Porträt

laut.de-Biographie

Shenseea

Bevor Schulabbrecherin Shenseea die Dancehall-Musik weiblich macht, arbeitet sie als Promotion-Model. In Slips posiert sie etwa für die "Dream Weekend"-Party-Serie, eine Celebrity- und Glamour-Veranstaltung für Touristen in ihrer Heimat, dem armen Jamaika. Mit 19 ist die Halbkoreanerin schwanger und schlägt sich dann als Alleinerziehende durch.

Anstelle des 'Baby Fathers' helfen ihr zwei andere Männer: Romeich Major, einflussreicher Manager im Dancehall, und Vybz Kartel, der zu dieser Zeit eine Gefängnisstrafe absitzt. Shenseea vollendet einen unfertigen Song dieses karibischen Stars: Mit dem Ausruf "A Shenseea!" startet sie selbstbewusst in diesen wie auch in (fast) alle künftigen Tracks und markiert ihr Revier. Mit 20 hat die abwechselnd pink, blau, neon-grün oder blond gefärbte, braunhaarige Schönheit so ihren ersten Hit: "Loodi". 23 Millionen Streams auf YouTube verzeichnet die Künstlerin mit US-Flagge auf der Brust für diesen Song in den ersten zwei Jahren.

Mit "Secret (Refix)" setzt sie einen drauf und überlagert eine weitere Vybz Kartel-Tonspur mit ihrem Lachen, ihrem Gesang, ihrem Spoken Word, ihren Geräuschen, Raps und Toastings. "A Shenseea!" rocks di floor. Kaum ein Dancehall-Mixtape kommt noch ohne sie aus. Und das, obwohl Dancehall zuvor eines der Männer-lastigsten Musik-Genres ist.

Ihre kieksige und kraftvolle Art überstrahlt auch alles, was in Jamaika bis dato an weiblicher Energie in den digitalen Startlöchern zappelt: Spice, Ishawna oder Yannique 'Curvy' Diva bekommen zwar viele Auftritte. Doch Shenseea fegt sie alle in Sachen Radio-Airplay auf Jamaika zur Seite, wird zum gefragten Interview-Gast und erhält einen Werbe-Deal mit dem zweitgrößten Cola-Hersteller des Planeten.

Chinsea Lee, geboren am 1. Oktober 1996, erhält Anfragen von Sean Paul und Cristina Aguilera - und sagt "Yes, sure!" Die Single Mom braucht Geld, und sie weiß wohl: Wer wartet und nicht jede Chance nutzt, bleibt auf der Insel stecken.

Dieses Pech hat sie nicht. Im Sommer 2017 tourt sie an der Seite des Dancehall-Kollegen Dexta Daps einigermaßen spontan durch Deutschland und gibt Laptop-unterstützte Shows etwa auf dem Keep It Real-Festival nahe dem Bodensee und im Berliner Yaam. Zurück in der Karibik, geht es Schlag auf Schlag weiter mit ihren MP3-Singles. Der Shooting Star wird zur jamaikanischen Cardi B. Shenseea wackelt fleißig mit ihrem Gesäß, verkörpert rohe Energie in ihrer Musik und macht keinen Hehl daraus, dass sie als asiatische Jamaikanerin immer sehr hart arbeiten muss, um ein kleines bisschen Respekt zu ernten.

Es folgen zig Songs in kurzen Abständen, doch kein Album und kein einziger physischer Tonträger. Selbst Insider, die normalerweise das Ohr am Puls des Dancehall haben, verlieren nach kurzer Zeit den Überblick über den schwindlig machenden Release-Rhythmus der jungen Lady:

"Streets Nuh Right", "Hard Drive", "Temptation Overdrive", "Tie Me Up", "ShenYeng Anthem", "Subrosa (Come Closer)", "Naughty Boy", "Bum Like Ball", "Pon Mi", "Wine", "Heartless", "Bridget's & Desert (Pon Foot)", "Reverse", "Never Have I Ever", "We Ready (Champion Gyal)", "Pon U Ruff", "Tip Pon Yuh Toe", "Position", "Trending Gyal", "Instruction", "Best NaNa", "Badishh" und so weiter geht die Liste ihrer Tunes. Vielen davon gebührt ein schneller Online-Hype mit Millionen von Klicks. Manche andere fallen mit einer vierstelligen Zahl an Hörern unter den Tisch. Die Songs enthalten jamaikanisches Patois, und Shenseea flirtet auch mit der Soca-Kultur von Trinidad und Tobago. So geht gastiert sie bei Soca-Altstar Bunji Garlin auf dem "Big Bad Soca (Remix)".

Über 50 Singles in anderthalb Jahren lassen sich als besessen, crazy oder fleißig bezeichnen. Shenseea genießt die Internet-Aufmerksamkeit sichtlich. Die meisten Titel enthalten sexuelle Anspielungen, Tanzschritt-Anweisungen und Eifersuchtsdramen. Körperliche Themen enthalten sie alle: "Dynamite", "Hype & Bruk", "Sinners' Prayer", "Bruk Man", "Can't Beat Me", "We Ready", "Beat Me Congo", "Next To You", "Wickedest Time" und "Anonymous" sind da nur einige.

Vergleichsweise blass sehen die Reaktionen auf ihre Kooperationen mit Christina Aguilera, "Right Moves" und Wayne Wonder ("You & I") aus, die viel seltener angeklickt werden als die Underground-Produktionen. Auch wenn viele der Tracks schnell hingezirkelte Beiträge zu Riddim Selections sind, gelingen einige der Aufnahmen besonders gut. Hochwertiges macht sie etwa auf dem Santigold-Mixtape "I Don't Want: The Gold Fire Sessions" in "Don't Blame Me". Das Duett "Tell Me" mit Jahmiel und die Kollaboration mit dem kanadischen DJ Shifty a.k.a. Gold Up ("Belong With Me") ragen heraus.

Die Single "Rolling" mit Sean Paul findet einige Aufmerksamkeit, da dieser immer ein gutes Händchen für Gastsängerinnen bewies. Meist tritt Shenseea neben männlichen Acts auf, duettiert sich, so auch mit DingDong auf dessen Wiederbelebung des 70er Disco-Hits "Rock The Boat" von The Hues Corporation in "Rock The Floor".

Aber Shenseea klingt auch alleine schön, so in "Nothing Dem Nuh Have Ova Me". Beauskunftet sie Detailfragen über ihr Privatleben, dann verfolgen das 5.000 Leute in ihrer Instagram-Story live. Die junge Sängerin ist ein Dauerthema in jamaikanischen Tageszeitungen. Im Frühjahr 2019 überrascht Shaggy auf seinem Comeback-Album "Wah Gwaan?!", indem er der Newcomerin zusammen mit der noch viel unbekannteren Sängerin Stacy Barthe weitgehend den Song "Supernatural" überlässt und selbst nur die ein oder andere Zeile dazwischen wirft. Shenseea hat die ganz große Bühne erklommen.

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