laut.de-Kritik

Die Schattenseite des Rampenlichts.

Review von

"Hip Hop has always been political, yes / It's the reason why this music connects / So what the fuck has happened to my voice if I stay silent when black people are dying / Then I'm trying to be politically correct?"

Macklemore macht es sich nicht einfach. Angewidert von der rassistischen Gewalt amerikanischer Polizisten geriet "White Privilege II" zu etwas weit Größerem als einem bloßen Song. Es entstand ein Projekt, in das sich Musiker, Aktivisten, Lehrer und viele weitere involvierten und diesen Neunminüter zu dem machten, was es nun ist: ein für Ryan Lewis-Verhältnisse sperrig-klotziger Track, der auf unterschiedlichste Weise Rassismus anprangert.

Macklemore beleuchtet die vielen Facetten dieses komplexen Themas und sieht sich selbst, seines musikalischen Erfolgs wegen, als Niesnutzer dieses gesellschaftlichen Zustands. Nebenbei wirft er sogar noch die Frage auf, inwieweit man als Weißer in diese Kultur eingreifen und sie verändern darf.

Die führenden amerikanischen Fachzeitschriften waren sich schnell einig, Macklemore sei ein Heuchler mit vielen Gesichtern. Viele nehmen ihm auch die öffentliche Bitte um Entschuldigung an Kendrick Lamar nicht ab, "Good Kid, M.a.a.d City" habe die Grammys 2014 verdient und nicht "The Heist". Oder verkennen sie die Ehrlichkeit, die dahinter steckt?

Im Album-Opener "Light Tunnels" nimmt sich Macklemore des Grammy-Themas an und erzählt ehrlich und nachvollziehbar von den Schattenseiten des Rampenlichts. Er nimmt das falsche Getue in die Mangel, kritisiert den kreierten Medien-Hype darum und beobachtet dabei das mit Goldschmuck behängte Publikum.

Er fühlt sich sichtlich unwohl in seiner Haut: "There's a stranger holding my award / Man, I should have prepared an acceptance speech / Do I talk first? Is it Ryan? Is it me?" Aber auch hier wieder klagt er nicht nur andere an, sondern sieht sich selbst mitten drin in der Maschinerie: "Wanna make sure I'm invited next year / To the same damn party, celebrities and aisles / Same blank stares, same fake smiles." Er sieht sich in Erklärungsnot: "Time to explain this unruly mess I've made."

Das anschließende "Downtown", in dem er die Hip Hop-Veteranen Melle Mel, Kool Moe Dee und Grandmaster Caz versammelt, kann und muss als gelungener Nachfolge-Hit von "Thrift Shop" gelten. Wer könnte ihnen diese Catchyness, diesen coolen Groove und die damit einhergehenden funky-frischen Tunes schon verübeln? Schließlich öffnete sich dem Duo mit dieser Herangehensweise vor vier Jahren der Rap/Pop-Olymp, was hierzulande mit dem Sonntagabend-Headliner-Spot des Splash! 2013 belohnt wurde - und das zurecht.

Leider, und da muss ich den transatlantischen Kritikern von "This Unruly Mess I've Made" Recht geben, beackert Macklemore zu viele Themenfelder gleichzeitig: Da sind die luftig-leichten Radio-Pop-Songs, die ein Freudenfest in den Charts feiern, während er versucht seinen Hip Hop-Ansatz zu rechtfertigen, indem er Genre-Legenden wie Premo oder KRS-One ins Studio zerrt oder mit YG und Chance The Rapper abhängt. Ein persönlicher, an seine Tochter gerichteter Song reiht sich ein in allgemeine Unsicherheit, Rastlosigkeit und Selbstfindung, kurze Zeit später folgt die Aufforderung zum Tanz. Doch Macklemores wahres Anliegen liegt wohl in dem Versuch, die Welt zu retten. Das funktioniert mit einer Geschichte über Medikamenten-Abhängigkeit besser als mit dem überambitionierten Projekt, Amerika vom Rassismus zu befreien.

In der viel diskutierten dritten Single "White Privilege II" stellt sich ihm die Frage, ob man als Weißer in die Hip Hop-Kultur eingreifen oder gar Teil davon sein darf. Bediente Macklemore sich doch bei seinem Raketenstart auf die Erstplatzierungen sämtlicher Charts-Listungen an den von ihm kritisierten Mechanismen. Doch mir geht die von ihm vorgebrachte Selbstkritik zu weit. Ist Hip Hop nicht viel mehr als wirklich nur schwarze Kultur? Hat das Genre nicht längst gezeigt, dass es so vielseitig und so bunt ist, dass aus den verschiedensten Ecken Einflüsse einströmen können? "You've exploited and stolen the music, the moment, the magic, the passion, the fashion, you toy with / The culture was never yours to make better", meint jedenfalls der Mann am Mic, Ben Haggerty.

