehlen?

Ich glaube, die sind da ganz offen, weil man das zwischen den Zeilen schon immer lesen konnte. Ich sag mal: Der kundige Hörer wird von der stilistischen Wendung nicht völlig überrascht sein. In "Fotoalbum", unserem größten Achtungserfolg, steckt das alles eigentlich schon drin.

Existiert die Band noch?

Jaja, die gibts noch. Unsere letzte Platte war ja eine Art Mammutwerk, die viel Kraft und Energie gekostet hat. Wir sind selber gespannt, wohin es uns weiterführt. Wir wollten tatsächlich während wir hier sprechen schon wieder im Studio sein, aber unser Gitarrist hat sich die Hand gebrochen. Vielleicht ist das ja ein Wink des Schicksals, dass wir einfach noch nicht bereits sind dafür. Wir wollen auf keinen Fall etwas erzwingen.

Und wie haben deine Kollegen auf deine Solosachen reagiert?

Ich glaube, es gefällt ihnen. Aber es war klar, dass man das nicht im Kontext von Vierkanttretlager umsetzen kann. Als ich 2012 begonnen habe, solche Texte zu schreiben, kam schnell heraus, dass das nicht ihre Musik ist.

Es gibt keine Gäste auf dem Album. Hattest du denn mal vor, welche mit ins Boot zu holen?

Also Sebastian Madsen singt mit mir ein Stück, aber das ist natürlich relativ naheliegend, weil wir in seinem Studio und mit
seinem Bruder Johannes die Platte eingespielt haben. Die beiden waren auch immer dabei, wenn ich was eingesungen habe. Vor allem Johannes hat mich da immer mal wieder aufgebaut und so (lacht). Und bei diesem Song meinte er, als ich aus der Kabine kam, wir sollten das so Rat Pack-mäßig als Duo machen. Ein Call-And-Response-Song, bei dem sich zwei Typen die Bälle zuspielen. Fand ich total super. Und was andere Features angeht: Ich glaube ich konnte mir da niemanden so richtig vorstellen. Mit einer Freundin wollte ich kurzzeitig ein Duett singen, aber das haben wir dann auch gelassen. Johannes, Sebastian und ich wollten etwas zustande bringen, das komplett aus uns besteht. Fast wie ein Gesellenstück. Zukünftig könnte ich mir aber gut vorstellen, dass da mal was passiert.

"Ich feiere nicht das Kaputtsaufen ab"

Ich habe noch eine ganz lustige Parallele gefunden: Kim Frank, der ja auch aus Husum kommt, hat vor zehn Jahren, als er ungefähr in deinem Alter war, auch sein erstes Soloalbum veröffentlicht. "Hellblau" war eine richtig schöne deutschsprachige Pop-Platte, geistreich, mit viel Melancholie und Streichern, die nur noch in Nuancen an seine Zeit mit Echt erinnerte. Hätte eigentlich richtig losgehen können für ihn, aber leider hat die Scheibe dann aus welchen Gründen auch immer nicht funktioniert.

Na dann wollen wir mal hoffen, dass die Gemeinsamkeiten hier enden (lacht). Ich kenne seine Platte leider nicht. Aber Kim Frank hat ja einen interessanten Lebenslauf und ist heute ein sehr erfolgreicher Video-Regisseur.

Genau. Ich muss jetzt noch auf den Song "Einen im Tee" zu sprechen kommen. Der Text spricht einem natürlich aus der Seele, dürfte ja eventuell auch autobiografisch sein, außer du hast dir das Thema immer im Freundeskreis aus Erfahrungswerten abgeschaut.

(lacht) Also der Song kam irgendwie über mich. Ich habe irgendwo "Einen im Tee" gelesen und dachte, das schreit doch nach einem Lied. Gibts da schon ein Lied? Nein? Und dann hat sich das von selbst geschrieben. Ich habe zum Glück ein zwiespältiges Verhältnis dazu. Hier wird ja nicht stumpf das Kaputtsaufen abgefeiert. Der Song ist selbstkritisch, lädt aber zum Feiern ein. Denn man weiß ja: Der Morgen danach kommt. Wahrscheinlich auch heftig. Aber es ist jetzt okay, denn ich hab einen im Tee.

Mir gefällt, dass du nach selteneren Worten suchst, die man im Pop von heute nicht vorfindet. Da erinnerst du mich eher an Texter wie Götz Alsmann, der mehr als doppelt so alt ist wie du. Diese Mühe machen sich viele Leute deiner Generation heute nicht mehr. Stichwort: Böhmermann-Persiflage der heutigen Deutschpop-Chartsstürmer.

Ich bin tatsächlich gar nicht so auf der Suche, weil das Texten schon immer der schönste Zustand für mich war. Da denke ich eigentlich überhaupt nicht groß nach. Ich habe ganz viel Spaß an Sprache und freue mich total über Worte, so albern das vielleicht klingt. Wenn ich etwas Interessantes aufschnappe, findet das irgendwie den Weg in diese Wundermaschine zwischen meinen Ohren. Ich habe keine Ahnung wie das funktioniert und werde es hoffentlich auch nie herausfinden. Natürlich empfinde ich viele Sachen als platt und langweilig. Ich möchte nicht sagen, dass sich diese Leute keine Mühe geben, denn das tun sie ganz bestimmt. Sie verfolgen damit einen Zweck und dieser Zweck wird auch erreicht. Das ist aber nicht das was ich will.

Du redest von Max Giesinger oder anderen Künstlern aus Böhmermanns Echo-Kritik.

