laut.de-Kritik

Das ist kein Prog-, das ist Kaffeefahrt-Rock.

Review von

Marillion sind in Zeiten der Langspielplatte groß geworden. Wenn man nicht gerade ein Doppelalbum auf dem Markt brachte, begrenzte der Tonträger einen neuen Release auf überschaubare 45 Minuten. Alles was Marillion berühmt machte, stammt aus diesen Tagen. Zeitgleich mit dem Ausstieg von Fish und der Übernahme des Mikros durch Steve Hogarth kam der Durchbruch der CD. Plötzlich hatte man fast doppelt so viel Platz für Ausschweifungen.

Doch leider haben sie bei der Freude über die neuen Freiheiten vergessen, dass nicht jeder Hirnfurz es wert ist, endlos ausgedehnt zu werden. Bei dem weiteren Verlauf ihrer Karriere lässt sich mutmaßen, ob der qualitative und kommerzielle Verfall der Band nicht nur zufällig mit dieser Tonträger-Revolution zusammenfällt. Hoffentlich erzählt ihnen niemand etwas von diesen MP3s, die neuerdings im Umlauf sind.

Ihrem Bombast ist schon seit Jahren keine Grenze mehr gesetzt. Auf jedem Longplayer finden sich nun mehrere Songs, die früher eine ganze Plattenseite gefüllt hätten. Fast so wichtig wie Songwriting, Konzept und Gestaltung des Albums scheint die Gesamtspielzeit zu sein. So verkündet der Pressetext auch stolz, dass es diesmal 74:21 Minuten sind. Die dreiminütige Aufmerksamkeitsspanne der YouTube-Generation kommt da schon lange nicht mehr mit. Ich wünschte, ich wäre einer von ihnen.

Einem guten Songwriter reichen drei bis vier Minuten, um eine Geschichte zu erzählen die berührt, ans Herz geht oder zum Nachdenken anregt. Dylan und Springsteen gehen hier immer noch als leuchtendes Beispiel voran. Steve Hogarth schafft dies nicht einmal in den siebzehn Minuten, die "Gaza", das Herzstück von "Sounds That Can't Be Made", ihm zur Verfügung stellt. Seine überfrachteten Texte ohne jegliche Grazie geraten ungelenkt wie die ersten Reimversuche eines deutschen Englischstudenten. Von allem etwas und von jedem zu viel. "When i was young it all seemed like a game / living here brought no sense of shame / But now I'm older, I've come to understand / Once we had houses, once we had land."

Sicherlich, sein Anliegen, einen Track über die Kinder im Gaza-Streifen und ihr Schicksal zu schreiben eine achtbare Sache. Zudem macht Hogarth im Text der CD auf die Hoping Foundation aufmerksam. Aber wie so oft gilt auch hier: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Anfangs wird "Gaza" noch durch einen intensiven Wechsel zwischen ruhigen Parts und für Marillion ungewohnt wilden Gitarren- und Schlagzeugausbrüchen unterlegt. Phasen des Versteckens, des Hoffens und der Zerstörung werden im plötzlichen Aufeinanderprallen der einzelnen Teile spürbar. Doch mit der Zeit verliert sich das Lied mehr und mehr in einem ewig gleichbleibenden und vorhersehbaren auf und ab. Die letzten zwölf Minuten plätschern bereits wie der Jordan dahin.

Wirklich übel stößt immer wieder das "The Final Countdown"-Gedenk-Keyboard von Mark Kelly auf. Kelly muss ja wirklich nicht jeden Trend hinterherrennen. Wenn das Geziepe und Gequake aber gestrig wie ein Gameboy klingt, sollte man doch mal darüber nachdenken, sein Equipment ein wenig aufzufrischen. Sein Spiel wirkt all zu oft wie ein unerwünschter und aus der Zeit gepurzelter Fremdkörper.

Die folgenden Tracks bleiben vom Schema gleich. Wenn Steve Rothery zu einem seiner schwulstigen Soli ansetzt, kann man bereits Wetten auf ein abruptes Abbremsen und folgende sphärische Keyboardmelodien abgeben. Gewinnen wird man jedes einzelne Mal. Das geht von Lied zu Lied einfach so weiter. Zuletzt wirkt der ewige Wechsel zwischen laut und leise und das planlose aneinanderreihen der verschiedenenen Teile so austauschbar, dass man den Überblick verliert, welchem Stück man gerade lauscht. Den Mangel an Melodien versuchen Marillion mit Pathos, Patros und Überschwang zu verdecken. In den übelsten Momenten von "Pour My Love" und "Invisible Ink" verfallen sie zudem in muffigen und radiotauglichen Reamonn-Pop-Rock-Klumpatsch.

