laut.de-Kritik

And if you don't know, now you know.

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"I got big plans, nigga. Big plans." Unter selbstsicherem Gelächter lässt The Notorious B.I.G. das Intro seines Albums hinter sich und stürzt sich in sein Debüt. Mit aller Gewalt, aber auch mit seiner ureigenen charmanten Smoothness und seinem Witz. Siegessicher, als stehe zu diesem Zeitpunkt längst fest, dass "Ready To Die" Hip Hop-Geschichte schreiben wird.

"Ready To Die" vollführt einen bis dato beispiellosen Spagat zwischen der brutalen Realität auf den Straßen der weniger vom Glück geküssten Viertel New Yorks und der glitzernden, protzigen, lebensfrohen, aber auch oberflächlichen Welt des Showgeschäfts. Kompromisslos, trotzdem radiotauglich. Filmreif in Szene gesetzt, trotzdem grundehrlich. Hart, trotzdem catchy. Für die Hood und für den Massengeschmack. Wie zum Kuckuck haben die das eigentlich hingekriegt?

Der groß angelegte Masterplan, ersonnen im Hirn eines gewissen Sean Combs, der sich zu Beginn der 90er noch Puff Daddy nennt: Er geht voll auf. Sein Riecher für den Zeitgeist und sein Geschick im Umgang mit einem Kaliber wie Biggie Smalls spielen sich dabei perfekt in die Hände.

"Ready To Die" macht Notorious B.I.G. zum Star und Puff Daddys frisch gegründetes Label Bad Boy Records zu einer fixen Größe im Rap-Geschäft. Das Album bricht die Vormachtstellung, die sich die Westküste Anfang der 90er erarbeitet hat, und dreht den Scheinwerfer zurück auf die East Coast. Das Gangsterrap-Zeitalter hält nun auch da Einzug, wo alles begann.

"Ready To Die" erscheint am 13. September 1994, steigt zwar lediglich auf Platz 15 der Charts ein, hält sich aber stolze 60 Wochen in den Hit-Listen und fährt mehrfachen Platin-Status ein: das erste kommerziell wirklich erfolgreiche Rap-Album der Ostküste.

Schuld daran: die unschlagbare Kombination aus Puffys Nase für Hits und Biggies Talent, gepaart mit seiner Bereitschaft, sich auf die Vorschläge seines Mentors einzulassen. Besonders letztere: ganz und gar nicht selbstverständlich. Das wechselseitige bedingungslose Vertrauen bildet das Fundament, auf dem "Ready To Die" ruht.

So lebt das Album gerade von seinen Gegensätzen, statt zwischen ihnen aufgerieben zu werden. Es zeigt zwei Seiten der Medaille, erzählt die Geschichte des ur-amerikanischen Traums aus unterschiedlichen Blickwinkeln. From rags to riches. From crack to bitches. Die beiden Gesichter, Mord und Totschlag, Drogen, Not und Hoffnungslosigkeit auf der einen, Erfolg, Reichtum, Anerkennung auf der anderen Seite: sicher auch eine Folge der Umstände, unter denen "Ready To Die" entstand.

Als Puff Daddy ein Demotape eines jungen Rappers in die Hände gespielt bekommt, das dieser im Keller von Big Daddy Kanes DJ Mr. Cee aufgenommen hat, arbeitet er noch als A&R bei Uptown Records. Obwohl The Notorious B.I.G. (bisher) weder besonders routiniert zu Werke geht noch mit seiner Leibesfülle den gängigen Schönheitsidealen entspricht, setzt Puffy sich in den Kopf, ihn nicht nur zum Erfolg zu führen, sondern auch zu einem Sexsymbol zu machen.

Ein gewagtes Unterfangen, doch: Den Mutigen gehört die Welt. Puffy nimmt Biggie unter Vertrag, gemeinsam beginnen sie mit der Arbeit an seinem Debüt. Zunächst entstehen die düstereren, dreckigeren, brutaleren Tracks mit deutlich mehr Nähe zum Hood-Life, "Ready To Die", "Gimme The Loot" oder "Things Done Changed".

Biggie zeigt sich, insbesondere in letztgenanntem, wild entschlossen, seine kriminelle Karriere gegen eine im Showgeschäft einzutauschen: "If I wasn't in the rap game I'd probably have a key knee-deep in the crack game." Solches scheint sehr wahrscheinlich, sammelte er zuvor doch bereits einschlägige Erfahrungen als Dealer.

Kein Wunder also, dass er sich, kaum dass Puffy seinen Job bei Uptown Records verliert und Biggies musikalische Zukunft damit von einem Tag auf den anderen wieder in der Luft hängt, prompt wieder auf sein ehemaliges Betätigungsfeld verlegt. Seine Gangstergeschichten, "Gimme The Loot" oder "Warning", geraten unter anderem auch deswegen so plastisch und anschaulich, weil dieser Kerl weiß, wie der Hase auf den Straßen läuft. Aus erster Hand.

