laut.de-Kritik

Bloß keine Macht den Hohlbirnen!

Review von

Wir leben in einer seltsamen Welt. Alles muss immer schneller gehen, huschhusch, wir haben doch keine Zeit - und dann dauert es ein geschlagenes halbes Jahr, eine Platte über den großen Teich zu schaffen. Glückwunsch! "The Heist" gibts jetzt auch schon bei uns hinterm Mond. Von den Qualitäten von Macklemore und Ryan Lewis dürfte sich jeder halbwegs Rap-interessierte Zeitgenosse inzwischen längst ein Bild gemacht haben. Das steht jedenfalls zu hoffen: Verdient hätte es das geradezu klassische Emcee-Producer-Gespann doppelt und dreifach.

Die Beats treffen zwar nicht zu einhundert Prozent meinen Nerv. Zu synthetisch erscheint mir oft der Beigeschmack, die rechte Durchschlagskraft, Wucht und Tiefe fehlen mir obendrein, und die eine oder andere Hookline geht bestenfalls als mittelprächtig inspiriert durch. Dennoch: Ryan Lewis' Sound verfügt - was im großen Einheitsbrei per se schon lobenswert erscheint - über eine ganz eigene, nirgends abgekupferte Ästhetik. Zudem steckt er so voller musikalischer Einfälle, unerwarteter Wendungen, Entwicklungen und Spinnereien, dass auch das vom Klangbild nicht restlos überzeugte Herz zum Beat hüpft.

Im instrumentalen Bonbon "Bombom" allein stecken mehr Ideen, als andere Reglerschieber in einem ganzen Produzentenleben ausgebrütet bekommen. Von klimpernden Klavierläufen über einen schnurgerade pumpenden Rhythmus zum martialischen Aufmarsch und - Feuerwerk! - in den Reihen der durchgeknallten Marchingband zurück: fünf Minuten, ein einziges dramaturgisches Meisterstück.

Macklemore wird dem eigenen Anspruch, seine Zeilen müssten auch ohne Beat für sich sprechen, trotzdem mühelos gerecht. " Now, now, now this is my world, this is my arena, I stand here in front of you all because of an idea." Aus jedem Takt tönt echte Berufung.

Wer auf das große Geld aus ist, findet Macklemore, möge lieber Anwalt werden. Oder - wie es ein Zunftkollege formulierte - meinetwegen auch Klempner. Ein MC, der seinem Titel gerecht werden will, sollte - schon das lassen andere außer Acht - nicht nur sein Handwerk beherrschen. Er braucht auch eine Botschaft. "Stay true", lautet die Macklemores. "Hold on to what you are, forget about what you're not."

Authentizität kann man in Zeiten, in denen Scharen von Blendern Oberwasser haben, gar nicht überbewerten. Statt sich als unantastbarere Superstar zu gerieren, inszeniert sich Macklemore, etwa wenn er in "Starting Over" mit seinen eigenen Dämonen ringt und unterliegt, als Mensch mit Schwächen und Fehlern. Der Blick hinter die Fassade berührt - und offenbart viel mehr als nur das eigene Spiegelbild in einer glänzenden Oberfläche.

Wer genau hinschaut, erkennt Mechanismen und Rattenfängereien, denen viele andere gedankenlos auf den Leim gehen. "Make the money, don't let the money make you", legt Macklemore den Finger in eine offene Wunde des Hip Hop-Zirkus', die viele noch nicht einmal als solche empfinden dürften. "Change the game, don't let the game change you."

Klingt simpel, stellt aber eine echte Herausforderung dar - zumal sich niemand auf der sicheren Seite wähnen darf. Ganz so einfach fällt es ihm nämlich auch nicht, Träume, die einem die Werbung überteuert verkaufen will, von einem schnöden weiteren Paar Schuhe zu unterscheiden - siehe "Wing$". Versuchungen lauern allüberall.

Doch manchmal liegt der Nepp offen auf der Hand - und trotzdem will es kaum einer sehen. Wohltuend, wenn es dann endlich doch jemand in Worte fasst, wie Macklemore in "Thrift Shop", seiner Ode an die Brockenstuben: "They be like: 'Oh, that Gucci, that's hella tight' / I'm like 'Yo, that's fifty dollars for a t-shirt' / Limited edition, let's do some simple addition / Fifty dollars for a t-shirt, that's just some ignorant bitch shit / I call that getting swindled and pimped, shit / I call that getting tricked by business."

Danke dafür - und danke für "Same Love" ein unmissverständliches und zudem in ein schlicht wundervolles Stück Musik verpacktes Statement gegen Homophobie. "If I was gay I would think that hip hop hates me" - die Watsche trifft nicht nur die enge Stirn der Rap-Szene, diesen Schuh dürfen sich zudem die Kirchen mit ihrer seltsamen Interpretation des christlichen Gebots zur Nächstenliebe und die ach so offene (bei weitem nicht nur US-amerikanische) Gesellschaft anziehen.

Dass in Macklemore neben dem scharfen Beobachter und dem analytischen Verstand auch ein grandioser Geschichtenerzähler wohnt, zeigt seine Abrechnung mit dem Musik-Geschäft: Mit der Knarre im Farbeimer in des A&Rs Büro zu latschen, um sich den Major-Deal mit Gewalt zu holen, den man bei eingehender Betrachtung so verlockend dann doch nicht mehr findet ... mit diesem Drehbuch ließe sich auch ein Kurzfilm drehen. Nicht anzunehmen, allerdings, dass Jimmy Iovine sich darin selbst spielen möchte.

"The Heist", eine beruhigend intelligente, überfällige Platte, rückt das schief hängende Bild des Genres wieder ein wenig gerade. So viele schlaue Menschen machen und lieben Hip Hop. Man darf das Feld einfach nicht kampflos den Hohlbirnen überlassen - auch auf die Gefahr hin, dass man sich sein Publikum nicht immer aussuchen kann: "If cynical hipsters with long hair, cocaine problems, like my music it's not my issue, I can't solve it."

Trackliste

  1. 1. Ten Thousand Hours
  2. 2. Can't Hold Us
  3. 3. Thrift Shop
  4. 4. Thin Line
  5. 5. Same Love
  6. 6. Make The Money
  7. 7. Neon Cathedral
  8. 8. Bombom
  9. 9. White Walls
  10. 10. Jimmy Iovine
  11. 11. Wing$
  12. 12. A Wake
  13. 13. Gold
  14. 14. Starting Over
  15. 15. Cowboy Boots

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19 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Krass, wie der Kerl durch die Decke geht. Eine der wenigen Ausnahmen, bei denen ich mich mal nicht für die Chartmusik in Deutschland schäme und nicht sofort wieder auf CD umschalte, wenn ich mal mutig bin und im Auto das Radio anmache.

  • Vor 11 Monaten

    Wieder mal habe ich den Eindruck, dass die Redakteure hier sicherlich viel Ahnung von Musik haben.
    Was das verstehen von Texten angeht, komme ich jedoch immer ins Zweifeln...

    "Ganz so einfach fällt es ihm nämlich auch nicht, Träume, die einem die Werbung überteuert verkaufen will, von einem schnöden weiteren Paar Schuhe zu unterscheiden - siehe "Wing$". Versuchungen lauern allüberall."

    Der Titel ist ein einziges Manifest gegen die Konsumgesellschaft und die Tendenz der Käufer, sich über ihre Produkte zu definieren. Wer zuhört und den Text versteht, wird kaum zu einem anderen Schluss kommen können!

  • Vor 10 Monaten

    Die Gangster findens zu Mainstream.
    Aber ich bin ja kein Ganster.