Porträt

laut.de-Biographie

Johannes Heesters

Die beste Szene des 1985 produzierten Kintopp-Klamauks "Otto – Der Film" gehört einem am Rinnstein sitzenden Penner. Der indes keinerlei Klischees erfüllt: Schließlich logiert er dort nicht süffelnd-versifft, sondern elegant im Frack, zusätzlich ausgestattet mit Seidenschal und Zylinder. In diesem kurzen Gastauftritt erläutert der am 5. Dezember 1903 im holländischen Amersfort geborene Johannes Heesters dem ostfriesischen Zappelphilipp, worauf es ankommt im Leben: Nämlich stets Stil und Contenance zu bewahren - sei es nun im eleganten Nachtlokal oder im tiefsten Abgrund auf der Straße.

Schauspieler, Autor, Schlager- und Operettensänger – die Biographie des Johannes Heesters ist prall gefüllt mit Leben und Erleben, das reicht von Kaiserzeit über Drittes Reich bis hin zur Nachkriegs-BRD und dem wiedervereinigten Deutschland. Und in allen Dekaden begeistert Heesters sein Publikum – ob als Charmeur von Welt, humorig-augenzwinkernder Theater-Greis oder Interpret unzähliger Gassenhauer der legendären Berliner Ufa-Ära.

Der mit bürgerlichem Namen Johan Marius Nicolaas Heesters Aufwachsende hat zunächst die Ausbildung zum katholischen Geistlichen im Sinn, absolviert jedoch zunächst eine Lehre zum Kaufmann in einem Bankhaus. Mit 16 Jahren besucht er mit seinem Vater erstmals eine Theateraufführung – und entscheidet sich begeistert für den Beruf des Schauspielers. Ein Unterfangen, das nicht unbedingt ausschließlich Beifall seitens der Familie findet. Doch Heesters lässt sich nicht beirren und beginnt eine Gesangs- und Schauspielausbildung.

Bereits mit 17 gibt er in Amsterdam sein Bühnen-Debüt. Der Nachwuchskünstler überzeugt und erhält in der Folgezeit Theater-Engagements in Rotterdam, Den Haag und Brüssel. Der Film entdeckt den aufstrebenden Jungstar: Im Stummfilm "Cirque Hollandais" debütiert Heesters und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Immer bedeutendere Bühnen-Engagements folgen ab 1923: So etwa in Strindbergs "Traumspiel" sowie den Operetten-Produktionen "Dreimäderlhaus", "König Der Vagabunden" und "Walzertraum". 1930 tritt Heesters mit der belgischen Schauspielerin Louise H. Ghijs in den Stand der Ehe. Daraus gehen die beiden Töchter Wiesje und Nicole hervor.

Auch Wien wird hellhörig: 1934 gibt Heesters an der Volksoper den "Bettelstudent" – begeistert aufgenommen von Feuilleton und Publikum. Weitere Stationen sind Graz, Innsbruck und Salzburg. 1936 schlägt eine besondere Stunde: Die berühmte Film-Firma Ufa in Berlin/Babelsberg lädt den Holländer in seine Studios. Die folgenden Jahre sind begleitet von einzigartigen Erfolgen und begründen endgültig Heesters Ruf als Künstler von Klasse. Er produziert einen Kassenschlager nach dem nächsten, z. B. die Film-Version von "Der Bettelstudent" mit der beliebten Ungarin Marika Rökk "Hallo Janine!" und "Die Fledermaus".

Zusammen mit der großen Ufa-Actrice Brigitte Horney beweist Heesters seine künstlerische Wandlungsfähigkeit in dem eher ernsten Streifen "Illusion". Die Rolle des Grafen Danilo in "Die Lustige Witwe" entwickelt sich zu einem Heesters Image bis heute prägenden Erfolg – besonders dank seinem dort interpretierten Titel "Heut' Geh Ich Ins Maxim", der fortan untrennbar mit seinem Namen verbunden ist. 1942 startet ein brandneues Medium seine ersten Gehversuche: Das Fernsehen. Als gefragter Künstler ist Heesters auch hier erste Wahl für die noch überschaubaren Versuche mit dieser experimentellen Technik. Die Uraufführung der Operette "Hochzeitsnacht Im Paradies" fällt ebenfalls in dieses Jahr.

Nach Beendigung des zweiten Weltkriegs kämpft Heesters beruflich – wie sämtliche seiner Kollegen – mit den Nachwirkungen des dritten Reiches. Sein Können und seine Disziplin helfen ihm jedoch, rasch wieder neue Engagements zu erlangen. Künstler stehen in dieser Zeit besonders im Blickpunkt: Haben sie sich einer offensiven Unterstützung – oder etwaigen Duldung - der Verbrechen der Nationalsozialisten schuldig gemacht?

Im Gegensatz zu manch anderem Künstler jener Jahre geht Heesters klar und eindeutig mit dieser Frage um – denn er hat nichts zu verbergen. Einige Kritiker werfen ihm indes einen – lediglich durch ein Foto dokumentierten - Auftritt im Konzentrationslager Dachau 1941 vor damaligen NS-Größen vor. Und übersehen dabei gern, dass der Auftritt des Künstlers nicht freiwilliger Natur entsprang: Denn es wird ihm vorab von höherer Stelle zwingend angeraten, dem 'Wunsch' nach einem dortigen Gastspiel nachzukommen. Bis Kriegsende hat sich Heesters keiner öffentlichen Unterstützung des Regimes schuldig gemacht – im Gegenteil: Er arbeitet noch 1938 in Holland mit einer in sein Heimatland geflüchteten jüdischen Theatergruppe zusammen.

