Porträt

laut.de-Biographie

Radio 4

Kurz nach der Jahrtausendwende spuckt die New Yorker Musikszene beinahe im Sekundentakt einen Haufen großartiger Bands aus dem Straßenmoloch. Zwar können die meisten nicht viel Neuartiges vorweisen, aber sie packen das alte Ding in einer derartigen Klasse wieder heraus und würfeln es zudem noch so perfekt mit dem einen oder anderen aktuellen Einfluss zusammen, dass man kaum widerstehen kann.

Ein Teil dieses Phänomens sind das nach einem P.I.L-Song (Public Image Ldt. – Johnny Rottens Band nach den Sex Pistols) benannte Quintett Radio 4. Deren Sänger Anthony Roman (vorher bei den Emorockern Garden Variety, die zwei Alben auf Gern Blandsten rausbrachten) besitzt 1999 einen Plattenladen und lernt so den Kunden Tommy Williams kennen, den er kurz darauf für seine Band als Gitarrist anheuert. Eben dieser Tommy bringt noch den Drummer seiner ehemaligen Band Sleepasaurus, Greg Collins, mit ins Boot und fertig ist der dreckig rockende Dreier.

Man besinnt sich auf den von Post-Punk-Bands (Gang Of Four, Mission Of Burma oder eben P.I.L.) geprägten Sound und verpasst ihm eine unerhörte Portion groovenden Bass. Damit schmeißt man die schwingenden Beine der Pogoisten regelrecht aus dem Moshpit auf die Tanzfläche und kann sich schnell einen guten Ruf in der lokalen Szene machen.

Das renommierte Gern Blandsten Label aus New Jersey (u.a. Liars oder The Holy Childhood) beweist wieder einmal besten Geschmack und signt Radio 4, um mit ihnen eine erste Three-Track-EP auf den Markt zu bringen. Ein Jahr später ist man mit Produzent Tom O'Heir (u.a. Sebadohs "Bakesale") schon beim Debüt-Album "The New Song And Dance" angelangt und avanciert im amerikanischen Punk-Underground schnell zum brennenden Tipp.

Um die Lücke zwischen dem ersten und zweiten Album gut zu füllen, gehen Radio 4 mit dem neuen Percussionisten P.J. O'Connor in ein Brooklyner Studio und nehmen die "Dance To The Underground"-EP auf. Darauf befindet sich auch ein Dance-Remix des Stücks, der schon fast die kommende Radio 4-Richtung vorgibt: Punkrock zwischen Elektrofiepsen und Groove, der zum Hüfteschwingen und Mitgrölen bestens funktioniert.

Beim zweiten Album sitzt schon das Produzententeam DFA (Trans Am, Primal Scream) an den Reglern, hinter dem sich Tim Goldsworthy, der früher mal mit James Lavelle das Mo Wax Label und das Unkle-Projekt betrieb, und James Murphy verstecken. "Gotham!" gewinnt so und dank dem neuen Keyboarder Gerade Garone an Elektronik, Percussions und verdammt viel Groove, verliert dabei aber in keinem Augenblick den wichtigen Nachvornegeh-Faktor des Punk. Als dann auch noch der New Yorker Bürgermeister Giuliani das Tanzen in Clubs verbietet, gewinnt diese brillant tanzbare Rockmusik und vor allem Texte wie "Dance To The Underground" eine ganz neue Bedeutung. Der gute alte Riot steckt immer noch tief drin.

Nachdem "Gotham!" im April 2002 in Amerika erscheint, beißt auch das deutsche Label City Slang zu und veröffentlicht das tanzende Punkrock-Album Ende September in Europa. Gleichzeitig erscheint eine wahnsinnige Single, die Mixe von The Faint, Playgroup und wieder DFA enthält. Szenenübergreifend vereinen die fünf dann auch hierzulande Bier, zerrissene Hosen und Diskokugeln.

Zwei Jahre später haben Radio 4 gemeinsam mit Bands wie The Rapture oder Hot Hot Heat die Disko längst Punk- und Gitarrentauglich gemacht. Was vor kurzem noch undenkbar war, ist 2004 längst Routine. Mit Produzent Max Heyes, der vorher mit Primal Scream und den Doves zusammen arbeitet, führen Radio 4 auf ihrem dritten Album "Stealing Of A Nation" dieses Phänomen noch weiter in Richtung Unzertrennbarkeit. Von den einstigen treibenden Punk-Riffs ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Die Band zeigt sich elektronischer, ruhiger und vor allem ausgefeilter.

Trotz aller Bemühungen wird die Platte von den meisten Kritikern und Fans äußerst verhalten aufgenommen. Die Band setzt sich daraufhin erst einmal für eine kurze Zeit zu Ruhe. Gründungsmitglied Tommy Williams verlässt die Band und wird durch David Milone ersetzt.

Mit dem neuen Gitarristen berufen sich Radio 4 wieder auf ihre Wurzeln und lassen das Experimentieren sein. Gemeinsam mit dem Londoner Produzent Jagz Kooner, etwa die legendären Elektroniker
Sabres Of Paradise mitgegründet und schon Primal Scream, Kasabian und Soulwax am Mixer ausgeholfen hat, ensteht in den Williamsburger Headgear Sudios das vierte Album "Enemies Like This".

Interviews

Radio 4: "Der Hype um New York hilft den Bands"

Oktober 2002 "Der Hype um New York hilft den Bands"

Interview von Vicky Butscher

Ein Interview auf einem Schiff an der Berliner Spree anzusetzen ist eine relaxte Ausgangsposition. Dementsprechend gut gelaunt ließen sich auch meine Interviewpartner Tommy Williams, Greg Collins und Gerard Garone von Radio4 die Sonne auf den Kopf scheinen. (0 Kommentare)

Alben

Radio 4 - Gotham!: Album-Cover
  • Leserwertung: 4 Punkt
  • Redaktionswertung: 5 Punkte

2002 Gotham!

Kritik von Philipp Schiedel

Wild gewordene Symbiose aus Punkrock und tanzbodentauglichem Gefiepse. (0 Kommentare)

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