Eine Landjugend als Schwarzkittel mit kurzem Bravo-Fame und der eigenen Synthie-Pop-Band: Kavkas "Dorfpunks" aus Manching.

Konstanz (mis) - Nick Cave, Leonard Cohen und die Beatles waren schon dran, was läge also näher, endlich auch Depeche Mode zu adeln, die Beatles der 80er Jahre? In der Kiwi-Reihe "Musikbibliothek" schreiben Autorinnen und Autoren seit geraumer Zeit in kleinen schmucken Zehn-Euro-Büchlein über ihre Lieblingskünstler. Bei den Synthie-Pop-Göttern aus Großbritannien kam der Verlag sehr schnell auf Markus Kavka, bekanntester deutscher VJ und großer DM-Fan.

Eine gute Wahl. Kavka ist Fan von Tag eins und das ist sogar wörtlich gemeint. Bisher war es common knowledge, dass der frühere MTV-Moderator als 19-Jähriger im Jahr 1986 das München-Konzert der "Black Celebration"-Tour in der Rudi-Sedlmayer-Halle besuchte. Es gibt davon ein reizendes Foto von ihm und seinem Kumpel Karl, das die Bravo damals beim Konzert auf der Suche nach lustigen Fan-Motiven abdruckte (Überschrift: "So verrückt sehen Depeche Mode-Fans aus"). Da die Bücher leider ohne Bilder auskommen, wird den Lesern dieser Schnappschuss vorenthalten (Kavka links):

Wenige Wochen danach besucht der Bayer sein erstes The Cure-Konzert, der Neidfaktor bei Spätgeborenen dürfte also gegen unendlich streben. Es waren die "intensivsten Jahre meiner Gothzeit", so der Autor. Wie intensiv die tatsächlich waren, daran lässt Kavka auf 115 Seiten wenig Zweifel. Ihm ergeht es wie unzähligen anderen Anhängern der Band, die auf dem Land aufgewachsen sind, sich dem Mainstream-Rock der 80er Jahre verweigerten und Halt in Martin Gores subversiven Pop-Kompositionen fanden. Sein Buch ist somit in erster Linie ein Fan-Aufsatz, der sich allerdings auch jeglicher Kritik verschließt. Ein Satz wie "Depeche Mode haben mich nie enttäuscht" ist im Jahr 2020 bei allem gebotenen Fantum ohne den Schleier der Verklärung eigentlich schwer möglich.

Auch hätte man gerne erfahren, warum Kavka seiner Götter erst 1986 auf der Bühne ansichtig wird. Nach der Visage-Single "Fade To Grey" verliebt er sich nämlich schon als 14-Jähriger in den Song "Just Can't Get Enough", auch wenn er Dave Gahans Look "zwischen Bikerschwulem und Anzugheini" damals noch wenig abgewinnen konnte.

Stattdessen erzählt er gewohnt sympathisch von seiner innigen Beziehung zur Band, die 1984 zu seinem ersten Synthesizer-Kauf führt und mit der Coverband Master & Servant einen (aus damaliger Sicht) frühen Höhepunkt im ansonsten tristen Dorfdisco-Alltag findet. Trocken kommentiert Kavka eine damalige Schulhof-Szene: "Ein Klassenkamerad fragte entsprechend saublöd, allerdings auch vollkommen zu Recht: Wer von euch dreien ist denn jetzt der Master, wer der Servant und wer der And?"

Ein Gothic-Leben in Manching, einem kleinen Dorf bei Ingolstadt, ist natürlich nicht im entferntesten mit jenem glücklicher Stadt-Goths in München oder gar Berlin vergleichbar. Dafür hat Kavka mit Anekdoten übers Haarefärben, aufgeregten Bestellungen im Gothicversandhandel, der Suche nach nichtblondierten Mädchen oder den elterlichen Reaktionen auf das Tragen skelettierter Katzenschädel sicher die besseren Geschichten. Das obligatorische Eintauchen in die okkulte Literatur führte gar zu einer Séance mit Kavkas Opa und Ian Curtis.

Natürlich kommt Markus auch auf seine beruflichen Treffen mit der Band zu sprechen. Hier war zu seinem Fan-Glück immer alles eitel Sonnenschein. Die Diva Gahan beschreibt er als eine Art Duzfreund. Ein Interview, das 2003 zum Solodebüt "Paper Monsters" stattfand, nutzt Kavka, um noch einmal ausführlich Gahans damalige Erzählungen über seine Drogensucht in den 90ern Revue passieren zu lassen. Seltsam auch deshalb, weil Gahan in Interviews jener Zeit nicht nur bei uns bizarre Auftritte an den Tag legte, die auf sein mangelndes Selbstwertgefühl als Songwriter zurück zu führen sind.

Zwei Dinge hat Markus Kavka natürlich mit jedem besessenen Fan gemeinsam: Die Hoffnung auf eine Rückkehr Alan Wilders und die Liebe zu Rankings. Bei den DM-Alben kann er sich allerdings nicht für eine Top-3-Reihenfolge entscheiden, "weil ich die drei Alben wirklich exakt gleich gerne mag. Ehrenwort!" Platz eins teilen sich daher "Black Celebration", "Music For The Masses" und "Songs Of Faith And Devotion". Ein guter Grund, da noch mal mit dem Skalpell ranzugehen und die 14 Alben lange Depeche Mode-Diskographie haarklein zu sezieren.

Markus Kavka: Depeche Mode*

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Depeche Mode

Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof)

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