Wenn Fans zu Gipfelstürmern und Youtube-Stars werden: Anton Corbijns DM-Hommage.

Berlin (rnk) - "Songs Of Faith And Devotion", Lieder von Glauben und Demut, so der Albumtitel des achten Depeche Mode-Albums von 1993. Die Texte handelten von Religion und Spiritualität, während die vier Bandmitglieder mit Suchtproblemen und anderen Spannungen zu kämpfen hatten, die fast zur Auflösung führten. Eine schwere und düstere Phase für die britischen Musiker. Ihre Fans, die sich seither "Devotees" (deutsch: Verehrer, Ergebene) nennen, kennen dieses Gefühl nur zu gut. Sie fanden meistens selbst in schweren Momenten zu ihrer Lieblingsband und zogen Kraft aus den Liedern, woraus sich wiederum große Dankbarkeit und Hingebung ("devotion") für Sänger Dave Gahan und Songwriter Martin Gore ergab.

Starfotograf und Regisseur ("Control") Anton Corbijn traf für seine Kino-Dokumentation "Spirits In The Forest" sechs solcher Die Hard-Fans in verschiedenen Ländern und verknüpft deren Stories mit einem gemeinsamen Konzertbesuch in der Berliner Waldbühne. Das erinnert an "101", die Depeche Mode-Tourdoku aus den 80ern, die Band und Fans in den USA begleitete. Den neutralen Blick des damaligen Regisseurs D. A. Pennebaker, der weder die Band noch deren ganz eigene Fankultur genauer kannte, besitzt Corbjin nicht. Er ist seit Jahrzehnten ein Freund der Band und mittlerweile so in das künstlerische Konzept der Band eingebunden, dass sie ihn als weiteres Bandmitglied bezeichnen.

Christian Flueraru, einer der Film-Protagonisten und leidenschaftlicher Fotograf, ist großer Corbijn-Fan und stellt daher Szenen aus dem ikonischen "Enjoy The Silence"-Musikvideo in den Karpaten nach. Sein kindliches Gemüt und die große Begeisterung lösen sofort Sympathie und Schmunzeln beim Zuschauer aus. Leiden müssen unter diesem Fanatismus nur seine Freunde, die sich als König verkleidet durch schneebedeckte Bergregionen quälen müssen. Die Liebe zur Band wird in diesem Moment auf ein extrem hohes Level getrieben, nämlich genau auf 2554 Meter.

Weniger lustig, aber umso berührender ist die Story von Daniel Cassus, der im erzreligiösen Brasilien erst spät sein Coming Out wagte und heute in Berlin lebt. Es war ein harter Weg, bis seine Familie ihn als schwulen Menschen akzeptierte. Der Amerikaner Dicken Schrader wiederum kam 2010 auf die Idee, mit seinen zwei Kindern DM-Songs zu covern. Die putzigen Videos von DMK (für Depeche Mode Kids) sind längst virale Youtube-Hits.

Auch die Sprösslinge der anderen Protagonisten werden ins DM-Fantum hinein geboren und singen begeistert mit den Erziehungsberechtigten die Hits mit. So schön und glücklich die Momente mit den Kids wirken, so bedrückend die erlebten Rückschläge. Die Songs von Depeche Mode passen stets perfekt zu dem Erlebten, sei es eine Scheidung ("Precious") oder eine schwere Krankheit ("A Pain That I'm Used To").

Am Schluss liegen sich die im Film vorgestellten Fans überglücklich in den Armen. Hier können sie den Mist in ihrem Leben vergessen. Depeche Mode und ihre Fans sind die bessere Familie und eine Ersatzreligion für die sechs Außenseiter. Ein Grüppchen aus verschiedenen Kulturen, was man sich in dieser Form kaum bei anderen Bands vorstellen kann.

Carine Puzenat, Indra Amarjagal, Christian Flueraru, Daniel Cassús, Liz Dwyer und Carine Puzenat und Dicken Schrader wachsen dem Zuschauer aufgrund ihrer Schicksale und der positiven Beklopptheit ans Herz. Sie sind es, die diese Band wirklich am Leben halten. Umgekehrt gestaltet sich das Verhältnis aufgrund von wenig inspirierten Studioalben und nicht enden wollender Boxset-Releases weniger demütig. Die Liebe zu einem höheren Wesen verläuft eben doch einseitig.

"Spirits In The Forest" von Anton Corbijn läuft heute Abend zum letzten Mal deutschlandweit in diesen Kinos.

Fotos

Depeche Mode

Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Depeche Mode,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof)

Weiterlesen

laut.de-Interview Dave Gahan

Mit Dave Gahan für ein Interview zusammen zu treffen, sei ein lockerer Termin, versichert uns die Plattenfirma. Obwohl es am Mittag kurz Stress gegeben habe. Hält man sich aber vor Augen, dass Gahans erstes Soloalbum "Paper Monsters" recht ordentliche Verkäufe vorweisen konnte und der Mann gerade zum zweiten Mal binnen eines Jahres auf Hallentour kommt, gibt es für Missstimmung eigentlich keinen Anlass.

Noch keine Kommentare