Der Rollout für Kanye Wests zehntes Studio-Album hätte so gut sein können. Hätte.

Atlanta (ynk) - Muss ich mir schon wieder meine naive Hoffnung vorwerfen lassen? In den letzten sieben Tagen wurde mehr oder weniger ohne ein Wort von dem Mann Kanye West persönlich bestätigt, dass sein zehntes Album diesen Freitag erscheinen würde. "Donda" - wie schon seit einiger Zeit spekuliert - würde seiner verstorbenen Mutter gewidmet sein und versprach eine Rückkehr zur Form nach mehreren chaotischen, unstrukturierten Ären. Ein Versprechen, an das anfangs niemand geglaubt hat - aber mit jedem Tag der Woche fühlte sich ein Release ein bisschen plausibler an. Kollaborateure, Freunde und Verwandte des Rappers bestätigten nicht nur das Release-Datum, es gab auch eine private Hör-Party in Las Vegas, aus der die Hörer voll des Lobes über einen hungrigen, innovativen Kanye heraus gegangen sind. Donnerstag wurde dann von Apple Music und Def Jam - also quasi von höchster Autorität bestätigt - ja: "Donda" kommt, Freitag um Mitternacht - und in der Nacht davor gibt es einen großen Livestream auf Apple Music, um eine letzte gemeinsame Listening-Party mit Kanye zu verfolgen.

Jetzt gerade ist Freitag, 10 Uhr, der Tag danach und ich sitze mit drei Stunden Schlaf in der Redaktionssitzung und lasse mich dafür auslachen, an all das geglaubt zu haben. "Donda" ist nicht online. Vermutlich wird es auch in absehbarer Zeit nicht online sein. Ich hoffe zumindest, dass es bald nicht online sein wird, denn im Gegensatz zum Release des Albums ist die Listening-Party in Atlanta passiert. Und sie war ein mittelschweres Desaster.

Allein die Tatsache, dass für uns holde Almans die Ortszeit in Atlanta bedeutet, dass wir um zwei Uhr morgens antreten müssen - geschenkt. Kollege Mirco und ich finden uns also Donnerstag Nacht ein, er legt sich noch eine Apple-ID an, wir schreiben ein bisschen hin und her, während der Live-Stream auf Apple Music beginnt. "Kanye West presents Donda. Please wait, the event will begin shortly", steht auf den Bildschirmen, und wir warten. Inzwischen sehen wir Bilder von sich füllenden Rängen, wir hören Ambience aus dem Stadion. Der Hype ist real, wir sind bereit, uns von den Socken hauen zu lassen.

"Please wait"

Eine Viertelstunde vergeht, eine halbe, eine ganze. "Kanye West presents Donda. Please wait, the event will begin shortly", steht auf dem Bildschirm. Nichts geschieht. Im einschlägigen Kanye-Reddit-Forum hat der Thread zum Event inzwischen 10.000 Antworten, ich und Mirco kämpfen mit der Müdigkeit und sind so gelangweilt, dass wir über jedes andere Release des Tages gesprochen haben. Wusstet ihr, dass ein Typ namens Kalazh44 ein Album namens "Zwischen Millionen und Depressionen" gedroppt hat? Sachen gibt's. Ich weiß auch nicht, wer das ist, aber wäre der Albumtitel nicht irgendwie drollig gewesen, wäre ich an diesem Punkt vermutlich eingeschlafen.

Doch dann - 3:38 Uhr in Deutschland - und die Schrift auf dem Bildschirm verschwindet. Ein Johlen geht durch die Menge. Bewegung. Fortschritt. Die Hoffnung und die Aufregung glimmt wieder auf. Stille, eine Minute, zwei Minuten. Are you hanging on the edge of your seat? Aber den Atem haben wir umsonst angehalten. Unzeremoniell kehrt der Schriftzug zurück. Die Crowd beruhigt sich. "Kanye West presents Donda", ihr kennt den Drill inzwischen. Zurück zu Kalazh44. Oder lieber nicht. Die nächsten zwanzig Minuten sprechen wir über Features, die wir uns wünschen. Er sagt 645AR und Blueface, ich sage Blackpink und Data Luv. An diesem Punkt wäre ich aber mit Tom MacDonald, der ganzen 187 Strassenbande und Donald Trump-Skits zufrieden gewesen, Hauptsache, da käme endlich ein gottverdammtes Album.

