26. September 2023

"Der Popmusik fehlt es an Ironie"

Interview geführt von

Bereit für eine Zeitreise in die Goldenen Zwanziger? Diese Frage lässt sich Max Raabe nicht zweimal stellen. Gemeinsam mit dem Palast Orchester präsentiert der Crooner "Mir Ist So Nach Dir", ein Album voller musikalischer Schätze aus der Zeit der Weimarer Republik.

Wir treffen Max Raabe im Hotel Telegraphenamt in Berlin. Herr Raabe trägt einen Anzug, vor ihm steht ein Glas Wasser. Vom Fenster des Hotelzimmers bietet sich ein hervorragender Blick auf den Monbijoupark. Das Haus hat Geschichte, genauso wie die Lieder, zu denen Raabe mit seinem neuen Album "Mir Ist So Nach Dir", das am kommenden Freitag erscheint, zurückkehrt. Eine perfekte Kulisse also für unser Gespräch, in dem Herr Raabe gedanklich zurück zu den Anfängen reist.

Herr Raabe, im Gegensatz zu Ihrem letzten Album besteht "Mir Ist So Nach Dir" aus reinen Klassikern. Wie haben Sie die Songauswahl getroffen?

Nach Abschluss der Dreharbeiten für "Babylon Berlin" gab es eine Party für alle, die vor und hinter der Kamera dafür gesorgt haben, dass das eine schöne Serie wird. Bei dieser Party wurden wir darum gebeten, für eine Dreiviertelstunde ein bisschen Stimmung zu machen. Die Nummer "Mir Ist So Nach Dir" hatten wir schon seit einigen Jahren im Repertoire, aber länger nicht mehr gespielt. Das Palast Orchester wollte das Stück wieder auf die Bühne bringen und jetzt ist es auch im neuen Programm vertreten. "Babylon Berlin" war also der Auslöser dafür, dass wir mal wieder ein Album mit Klassikern aus den 20er und 30er Jahren aufnehmen wollten.

Bei den Aufnahmen saß das Palast Orchester Seite an Seite in einem Raum, so wie in den 20er und 30er Jahren. War das eine neue Aufnahmemethode für das Orchester?

Nein, bei den Klassikern haben wir das immer schon so gemacht. Popmusik unterliegt anderen Kriterien und anderen Techniken. Unsere letzten vier Alben waren ja sozusagen Pop-Titel. Da werden Rhythmus, Bläser und die Streicher immer separat zusammengebaut. Aber dieses Album ist so entstanden, wie wir unsere Klassiker immer aufgenommen haben. Das hat den Vorteil, dass dabei eine Atmosphäre entsteht, wie wir sie von der Bühne kennen: Man sieht und hört sich atmen. Jeder hat seinen Einsatz und ist mal Dirigent, indem er sein Instrument als Auftakt verwendet. Dann gucken alle auf die erste Trompete oder alle gucken auf die Geigerin, wann sie ihre Phrase beendet hat. Dieses gemeinsame Musizieren macht eine Leichtigkeit aus, die man auch auf dem Album hören kann.

Sie singen auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Französisch. Wie viele Sprachen sprechen Sie?

Das weiß ich nicht, vielleicht zwei oder drei. Ich kann mir natürlich auch Sachen andressieren und lernen. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung von Japanisch, trotzdem habe ich bei den Konzerten in Japan vier oder fünf Titel auf Japanisch gesungen. Das habe ich unter strenger Anleitung gelernt, aber natürlich habe ich deswegen von der Sprache keine Ahnung.

Wie lange dauert es, ein Lied in einer fremden, Ihnen unbekannten Sprache einzustudieren?

Das kommt darauf an. Russisch ist mir zum Beispiel sehr schwer gefallen, Japanisch ging eigentlich. Aber Chinesisch hat gar nicht geklappt (lacht).

Aber das chinesische Publikum war von Ihrem Versuch offenbar sehr begeistert.

Ja, das stimmt, die haben sich sehr gefreut, weil wahrscheinlich doch sehr viele an der Aussprache gestrauchelt sind. Chinesisch zu sprechen ist wahnsinnig kompliziert, weil ein und derselbe Vokal in verschiedenen Tonhöhen sofort eine andere Bedeutung hat. Aber da die Texte an die Melodie gebunden sind, war es dann eben auch mal möglich, etwas auf Chinesisch zu singen.

