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Geht es um gutklassige Popmusik aus deutschen Landen, darf der Name Klee nicht fehlen. Die Kölner Band um Frontfrau Suzie Kerstgens steht für intelligentes Songwriting, ausgefeilte Instrumentierung und besitzt ausgewiesene Live-Qualitäten. Die Themen Leben, Lieben und Leiden nehmen einen großen Raum im Kosmos der Band ein - frei jedoch von überinszenierter Kitschigkeit, sondern erfüllt von echten Gefühlen im musikalischen Spannungsfeld zwischen elektronischen Sounds und Akustik-Elementen. Als Stil-Verwandte lassen Acts wie Paula und 2raumwohnung grüßen.
Die Band-Story beginnt 1997 als Trio, bestehend aus Suzie Kerstgens, Tom Deininger und Sten Servaes. Damals noch unter dem Namen Ralley firmierend, erfolgt das gleichnamige Albumdebüt, dem 1999 das Werk "1,2,3,4" folgt. Die eigentliche Geburtsstunde von Klee schlägt 2001: Auf der Suche nach einem neuen Namen wird man fündig beim Maler Paul Klee, dessen Arbeiten nachhaltigen Eindruck bei den Band-Mitgliedern hinterlassen. Unter der frischen Firmierung erscheint die Single "Erinner Dich" und entwickelt sich zu einem kleinen Hit. Besonders unter den Fachleuten: Der Nummer wird die Ehre des offiziellen Popkomm-Songs von 2002 zuteil.
Ihre Einflüsse bezieht die Band aus einem bunten Kaleidoskop des Pop und Rock, der zwar gern zitiert, doch niemals eine schlichte Schablone bereits Bestehenden darstellt. Klee-Songs klingen oft vertraut, doch gleichzeitig stets irgendwie anders - Klee sind die großen Romantiker des deutschen Pop. Synthie-Sounds, druckvolles Schlagzeug und britisch angehauchte E-Gitarren gehen eine harmonische Ehe ein. Oft temporeich und druckvoll inszeniert, schweben verträumte Melodien wärmend durch den Raum, veredelt von Suzie Kerstgens einzigartiger, weich hauchender und samtenen Stimme.
2003 erscheint mit "Unverwundbar" der Alben-Startschuss, dem weitere Veröffentlichungen folgen, stets flankiert von sich stetig steigernden Chart-Platzierungen und einem immer höheren Bekanntheitsgrad. Klee ruhen sich nicht auf einmal Erreichtem aus - Fortentwicklung und Verfeinerung des persönlichen Stils sind ein prägendes Kennzeichen. Nicht nur künstlerisch wächst die Band, auch neue Mitstreiter stoßen hinzu: Für die Schlagzeugarbeit zeichnet Daniel Klingen verantwortlich, den Bass zupft Stefan "Pele" Götzer.
Klee sind keine zurückhaltende Studioband - im Gegenteil. Von jeher nehmen Live-Auftritte einen großen Raum im Schaffen des Fünfers ein. Allein zwischen 2006 und 2007 spielen sie mehr als 180 Konzerte vor begeisterten Fans. Die Auftrittsorte beschränken sich nicht ausschließlich auf heimische Gefilde: Unter anderem stehen Holland und die Türkei auf dem Programm, ergänzt von Festivalpräsenzen u. a. beim SonneMondSterne und dem legendären Hurricane. Selbst über dem großen Teich kommt man in den Genuss der Klee-Sounds: "Jelängerjelieber" beglückt in englischer Fassung unter dem Titel "Honeysuckle".
Auch politisch bezieht die Band Stellung. Auf der Kompilation "Starke Stimmen Gegen Rechts" sind Suzie & Co. mit einem Titel vertreten, ergänzt von der Mitwirkung am Benefizalbum "Pro Asyl - On The Run". Für die TV-Kampagne von "Die Gesellschafter" steuert man den Song "2 Fragen" bei.
Klee plaudern über große Gefühle, existenzielle Erlebnisse und Liebeslieder von Metallica.
