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laut.de-Biographie

Trümmer

Unzufriedenheit kann lähmen, sie kann aber auch eine ungemeine Energie freisetzen, eine kämpferische Entschlossenheit, diesen Zustand der Frustration in etwas Positives umzukehren. Da die Hamburger Band Trümmer nichts von Lethargie hält, hat sie den zweiten Weg eingeschlagen.

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Im Frühjahr 2012 gründen Sänger und Gitarrist Paul Pötsch, Bassist Tammo Kasper und Drummer Maximilian Fenski eine Combo, deren Antrieb der Widerspruch ist - Widerspruch auf vielerlei Ebenen:

"Der sprengende Moment, war der, dass wir gespürt haben: Es gibt viel Musik da draußen, aber von den meisten Sachen, die produziert werden, fühlt man sich einfach nicht gemeint, die haben mit mir und meinem Leben und den Gedanken, die ich habe, nichts zu tun", sagt Paul.

Ein Großteil der aktuellen Popmusik habe außerdem so etwas Kumpeliges, Anbiederndes, ergänzt Maximilian: "Der Sänger singt von arger Befindlichkeit, und möchte am liebsten von der Bühne steigen und den Leuten auf die Schulter klopfen. Oder noch besser: sich selbst auf die Schulter klopfen. Damit können wir uns nicht identifizieren."

Ergo: Selber machen. Anders machen. Besser machen. Der musikalischen Gleichschaltung entgegen wirken. Mit Texten, die Relevanz und Aussagekraft besitzen, die über das aktuell gebräuchliche, egomanische Geplänkel vieler PopsängerInnen hinausgehen.

Einen großen Masterplan haben die drei dabei nicht. Bewusst nicht. Der Weg ist das Ziel und der Weg lautet: aktiv sein. Tätig werden. Oder in den Worten Pauls: Eine Revolte starten, das Land in Brand setzen. Dass solch eine – zum einen naive, zum anderen aber auch von paralysierender Grübelei befreite Einstellung sehr effizient sein kann, zeigt der Werdegang Trümmers par excellence.

Schon wenige Monate nach Bandgründung wird die Spex auf die drei aufmerksam und verpasst ihnen einen folgenschweren Referenzstempel: Hamburger Schule. Dieser Vergleich ist vor allem Trümmers Lyrics geschuldet, in denen sie den Jetzt-Zustand der Gesellschaft heftig kritisieren. "Die Stadt zerfällt. Lethargie, Langeweile. Und du, du sagt kein Wort, du träumst nur von einem anderen Ort" heißt es in einem ihrer frühen Songs, "Wo Ist Die Euphorie?".

Eskapismus, Resignation, Konformismus: Das werfen Trümmer ihrer Generation vor. "Wir leben in einer wahnsinnig utopiefeindlichen Zeit", sagt Tammo, "Wo sind die gesellschaftlichen Gegenentwürfe geblieben? Es gibt diese Möglichkeit des großen Andersdenkens nicht mehr. Es ist einfach vollkommen klar, dass alles ist, wie es ist. Und das wollen wir infrage stellen." Dies tun Trümmer aber keinesfalls mit erhobenem Zeigefinger. Sie wollen nicht belehren, sondern Denkanstöße geben, ihre Hörer peu à peu mit einer alternativen geistigen Haltung vertraut machen.

"Der Zweck von Musik ist es, Aufbruchsstimmung zu erzeugen", findet Paul, "In der Popmusikgeschichte kann man ja nachverfolgen, dass gesellschaftliche Krisen immer irgendeine Form von Bewegung nach sich zogen. Aber wie sieht das heute aus? Findet so ein Dagegensein wie man es oft mit Jugendkultur verbindet, überhaupt noch statt und wo steht man selbst in alledem? Unsere Musik ist ein Appell, sich aus diesem Zustand der Gleichgültigkeit und der Passivität, in den wir gefallen sind, zu befreien."

