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"Ich komme aus einem kleinen Dorf namens Judenburg. Eines Tages zogen wir nach Graz. Es war größer als Judenburg und schon deshalb eine Offenbarung. Doch aus Wiener Perspektive war auch Graz provinziell. Ich zog nach Boston, von wo aus wiederum New York wie ein ferner Planet wirkte. Als ich schließlich dort ankam, spielte ich an einem Ort, den alle nur 'The Village' nannten. So schließen sich die Kreise wieder."
Der 1965 geborene Gitarrist Wolfgang Muthspiel lebt in Wien. Im Alter von sechs Jahren lernt Wolfgang, angeregt durch den Mozart-begeisterten Vater, Geige zu spielen. Mit 14 hat er das Gefühl, etwas finden zu müssen, das von ihm kommt. Er bringt sich selbst Gitarre spielen bei und beginnt zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder Christian "etwas Sinnvolles zu machen". Obwohl sich ihre Wege langfristig trennen, spiegelt sich die musikalische Nähe zu seinem Bruder bis heute in verschiedensten Kollaborationen wieder.
Er besucht die Begabtenklasse der Grazer Musikhochschule und gewinnt den österreichischen 'Jugend musiziert' - Preis. Das Interesse für improvisierte Musik führt schließlich zum Jazz und seinen bis heute gültigen Heroen Keith Jarrett, Jan Garbarek, Pat Metheny, Dave Holland und Jack de Johnette. "Der Haupteinfluss war eindeutig Metheny. Sein Timing, im Solo schlüssig zu sein und dauernd Melodien zu erfinden ... Pat war für mich ein großartiger Held."
1986 siedelt er nach Berklee, um sich von Mick Goodrick per Stipendium in die Geheimnisse komplexer harmonischer Zusammenhänge einführen zu lassen. Ab 1988 tourt er für zwei Jahre mit der Gary Burton Band und erspielt sich in der Szene einen hervorragenden Ruf. Mitte der 90er landet er schließlich in der Jazzkapitale New York, in der er bis 2002 lebt und arbeitet.
Sie bietet ihm einen guten Standort, um sich um verschiedenste Projekte zu kümmern. Zusammen mit Rebekka Bakken arbeitet er an einfühlsamen Ausflügen in die Welt der Popmusik, während er mit seinem Bruder das Elektronik-Projekt Muthspiel/Muthspiel verfolgt. Als solider und erfindungsreicher Sideman fungiert er für Trilok Gurtu, Dhafer Youssef, Maria Joao, Dave Liebman, Peter Erskine, Paul Motion, Bob Berg, Gary Peacock, Don Alias, Larry Grenadier, John Patitucci, Dieter Ilg, das Vienna Art Orchestra und ungezählte Andere.
Nach 16 Jahren im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zieht es ihn 2002 wieder in seine Heimat. Er schlägt seine Zelte in Wien auf und ist auch in Europa als virtuoser und kreativer Co-Leader und Sideman gefragt. 2000 gründet er das Label 'Material Records', das neben seinen eigenen Einspielungen auch die Alben junger, außergewöhnlich kreativer Künstler veröffentlicht. Darunter "Alma", mit dem Martin Reiter 2007 auf sich aufmerksam macht.
All diese Aktivitäten bleiben von den verschiedenen Award-Gremien nicht unbemerkt. Neben zahlreichen 'kleineren' Auszeichnungen erhält Wolfgang Muthspiel 1997 den Hans Koller Preis für den Musiker des Jahres und wird 2003 zum europäischen Jazzmusiker des Jahres gekürt. Das 'Musicians Magazine' wählte ihn zudem unter die 'Top Ten Jazzguitarists Of The World'.
Ob all diese Auszeichnungen ihre Berechtigung haben, kann man auf Muthspiels zahlreichen Veröffentlichungen nachprüfen. Als vielseitiger und experimentierfreudiger Musiker, lotet er ausgiebig und gerne die Möglichkeiten improvisierter Musik aus.
Der österreichische Jazzgitarrist über MGT, "From A Dream" und unnötige Fragen.
Dass er sich selbst als introvertiert beschreibt, hört man der Knappheit seiner Antworten an. Kein Wort zu viel verliert der etablierte österreichische Jazzgitarrist. Wie ist das in seiner Musik, haben wir uns und ihn gefragt?
Er war mein härtester Partner in meinem bisher schwersten Wortduell! Wolfgang Muthspiel ist nicht damit zufrieden, einfach über (seine) Musik zu plaudern. Er will in die Tiefe gehen. laut.de unterhält sich mit dem etwas unter Druck stehenden Österreicher: "Ich bin in einer ziemlichen Überdruckzeit, also bitte nicht viele Fragen."
Wolfgang, was sagt dir folgendes Zitat: "Bei ihm ist es nicht nur zierlich und hübsch. Er hat richtig Eier, wenn er klassische Gitarre spielt"
Es sagt etwas darüber aus, dass Ralph (Towner) mit dem relativ fragilen Sound einer akustischen Gitarre große Räume öffnet. Trotz aller Poesie ist das Ganze immer geerdet.