Wenn sich irgendeine deutsche Band dem Thema Liebe verpflichtet fühlt, dann sind es Klee. Zwischen Kölner Dom und Eifelturm pflastern Suzie Kerstgenz und Sten Servaes einen Pfad der Zweisamkeit und schämen sich dabei keineswegs ihrer offenen Herzen. Ganz im Gegenteil: Auf ihrem im August erscheinenden neuen Album "Aus Lauter Liebe" setzen die beiden ihrem Schaffen die Krone auf.
Während draußen vor den Toren des Berliner Universal-Büros das Leben tobt und die Menschenmassen mit Scheuklappen behaftet zu Hunderten aneinander vorbeihuschen, regiert im Inneren des monströsen Gebäudes die Liebe; zumindest einen Tag lang. Denn Klee bitten zur Interview-Runde. Wir lassen uns nicht lange bitten und gehen den romantischen Idealen von Liebe, Selbstbestimmung und grenzenloser Freiheit auf den Grund.
Hallo ihr zwei. Ich dachte eigentlich, wir könnten heute gemeinsam auf euer neues Album anstoßen, aber da hat uns die Industrie wohl einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn euer Album wurde auf Ende August verschoben. Enttäuscht?
Sten: Ja, wobei so etwas natürlich auch immer zwei Seiten hat. Einerseits sind wir schon genervt und auch enttäuscht, da wir viele Termine und Vorbereitungen auf den heutigen Tag fokussiert hatten. Es ist auch emotional schwierig, weil wir uns persönlich sehr auf diesen Tag gefreut haben. So ein Album-Vorlauf fordert einen immensen Aufwand aller Beteiligten und da muss dann ein Rädchen ins andere greifen. Wenn dem dann nicht so ist, passiert dann leider das, was jetzt mit unserem Album passiert ist. Andererseits steckt so viel Herzblut in dem Projekt, dass man auch gewillt ist, den Prozess bis zur Veröffentlichung zu perfektionieren. Insofern ist es uns lieber, dass wir noch ein paar Wochen warten, als dass das Ganze nur halbgar promotet so schnell wie möglich an die Öffentlichkeit kommt.
Wurdet ihr als Band in diese Entscheidung mit einbezogen?
Sten: Ehrlich gesagt, wurden wir da jetzt nicht groß gefragt. Wir hätten sicherlich unser Veto einlegen können, aber letztlich dient es ja dem Gesamtpaket. Das wäre also sehr unsinnig von uns gewesen darauf zu pochen, dass das Album heute erscheint. So haben wir halt in den sauren Apfel gebissen.
Suzie: Wird ja nicht schlecht (lacht).
Ihr hattet bisher auf jedem eurer Alben die Liebe als thematischen Schwerpunkt. Auch auf dem neuen Album regiert der Wunsch nach Zweisamkeit und großen Gefühlen. Welchen Stellenwert hat die Liebe in eurem Leben?
Sten: Unserer Meinung nach ist die Liebe einfach die treibende Kraft im Leben. Wer nur ein bisschen sensibel oder empathisch ist, der weiß, dass die Liebe einfach allumfassend ist. Alles Gute auf der Welt ist da wegen der Liebe. Das ist der Motor, der uns antreibt; die Liebe zueinander, zur Musik und zum Leben.
Suzie: Du kannst sie nicht künstlich erschaffen. Du kannst sie pflegen und schützen, aber der Keim ist einfach da.
Sten: Genau das ist ja das magische an der Thematik. Die Liebe ist einfach präsent mit all ihren Facetten und möglichen Metamorphosen. Nicht umsonst arbeiten sich Künstler schon seit Jahrhunderten an dem Thema ab. Das Konstrukt Liebe ist einfach unerschöpflich, und das macht es so faszinierend. All die verschiedenen Formen bieten unendlich viele Ansätze sich damit zu beschäftigen. Nimm beispielsweise die bedingungslose Liebe: Der Fußballverein, den ich liebe, für den ich schwärme, gibt mir seit Jahren nichts zurück und dennoch bleibt mein Gefühl bestehen. Das ist doch wunderbar und zeigt die Kraft und die Macht, die dahintersteckt.
Sten: Natürlich werden wieder viele Fragen aufkommen. Was, schon wieder Liebe, Liebe, Liebe? Und wir werden sagen: Ja, ja, ja! Da stehen wir zu. Dem haben wir uns angenommen.