Möglicherweise liefert auch dies einen Erklärungsansatz dafür, dass er seine tiefe Liebe zu einer Kultur so oft betont, in der er sich offensichtlich nicht angekommen fühlt. Was um so mehr überrascht, denn was Macklemore hier vorlegt ist ehrlicher, authentischer und poplastiger Rap. Mal nimmt er sich als Party-Rapper wahr: "Get on the floor, do it!" Keiner mit einem wenig Rhythmus in den Hüften kann dem widerstehen. Ryan verpasst dem Song unwiderstehliche, finger-clapping Coolness.

An anderer Stelle spielt Macklemore seine Stimmlage aus, prangert wütend, laut, später wieder bedächtig den ungehinderten Medikamenten-Konsum an und erzählt vom Schicksal seines 2010 an einer Überdosis gestorbenen Freundes "Kevin". Das geht unter die Haut.

Haggerty findet auch Platz für weniger tiefgreifende und doch auf der Hand liegende Phänomene: die kulinarische, in den U.S.A. oft fetttriefende Versuchung. Mit einem Augenzwinkern beschreibt er Neujahrs-Vorsätze, abgelaufene Fitness-Studio-Abos und den Reiz von Käse-überbackenen Tacos: "Let's Eat". "Happy New Years / Everybody got a resolution / But the next day, we forget about it, never do 'em / I went to the gym and got a membership / Five minutes on the treadmill and I never lift / That was four years ago I should probably cancel this."

Seinen Humor stellt er auch an anderer Stelle unter Beweis. Als "Brad Pitt's Cousin" mimt er die Hip Hop-Arroganz und stellt fest: "Every white dude in America went to the barber shop: 'Give me the Macklemore haircut'." Der Beat beginnt etwas verstörend, mausert sich später aber zu einem eingängigen Ungetüm, das voller Überraschungen steckt und an jeder Ecke mit kleinen Frickeleien und Wendungen aufwartet. "I treat the beat just like a pussy / And I eat it up and beat it up and leave it fucked."

Ryan Lewis zimmert dem charismatischen Frontmann ein musikalisches Gehäuse zusammen, das dem von "The Heist" ähnelt, aber in letzter Konsequenz doch ausgereifter, durchdachter und noch eine Spur vielfältiger klingt. "Ein elementarer Unterschied zwischen diesem und dem letzten Album sind die Ressourcen, die uns zur Verfügung standen. Wir konnten allen Ideen nachgehen, die wir hatten und herumprobieren. Uns waren viel weniger Grenzen gesetzt", erzählt der Mann hinter den Reglern dem Complex Magazine. Er drückt den Beats seinen ganz eigenen Stempel auf, klingt auf seine Weise modern und zugleich poppig, melodiös und, wenn es nötig ist, auch melancholisch.

Ob man mit Macklemores Gesellschafts-veränderndem Ansatz nun etwas anfangen kann oder ihn aufgrund der Pop-Songs für heuchlerischen Blödsinn hält, bleibt jedem selbst überlassen. Hip Hop und politische Themen jedoch gehen schon immer Hand in Hand, ebenso wie Chart-Erfolge dazugehören. Das Besondere an Macklemore ist, dass er gewissenhaft und selbstkritisch damit umgeht und sich nicht über andere stellt. Diese Reflektiertheit birgt mehr Authentizität als ihn die (vermeintlich) falsche Hautfarbe kosten könnte.

"White supremacy isn't just a white dude in Idaho / White supremacy protects the privilege I hold / White supremacy is the soil, the foundation, the cement and the flag that flies outside of my home / White supremacy is our country's lineage, designed for us to be indifferent / My success is the product of the same system that let off Darren Wilson - guilty."

Trackliste

  1. 1. Light Tunnels
  2. 2. Downtown feat. Eric Nally, Melle Mel, Kool Moe Dee & Grandmaster Caz
  3. 3. Brad Pitt's Cousin
  4. 4. Buckshot
  5. 5. Growing Up feat. Ed Sheeran
  6. 6. Kevin feat. Leon Bridges
  7. 7. St. Ides
  8. 8. Deed To Know
  9. 9. Dance Off
  10. 10. Let's Eat
  11. 11. Bolo Tie
  12. 12. The Train
  13. 13. White Privilege II feat. Jamila Woods

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