laut.de-Kritik

Der ultimative Hardrock-Ausbruch.

Review von

Wer sich als Freund härterer Klänge auf die Suche nach ursprünglichen Glanztaten des Rock macht, der stolpert irgendwann zwangsläufig über das Jahr 1976. Man denke nur an den Kiss-Meilenstein "Destroyer", die Geburtsstunde der Ramones ("Ramones") oder an das Bluesrock-Spektakel "Dirty Deeds Done Dirt Cheap" der Herren Scott, Young, Evans und Rudd.

Das Jahr 1976 stand aber nicht nur im Zeichen Maßstäbe setzender Veröffentlichungen aus Amerika und Australien. Auch in Europa wurden die Amps mächtig aufgedreht. Beispielsweise verbannten Led Zeppelin erstmals alle Akustikinstrumente in den Keller ("Presence"). Nicht minder breitbrüstig präsentierten sich plötzlich auch Thin Lizzy. Live gingen die Mannen um Band-Aushängeschild Phil Lynott schon immer härter zur Sache. Mit dem Album "Jailbreak" wollten die Iren endlich auch einen knackigeren Gruß aus dem Studio in die Welt hinaus senden: "Wir wollten einfach alles einfangen, was uns Live auszeichnete. Die Dynamik, die Power und dieser raue Hardrock-Sound: Das alles wollten wir mit ins Studio nehmen", gab Lynott in einem Interview kurz nach der Veröffentlichung von "Jailbreak" im Sommer 1976 zu Protokoll.

Ein Mann, ein Wort. Bereits der eröffnende Titeltrack versorgt jeden Groove-Junkie mit einer Überdosis Endorphine. Wer hier zwischen knarzigen Powerchords, eingestreuten Wah Wah-Funken und Lynotts bissigen Lyrics nicht schon nach einer halben Minute mit den Füßen mitwippt, der sollte dringend einen HNO-Arzt aufsuchen.

"Jailbreak" ist aber nur der Anfang eines knapp 36-minütigen Hardrock-Marathons, bei dem man nur selten zum Verschnaufen kommt. Den mit Abstand ruhigsten Puls erreicht der Hörer sicherlich während dem fast schon vor sich hin schunkelnden "Running Back"; einem Song - der ähnlich wie die eine Viertelstunde später folgende Perle "Fight And Fall" - eher von Lynotts markantem Storytelling dominiert wird.

Die restlichen Tracks des Albums stehen aber auch heute noch ganz oben auf der Playlist eines jeden halbwegs kompetenten Hardrock-DJs. Songs wie das Arrangement-Wunderwek "Angel From The Coast", der lässig aus dem Ärmel geschüttelte Liebesbrief "Romeo And The Lonely Girl" oder das leicht psychedelisch angehauchte Riff-Monster namens "Warrior" präsentieren eine Band, die sich nach Jahren der ungewollten Zurückhaltung endlich ihrer Ketten entledigt. Unter der Regie eines Frontmanns, der mit seinem markanten Gesangs-Stil abertausende Nachwuchs-Rockröhren zum Nacheifern inspirierte, laufen sowohl die beiden Ausnahmegitarristen Brian Robertson und Scott Gorham, wie auch Drummer Brian Downey zur Hochform auf.

Spätestens nach dem letzten Beckenschlag des wohl ewigen Band-Klassikers "The Boys Are Back In Town" knien nicht nur Hardrock liebende Bäcker, Handwerker und Beamte nieder. Auch Bands und Künstler verschiedenster Stilrichtungen stehen seit Jahrzehnten mit lächelnden Gesichtern auf der Bühne, wenn sie den Twin-Gitarren-Evergreen zum Besten geben (Bon Jovi, Everclear, The Cardigans, Happy Mondays, Funeral For A Friend, Huey Lewis & The News).

Scheinbar überwältigt von der eigenen Präsenz, legen Thin Lizzy zum Finale hin sogar noch eine Schippe drauf. Mit dem Boogie-Bluesrocker "Cowboy Song" und dem komplexen, alles noch mal in die Waagschale werfenden "Emerald" legen Phil Lynott und Co. zwei weitere Meisterarbeiten ab.

Der Ausbruch war endlich gelungen, die Fesseln gelöst. Mit "Jailbreak" bewiesen Thin Lizzy, dass sie auch innerhalb eines Studiokomplexes zu höchst Energiegeladenem im Stande waren. Und mehr noch. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von "Jailbreak" äußerte sich Phil Lynott rückblickend wie folgt: "Ich glaube, dass "Live And Dangerous" ohne unsere Erfahrungen während der "Jailbreak"-Aufnahmen nur halb so viel Kraft und Energie versprühen würde. Die meisten "Jailbreak"-Songs gehören mittlerweile einfach zum Fundament unserer Konzerte." Diesen Worten ist nichts mehr hinzuzufügen.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Jailbreak
  2. 2. Angel From The Coast
  3. 3. Running Back
  4. 4. Romeo And The Lonely Girl
  5. 5. Warriors
  6. 6. The Boys Are Back In Town
  7. 7. Fight Or Fall
  8. 8. Cowboy Song
  9. 9. Emerald

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3 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Das perfekte Album für einen verkaterten Sonntagmorgen im Sommer, an dem man nahezu unbekleidet auf der Terrasse sitzt und sich einen Laphroaig Quarter Cask zum Frühstück gönnt.

  • Vor 2 Jahren

    Geil, Geil, Geil, Geil, Geil! Eins meiner absoluten Lieblingsalben im Bereich Rock. Danke Herr Butterweck, damit zaubern Sie mir ein verdammt breites Grinsen ins Gesicht.

    Das Album ist wirklich gigantisch, Lynott war eh mindestens ein Halbgott aber mit diesem Album hat er sich endgültig unsterblich gemacht. Alle Songs sind durchgehend stark, einzig mit „Fight or Fall“ konnte ich mich nie so ganz anfreunden. Aber das Album strotzt nur so von grandiosen Riffs, Melodien und Lyrics. Schon allein der Übergang vom harten „Jailbreak“ zum treibenden „Angel from the Cost“. Von Hardrock über Blues bis Funkanleihen, alles dabei was das Rockherz begehrt. Schön das Emerald hier nochmal hervorgehoben wird, das geht leider ja immer ein bisschen unter.

  • Vor 2 Jahren

    ich kenne diese band nicht aber wenn sie ein meilenstein ist werd ich mal hinein hören