Suzie: So einzigartig behandeln wir das Thema ja nun auch wieder nicht. Ich meine, Metallica singen doch auch über die Liebe, oder? Der einzige Unterschied besteht darin, dass die sich hinter schweren Gitarren verstecken. Wir dagegen machen uns nackig und stehen dazu.
Ich kann mir vorstellen, dass die Intimität und Offenheit eurer Texte ohne einen großen Anteil Autobiografie nicht möglich wäre, richtig?
Sten: Absolut. Die Platte ist komplett autobiografisch. Anders geht es auch gar nicht. Da ist nichts konstruiert. Ich denke, der Titel "Alles aus Liebe" sagt das auch schon aus. Wir machen Musik aus der Liebe dazu, und nicht weil wir Popstars werden wollten. Viele Musiker trennen ja ihr künstlerisches Schaffen von ihrem eigentlichen Dasein. So ungefähr nach dem Motto: Das ist meine Kunst, aber mein richtiges Leben hat damit nicht allzu viel zu tun. Bei uns ist das genau umgekehrt. Wir wollen uns und unsere Gefühle mitteilen. Das ist uns sehr wichtig. Wenn man bedenkt, dass ihr kein Paar im klassischen Sinne seid, könnte man zumindest von einer Art der Seelenverwandtschaft sprechen, oder?
Sten: Nun, was viele nicht wissen, ist, dass wir früher sehr wohl sogar und auch ziemlich lange ein klassisches Paar waren.
Suzi: Da waren wir noch Twens.
Sten: Du warst auf jeden Fall noch ein Teenie. Wie auch immer, das Schöne daran ist einfach, dass sich unsere Liebe zueinander "metamorphiert" hat. Wir haben jetzt zwar keinen Sex mehr miteinander, aber dennoch lieben wir uns.
Suizie: Das ist wieder so ein perfektes Beispiel, wie grenzenlos Liebe sein kann. Es gibt kein Schwarz und Weiß, verstehst du? Es braucht keine klassische Beziehung, um wahre Liebe zu spüren.
Sten: Aus diesem starken Verbund, den wir hatten und auf andere Weise auch noch haben, ziehen wir natürlich ganz viel Kraft, Vertrauen und Verbundenheit heraus, die es uns ermöglicht so intim und offen mit unseren Gefühlen an die Öffentlichkeit zu gehen.
Gibt es bestimmte Momente oder gar einen ganzen Song auf dem neuen Album, wo ihr euch beide als "Paar" besonders wiederfindet?
Sten: Ja, den gibt es allerdings. Auf dem Album gibt es, wie gesagt, haufenweise Augenblicke, die so nicht hätten umgesetzt werden können, wenn wir nicht diesen Bezug zueinander haben würden. Der Song "Wir Beide" hat nochmal einen besonderen Wert für uns. Das ist quasi unser Song, auch wenn sich sicherlich, oder hoffentlich, viele andere Menschen darin wiederfinden werden.
Authentizität spielt bei euch eine große Rolle. Das merkt man, finde ich, nicht nur in der Musik und in den Texten, sondern auch an der gesamten Aufmachung des Produktes. Vor allem das im Nouvelle Vague-Look gehaltene Cover, die dem Pressematerial beigefügten Fotos und auch der PR-Text sind sehr aufwändig gehalten. Die "Verpackung" scheint euch demnach sehr wichtig zu sein, oder?
Sten: Ja, das stimmt. Wir sind extra einige Tage nach Paris geflogen und haben einen befreundeten Fotografen mitgenommen, der diese Tage wunderbar eingefangen hat. Wir wollten keine klassischen PR-Fotos machen, sondern vielmehr authentische Momente einfangen. Wir sind also einfach losgezogen und Flo hat uns dabei fotografiert ohne uns zu positionieren. Das war uns sehr wichtig und wir sind total zufrieden mit den Ergebnissen. Suzie: Die ganze französische Aufmachung hat sicherlich auch thematische Hintergründe. Natürlich bedient Frankreich das Liebes-Klischee perfekter als jeder andere Ort auf der Welt, aber es ging uns auch um die gesamte Pop-Kultur, die in den Fünfzigern mit in Frankreich entstanden ist. Da haben wir auch einen persönlichen Bezug zu. Egal ob Musik, Mode oder Kunst: In Frankreich ebnete sich so viel auf kultureller Ebene. Aber auch der Freiheitsgedanke, der uns in unserer Musik sehr wichtig ist, wird durch die Geschichte Frankreichs verkörpert.
