Porträt

laut.de-Biographie

Mulatu Astatke

Er gilt als einer der einflussreichsten Musiker Afrikas, denn als Wegbereiter der modernen afrikanischen Musik erfindet Mulatu Astatke den Ethio Jazz, die Fusion aus äthiopischer Musiktradition und Jazz. Als Vibraphonist und Percussionist tingelt er seit 40 Jahren auf den Bühnen der Welt zwischen New York, London und Addis Abeba und beeinflusst hüben wie drüben Musiker mit seinen Arrangements.

Geboren 1943 in Jimma, einer Stadt im Westen Äthiopiens, bekommt Astatke die Chance, im fernen England zu studieren. Auf dem Trinity College of Music in London übt er Klarinette und wechselt schließlich in den frühen Sechzigern als erster Afrikaner auf die prestigeträchtige Musikhochschule Berklee College in Boston.

Im Revolutionsjahrzehnt, den Sechzigern, arbeitet Mustatke mit Fela Kuti und Hugh Masekela daran, afrikanische Musik in ihrer nichtamerikanisierten Form zu etablieren. In den Wirren der Kämpfe der Bürgerrechtsbewegung kann das die Öffentlichkeit, abseits akademischer Elfenbeintürme oder musikverliebter Traumtänzer, jedoch nur bedingt schätzen. Mit seinem Ethiopian Quintet spielt Astatke sich durch die Jazz-Clubs New Yorks und saugt den Spirit der wilden Zeit in sich auf.

Aufgrund seiner akademischen Ausbildung pflegt er einen wissenschaftlichen Zugang zur Musik. Die Melodien seiner Heimat basieren etwa vorwiegend auf einer pentatonischen 5-Ton Skala, die er in Folge durch die westliche, chromatische 12-Ton Skala erweitert. Sein theoretischer Zugang legt zwar den Grundstein für eine nachfolgende Weltmusik-Bewegung, steht jedoch dessen sozialkulturellen Folgen diametral gegenüber. Das Konstrukt Weltmusik impliziert, dass das westliche Musikkultur-Diktat die Regel und der nicht-westliche Rest die Ausnahme ist. Astatkes Ansatz generiert sich jedoch zu gleichen Teilen aus beiden Welten.

Nach seinem abgeschlossenen Berklee-Studium kehrt der Multiinstrumentalist in den Sechziger Jahren zurück nach Äthiopien und mischt westliche Jazz- und Funk-Einflüsse mit traditionellen äthiopischen Klängen. Die Musik, die die Opfer der jahrhundertelangen Sklaverei einst nach Amerika brachte, kehrt in ihrer kontemporären Form zurück ins Mutterland. Die "Swinging Addis"-Ära ist im vollen Gange. Alemayehu Eshete, Getachew Mekuria und Mahmoud Ahmed interpretieren US-Helden wie James Brown oder Duke Ellington im afrikanischen Gewand in der Heimat neu. Astatke hebt auf Basis seines Jazztheorie-Studiums den Ethio Jazz aus der Taufe.

Die Diskographie des Tausendsassas wächst und wächst. Es entstehen musikalische Großtaten, die in der nordwestlichen Hemisphäre nur selten ankommen. Die Zeit zwischen 1968 und 1974 avanciert zur goldenen Ära äthiopischer Musik, Mustatke steht seitdem wie kaum ein zweiter für Äthiopiens schier endlose Musik-Historie. Die Jazz-Szene Amerikas und Europas muss jedoch für lange Zeit auf den Ethio Jazz-Vater verzichten. Astatke zieht die Arbeit in der Heimat einer Weltkarriere vor.

In seiner Heimat profiliert sich Astatke als Musikprofessor - die Lehre wird zur Herzensangelegenheit. Er gründet die African Jazz Village, eine Mischung aus Musikschule und Club. Als Radiomoderator und TV-Host schult er den Landsleuten die eigene reiche Musikgeschichte. Als Professor spricht er auch an Elite-Universitäten wie dem MIT oder Cambridge über die Schwierigkeiten einer eurozentristischen historischen Musikbetrachtung.

In einer Ironie des Schicksals bringt ihn die amerikanische Popkultur wieder zurück in die öffentliche Wahrnehmung der westlichen Meinungsmacher. 2005 verwendet Jim Jarmusch für seine Tragikomödie "Broken Flowers" die Musik Astatkes und verhilft dem in der Versenkung der (westlichen) Öffentlichkeit verschwundenen Musiker zu einem zweiten Frühling. Astatke zieht zurück nach London und hat in Folge einer neuen Begeisterung für Weltmusik im modernen Gewand plötzlich wieder etliche neue Fans. Anscheinend ist die westliche Welt in Zeiten von M.I.A., Favela Funk und Afro Beat wieder bereit für den Sound der vergessenen Kontinente.

Strut Records bringt den Ethio Jazz-Papst mit der englischen Musikkapelle The Heliocentrics zusammen, die sich in der Stones Throw-Fangemeinde bereits einen Namen gemacht hat. Gemeinsam absolviert man Astatkes erstes Europa-Konzert seit 15 Jahren und begeistert sowohl Jazz-Liebhaber der alten Schule, als auch die musikverrückte Folgegeneration der globalen Vinyldigger.

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