Porträt

laut.de-Biographie

The Hidden Cameras

Manchmal sind The Hidden Cameras sieben, dann dreizehn, vielleicht auch siebzehn Leute auf der Bühne. In Kanada, vor allem in und um Toronto erreicht das Künsterkollektiv um den Kopf und Sänger Joel Gibb schon vor 2002 erstaunliche Popularität allein durch Live-Auftritte. Die werden in sämtlichen großen Zeitungen gefeiert. Bis zu fünfzehn Musiker, dazu strippende männliche Gogo-Tänzer, die das Publikum fleischlustig zum Mitsingen animieren, aber ihre Unterhosen doch nicht ausziehen. Sie sollen laut Gibb "die Hemmungen wegtanzen, die sonst auf Indie-Konzerten herrschen, auf denen die Leute immer nur rumstehen, Zigaretten rauchen und über die paar Leute lästern, die versuchen zu tanzen".

Hidden Cameras: Mit Mehmet Scholl gegen Barcelona Aktuelle News
Hidden Cameras Mit Mehmet Scholl gegen Barcelona
Die Hidden Cameras spielen am 15. August in der Münchner Allianz Arena auf. Mehmet Scholl hatte sich die Band ausdrücklich für sein Abschiedsspiel beim FC Bayern München gegen den FC Barcelona gewünscht.

Zu der Zeit hat Gibb gerade seine Gitarre umgesaitet, weil er linkshändisch spielen will. Und auch sonst ist bei The Hidden Cameras so Manches auf der anderen Seite: Sie nennen ihre Musik "Gay Church Folk Musik", wobei gay hier in erster Linie das archaische "fröhlich" bedeuten soll. Doch natürlich wird hier eindeutig fröhliche Zweideutigkeit stilisiert - und das ist auch gut so.

Die Hidden Cameras bekommen es trotz und wegen aller Widersprüche hin, den Stolz und die Würde eines Christopher Street Days mit evangelistischen Hochzeitsgesängen und der ausgelassenen Melancholie der Folk-Musik zu vereinen. Der kirchliche Einfluss fußt auf mitunter hallenden Gospelklängen, die sanft in der Musik verwoben sind, aber auch auf den ersten Auftritten, die in einigen Kirchen Torontos stattfanden. Bei denen fühlten sich die Cameras offenbar genug zu Hause, um sich musikalisch-tänzerisch in Szene zu setzen, wie in diversen Porno-Theatern.

Die Folk-Anleihen sind unüberhörbar, erinnern an den einen oder anderen Song von The Proclaimers, They Might Be Giants, Belle And Sebastian oder den Magnetic Fields. Die kernige Tremolo-Stimme Gibbs verbindet alle Elemente in einem lustigen und lustvollen Schmelztiegel voller Gute-Laune-Musik.

The Hidden Cameras - Origin:Orphan
The Hidden Cameras Origin:Orphan
Es herrscht Aufbruchstimmung im Genre Gay-Church-Folk.
Alle Alben anzeigen

The Hidden Cameras werden 2002 die erste kanadische Band, die Rough Trade unter Vertrag nimmt, ihr Debütalbum "The Smell of your Own" findet international großen Anklang mit zügigen Klängen und homo-romantischen bis -erotischen Texten, die in ihrer bukowskischen Deutlichkeit durchaus fröhlich stimmen. Spiegel Online zählte das Album zu den zehn wichtigsten des Jahres 2003. Im Juli 2004 erscheint das Nachfolgealbum "Mississauga Goddam" und kann sich musikalisch wie auch thematisch mühelos hinter dem ersten Werk einreihen.

Geschrieben werden alle Songs ausschließlich von Gibb. Er möchte seine Sexualität weder verstecken noch ausschlachten, sagt er, ist aber dennoch bereit, übers banale Pinkeln, Bremsspuren in Männerunterhosen und Vaseline zu texten. Nicht um zu provozieren, wie er betont, sondern um deutlich zu machen, dass es etwas Alltägliches ist. So alltäglich, dass die urinüberfluteten Musikvideos in der Schmuddelvideothek unterm Ladentisch landen, aber niemals nicht auf MTV ...!

Viel lieber nimmt der kanadische Pornodarsteller Bruce LaBruce zwei der Hidden Cameras-Lieder ("Day is Dawning" und "The Man that I am with my Man") für seine 2004 erschienene sogenannte Porno-Comedy "Raspberry Reich" und nennt seine neue, fast ausschließlich schwule Lieblingsband liebevoll "Peter, Paul, and Mary and Mary and Mary".

 - Aktuelles Interview
The Hidden Cameras "Ist es kontrovers, weil es schwul ist?"
Sie klingen wie artige Hippiekinder, der Titel ihres Albums allein lässt Augenbrauen in die Höhe wandern, und live sind die Hidden Cameras ein ekstatisches Hocherlebnis. Und doch ist das Ganze eigentlich nur ein Ein-Mann-Projekt. Erklären sie sich, Mr. Gibb!

Für die nicht (so) Schwulen unter uns klingt das alles recht stereotyp. Also Pornos, Fürze, Vaseline und so. Ach ja, und Poppers. Aber Gibb wirft auch hier ein, dass er "nicht so sehr über das Schwulsein schreiben will, sondern eben über den Alltag. Über Gerüche, über den Körper an sich. Und nicht mal vordergründig mit irgend einem politischen Hintergrund" - so eines seiner Statements. Dem allerdings widerspricht ein Song wie "Ban Marriage", der gerade vor dem politischen Hintergrund der 'Homo-Ehe' plakativ politisch mit dem Popo wackelt.

Und letztlich will Gibb ja irgendwie doch provozieren. Vom sicheren liberalen Kanada aus beobachtet er schön grinsend die US-amerikanischen "Parental Advisory"-Kleberchen und die bösen Listen, in denen steht, welche Wörter man singen darf und welche nicht, und lacht sich darüber ins Fäustchen. Doch ewig hält es ihn dann auch nicht in Kanada, er zieht 2005 nach Berlin, wo er sich unter anderem der Malerei widmet. Dennoch trommelt er zwischendurch die Hidden Cameras zusammen, um das dritte Album "Awoo" aufzunehmen. Diese Scheibe zeigt eine deutliche Entwicklung der Band, ohne dass sie ihre musikalischen Wurzeln verleugnen würde.

Interviews

The Hidden Cameras: "Ist es kontrovers, weil es schwul ist?"

Oktober 2004 "Ist es kontrovers, weil es schwul ist?"

Interview von Mathias Möller

Sie klingen wie artige Hippiekinder, der Titel ihres Albums allein lässt Augenbrauen in die Höhe wandern, und live sind die Hidden Cameras ein ekstatisches Hocherlebnis. Und doch ist das Ganze eigentlich nur ein Ein-Mann-Projekt. Erklären sie sich, Mr. Gibb! (0 Kommentare)

News

Alben

The Hidden Cameras - Awoo: Album-Cover
  • Leserwertung: Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2006 Awoo

Kritik von Mathias Möller

Musik für offene Indie-Ohren, gereift in Berlin. (0 Kommentare)

Videos

I Believe In The Good Of Life
Awoo
Year Of The Spawn
Gay Goth Scene

Termine

Do 24.07.2014 Feldkirch (Altes Hallenbad / Reichenfeld-Park)
Fr 25.07.2014 Schorndorf (Manufaktur)
Fr 03.10.2014 Wien (Festival)
Sa 04.10.2014 Salzburg (Rockhouse)
Sa 01.11.2014 Wiesbaden (Schlachthof)

Noch keine Kommentare