Sten: Wir machen ja unser komplettes Artwork selber. Je mehr Glaubwürdigkeit und Liebe wir in unser Produkt stecken können, umso besser. Uns ist das Gesamtpaket genauso wichtig wie jede einzelne Zeile, die wir singen; das gehört einfach alles zusammen. Suzie: Die Verpackung soll auch zum Inhalt passen. So erkennen auch die Leute, die uns vielleicht noch nicht kennen, anhand des Artworks, um was es uns geht. Es gibt so viele Mogelpackungen da draußen: Du siehst ein tolles Cover, doch wenn du die CD einlegst, bekommst du das genaue Gegenteil präsentiert und umgekehrt. Das find ich oftmals schade. Wir wollen bei uns möglichst alles in Einklang bringen.
Sten: Von einem Ritual würde ich da jetzt nicht sprechen. In der Tat sind wir seinerzeit aus dem kalten Winter Deutschlands geflohen, um uns in Portugal für "Berge Versetzen" ein wenig inspirieren zu lassen, aber die Reise nach Paris hatte ja eher grundlegende Motive. In Portugal hat das ganze zudem auch nicht so richtig gefruchtet. Wir haben schnell gemerkt, dass sich bei uns das Songwriting nicht so einfach planen lässt. Unsere Lieder entstehen zwischen Tür und Angel im Alltag. Sei es in der Kneipe oder abends im Bett. Das sind wir und nur so funktioniert es.
Ebenso fiel mir im Vergleich zum Vorgänger auf, dass ihr auch musikalisch wieder einen Song habt, der ziemlich aus der Reihe fällt. Bereits auf "Berge Versetzen" habt ihr mit dem Song "Die Königin" das siebziger Jahre Disco-Feeling aufleben lassen. Diesen Part übernimmt diesmal das Lied "Puls Und Herzschlag". Steckt da Tieferes dahinter?
Sten: Nein, nicht wirklich. Wir hatten zwar im vornerein überlegt, ob wir dem Inhalt auch ein einheitliches musikalisches Gewand verpassen sollten, sind dann aber auch ziemlich schnell davon abgekommen. Jeder Song sollte das bekommen was er an musikalischem Background braucht.
Suzie: Da gehören dann auch immer wieder kleine klangliche "Pieks" dazu, wenn die Songs danach verlangen.
Sten: Letztlich musst du immer gucken, was am authentischsten ist und was am besten passt. Wir haben beispielsweise bei "Adieu" dermaßen reduziert, dass am Ende nur noch ein Klavier da war, obwohl der Song gar nicht so geplant war. Da ist man dann fast schon im Bereich "Liedermacher" und merkt aber, dass es genau das ist, was der Song braucht.
Dann gibt es auf der anderen Seite aber auch ganz großes Kino auf Songs wie "Ich Will Nicht Gehen, Wenn's Am Schönsten Ist" oder auch "Stell Dir Vor", die mit opulenten Chören aufgenommen wurden.
Sten: Ja, zumal die Geschichte mit den Chören auch nochmal so etwas Reales und für uns Wichtiges hat. Wir haben keinen teuren Profi-Chor engagiert, sondern abends ein Fässchen Kölsch angestochen und all unsere Freunde und Bekannten eingeladen, die dann lauthals mit einstimmten.
Einige Freunde und Gleichgesinnte, die euch über die Jahre auch auf der Bühne begleitet haben, sind mittlerweile nicht mehr Bestandteil von Klee. Ihr fungiert nur noch als Duo. Hat das eher musikalische oder "zwischenmenschliche" Gründe?