Ja. Böhmermann hat es sich aber auch zu leicht gemacht, indem er sich aus dem Fenster lehnt und behauptet: So ist das. Denn das ist ja nur ein Teil der Wahrheit. Es geht bei der Art von Musik ja darum, im Radio gespielt zu werden. Um da gespielt zu werden, muss man eine gewisse Norm erfüllen, sonst haben die Radioleute Angst, dass man wegschaltet. Labels nehmen also Künstler unter Vertrag, in der Hoffnung, dass die Musik im Radio gespielt wird, denn dann verkauft sich das.

Also schreiben manche Künstler eben speziell Songs mit dem Ziel, ins Radio zu kommen. Wie verwerflich ist das am Ende des Tages? Das ist vielleicht nicht schön oder romantisch, aber wir reden hier halt auch nicht nur über böse böse Menschen, die Songs schreiben, um den Endverbraucher auszubeuten. Das fand ich etwas wohlfeil vom Herrn Böhmermann. Er weiß das selbst auch sicher besser, hat es sich aber für den Gag so zurecht gelegt.

Verstehe deinen Punkt, aber die Kritik hatte mehrere Adressaten: Den Konsumenten, der einfach alles schluckt, was ihm vorgesetzt wird, wenn man mal im Bild des Radios bleibt. Und die Radiomacher: Woher soll ein Konsument wissen, was es für tolle Musik gibt, wenn er im Radio immer nur das Gleiche vorgesetzt bekommt. Letztlich bist du ja irgendwo auch Leidtragender: Selbst wenn du nicht fürs Radio-Airplay komponierst, hättest du sicher nichts dagegen, wenn deine Musik im Radio gespielt würde.

Natürlich wäre das schön. Aber muss es deshalb so ein Konsumentenbashing sein? Besser ist es, Angebote zu schaffen. Wer nur draußen steht und schreit, den hört drinnen keiner. Meine Musik ist ein Angebot und ich freue mich, wenn Leute es annehmen. Und wenn nicht, ja, dann eben nicht. Ich will deswegen aber dann nicht verbittern. Ich glaube, mit meinen neuen Songs habe ich mehr denn je die Chance, Menschen zu erreichen, die sonst eher taube Ohren haben, was neue Dinge angeht.

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1 Kommentar mit 8 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    "Wie verwerflich ist das am Ende des Tages?" Sehr, denn es beschneidet und beeinflusst die Kunst und was letztendlich im Radio gespielt wird.

    • Vor 2 Jahren

      den willen, geld zu verdienen, würde ich nicht als verwerflich bezeichnen.
      aber wenn jemand auf der schiene fährt und den markt abgerundet und poliert bedient will, kann er nicht erwarten, dafür künstlerisch ernst genommen zu werden.

    • Vor 2 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Jahren

      Finde es eher erschreckend, dass Leute wirklich noch in einem ausschlaggebenden Maß Radio zu hören scheinen.

      Then again: Überalterte Gesellschaft. :lol:

    • Vor 2 Jahren

      @Paranoid_Android: Da stimme ich dir in beiden Punkten zu. Kunst lässt sich ganz sicher nicht von Geld steuern oder beeinflussen.

    • Vor 2 Jahren

      Man muss da denke ich differenzieren zwischen Kunst und Industrie.

      Die Kunst schafft Inhalte, die sich nicht an monetären Mitteln messen lässt, sie setzt Maßstäbe und überlebt dauerhaft in der Öffentlichkeit oder in der Nische, in der sie geboren wurde.

      Die Industrie dagegen nutzt Teile der Kunst. Sie löst die leicht verträglichen Inhalte aus, verpackt sie in ein Musik-Marketing-Konzept und wendet sie an, um finanziell erfolgreich zu sein.

      Zweiteres betrifft alles, was wir im konventionellen Radio finden. Diese ganzen Ohrwürmer sind nicht weiter schlimm, sie zerstören auch nicht die Kunst, sie hindern einen Großteil der Menschen nur daran, sich musikalisch weiterzuentwickeln. Fast Food oder selbst kochen - der Konsument hat in 2017 doch die volle Wahl, ohne auch nur einen Cent auszugeben. Doch dass ist ein anderes Thema.

    • Vor 2 Jahren

      @nasc: So absolut stimmt das auch wieder nicht. Zunächst beeinflussen die monetären Möglichkeiten auch die künstlerischen (Bsp: Radiohead würden Alben wie "A Moon Shaped Pool" nicht aufnehmen können, wenn sie nur in einer Garage jammen würden). Außerdem gibt es genug (populäre) Kunst, die entstanden ist, weil die Inspirationsquellen erfolgreich waren/sind. Kunst beinflusst sich immer gegenseitig und populäre Werke umso mehr, aufgrund ihrer Bekanntheit. Diese Popularität geht oft mit Geld einher und Geld kann ist durchaus ein legitimer Grund, künstlerisch tätig zu sein. Es sollte nur niemals der einzige Grund sein.

    • Vor 2 Jahren

      @TapferesSchneiderlin:
      Könnte es nicht besser formulieren.
      Am Ende des Tages will jeder von dem leben, in dass er die meiste Zeit und Muse reinsteckt. Und nebenbei lässt sich natürlich auch nur professionell recorden, wenn Geld vorhanden ist, bzw. in Aussicht steht.

    • Vor 2 Jahren

      Radio Hören ?? NEIN DANKE .. Immer der gleiche .. gleichklingende akkustische Müll ... der ja so ERFOLGREICH ist. alles ist austauschbar geworden. es würde niemandem auffallen wenn du 2 lieder nehmen und die gesangsspuren austauchen würdest. da die songs gleich klingen..fällt das keinem auf.
      die zeiten in deen ich radio gehört habe sind sehr lange (mehr als 30 jahre) vorbei. im auto smartphone gekoppelt per blutooth läuft die musik über das system mit 6 lautsprechern und nem satten sound