Positiv bleiben von "Sounds That Can't Be Made" höchstens ein paar wenige Gitarrensoli sowie die wütenden Ausbrüche in "Gaza" in Erinnerung. Ansonsten dringen Marillion auf ihrem Erkundungsflug in Galaxien der Langweile vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Dabei würde für den Anfang bereits eine einzige mitgebrachte Erkenntnis aus den Tiefen der Tristesse reichen: Leere füllt sich nicht, in dem man sie in den Länge streckt.

Solche Musik weiterhin als Prog-Rock zu bezeichnen, ist schon starker Tobak. Marillion bewegen sich auf gut ausgebauten Straßen, die über vierzig Jahre von jedem Stolperstein und Schlagloch befreit wurden. Kein Hinderniss fährt ihnen in die Parade. Kein neuer Gedanke kommt ihnen in die Quere. Alles läuft nach Plan. Das ist kein Prog-, das ist Kaffeefahrt-Rock. Spielt man ihn rückwärts, bekommt man eine Heizdecke angedreht.

Trackliste

  1. 1. Gaza
  2. 2. Sounds That Can't Be Made
  3. 3. Pour My Love
  4. 4. Power
  5. 5. Montréal
  6. 6. Invisible Ink
  7. 7. Lucky Man
  8. 8. The Sky Above the Rain

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46 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor einem Jahr

    I drink whiskey cause I like the taste..
    You think it's bitter? I think it's great!

  • Vor einem Jahr

    Ich finde es immer schwer schon nach Veröffentlichungen Kritik zu üben. Da letztes Jahr Anathema den Überflieger des Prog gebracht haben! Marillion gehört bei mir nicht zu den Bands wo ich auf ``das Neue Album`` warte, aber ich höre rein und Sounds That Can't Be Made gehört zu den stärkeren. Das was hier als Rezension von Herr Kabelitz sich schreit, ist das nieder machen von einer Zeit wo Schallplatten noch ein Heiligtum waren. Als kleine Anmerkung, ein Dinosaurier hat Anfang der 90'er festgestellt, es ist zwar eine gute Sache mit der CD man brauchte die Stücke nicht mehr Kürzen, aber der Verfall der Schallplatte bedeutet auch Wertverfall! So und jetzt kommt einer daher und meint über eine Band zu Urteilen der nur das Wort Prog schreiben kann und nicht mal was von der Bandbreite versteht, geschweige so was wie tiefe kennt. das ist das Problem, hier in Deutschland, solche Beurteilungen machen es dem Prog schwer!

    Zum Album, Marilion klingen frisch auf Sounds That Can't Be Made! Die Töne die Sie treffen sind leicht zu gängig, auch nach mehrmaligen hören entdeckt man neues, auch wenn der Durchschnitt Deutsche sich mit 3 Min Länge begnügt, sind die Stücke nicht unter 5 Min eine Minute Langweilig
    Die Leser Wertung mit 4 Sternen schließe ich mich an!

  • Vor 8 Monaten

    Eine peinliche Plattendiskussion. Schon bemerkenswert, wenn man eine Platte mit dieser Polemik beschreibt. Naja die Musik hat sich gewandelt. Heute sett man sich an den Computer und hackt schnell was zusammen. Da brauch man kein aufwendiges Songwritig oder musizieren mehr. Den Autor ueberfordert es offensichtlich auch.

    • Vor 8 Monaten

      Der Kabelitz hat anscheinend eine Aversion gegen "Alt-Herren-Bands". Foreigner darf er ja kritisieren, aber bei diesem Album hat er es nicht verstanden. Bis auf "Gaza" und "The Sky Above The Rain" finde ich das Album nämlich durchaus gelungen und alles andere als bieder. "Power" ist eine der stärksten Singles der Band überhaupt und "Montreal" ist auch sehr sehr interessant und spannend. Mit Rohrkrepierern wie Radiation, Marillion.com oder Tales From the Engine Room hat Stcbm nichts gemein.