Damit sind wir schon mittendrin in deinem neuen Album "From A Dream", das du mit der Gitarreneminenz Ralph Towner und dem Klassikvirtuosen Slava Grigoryan realisierst. Wo und wie kreuzten sich eure Wege?
Slava hat Ralph und mich unabhängig voneinander bei Solokonzerten in Australien gehört und kennengelernt. Er konnte sich eine Musik zu dritt vorstellen und hat uns durch seinen Manager kontaktiert, der eine erste Tour zu dritt buchte, wobei jeder von uns ein 15-minütiges Soloset hatte. Das zweite Set bestand dann aus Duos und Trios.
Ihr wart also zuerst auf Tournee und dann im Studio! Ist das nicht die falsche Reihenfolge?
Zuerst auf Tour, dann im Studio, dann wieder auf Tour. Wir haben zweimal ganz Australien bereist.
Und wir? Dürfen wir uns hierzulande auch an der Musik von MGT erfreuen?
Ja, wir sind in zwei Perioden unterwegs. Im März in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien und ab Ende Oktober noch mal in Deutschland.
Drei Gitarristen sind eine etwas ungewöhnliche Besetzung! Wie löst ihr die damit verbundenen Probleme?
Eigentlich gibt es durch die vielen verschiedenen Gitarren, die wir spielen, von vornherein viele Klangfarben und durch die Baritongitarre und das Oktav-Pedal einen großen Tonumfang. Dazu kommt, dass wir alle orchestral denken und jeder seinen Part wie bei einem Arrangement selbst findet. Wir haben uns innerhalb einiger Tage dem Sound genähert, der zwischen uns natürlich herrscht.
Kannst du auf diesen Spirit 'der zwischen euch herrscht' etwas genauer eingehen?
Ich würde die Atmosphäre zwischen uns als eine hohe Aufmerksamkeit bei ebenso hoher Eigenverantwortlichkeit beschreiben. Wir hören einander gerne zu und unterstützen uns gegenseitig.
Wie schauts mit dem Groove aus? Bass und Schlagzeug sind ja für anhin die treibenden Kräfte einer Band ...
Time ist immer in der Vorstellung, ob auf den Drums oder auf einem anderen Instrument.
Wir sind ganz anders an die Musik herangegangen als die drei. Das einzige, was unsere Ensembles verbindet, ist die Besetzung.
… und damit der Klangkörper. Was meinst du, wenn du sagst "wir sind anders an die Musik heran gegangen"?
Ich denke, dass bei uns ein Ensemblegeist herrscht, der sich dem Stück unterordnet, und dem Gesamtklang. Wir sind eher ein Supportsystem untereinander und weniger ein Wettbewerb.
Es geht bei MGT also nicht um bloße Selbstdarstellung, wie man es Geschwindigkeitsrekordlern wie Meola ja mancherorts vorwirft. Worum geht es euch? Was ist eure Vision, die ihr mit "From A Dream" verströmen wollt, was eure Geschichte, die ihr erzählen wollt?
Die Geschichte haben wir ja schon durch die Musik erzählt. Wir haben jedenfalls keine andere Motivation als eben die, diese Musik zu machen. Und in weiterer Folge, diese in Konzerten zu spielen, uns weiterzuentwickeln etc.
Kannst du eine deiner folgenden Aussagen kommentieren? "Wirklich betrifft mich, wie jemand seine innere Welt in Klänge übersetzt". Oder "Miles macht einmal 'pffft' und es ist schon alles drinnen."
Da ist doch schon alles gesagt. Das Bewusstsein erschafft die Welt und in weiterer Folge den Klang und alles andere.
Wie viel Komposition, wie viel Improvisation steckt in "From A Dream"?
Für Jazzverhältnisse relativ viel Komposition, aber fast bei jedem Song wird auch improvisiert.
Eine Gratwanderung, bei der strenge Klassik auf freiheitsliebenden Jazz trifft. Ihr kommt aus sehr unterschiedlichen musikalischen Lagern, gibt es stilistische Klippen, seid ihr an den Grenzen der Fusion gestrandet oder reitet ihr ausgelassen auf der Gischt neuer Möglichkeiten?
Wir spielen einfach Songs, die uns gefallen. Jeder leistet seinen Beitrag und zusammen klingt es gut.
So einfach?
So einfach! Das Thema Klassik versus Jazz ist bei uns nicht ein einziges mal aufgetaucht, weil wir alle auch die Klassik lieben.
Du bist mein bisher härtester Partner in meinem bisher schwierigsten Wortduell. Mit der Oberfläche gibst du dich weder sprachlich noch musikalisch zufrieden. Mit deiner Musik willst du auch nicht einfach nur unterhalten. Was ist dein Anliegen?
Ich habe kein Anliegen. Ich will mich einfach nur ausdrücken, weiterkommen und ein schönes Leben genießen.
Ok, damit klappts also auch nicht, dich aus der Reserve zu locken. Dann probier ich's mal so 'rum: Welche Frage würdest du im Zusammenhang mit MGT und "From A Dream" gerne beantworten?