Sten: Die Außenwahrnehmung der Band war nie wirklich so, wie sich die eigentliche Arbeit innerhalb der Gruppe dargestellt hat. Schon zu Zeiten von Rallye kam der Haupt-Input von uns beiden. Es ging jetzt nicht um irgendwelche aufgetretenen Konflikte oder ähnliches. Wir wollten uns auf dem neuen Album einfach nur neu fokussieren und uns auf die Basis konzentrieren. Das hat aber nichts mit unserer Live-Präsentation zu tun. Da haben wir unsere Band, mit denen wir auch super viel Spaß haben und sehr zufrieden sind. Insofern ist es auch immer schwierig von einem "Duo" zu sprechen, da wir uns auch als Live-Band sehen.
Live ist ein gutes Stichwort. Wie kommt es, dass eine deutsche Band fernab von endlosen Gitarren-Soli a la Scorpions oder Pyro-Theatralik im Stile von Rammstein so erfolgreich im Ausland ist wie ihr?
Sten: Das ist eine gute Frage. Es steckt auf jeden Fall keine Planung dahinter. Wir haben nie versucht uns im Ausland anzubieten. All die Konzerte und Festivals in China, England, der Türkei und sonst wo kamen durch Einladungen zustande, die wir gerne angenommen haben. Auch wenn es noch so platt klingt, aber die Sprache der Musik ist einfach universell. Die Menschen im Ausland spüren irgendwie, um was es uns in unserer Musik geht. Diese Positivität kennt keine Grenzen.
Hat man fernab von gewohnten Umgebungen mit einer anderen Drucksituation zu kämpfen?
Suzie: Also vor den Konzerten ist das Kribbeln eigentlich dasselbe, egal ob du in Bielefeld oder in China spielst. Wobei China schon gigantisch war, keine Frage. Es ging in Ländern wie China oder auch der Türkei eher darum, wie sich der Kontakt mit den Menschen darstellt und wie das ganze Drumherum vonstatten geht. Das war alles sehr aufregend, neu und inspirierend.
Sten: Ich kann mich erinnern, dass wir in England etwas die Hosen voll hatten. Als deutsche Band, mit deutschen Texten in England aufzutreten, sorgte bei uns schon ziemlich für gemischte Gefühle. Aber es lief alles super. Das sind tolle Erfahrungen aus denen du ganz viel mitnimmst. Gerade auch die Begegnungen während unserer China-Reisen haben uns menschlich verändert. Der Umgang mit Musik hat dort wesentlich lebendigere Züge und ist fast schon archaisch. Die Menschen musizieren in den Parks nicht nur, um sich für den Moment zu unterhalten, sondern weil es ihre Bestimmung ist. Das war schon faszinierend.
Würdet ihr sagen, dass diese Erfahrungen zu den Höhepunkten eurer bisherigen Karriere gehören?
Sten: Sicherlich waren all diese Reisen und die damit verbundenen neuen Erfahrungen Höhepunkte für uns, aber Highlights ergeben sich auch im "normalen" Alltag. Wir haben zum Beispiel erst kürzlich in München auf dem CSD gespielt. Kurz bevor wir anfangen sollten, braute sich ein gewaltiges Gewitter auf, und alle, aber wirklich alle ergriffen die Flucht. Sogar die ganzen Buden und Stände wurden abgebaut. Wir waren total frustriert, denn wir hätten dort gerne gespielt. Zwei Stunden nachdem wir eigentlich auftreten sollten, haben wir dann in Absprache mit dem Veranstalter dann trotzdem angefangen. Der Regen hörte auf und nach vier oder fünf Songs war der Platz wieder rappelvoll. Da kriege ich heute noch Gänsehaut beim Gedanken daran, was Musik bewerkstelligen kann.
Ihr wirkt unheimlich entspannt, redselig und alles andere als gestresst, obwohl ihr im mitunter aufreibendsten Geschäft der Welt unterwegs seid. Woher kommt all diese positive Energie?
Sten: Diese Energie, von der du redest, ziehen wir beispielsweise aus so netten Gesprächen wie mit dir gerade (lacht).
Das hast du sehr schön gesagt, aber im Ernst: Wie oder wo tankt ihr euren Akku auf?