Jesus Christ did the laundry once more

Es ist knapp vor vier, als es dann tatsächlich beginnt. Kanye West marschiert in die leere Arena, roter Anzug wie Akira, die Bildkomposition sieht fantastisch aus. Es hat etwas von einem legendären Event. Und kurz glaube ich wieder daran, an die Großartigkeit. Meine Müdigkeit ist betäubt. Könnte das wirklich der Moment der Wahrheit sein? Der erste Song spielt an.

Ernüchterung. Er klingt wie ein "Jesus Is King"-Leftover der schlechteren Sorte. Orgel, Gospel-Anleihen, schriller Autotune-Gesang. Etwa dreihundertmal singt Kanye "We will be okay". Wir fragen uns: Ist das Einlaufmusik oder schon das Intro? Bitte, lass es nicht das Intro sein.

Was folgt, ist der blanke Aberwitz. Denn was die "Donda"-Releaseparty tut, ist das Anteasen einer geilen Idee, die dann nach eineinhalb Minuten abrupt endet. Wir kriegen zum Beispiel einen irre guten Tag-Team-Verse von Kanye und Pusha T. Eine Einleitung, gesprochen von seiner verstorbenen Mutter. Wir bekommen Killer-Verses von Travis Scott und Baby Keem. Aber immer, wenn ein geiler Moment andauert und man denkt, dass das Album jetzt anzieht und richtig geil wird, endet der Song. Drums? Fehlanzeige.

Aber trotzdem lassen wir uns jedes verdammte Mal wieder kurz mitreißen. Wir bekommen den legendären "Yandhi"-Leak-Song "Hurricane", dieses Mal sogar mit bockstarkem Lil Baby-Feature. Aber was ist mit der Hook passiert? Was zum fliegenden Fick ist mit dem Kanye-Verse passiert? Dieser idiotische Motherfucker hatte einen perfekt stabilen Part aus der Demo gekickt, um diese mittelschlechte Demo aufs Album zu holen? Warum klingen seine Vocals so mies? Warum klingen alle seine Beiträge, als hätte er sie heute morgen auf dem Scheißhaus aufgenommen?

Die zweite Hälfte des gezeigten Albums ist marginal besser, ehrlicherweise wohl, weil Kanye kaum noch auftaucht. Wir kriegen einen wunderbaren Don Toliver-Part auf erz-atmosphärischen Mike Dean-Gitarren, ein Newcomer namens Vory singt einen schönen Gospel-Chorus, Lil Durk taucht für einen starken Verse auf. Aber das Problem bleibt das gleiche. Sobald man denkt, die Songs nehmen Dampf auf, sind sie auch schon vorbei. Nichts mit den besten Tagen von Kanye als Songwriter, statt eine Idee in einem geilen Song-Kontext wirklich funktionieren zu lassen, stehen die Ideen hier nackt da, als hätte sie ein Paparazzi in der Umkleide fotografiert.

Es wird nur noch bizarrer: Zweimal setzt ein elektronischer Beat ein, der sich beide Male wie ein geiler Groove anfühlt. Beide Male sitze ich an der Kante meines Stuhls und bin mir sicher, dass jetzt der Volltreffer kommt, auf den wir die ganze Zeit warten. Kanye rifft beide Male eine unfertige Hook darauf und beendet den Song. Hören wir hier Snippets? Bitte lasst uns gerade Snippets hören, weil das kann kein fertiges Album sein. Richtig absurd ist ein einminütiger Interlude, in dem der verstorbene Pop Smoke zwei Zeilen bis zur Blödheit wiederholt, seine Adlibs loopen und ein ominöser Klavier-Beat wabert. Zweimal wiederholt es sich, man wartet vorsichtig auf einen Drop, es loopt noch zweimal, die Hoffnung schwindet, es loopt noch zweimal und verklingt. Warum war das da? Warum hören wir hier kaputte Snippets von anderen Rappern auf unfertigen Beats? Wo ist Kanye, zur Hölle?!