"Der Popmusik fehlt es an Ironie"

Mit "Unter Den Pinien In Argentinien" fing es für Sie an. 1992 sangen Sie dieses Lied in einer Inszenierung von Peter Zadeks "Der Blaue Engel". Was bedeutet Ihnen dieses Lied?

Ja, Jérôme Savary hatte mich gebeten, während einer Umbaupause vor den Vorhang zu gehen. Zadek hatte erst die Idee, dass ich im Finale mit dem Palast Orchester auftrete. Das ist dann alles anders gekommen. Ich blieb aber dabei, weil ich es schon spannend fand, da mitzumachen. Ich habe dort sehr viele großartige Künstler kennengelernt. Während der Umbaupause habe ich dieses Stück vorgetragen und das war für mich ein schöner Auftritt. Das Stück hatten wir dann ein paar Mal mit dem Palast Orchester gespielt und dann etwa zwanzig Jahre gar nicht mehr im Programm gehabt. Irgendwann ist es wieder aufgetaucht. Aber wir haben 700 Titel in unserem Repertoire. Da gibt es dann schon ein paar Nummern, die ab und zu mal für eine Zeit lang in Vergessenheit geraten.

Weckt dieses Lied nostalgische Gefühle bei Ihnen?

Das nicht, aber ich freue mich, dass es beim Publikum einfach immer zündet. Die Nummer kommt an, die Leute lachen. Das ist so ein einfacher, lustiger Reimzirkus, nichts rasend raffiniertes: "Unter den Zypressen hab ich mich vergessen" und "Bei den Bananen begann ich schon zu ahnen." Das ist einfach so ein Reimtheater. Das funktioniert.

Ja, das stimmt. Auch die anderen Lieder auf dem Album enthalten viele Wortspiele und Humor.

Ja, das ist genau das, was mich an dem Repertoire der 20er und 30er Jahre immer fasziniert hat. Rein musikalisch interessierten mich diese Lieder sowieso. Aber als ich dann nach und nach erkannt habe, was für tolle Texter da auch tätig waren, ist meine Liebe dafür noch größer geworden. Gerade die Musik der Weimarer Republik hat besonders schöne und kluge Texte hervorgebracht.

Im Song "Top Hat, White Tie and Tails" singen sie vom Zylinder-Tragen. Sollte es Ihrer Meinung nach wieder in Mode kommen?

Ich glaube, man kommt ohne Zylinder ganz gut durchs Leben (lacht).

Wie stehen Sie zu diesem Modestück?

Ich war mal in Ascot eingeladen. Das war vor fünf Jahren, glaube ich. Und da muss man ja in Cut und Zylinder erscheinen. Es waren aber 33 Grad im Schatten. Da ist meine Liebe zum Zylinder ein wenig erstorben.

Ja, das ist nachvollziehbar!

Man darf ihn auch nicht absetzen. Wenn man ihn absetzt, kommt jemand und sagt: "Sir, would you please put on your tophat?"

Wir befinden uns wieder in den 20er Jahren. Was können wir heute von den mittlerweile hundertjährigen Liedern lernen? Fehlt der modernen Musik etwas?

Jede Musik inspiriert sich immer von Kontinent zu Kontinent. Die Amerikaner sind oft Vorbild für die Deutschen oder europäischen Orchester und Bands. So geht das hin und her. Das geht von der Popmusik bis zum Rap - es ist immer ein internationaler Austausch und das hat sich eigentlich nie geändert. Was allerdings in der aktuellen Popmusik oft fehlt, ist Ironie. Die Stücke der 20er und 30er Jahre sind oft sehr gespickt mit Ironie. Natürlich nicht alle, oft geht es auch um wahrhafte Gefühle, da ist Ironie manchmal fehl am Platz - aber ich finde auch da bei meinen Texten oft einen Bruch oder einen Sprung, in dem ich das kippe. Aber nicht immer, es muss passen. Aber Ironie ist heutzutage in der Popmusik eigentlich nicht vertreten.

Haben Sie eine mögliche Erklärung, warum das so ist?

Ja, man will den Leuten was erzählen und möchte das nicht selbst hinterfragen. Ich nehme mich aber überhaupt nicht ernst und das merkt man vielleicht auch bei den Texten (lacht).

Sie arbeiten seit vielen Jahren mit Annette Humpe zusammen. Konnten Sie etwas von der Popmusik lernen?