Lieber Kai, da musst du dir schon was einfallen lassen ...
Würdest du dich als jemand beschreiben, der schwer aus der Reserve zu locken ist?
Ich bin, glaube ich, ein leidenschaftlicher, idealistischer Mensch. Aber eher introvertiert.
Welche Rolle spielt die Musik dabei?
Sie ist das Medium, mit dem ich am meisten erfahre, weil sie unbestechlich ist und alles hörbar macht.
Wie meinst du das?
In der Musik drückt sich alles aus, was dem Komponisten und dem Spieler zugänglich ist.
Ist sie auch das Medium deiner Expression? Leidenschaft und Idealismus wollen ja ihren Ausdruck finden.
Ich denke wir wollen uns alle ausdrücken und tun das auch ständig mehr oder weniger bewusst, nicht nur in der Kunst.
Da hast du Recht. Mode, Styling, Statussymbole et cetera sprechen eine deutliche Sprache, auch wenn ich sie nicht immer verstehe. Aber zurück zur Musik, weil sie unbestechlich ist und alles hörbar macht.
... die Musik ist ein Abbild des Bewusstseins des Komponisten und in schwächerem Maß auch des Interpreten. Demnach kann man in der Musik alles erkennen.
Das sehe ich ebenso. In Erklärungsnot gerate ich dann bei Phänomenen wie Scooter und Konsorten. Kannst du mir helfen?
Das wäre dann halt ein entsprechendes Bewusstsein, das sich ausdrückt.
Ich war gerade im Studio und habe ein Stück aufgenommen das in einer Galerie als Klanginstallation stehen wird, für vier Celli und mein Instrumentarium. Das Thema ist "Wald". Also haben wir auch den Wald aufgenommen. Sehr schwierig, den Wald zu kriegen ohne Vögel, ohne Flugzeuge etc. Jetzt mixen wir gerade mit 5.1 Surround und das finde ich supersexy.
Erzählst du uns mehr über die Waldausstellung, die Galerie, die Installation? Oder ist das noch geheime Geheimsache?
Zur Eröffnung einer neuen Galerie in Wien (zs-art) stellt der Maler Guido Zehetbauer-Salzer Waldbilder aus. Er hat mir vor kurzem eines geschenkt, das jetzt in meiner Wohnung leuchtet. Meine Klanginstallation läuft einmal stündlich während der Ausstellung und wird auch als Kunstwerk zum Verkauf angeboten.
Ich finde die Entwicklung ja wirklich spannend, welche Vermarktungswege sich mit dem vielbeschworenen "Tod der Musikindustrie" auftun. Wie deutest du die Zeichen der neuen Zeit?
Momentan denken alle in der Musikindustrie nach, wie man Inhalte auf neue Arten gegen Bezahlung an den Mann bringt. Es wird in der Tat immer schwieriger mit der konventionellen CD, es gibt ja alles schon gratis und niemand unter 19 kauft noch eine CD. Doch das Bedürfnis nach unkomprimierter Qualitätsmusik wird nicht verschwinden.
Fluch oder Segen für den Jazz?
Kleine Labels können jetzt vielleicht ein bisschen besser mitmischen und sind sicher für viele Jazzmusiker bessere, langfristige Partner als die wankenden Majors.
Verrätst du mir deinen Lieblingssong auf "From A Dream"?
Ich finde "From A Dream" sehr schön, ich mag "Eos" und "Tammuriata".
Soll ich dir meinen verraten?
Ja gerne!
"In Stride" läuft auch in meinem laut.fm-Radio. "Tammuriata" und "Eos" sind Titel, die eure Vielfalt, euren gemeinsamen Geist und die angesprochene 'Aufmerksamkeit bei hoher Eigenverantwortlichkeit' äußerst hörbar darstellen. Es sind komplexe Strukturen, in denen ihr euch ausdrückt. Greift bei euch die hinlänglich bemühte Kritik: Musik für Musiker?
Hoffentlich nicht. Ich glaube, diese Platte ist auch gut für die Freundinnen von Musikern ... (lacht)
Und hoffentlich für deren Freunde und Freundinnen. Wolfgang, ich danke dir für das Gespräch und wünche dir für deine private und musikalische Zukunft alles Gute.
Vienna Naked (2012), Live At The Jazz Standard (2010), From A Dream (2009), Earth Mountain (2008), Glow (2007), Friendly Travellers (2007)
Air, Love & Vitamins (2004), That's All Daisy Needs (2003)
Continental Call (2002), Echoes Of Techno (2001), Real Book Stories (2001), Daily Mirror (2000), Work In Progress (1999), CY (1998), Perspective (1996), Loaded, Like New (1995), In And Out (1994), Muthspiel-Peacock-Muthspiel-Motian (1993), Black And Blue (1993), The Promise (1990), Timezones (1989), Duo Due Tre (1989)
Stille, aber schöne "Material-Records" Labelseite.
http://www.wolfgangmuthspiel.com/
Podcast-Interview mit Muthspiel.
http://www.kulturwoche.at/index.php?option=com_content&task=view&id=90&Itemid=57
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