Zumindest einen Wermutstropfen gibt es noch: Irgendwann setzt ein ziemlich imposanter Gitarren-Beat ein. Drums hat zwar auch der nicht, aber immerhin kann man sich vorstellen, wie viel Atmosphäre der entladen könnte. Und dann rappt doch tatsächlich Jay-Z einen Part - und einen verdammt starken noch dazu. Wird das Album jetzt etwa doch noch gut?

Leider ist es dann plötzlich vorbei. Kanye geht ohne weitere Show einfach aus der Arena, und der Stream endet. Ich wiederhole meine Frage: Waren das gottverdammte Snippets? Es wäre nämlich eine Schande, wenn das das Endstadium des Albums wäre. Nicht einmal, weil das Gehörte schlecht war, sondern weil es sich wie die extrem rohe Fassung eines richtig guten Albums anhört. "Donda" hatte im Livestream so viele Momente, die großartig sein könnten, wären sie kompetent in einen ganzen Song eingebettet. Aber inzwischen überschlägt Twitter sich schon. In Las Vegas habe man zwei Tage ein völlig anderes Album gehört, das sich fertiger und lyrischer angefühlt habe. Man berichtet, dass Jay-Z seinen Verse erst am selben Nachmittag aufgenommen habe und dass Mike Dean jetzt gerade die Platte mische.

Es ist kurz vor 5 Uhr. Ich gehe schlafen und weiß, dass am nächsten Morgen kein "Donda" in meinen Streaming-Diensten zu finden sein wird. Ich erwache griesgrämig zur Redaktionssitzung und nehme den Spott hin, den ich dafür verdient habe, an dieses Album geglaubt zu haben. Wie sagen die Bauern in Texas: Fool me once - und ihr wisst, wie's weitergeht.

Fotos

Kanye West

Kanye West,  | © laut.de (Fotograf: Tobias Herbst) Kanye West,  | © laut.de (Fotograf: Tobias Herbst) Kanye West,  | © laut.de (Fotograf: Tobias Herbst) Kanye West,  | © laut.de (Fotograf: Tobias Herbst) Kanye West,  | © laut.de (Fotograf: Tobias Herbst) Kanye West,  | © laut.de (Fotograf: Tobias Herbst) Kanye West,  | © laut.de (Fotograf: Tobias Herbst) Kanye West,  | © laut.de (Fotograf: Tobias Herbst) Kanye West,  | © laut.de (Fotograf: Tobias Herbst) Kanye West,  | © laut.de (Fotograf: Tobias Herbst)

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7 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor einem Monat

    War ja auch gar nicht damit zu rechnen, dass das Album bis heute nicht fertig wird.

  • Vor einem Monat

    Ich habs auch seit Jahren satt, dem Artikel ist quasi nichts hinzuzufügen. Das größte Problem, das ich mit diesem halbfertigen Material habe, ist, das manches davon echt gut sein könnte, wenn man sich mal die Zeit nehmen würde, das konsequent auszuarbeiten und fertig zu produzieren. Aber irgendwie kriegt Kanye es immer wieder hin, auch nach jahrelangem Vorlauf in Zeitnot zu geraten und dann irgendwas Halbfertiges hinzuklatschen bzw. gute Tracks im Vergleich zu den Leaks zu verschlimmbessern. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er nicht mehr den Perfektionismus hat wie früher oder den Fokus verloren hat.

  • Vor einem Monat

    Unabhängig von Kanye kann roh oder minimalistisch ja auch seinen originären Charme haben. Hat man Kanyes Equipment und Möglichkeiten/Netzwerk bedeutet roh aber eher hingeschissen. Da ist das Tamtam drumrum wahrscheinlich deutlich kraftkostender und wichtiger, den Rest regeln die Feuilletonisten.