Ein Rausschmiss hält einen Sean Combs nicht auf. Er gründet seine eigene Firma, macht sich selbst zum Boss und holt seinen Schützling zurück unter seine Fittiche. Der hat inzwischen geübt. Insbesondere die Notizbücher, in denen er beim ersten Teil der Aufnahmen noch seine Reime festhielt, braucht er inzwischen nicht mehr.

"Ich habe ihn nie etwas aufschreiben sehen", erinnert sich DJ Premier. "Er machte zwar immer ein Mords-Gedöns, dass er einen Stift und einen Zettel brauche, aber geschrieben hat er dann einen Scheiß! Er hat bestenfalls ein paar komische kleine Zeichnungen hingekritzelt."

DJ Premier steuert den Beat zu "Unbelievable" bei, dem letzten Song, der für "Ready To Die" entstand. "Ich wäre beinahe nicht dabei gewesen. Big hat mich in letzter Minute angerufen und verlangt: 'Gib mir einen Track!', und ich hab' ihm erzählt, dass ich überhaupt keine Zeit habe, einen zu machen", erzählt er dem Complex-Magazin.

"Er hat aber immer weiter gequengelt, von wegen: 'Yo, Prim, bittebitte, ich hab' auch gar kein Budget mehr, ich hab' nur noch 5.000 Dollar.' Ich darauf: 'Dude, ich koste aber um Welten mehr. Aber ich liebe dich, deswegen schau' ich mal, was ich für dich tun kann. Treffen wir uns heute Abend." Ganz gegen seine Gewohnheit lässt sich Premier beim Beatbasteln von Biggie über die Schulter schauen. "Es war seine Idee, R. Kellys 'Your Body's Calling' einzuscratchen." Eine verdammt gute.

Biggies Freestyle-Qualitäten haben inzwischen gruseliges Ausmaß erlangt. "Er hat das einfach so ausgespuckt", so Premier. "Er saß stundenlang da, und du dachtest, der macht gar nichts. Der konzentriert sich noch nicht einmal. Dann ist es drei oder vier Uhr morgens, und du fragst: 'Ey, wollen wir das heute aufnehmen, oder machen wir es morgen fertig?', und er sagt: 'Nah, ich bin bereit.' Und dann steht er auf, geht in die Booth. Haut es raus. Fertig."

Als "Unbelievable" entsteht, sind die drastischeren Nummern längst aufgenommen. Zu drastisch für Easy Mo Bees Geschmack, der - unter Puffys Regie - einen Großteil der Tracks produziert. "Ich habe tatsächlich mit niemandem gearbeitet, der so hartes Vokabular verwendet hat ... Wenn ich im Studio war, war immer ich derjenige, der sagte: 'Mann, bist du wirklich sicher, dass du das so ausdrücken kannst?' Ich hörte immer nur: 'Mo, entspann' dich. Du Sensibelchen!' Dabei hab' ich mir nur Sorgen gemacht, weil ich schließlich wollte, dass man die Platte auch noch verkaufen kann."

Easy Mo Bee zeichnet unter anderem für "Gimme The Loot" verantwortlich, für das er James Brown, Onyx, Ice Cube, Gang Starr und A Tribe Called Quest verwurstet. Der Plot: Zwei Männer planen einen Überfall. "Immer noch fragen mich Leute, wer der zweite Rapper ist. 'Yo, wer war das? War das Puff?' Dass keiner hört, dass Biggie beide Stimmen eingerappt hat, zeigt doch nur, wie gut er war."

Der einzige Featuregast bleibt Method Man auf "The What". "Ich war immer cool mit Biggie. Er war ein lustiger Motherfucker, er hat dich den ganzen verdammten Tag lang zum Lachen gebracht." Eine Meinung, die seine Clan-Genossen nicht sämtlich teilen: "Es ist kein Geheimnis: Rae mochte ihn nicht. Ghost auch nicht. Sie sagten, er sei ein Biter. Aber schau' dir Rae und Ghost an: Die mögen doch niemanden."

Biggies schauspielerisches und komisches Talent tritt an zahlreichen Stellen zutage. Etwa in "The Warning". Oder wenn er mit Lil Kim in "Fuck Me" zu dudelndem Jodeci-Song zur Sache geht, bis die Schwarte kracht - oder der arme Klavierhocker, der für die Aufnahmen herhalten musste. "Wir hatten noch viel verrücktere Mitschnitte als diesen", weiß Chucky Thompson. "Die waren aber komplett unbrauchbar, weil wir uns dabei allesamt den Arsch abgelacht haben."

Voller Körpereinsatz: Ehrensache. Auf seinen Mentor hören: ebenso. Lord Finesse, der den dramatischen Schlusspunkt des Albums, "Suicidal Thoughts", produzierte, blickt zurück: "Als ich zum ersten Mal mit Big gearbeitet habe, war er so street wie man nur sein kann ... Aber er und Puff haben sich beide mit unfassbarer Geschwindigkeit weiterentwickelt. Zuzusehen, wie sie beide gelernt haben und wie Biggie alles, das Puff ihm sagte, wie ein Schwamm aufgesogen hat, das war verrückt!"