Sten: Das war gerade mein völliger Ernst! Ich meine, wir sind nicht die Typen, die sich abends aufs Sofa legen, um abzuschalten. Wir ziehen unsere Kraft und Energie aus unserer Arbeit, denn alles was mit unserer Arbeit zu tun hat, gehört zu unserem Leben. Wir reisen, wir musizieren, wir verändern uns und sehen, wie sich die Welt verändert. Aus all dem schöpfen wir immens viel.
Die "Arbeit" wird auch nicht weniger, zumindest nicht in den kommenden Wochen und Monaten. Viel Promo steht noch auf dem Programm, und ab Oktober geht’s dann endlich auf Tour. Wie große ist die Vorfreude?
Suzie: Riesengroß. Das ist dann nochmal was ganz anderes. Live zu spielen bedeutet uns unheimlich viel. Ich freu mich schon riesig auf die Proben und das ganze Vorbereiten der Tour. Wir sind keine Band, die allabendlich ihr Programm runterspielt, nur um das neue Album zu präsentieren. Bei uns hat das eher was von Zelebrieren. Da weiß auch keiner so genau wie der jeweilige Abend abläuft, weil wir manchmal auch sehr spontan sein können. Wir legen da nicht so großen Wert auf Setlisten, sondern lassen uns und den Moment treiben. Das ist Klee und das sind wir.
Und das ist auch gut so, würde der Regierende jetzt sagen. Habt vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft.
Suzie: Gerne, gerne.
Sten: Wir haben zu danken!
Im Rahmen des Projekt-P Festivals Berlin05 Anfang Juni treffen der Konstanzer Geschwister-Scholl-Schüler Dominik Gerspacher und laut.de-Redakteurin Gurly Schmidt die Frontfrau von Klee, Suzie Kerstgens.
Nach eigenem Gig, Abendessen, TV-Termin und Tocotronic-Anschauen nimmt sich die süße Suzie dann viel Zeit für unsere Fragen über Jugendliche und Politik, ihre Schulzeit, vereinende Musikgeschmäcker, Naturmusik, das Fotokopieren von mutiertem Klee und, olé olé, Saudi Arabiens Chancen auf den Fußballweltmeistertitel.
Ihr spielt hier auf einem Festival, das Jugendliche zu mehr Engagement für Politik motivieren soll. Würdest du sagen, ihr habt eine gewisse Botschaft für die jungen Leute, die euch zuhören?
Ja, und dabei geht es weniger um das Parolenschwingen, sondern eher, dass man in sich hineinhört, und merkt, dass vieles von innen ausgeht, von einem selbst aus, und wenn du die Ruhe und die Kraft hast, dir deiner Empfindsamkeit und auch Verletzlichkeit bewusst bist, dann ist es das, was wir als Band unterstreichen wollen.
Das habt ihr sicher schon oft gehört, aber ich möchte wissen, ob ihr auf das Kleeblatt anspielt, und wenn ja auf ein drei- oder vierblättriges Kleeblatt?
Wir sind ja fünf auf der Bühne, also ein mutiertes Kleeblatt ... Wir machen ja schon ziemlich lange Musik. Ich muss jetzt mal ein bisschen ausholen. Damals hieß unsere Gruppe Rallye. Wir haben damals schon deutschsprachige Musik gemacht, eher Gitarrenpop. Wir hatten aber auch Lust darauf, mit Computersounds zu arbeiten, und das klang eben anders. Deshalb sollte die Band dann auch einen anderen Namen haben, weil Charlie, unser Bassist auch nicht mehr dabei war. Dann haben wir nachgedacht: Wie klingt das denn? Wie hört sich das denn an, was wir jetzt als Demos gemacht haben? Und dann gibt es diese Vergleiche, die man zieht und dann haben wir gedacht: Das ist so wie ein Bild von dem Maler Paul Klee. Wir beziehen uns also eigentlich auf den Maler Paul Klee. Was dann eigentlich nachher noch dazu kam war das Kleeblatt. Es ist Natur, es ist so eine Art Glückssymbol. Es hat mir gefallen, dass da noch eine andere Bedeutung dazukommt, mit der wir alle gut leben können: [deutet auf den Zeltrand vom Pressezelt, an dem grünes Unkraut hervorlugt] da sehe ich auch schon, dass da eine Kleepflanze herausgewachsen oder besser hereingewachsen kommt ...
