Porträt

laut.de-Biographie

Nellie McKay

Wenn eine erst 19-jährige ihr Debüt-Album veröffentlicht, kann das eigentlich nur heißen, dass sie gut aussieht und in Dance-Videos ihr hübsches vorformatiertes Lächeln in die Kamera grinst. Oder sie heißt Norah Jones. Keines davon trifft offensichtlich auf Nellie McKay zu. Als die eigensinnige New Yorkerin Anfang 2004 in den Staaten ihr Debüt "Get Away From Me" veröffentlicht, überschlägt sich die schreibende Zunft der USA förmlich, und hebt sie auf ein Podest, auf dem sich Nellie selbst sehr wohl zu fühlen scheint. 'Wunderkind' und 'Sensation' sind nur zwei Begriffe, die im Zusammenhang mit ihr und ihrer Musik fallen. Diese bewegt sich erstaunlich leichtfüßig in einem weit gesteckten Feld zwischen Jazz, Folk, Soul und Big Band-Sound, sowie moderneren Stilen wie Hip Hop.

Dabei klingt sie zu keiner Zeit so bieder wie sie aussieht. Zynische bis an die Grenze des Sarkasmus reichende Texte schmücken ihre wohlklingenden Songs. Zur Welt kommt sie in England als Tochter eines britischen Regisseurs und der US-amerikanischen Schauspielerin Robin Pappas. Jene spielt unter anderem in den Filmen "Shining", "Die Stunde Des Siegers" und "Superman II" mit. Die Ehe der beiden überdauert die Geburt der kleinen Nellie nur um ein Kurzes und so zieht die Mutter mit der zweijährigen Tochter in die Heimat ihrer Mami, genauer, nach New York. Dort entdeckt die noch in den Kinderschuhen steckende Nellie ihr Interesse für Musik, als sie den alten Kassettenrekorder ihres Stiefvaters 24 Stunden am Tag in Beschlag nimmt.

Aus jenem tröten ihr nicht die neuesten Gassenhauer ins Ohr, sondern eher Jazz, Soul und Pop-Klassiker der 50er bis 70er. Nellie bekommt daraufhin Cello-Unterricht und lernt so das erste einer ganzen Reihe von Instrumenten zu spielen. Aus dem Big Apple flüchtet die Familie, nachdem Robin auf offener Straße Opfer eines Räubers wird, der ihrer Tochter ein Messer an die Kehle setzt. In einen VW-Bus passt so einiges: zum Beispiel eine Frau, ihr kleiner Sprössling, neun Katzen und ein Hund. Mit dieser Fracht beginnt die Reise nach Olympia im Staate Washington, wo die kleine Familie jedoch nur kurz verweilt. Weiter geht's nach Pennsylvania, wo Nellie neben Cello in einem Orchester auch noch Saxophon und Piano in diversen (Jazz-)Bands spielt.

Zu dem bereits vorhandenen Instrumentenreigen gesellen sich noch Xylophon und Kesselpauke. "Zähle etwas auf, worauf man rum hämmern kann und ich spiele es", so ihr lakonischer Kommentar. So viele Instrumente sie auch spielt, so zuwider ist ihr der Musikunterricht in der Schule, bei dem sie sich regelmäßig unterirdische Noten abholt. "Musik hat mich angekotzt. Ich wollte lieber Profi-Basketballerin, Model, Busfahrerin oder Präsidentin werden". 2000 kehrt Nellie nach New York zurück und besucht dort trotz der schlechten schulischen Vorgaben die Manhatten School Of Music.

Zwei Jahre und unzählige schlechte Zensuren später, fliegt sie von der Schule, nachdem sie in ihrem letzten Halbjahr sämtliche Klausuren (bis auf eine) verhaut. Der vergebliche Versuch, sich 'seriös' dem Thema Musik zu nähern ist somit ad acta gelegt. Nellie versucht sich daraufhin als Stand Up-Comedian. Mit ihrem Repertoire hat sie sogar einige Auftritte in angesehenen Läden wie zum Beispiel dem New York Comedy Club. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2002 und so langsam schleicht sich die Musik zurück in das Leben der Nellie McKay. Am Piano sitzend, trägt sie in den Schwulen-Bars von Greenwich ihre Songs vor.