"Puffy hat die Vorlage geliefert, Biggie hat den Ball aufgenommen und versenkt. Die Kombination war einfach unfassbar. ... Puffy hatte es drauf, Big zu formen - nicht nur als einen Untergrund-Künstler, er hat ihn abgerundet. Er zeigte ihm nicht nur, wie man Körbe wirft, sondern auch, wie man dribbelt und alle möglichen anderen Tricks, die ihn zum besten Spieler auf dem Platz machten. Und Biggie hat richtig, richtig schnell gelernt."

"Ready To Die" ist nahezu fertig gestellt. Neben den harten Tracks für die Straße fehlen nach Meinung Puff Daddys nun aber noch die Hits fürs Radio. "Okay, bisher haben wir gemacht, was du wolltest. Lass' uns jetzt noch machen, was ich will." Statt sich querzustellen, reagiert Biggie gelassen: "Puff sagt: Mach' das so. Also mach' ich es. Ich versuchs jedenfalls."

"Das gab dem Ganzen den letzten Kick", ist Lord Finesse überzeugt. "Dass er sein Künstler-Ego beiseite schieben und auch einmal einen Rat annehmen konnte." So entstehen (unter Biggies Gemeckere zwar, Puffy versuche, eine Operndiva aus ihm zu machen, aber immerhin) Tracks wie "Juicy". Cheesy as fuck, aber unzweifelhaft legendär. Mit Mtumes "Juicy Fruit"-Sample: der erste Hip Hop-Mainstream-Hit und zugleich die Blaupause für jeden Rap-Track mit R'n'B-Hookline.

Die radiotauglichen Singles stören den rauen Gesamteindruck erstaunlicherweise gar nicht. Sie zeigen vielmehr eine weitere Facette eines unglaublich vielseitigen Rappers, dessen vielleicht größte Gabe darin liegt, auch die ersonnenen seiner Geschichten glaubwürdig zu verkaufen, weil er immer wieder Details aus seiner eigenen Biografie einflicht. "Shit, my momma got cancer in her breast / Don't ask me why I'm motherfucking stressed, things done changed."

Von übertriebener Pose zu entwaffnender Ehrlichkeit, vom harten Hustler zum verletzten, entsprechend verletzlichen Menschen: bei Biggie immer nur ein winziger Schritt. Die New York Times würdigt das folgendermaßen: "Indem es auch die Niederungen dieses Lebensstils präsentiert, birgt 'Ready To Die' die vielleicht ausgewogenste, ehrlichste Darstellung des Dealer-Daseins, die Hip Hop zu bieten hat."

Das Konzept des Albums - ein Porträt von Biggies Lebensweg, von seiner Geburt über seine Herkunft und seinen Aufstieg bis zum (hier noch imaginären) Tod - nimmt schon das Intro vorweg. "Puffy sagte, er will 'Rapper's Delight', Audio Twos 'Top Billing', 'Superfly' - Platten, die die ganze Ära repräsentieren." Easy Mo Bee verquickt all das zu einem Einstieg, der nicht nur Biggies Leben, sondern seine Zeit und sein Umfeld widerspiegelt.

"I got big plans, nigga. Big plans." Oh, ja. Die hatte er. Den "Everyday Struggle" hinter sich lassen. "I'm doing rhymes now. Fuck crime now." Die Methode funktioniert zunächst: "I went from negative to positive." Restlos lassen sich die Zweifel aber doch nicht ausschalten. "Suicidal Thoughts" beendet "Ready To Die" mit einem Paukenschlag.

"Ich habe nie mit Biggie über diesen Song gesprochen, aber wir hatten schon alle unsere Bedenken, ob man den überhaupt auf das Album mit draufnehmen kann", so Nashiem Myrick, der an der Produktion beteiligt war. "Er hat sich auf dieser Platte umgebracht. Wie soll man da wieder zurück kommen?"

Eine Sorge, die sich ironischerweise als unbegründet erweisen soll. "Ready To Die" bleibt das einzige Album, das The Notorious B.I.G. zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Am 9. März 1997, wenige Tage bevor sein zweiter Longplayer "Life After Death" erscheint, wird Christopher Wallace in Los Angeles erschossen. Der Mord, wie der an seinem Freund, Kollegen und Widersacher Tupac Shakur: bis heute nicht aufgeklärt.

"And if you don't know, now you know."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Things Done Changed
  3. 3. Gimme The Loot
  4. 4. Machine Gun Funk
  5. 5. Warning
  6. 6. Ready To Die
  7. 7. One More Chance
  8. 8. Fuck Me (Interlude)
  9. 9. The What
  10. 10. Juicy
  11. 11. Everyday Struggle
  12. 12. Me & My Bitch
  13. 13. Big Poppa
  14. 14. Respect
  15. 15. Friend Of Mine
  16. 16. Unbelievable
  17. 17. Suicidal Thoughts

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