laut.de-Kritik

Dieser Porn Pop ist so geil wie ne Pauschalreise nach Fukushima.

Review von

Mit "We Found Love" feierte Rihanna unlängst ihren elften Nummer 1-Hit in den USA. Zum Vergleich: Der männliche Rekordhalter heißt Michael Jackson und stand mit 13 Titeln auf dem Platz an der Sonne. Die Weiblichkeit führt Mariah Carey (18) gefolgt von Madonna mit zwölf Hits an.

Anderen Legenden wie Depeche Mode, R.E.M. oder Led Zeppelin war dieser Erfolg kein einziges Mal vergönnt. Man fragt sich unweigerlich: Wie kommt das? Was ist das Geheimnis der Sängerin aus Barbados?

An der Musik kann es nicht liegen. Der Kirmestechno von "We Found Love" hieß früher Eurodance, wurde von Bands wie 2 Unlimited und Culture Beat gespielt und läuft heute in der Regel nur noch auf Bad Taste- und 90er-Partys in Studenten-WGs. Von Calvin Harris hastig zusammengeschusterte Synthies gepaart mit Songwriting auf Anfängerniveau sind das Erfolgsrezept. Heraus kommt ein Ohrwurm der ätzenden Sorte und das ewige Warten auf die Stimme des Schaustellers, der mit Echo-Effekt zur nächsten Runde auffordert.

Die Antwort ist so frustrierend wie schlicht. Rihanna lebt von der Promo-Maschinerie, die es aus irgendwelchen Gründen geschafft hat, die 23-Jährige zum Kunstobjekt zu erheben. Seit Jahren gaukeln Universal und Co. der willigen Masse vor, eine wahnsinnig innovative Künstlerin zu hören, die sich ständig weiterentwickelt und neu erfindet.

Dabei ist die Sängerin Rihanna konservativer als Roland Koch und Edmund Stoiber zusammen und künstlerisch nicht bedeutend aufregender. Im Prinzip befolgt sie nur den alten Leitspruch "sex sells", ganz gleich, wie lächerlich sie sich dabei macht. Wobei "porn sells" wohl das treffendere Schlagwort wäre, zumindest liegt die Assoziation angesichts des Covers der Deluxe Version nahe.

Zu Beginn ihrer Karriere stand die sorgenfreie Jugendliche mit karibischer Lockerheit, "Good Girl Gone Bad" leitete das Zeitalter des Vamp ein. "Rated R" setzte SM-Spiele auf die Agenda, sollte für die neue, dominante Rihanna stehen, markiert aber nur den Gipfel der Peinlichkeit. Rihanna war sich nicht einmal zu schade, ihr Privatleben mitsamt prügelndem Lebensgefährten zu vermarkten und wirtschaftlich auszunutzen.

Auf "Loud" ist die Genese zur Nymphomanin abgeschlossen. "Talk That Talk" versucht den Schritt zurück, erzählt von der Suche nach der großen Liebe, bleibt aber nur Schein. Am Ende steht auch hier: Ärsche, Titten, Ficken.

Gezielt gestreute Meldungen von einem Sexshop-Besuch in Paris oder dem Bauer, der die Dreharbeiten auf seinem Feld, auf dem Teile des Videos zu "We Found Love" entstanden, abbrach, weil ihm Rihanna einmal zu oft halbnackt durchs Korn rannte, passen perfekt ins Bild. Eigentlich faszinierend, dass man noch fast 30 Jahre nach Madonnas Debüt und in einem vermeintlich abgebrühten, sexualisierten Zeitalter auf derart plumpe Weise Aufmerksamkeit erzielen kann.

Man kann es ihr nicht einmal ankreiden, das Geschäft mit dem R'n'B läuft nun mal so, die Konkurrenz um Beyoncé und Co. unterstreicht es. Sehr wohl darf man ihr allerdings vorwerfen, dass die neue Platte in ihrer Langeweile fast so nervig ist, wie das Produkt Rihanna selbst.

Die positivste Erscheinung ist noch, dass der eingangs erwähnte Kirmestechno – Gönner würden wohl den Ausdruck "Dancefloor-Sound" bemühen – nur auf einen Titel abfärbt. "Where Have You Been" könnte auch auch aus den Reglern von Will.I.Am stammen, der die bedauernswerte Entwicklung seiner Black Eyed Peas allen Ernstes als "Next-Level-Shit" preist. Man fragt sich, ob diese Leute eigentlich noch irgendetwas anderes reitet als der schnöde Mammon. Wenigstens verzichtet Rihanna auf das bei BEP allgegenwärtige Autotune.