Bis zu acht Konzerte bringt sie so während der Woche über die Bühne und macht sich einen Spaß daraus, im Hochsommer Weihnachtslieder zum Besten zu geben: "Die Leute lachen. Es ist die beste Zeit, sie zu spielen, weil sie noch keiner satt hat. Ich wurde trotzdem dafür gefeuert". Auch wenn sie solche Ereignisse auf die leichte Schulter nimmt, verfolgt sie ihre Musiker-Karriere nun um einiges ernsthafter. Im September 2002 tritt sie auf einem Festival in Alabama auf, wo sie für ihren ersten selbstgeschriebenen Song "Won't U Please Be Nice" einen Preis für die beste Performance einheimst.

Gerade dieser Song steht stellvetretend für ihren Stil: "If you would sit oh so close to me, that would be nice, like it's supposed to be, if you don't I'll slit your throat, so won't you please be nice" säuselt sie, von einer süßlichen Melodie begleitet ins Mikrofon, und der Hörer meint den Sinn hinter den Worten verstanden zu haben, bevor sie unvermittelt die komplette Aussage des Textes in eine andere Richtung lenkt: "together we'll always live no sacrifice we'll vote conservative if you run I'll pull a gun give me head or you'll be dead salute the flag or I'll call you a fag oh won't you please be nice".

Nach diesen ersten Lorbeeren zieht sie nach Staten Island, mietet sich ein Zimmer und schreibt pro Woche einen Song. Im Februar tritt sie dann im Vorprogramm der Trachtenburg Family Slide Show Players auf, einer durchgeknallten Combo, die bei Konzerten zu Dia-Projektionen singt. Bei dieser Show ist ein einflussreicher Musik-Schreiber des Time Out-Magazins anwesend, der ihr eine wohlwollende Konzert-Review schreibt. Ebendieser Artikel weckt das Interesse von mehreren Plattenfirmen, unter anderem das von Blue Note, Virgin und Sony.

Schließlich unterschreibt sie einen Vertrag bei den Japanern, da sie sich mit ihrer Musik dort am besten verstanden fühlt. Der Major stellt ihr für die Produktion des Debüts keinen geringeren als Geoff Emerick zu Seite. Jener war als Toningenieur nicht unerheblich für den Sound der Beatles-Scheiben "Revolver", "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", "Abbey Road" und des 'weißen Albums' verantwortlich. McKay selbst hat jedoch auch als Co-Produzentin ein Ohr am Klangkostüm der Songs.

Nachdem die Lieder im Kasten sind, lehnt sie sich jedoch in keinster Weise zurück. Stolz auf ihre Leistung, übernimmt sie einige Details, die mit der Veröffentlichung von "Get Away From Me" zusammen hängen. Die grafische Gestaltung sowie die Promotion liegen in ihrer Hand. "Diese Platte ist mein Leben. Ich kann mir nicht vorstellen, nicht bei jedem Aspekt die Finger mit im Spiel zu haben." Das Album erscheint im Februar 2004 in den USA und im Juni endlich auch in Deutschland. Mit den 18 Songs, die den Weg auf das Album finden, hat sie eines, wenn nicht das Überraschungsalbum des Jahres geschaffen.

So tingelt sie recht erfolgreich über den nordamerikanischen Kontinent. 2005 steht dann ganz im Zeichen eines neuen Tonträgers, an dem Nellie enthusiastisch arbeitet. So kann sie sogar prominente Unterstützung wie Cyndi Lauper und K.D. Lang für ihren Zweitling gewinnen. Auf dem "Pretty Little Head" betitelten Album spielt sie mehrere Instrumente.

Der Veröffentlichungstermin ist für den 3. Januar 2006 anvisiert. Doch dann kommt alles ganz anders. Nellie nimmt 23 Songs auf, die mit einer stolzen Gesamtspielzeit von über 65 Minuten daher kommt. Ihr Label verschickt jedoch Promos mit nur 16 Songs und 48 Minuten Spielzeit. Daraufhin verteilt McKay auf Konzerten die Email-Adresse des zuständigen Sony-Managers mit der Bitte, ihm doch eine Beschwerde-Mail zu schreiben. Die Konsequenz: Beide Parteien trennen sich.

Fans müssen jedoch nicht darben, denn Nellie nimmt die Rolle der Polly Peachum in einer Wallace Shawn-Adaption für den Broadway von Brechts Dreigroschenoper an. Für ihre Darstellung erhält sie den Theatre World Award für die beste Debüt-Performance. Derweil ist der Release von "Pretty Little Head" immer noch nicht in Sicht.

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