Wegen ihres emanzipierenden Vorhabens und der klaren Meinungen, die sie beziehen, avancieren Trümmer schnell zum Kritikerliebling, bildet diese ungestüme und tatendurstige Art doch eine erfrischende Abwechslung in der sonst eher Attitüden armen Pop-Szene.

Trümmer - Interzone
Trümmer Interzone
Keine Angst vor großen Gesten.
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2013 folgen Einladungen zu bekannten Festivals wie dem Melt!, dem Haldern Pop und dem Deichbrand. Trümmer spielen auch eine eigene kleine Clubtour – und das, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch kaum musikalisches Material besitzen.

Im November desselben Jahres veröffentlichen Trümmer ihre erste EP mit der Doppelsingle "In All Diesen Nächten" und "Saboteur". Die beiden Songs geben das klangliche Spektrum der Band anschaulich wider: Während letzterer punkig, wild und mit leichten NDW-Anleihen verziert daher kommt, hält es sich bei ersterem um eine verträumte, ruhige und weitläufige Indie-Rock-Nummer mit hymnischem Parts.

Trümmer setzen bei ihrem Songwriting ganz klar auf Eingängigkeit, Zugänglichkeit und Verständlichkeit, dabei war der musikalische Ansatz anfangs ein ganz anderer. "Zu Beginn war das sehr wüst und sehr laut. Die Songs hatten kaum eine herkömmliche Struktur", erinnert sich Tammo, "Irgendwann haben wir dann angefangen, uns für Pop zu interessieren und wir haben begriffen: Man muss keine zwölf Stücke machen, die alle laut und schnell sind und nach vorne gehen. Man kann auch ganz andere Nuancen zulassen."

Popsongs mit cleveren Texten zu füllen, sei von da an die Idee gewesen. Doch was sind intelligente Lyrics überhaupt? Natürlich bezieht die Band auch hierzu eine klare Position: keine intellektuellen Verworrenheiten. Klar und verständlich müssen sie sein. "Ich persönlich beziehe mich gerne auf Rio Reiser, weil der es geschafft hat, komplexe gesellschaftliche Vorgänge in einer einfachen Sprache zu formulieren. Dadurch schließt man niemanden aus", sagt Sänger Paul. "Ich finde es einfach reizvoller, emotional zu texten, weil man sich dann nicht verstecken kann. Das ist in der deutschen Sprache aber unfassbar schwierig. Man will ja auch nicht nach Schlager klingen."

Insofern machen Trümmer alles richtig. Sie fabrizieren keine Schlager-Parolen, sondern geistreiche, knackige Texte, die die Jutebeutel- und Gymbag-Industrie ausreichend mit Futter versorgt: "Ich dachte immer, jung sein, heißt dagegen sein" ("Straßen Voller Schmutz"), "Ich will alles bekämpfen, doch steh' mir selbst im Weg. If you want to fight the system, you have to fight yourself" ("1000. Kippe"), "Vor uns liegt immer noch mehr als hinter uns" ("Schutt Und Asche"), "Ja, ich weiß, alles wird zugrunde gehen. Nein, ich habe damit gar kein Problem" ("Nostalgie"). Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Zu finden sind diese Verse auf dem zwölf Songs starken Debütalbum von Trümmer, das im August 2014 erscheint. "Ich würde mir wünschen, dass unsere Platte die Leute mutiger macht. Mutiger zu sich selbst zu stehen, zu seinen Wünschen und seinen Bedürfnissen", meint Max. "Die Songs kommen alle aus einem Zustand der Unzufriedenheit, aber letzten Endes versucht man ja, aus dieser Wut eine positive Energie zu entwickeln und die an den Hörer abzugeben. Wenn sich das einstellt, ist sehr viel erreicht", ergänzt Paul.

Schlussendlich geht es bei Trümmer aber natürlich nicht nur um den Wunsch, mithilfe der Musik die Gesellschaft ein wenig zu reformieren. Es geht auch um Spaß und das lustvolle Zelebrieren des Moments.

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