Oh ja, das ist ja eine ganz andere Welt. Mit Annette Humpe fing es an, die ersten beiden Alben. Sie hat mich dann irgendwann mal mit Peter Plate, Ulf Sommer und Achim Hagemann zusammengebracht. Und mit diesen Leuten, die mit der Popmusik komplett vertraut sind, zu arbeiten, ist ein ganz großes Geschenk. Denn ich ticke anders als die und die finden meine Ideen spannend und schräg und ich höre zu, was die mir beibringen können. Und wir haben dann festgestellt, dass es Spaß macht, zusammenzuarbeiten. Deshalb haben wir nach dem ersten Album weitergemacht. Wenn wir zusammen arbeiten gibt es auch mal Kritik, aber es wird nie verletzend, es ist immer konstruktiv. Dabei kommt man auf Ideen, auf die man alleine nie gekommen wäre. Ich habe wahnsinnig viel von Annette Humpe gelernt, auch was das Texten betrifft.

"Meine Eltern waren entsetzt"

Sie sind studierter Opernsänger. Fiel Ihnen der Wechsel zur U-Musik leicht?

Also eigentlich war es andersherum. Ich habe dieses Repertoire ja schon gemacht, bevor ich überhaupt mit dem Gedanken spielte, meine Stimme als Opernsänger ausbilden zu lassen und habe damit auch teils mein Studium finanziert. Im Studium habe ich aber meine Stimmbänder wie ein Instrument begriffen. Ich habe da gelernt, wie man immer handwerklich in der Lage sein kann, aufzutreten - auch wenn man krank ist oder einen trockenen Hals hat oder wenn es einem gerade nicht gut geht. Außerdem half mir die Ausbildung dabei, die erzählerischen Texte mit einer gewissen Leichtigkeit vorzutragen.

Könnten Sie sich vorstellen, dass es Sie irgendwann zurück zur Oper zieht?

Nein, ich gehe gern in die Oper, aber eigentlich habe ich genau das gefunden, was mich glücklich macht. Ich höre lieber einem guten Opernsänger zu, als dass ich selber schlecht Oper singe (lacht). Ich kann mir außerdem nichts Schöneres vorstellen, als mit dem Palast Orchester weiterzuwandern.

Wissen Sie schon, wo es als nächstes hingeht? Haben Sie die Pop-Phase jetzt hinter sich gelassen?

Nein, das wird schon wieder kommen. Durch "Babylon Berlin" sind wir zu den Klassikern zurückgekehrt. Aber die Pop-Einflüsse begleiten uns schon eine ganze Weile. Das Ganze fing mit einem Zufall an. Dieses Stück "Kein Schwein Ruft Mich An" war nicht geplant, es war nur ein Gag. Aber plötzlich war das so erfolgreich, weil das gar nicht zusammenpasst: Da steht jemand im Frack und singt diese beiden Kraftausdrücke. Es gab Radiosender, die sich geweigert haben, das zu spielen. Auch meine Eltern waren entsetzt.

Wirklich? Aus heutiger Sicht wirkt der Text ja ganz harmlos.

Ja, aber zu der Zeit hat keine Punk- oder Rockband diese Kraftausdrücke in dichter Folge verwendet, aber jemand im Frack hat es plötzlich getan. Das war auch das Komische daran. Immer wenn wir das Stück aufführten, haben sich die Leute schlapp gelacht. Wenn man kein Deutsch kann, würde man denken, das Stück sei aus den 20er oder 30er Jahren. Aber die ruppige Wortwahl und der Begriff "Anrufbeantworter" verraten, dass es sich um ein modernes Lied handelt.

In der vierten Staffel von "Babylon Berlin" spielen Sie die Rolle eines Sängers. Dies ist nicht das erste Mal, dass Sie vor der Kamera stehen. Bisher spielten Sie jedoch immer eine Version von sich selbst. Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft in eine andere Rolle als die des Sängers zu schlüpfen?

Also Singen kriege ich hin, aber ich weiß, dass ich kein Schauspieler bin. Ich will nicht kokettieren, es ist tatsächlich so und ich habe es selbst bei verschiedenen Gelegenheiten erfahren. Ich komme ganz gut durch, aber es ist nicht meine Begabung.

Aber dennoch zieht es Sie immer wieder vor die Kamera.

Ja, wenn ich singen darf! Wenn ich singen darf, nehme ich den Rest billigend in Kauf.

Vielen Dank für das Interview, Herr Raabe!

Am 8. Oktober erscheint die vierte Staffel von "Babylon Berlin" auf Sky.

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