In der Nachkriegszeit bleibt Heesters der Operette treu. Er feiert Erfolge mit "Der Zarewitsch", erneut als Danilo in "Die Lustige Witwe" und "Der Graf Von Luxemburg". 1948 wählt der Künstler ein ernsteres Stück für seine Rückkehr nach Wien: Mit dem "Lied Der Taube" stellt er abermals und nachhaltig seine Fähigkeiten als Charakter-Darsteller unter Beweis. Sogar Hollywood ruft: 1953 spielt der Künstler unter der Regie von Regie-Legende Otto Preminger in dessen Film "Die Jungfrau Auf Dem Dach".

Doch sein Haupt-Wirkungsfeld ist und bleibt Deutschland. Heesters kann sich vor Engagements oft kaum retten und bleibt in den sechziger und siebziger Jahren in sämtlichen Entertainment-Bereichen präsent, ob im Kino, Theater oder Fernsehen. Auf Galas ist er ein gern gebuchter Gast. 1978 begeistert er sein Publikum im Musical "Gigi". 1982 glänzt er an der Seite von Karl-Heinz Schroth in Neil Simons zeitloser Komödie "Sunny Boys". Die beiden Töchter fassen ebenfalls Fuß in der Künstler-Branche: Wiesje macht sich einen Namen als Pianistin, und Nicole startet eine Karriere als TV- und Theater-Darstellerin. 1985 trifft den Holländer ein schwerer Schicksalsschlag: Seine geliebte Ehefrau Louise stirbt nach 55 Jahren gemeinsamer Ehe.

Bereits 1986 tritt eine neue Frau ins Leben von Johannes Heesters: Simone Rethel. Die um Jahrzehnte jüngere Schauspielerin lernt er während der Vorbereitungen zum Theaterstück "Casanova Auf Schloß Dux" kennen. 1992 heiraten die beiden – der Alterunterschied zwischen Braut und Bräutigam sorgt für heftigen Wirbel in der Boulevard-Presse. Ein dem Künstler auf den Leib geschriebenes Stück sorgt für einen großen Publikumserfolg: von 1991 bis 2001 ist er – neben Ehefrau Simone - auf Tournee mit der schwarzhumorigen Komödie "Ein Gesegnetes Alter". Er spielt dieses Stück bis zu seinem 97. Lebensjahr.

Ob Berlin, Wien oder München: Das Publikum liegt dem Künstler weiterhin zu Füßen. Auch ein Eintrag ins berühmte Guiness-Buch ist fällig: Unangefochten belegt er die Eintragung 'Ältester und aktivster Schauspieler der Welt'. In der Rolle des Dieners Firs in Anton Tschechows Klassiker "Der Kirschgarten" tourt Heesters durch Süddeutschland. Theater-Vorstellungen des Künstlers sind auch im Jahr 2003 ausverkauft: Im für ihn konzipierten Musical "Heesters" führt der zwischenzeitlich 99-Jährige amüsant und unterhaltsam durch sein Künstler-Leben, bevor im Dezember sein 100. Geburtstag ansteht.

Dieses seltene Jubiläum wird in Galas und Shows unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit gefeiert. Doch Heesters ist keiner, der rastet: Im berühmten Theater-Schauspiel "Jedermann" aus der Feder Hugo von Hofmannsthals übernimmt er 2004 die Rolle der "Stimme des Herrn". 2005 folgt eine Tournee mit dem Filmorchester Babelsberg und Auftritten in sieben deutschen Großstädten.

Im Dezember 2006 erleidet Heesters während der Proben zu einem geplanten Auftritt in der Johannes B. Kerner-Show ein schweres Knalltrauma, nachdem ihm ein Bühnenarbeiter einen Kopfhörer falsch einsetzt. Die dadurch bedinge Schädigung des Innenohrs kann zu Hörverlust oder Tinnitus führen, Heesters erholt sich aber glücklicherweise schnell. Natürlich fordert auch das Alter seinen Tribut: So hat der Künstler 2007 z. B. mit Sehbehinderungen zu kämpfen. Doch dies hindert ihn nicht, weiterhin aktiv, wenn natürlich auch im abgespeckteren Rahmen und unterstützt von Gattin Simone, seine wahrhaft einzigartige Karriere fortzusetzen.

Die scheinbare Unsterblichkeit des Holländers ist längst Gegenstand zahlreicher Running Gags innerhalb der Entertainment- und Boulevard-Szene. Doch der Tod macht auch nicht vor dem zähen Heesters halt. Passend zu seiner grandiosen, einzigartigen Karriere wählt der dunkle Gevatter für ihn auch nicht einen x-beliebigen, austauschbaren Wochentag: Heesters verstirbt am 24. Dezember 2011 um 10:15 Uhr friedlich im Starnberger Klinikum. Sein Vermächtnis sind unzählige Filme und Plattenaufnahmen, die dank seines Könnens glänzend dokumentieren, wie unterhaltsam und stilvoll Arbeit und Umgang mit der leichten Muse der Kunst sein kann.

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