Ist das Klee?
Nee, eher Gras, könnte doch aber auch Klee sein grinst . Würdet ihr sagen, dass ihr mit der Natur verbunden seid oder habt ihr nicht so mit oder in der Natur zu tun?
Ja, Naturbilder und Vergleiche kommen oft in unseren Liedern vor und ich glaube, wir sind mehr Naturmenschen als Stadtmenschen und unsere Musik ist auch eher ... Naturmusik ... das ist ja Quatsch, hört sich doof an ... lacht über sich selbst.
Das Gespräch verwickelt sich thematisch in Köln versus Natur versus Berlin, und Suzie verteidigt den Naturschutzpark Köln wie eine Löwin. Denn am Barbarossaplatz (auch die grüne Lunge Kölns genannt) wächst Klee. So viel, dass Suzie auch schon ab und an welchen pflückt, um ihn dann zu fotokopieren.
Es ist soo geil, dass ich den Klee jetzt hier im Beton finde, und ich hab ihn ... ähm ... abgepflückt und kopiert, und jetzt lebt er ewig als Bild, als Kopie.
Und es wird klar, dass wir Suzie eindeutig zu den politisch engagierten Greenpeace-Aktivistinnen zählen dürfen, und lenken unser Gespräch auf die Musik.
Ich habe von euren zwei Klee-Jungs gehört, dass sie früher zusammen Fußball gespielt und alles mögliche zusammen gemacht haben und dass sie auf The Who, The Smiths und The Jam standen ... wie war das bei dir früher und wie ist es heute?
The Smiths mochte ich früher auch, nach wie vor höre ich mir die Platten immer noch an und bin ein echter Fan. Deshalb haben wir uns ja auch kennen und lieben gelernt, durch die gleiche Art Musik zu hören, oder Vorliebe für gleiche Musik. Natürlich höre ich jetzt heute auch vieles Verschiedenes, viele verschiedene Richtungen, man ist da nicht so nörglich und festgelegt auf eine Sache, es gibt schon so einen Punkt für den du dich entscheidest. Du kannst nicht zwischen Extrem-Klassic und Deathmetall hin und her schwanken!
Kannst du nicht?
Ok, ich kann das nicht.
Eurer Song "Erinner dich" war Kölner Popkomm-Song 2002. Die Kölner Popkomm ist nach Berlin gezogen und wir sind gerade in Berlin. Könnt ihr euch als Kölner, als Wahlkölner, vorstellen nach Berlin zu ziehen?
Vor Jahren habe ich das mal gedacht, ja, irgendwie, ne "Ach Berlin, schick! Schicked Audo, dufde Wolge und so". Da musst du hin, um was zu erleben, aber ist quatsch, ich mag Köln so gerne, die Offenheit, den Humor, irgendwie, dass ist so eine arschcoole Stadt...
Und wieder gibt Suzie ein Liebeslied auf die Domstadt zum Besten, auf das einzigartige Kölsch und dessen grandiose Wirkung, und der Glanz in ihren Augen verrät, dass sie es ernst meint mit ihrer Liebe. MirlossetdeDominKölle.
Wir hatten vorher schon über die politische Message an die Jugendlichen gesprochen. Eurer Lied "2Fragen" stellt sinnigerweise genau zwei Fragen: "Woran glaubst du?" und "Wofür lebst du?". Wie beantwortet ihr die Fragen?
Natürlich ist es so, dass man eine Antwort für sich erlebt hat, aber es ist manchmal gar nicht so wichtig, auf jede Frage eine Antwort zu haben. Um es mit den Worten von Tommy Lee zu sagen, "stolz sein auf die offenen Fragen", und das finde ich bei dem Song eigentlich auch ganz wichtig: Die Antworten stehen nicht im Vordergrund, sondern die Fragen an sich.
Haben sich diese zwei Fragen zufällig ergeben oder waren das die Fragen, die du immer wieder im Kopf hast, um zu reflektieren?
