laut.de-Kritik

Der Reimroboter schwingt die Fahne des Battleraps.

Review von

Eher, so glaubte ich, wird Pontifex Benedikt XVI. deutscher Botschafter in Israel, als dass Tone tatsächlich noch zu meinen Lebzeiten einen Zweitling auf den Markt bringt. Und während die ersten Fanfaren meinem Rückenmark die Gänsehaut hochtreiben wird mir bewusst, wie intensiv sich über vier Jahre angestaute Vorfreude entladen kann. Wahrlich, ich sage euch: Sein "Album kommt, ob ihr wollt oder nicht. Es heißt 'Phantom' und fickt euch!". Fürwahr.

Verglichen mit der einstigen "Zukunftsmusik" kleidet sich das "Phantom" in ein recht einheitliches Musikgewand. Mit "Mörderbass" und "Wahnsinnsflows" sind Tones Battlereime der Zeit "Zu Weit Voraus", dringen "Bös" wie ein "Skalpell" in die Hörer ein und fordern etwaige Kontrahenten nicht eben freundlich auf: "Leg Das Mic Weg!". Tatsächlich lassen brachiale Bässe und Kicks unter den oft synthiegeschwängerten Instrumentals den Boden ordentlich erzittern, was die ungewöhnlich langsamen Beats gehörig aufwertet.

Doch obgleich das Album weit wilder mit der Flagge des Battleraps wedelt als sein grandioser Vorgänger, Freunde des Storytellings gehen keineswegs leer aus. Von Pros ("Special", "Traum") und Contras ("Es War Liebe") emotionaler Bindungen berichtet der Frankfurter ebenso ergreifend wie von Kindergewalt ("Sie Leiden"). Er zelebriert phrasenfreie Kopf-Hoch-Stimmung ("Weit Gekommen") und, gemeinsam mit Savas, den eigenen Größenwahn. Komplettiert wird das umfangreiche Sammelsurium durch "Dein Tag Wird Kommen", das auf mich wie ein Sequel zum "Versteckten Feind" wirkt. Und nach der bitterbösen Hymne "Lieb Von Dir" müssen er und sein Gast Harris sich garantiert keiner Groupies mehr erwehren.

Neben dem mitreißenden Opener beschert ausgerechnet der Tod, respektive ein ausführliches Carpe Diem ("Durch Den Regen") der Scheibe neben einem großen Haufen überaus solider Tracks einen Glanzpunkt. Wirklich hart an der Grenze bewegen sich lediglich Adems Gastbeitrag zum ansonsten recht hübschen Crewanthem "Gorillas" und, wie bei so vielen Alben, die gesungenen Refrains.

"Scheiß auf die Hookline!" brüllte vor gefühlten hundert Jahren eine wütende Firma ins Mic, und sie hatte Recht. Ich bestreite nicht, dass Cassandra Steen, J-Luv und Naidoo durchaus begabte Sänger sind - aber in meinen Augen bereichern sie die Tracks, an denen sie beteiligt sind, keinesfalls.

Aber reicht das zum Meilenstein? "Zukunftsmusik" trug zunächst auch ein Schafspelz, bevor es wuchs und wuchs und irgendwann das gerappte Monstrum zutage trat. Sollte es sich mit "Phantom" ähnlich verhalten, entschuldige ich mich hiermit präventiv. Nach einer Woche Dauerrotation jedoch mangelt es dem Album im Vergleich zum Debüt an einem Hauch Lockerheit.

Obwohl das gedrosselte Tempo der Beats förmlich dazu einlädt, zeigt Tone dieses Mal selten seine überragende Technik. Mir fehlen die Reimsalven von "Reimroboter" oder "Magische Worte", die experimentelle Erzählperspektive von "Du Brauchst Mich". Mir fehlen Beatbretter wie "Ekelerregende Raps" oder "Tone". Was die Frankfurter Zauberschnauze hier abliefert, ist nicht weniger als ein sehr gutes Stück deutschen Raps. Aber auch nicht mehr.

Trackliste

  1. 1. Aus Dem Dunkeln Ins Licht
  2. 2. Bös
  3. 3. Leg Das Mic Weg
  4. 4. Du Lässt Mich Nicht Los feat. Julian Williams
  5. 5. Weit Gekommen
  6. 6. Skalpell
  7. 7. Durch Den Regen
  8. 8. Unser Weg feat. Jeyz
  9. 9. Wahnsinns Flows
  10. 10. Mörder Rap
  11. 11. Mein Traum feat. Xavier Naidoo
  12. 12. Dein Tag Wird Kommen
  13. 13. Lieb Von Dir feat. Harris
  14. 14. Du Hast Recht feat. Kool Savas
  15. 15. Gorillas feat. Magic & Adem
  16. 16. Sie Leiden feat. Cassandra Steen
  17. 17. Special
  18. 18. Zu Weit Voraus

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