Hätte sie dem Gesang komplett abgesagt, es hätte "Talk That Talk" aufgewertet. Denn die Beats sind verglichen mit anderen Plastikpop-Ergüssen wenigstens stellenweise einigermaßen erträglich, wenngleich sich der Ausdruck "Loudness War" über die komplette Spielzeit förmlich aufdrängt.

Zwar läuft die Bassdrum kontinuierlich auf Anschlag und übertönt so alle übrigen Elemente, dennoch brachten die letzten Jahre schon schlechtere Ergebnisse aus dem altbewährten Pop-Baukasten als das trommelnde "Cockiness (Love It)" oder das rockige "Roc Me Out". Auch das von Gitarren untermalte "We All Want Love" ist brauchbar, wenngleich der Beginn frappierende Parallelen zum Peppers-Klassiker "Under The Bridge" aufweist.

Aber wer tiefgründige, überlegte und originelle Beats hören will, sieht sich ohnehin anderweitig um, denn wirklich interessant ist eigentlich nur das auf der Deluxe Version angehängte "Red Lipstick". Dies jedoch ist der Tatsache geschuldet, dass Rihanna kurzerhand "Saxon" von Chase & Status vereinnahmt. Weil dieser Titel wiederum ein Sample von Metallicas "Wherever I May Roam" enthält, gelangen Hetfield und Kollegen in den zweifelhaften Genuss, mit Rihanna in Verbindung gebracht zu werden.

Dass sie selbst solche soliden Vorlagen gekonnt verhunzt, ist der eigentliche Tiefpunkt der Platte. Rihannas mal nölende, mal quäkende Stimme ist auf Dauer ohnehin schwer zu ertragen, zu allem Überfluss geht ihr zudem jeglicher Ausdruck ab.

Sie singt süßliche Textfetzen wie "Take me away / I wear my heart on my sleeve / always let love take the lead" ("Drunk On Love") oder "Some say love ain't worth the buck / But I'll give every dime I have left / To have what I've only been dreaming about" ("We All Want Love") und ist dabei in etwa so anziehend wie Pauschalreisen nach Fukushima. Selbst wenn sie ihre Paradedisziplin des Vamps oder des frechen, immergeilen Görs bestreitet, bleibt am Ende nur gähnende Tristesse ("Cockiness (Love It)", "Watch' N Learn").

Insofern ist "sex sells" vielleicht gar kein Werbemittel, sondern Überlebensstrategie. Für mehr als Fleischbeschau reicht es schlicht und ergreifend nicht. Dazu ist die Künstlerin und Sängerin Rihanna zu überflüssig und limitiert.

Trackliste

  1. 1. You Da One
  2. 2. Where Have You Been
  3. 3. We Found Love
  4. 4. Talk That Talk ft. Jay-Z
  5. 5. Cockiness (Love It)
  6. 6. Birthday Cake
  7. 7. We All Want Love
  8. 8. Drunk On Love
  9. 9. Roc Me Out
  10. 10. Watch' N Learn
  11. 11. Farewell
  12. 12. Red Lipstick
  13. 13. Do Ya Thang
  14. 14. Fool In Love

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93 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Ach super, ihr habt ein Album gefunden dass noch mieser als Aura Dione ist. Gratuliere!!!

  • Vor 2 Jahren

    okay viel Text um nichts, respekt.

    unterm Strich bleibt doch die Frage die jeden normalen Menschen zwickt irgendwie:
    "Anderen Legenden wie Depeche Mode, R.E.M. oder Led Zeppelin war dieser Erfolg kein einziges Mal vergönnt. Man fragt sich unweigerlich: Wie kommt das? Was ist das Geheimnis der Sängerin aus Barbados?"

    die Antwort darauf ist so simpel wie Erschreckend. 2 Antworten um genau zu sein.
    1. Alle Charts sind Lug und Trug. Reale Verkaufszahlen werden nicht berücksichtigt
    2. 98% (optimistische Schätzung) der Menschheit hat einfach 0 (in Worten "NULL") Musikgeschmack.

    Ich denke, es ist so ne gesunde Mischung aus 1+2. Solange man noch nicht zum Konsum gezwungen wird, störts mich aber wenigstens nicht so sehr.