Es gibt Momente, in denen man mutlos oder kraftlos ist und einen Sinn sucht oder sich fragt, wie es weitergehen soll und sich verliert. Da ist natürlich dann primär die Frage "warum macht man das eigentlich, wofür lebt man eigentlich", und man wird sich dessen bewusst, dass man halt hier ist, dieses eine Leben irgendwie hat und das etwas ganz Wertvolles und Kostbares ist, mit dem man ganz vorsichtig umgehen sollte.
Ihr habt auf Lehramt studiert, Stan auch. Zumindest angefangen.
Ja. Aber so "Ich bin jetzt Lehrerin und Autoritätsperson" und das möchte ich nicht sein. Das war für mich das, was es gebrochen hat, diesen Anspruch zu haben, Lehrerin oder Lehrer zu sein. Das habe ich ausprobiert und habe gemerkt: Nee, das bin ich nicht, das kann ich nicht. Trotzdem hat es mir natürlich nicht an den Fächern Germanistik und Philosophie die Laune verdorben.
Ich bin ja Schüler, immer noch, leider.
Sei froh! Da hast du wenigstens Ferien.
Was hast du für Erinnerungen an die Schule? Schöne oder eher nicht so tolle?
Ich habe die Schule gehasst! Ich habe sie echt gehasst. Ich war auf einer katholischen Mädchenschule mit Nonnen und nur Mädchen und jeder Lehrer, auch wenn ich die nicht hatte, die kannten jede Schülerin und mich. Ich habe mich da nicht wohl gefühlt, ganz ganz schlimm. Ich musste immer rebellieren, ich fühlte mich da eingeschränkt und habe im Schatten des Doms auch immer meine Klasse gesehen. Nichts desto Trotz ist aus mir das geworden, was ich jetzt bin, und das ist auch ganz gut, dass ich damals gelernt habe, den Mund aufzumachen. Es gab die eine Möglichkeit, niemals mehr den Mund aufzumachen und alles katholisch und mädchenmäßig zu ertragen, so wie sie es gerne gesehen hätten, oder eben die andere Variation. Ich bin ganz froh darum, die andere Variante gewählt zu haben, obwohl das manchmal nicht so einfach war lacht.
Ihr wurdet ja auch interviewt für das Buch von Astrid Vits "Du und viele von deinen Freunden". Tocotronic, [die gerade im Hintergrund spielen] wollten nicht im Buch aufgenommen werden. Sie hatten Bedenken wegen "Deutschtümelei".
Das ist keine Deutschtümelei. Das Buch hält einfach deutsche Bands ohne großen Medienrummel fest, um von anderen Leuten auch einmal wahrgenommen zu werden. Und da finde ich diesen so gerne hergenommenen Vorwurf der Deutschtümelei fehl am Platz. Ich fand das Buch sehr interessant. War wirklich so wie Gala lesen, was die anderen so gesagt haben.
Du liest "Gala" und gibst das hiermit öffentlich zu?
Na, während der Tour natürlich, und die Jungs lesen das auch. Ist doch super, die Horoskope sind toll. So kurzweiliger Kram während man im Bus sitzt - das ist wie Fernsehen gucken, man zappt ja auch zu Hause mal durch die Gegend und bleibt dann irgendwo hängen. Und man guckt ja nicht immer nur 3Sat, Arte und Phönix. Oder schaltet den Fernseher dann nur zur Tagesschau an, um neutral informiert zu werden. Wer das sagt, der lügt!
Kurze Frage zum Schluss: Wer wird Fußballweltmeister?
Da fragst du die Richtige ... lacht Wer spielt überhaupt mit? Das muss doch alles noch ausgelost werden ...
Zwei Jungs von laut.de haben Teamkarten für Saudi Arabien errungen. Nachdem Saudi Arabien sich nun qualifiziert hat, können die beiden sämtliche Spiele anschauen, bei denen das Land theoretisch dabei sein könnte. Als Saudi Arabien-Fans. Bis zum Finale.
Dann bin ich für Saudiarabien!
Das ist cool!
Dann sage ich, die gewinnen mit Sicherheit!
Wir danken dir herzlich für das Interview!
Das Interview führten Dominik Gerspacher und Gurly Schmidt
| Sa | 06.07.2013 | Klee Seenland Festival (Hoyerswerda) |
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