Porträt

laut.de-Biographie

Gilad Atzmon

"Als infantiler Erwachsener war ich Marxist und dachte, dass Kunst eine politische Funktion hat. Bis ich merkte, dass die Aufgaben innerhalb der Musik interessanter sind als die Rolle, die wir vielleicht haben. Musik und ästhetische Schönheit sind viel wichtiger als irgendeine idiotische Ideologie", erklärt Gilad Atzmon.

Mit seiner Collage aus Bebop und nahöstlichen Klängen versucht der Jazzmusiker und Komponist die Grenzen sämtlicher Weltanschauungen zu sprengen. Dabei brilliert er zumeist am Alt-Saxophon. Durch die Beherrschung von Klarinette, Sol, Zurna und Flöte, bereichert er sein musikalisches Schaffen um zusätzliche Klangfarben.

Die Politik hat den vielbeschäftigten Künstler dennoch niemals losgelassen. Vehement spricht sich der 1963 in Tel Aviv geborene Querdenker gegen seinen Heimatstaat Israel aus. In zahlreichen Essays und bislang zwei Romanen kritisiert Atzmon, oft mit bissigem Sarkasmus, den rassistischen Zionismus der jüdischen Bevölkerung. Diese unterdrückt die palästinensischen Bürger, meint der Saxophonist.

Am eigenen Leib erfährt Atzmon solcherlei Diskriminierung während des Libanonkrieges 1982. Zu dieser Zeit absolviert er seinen Wehrdienst bei den israelischen Streitkräften und entwickelt eine tiefe Abneigung gegen seinen Herkunftsstaat. Auch die Musik trägt zur politischen Einstellung des Künstlers bei. "Es mag lustig klingen, aber ich merke jetzt, dass es meine Liebe zum Jazz war, die mich bezüglich der jüdischen Identität und des Zionismus mehr und mehr kritisch werden ließ", konstatiert er. "Als ich im Alter von achtzehn Jahren ein rassistischer, jüdischer Soldat werden sollte, verliebte ich mich in Coltrane und Bird. Ich erkannte, dass die afroamerikanische Kultur, die mich inspiriert, nichts mit der Kultur zu tun hatte, für die ich kämpfen sollte".

Atzmons Liebe zum Jazz beginnt in einem Jerusalemer Plattenladen. Neben John Coltrane und Charlie Parker, stößt er dort auch auf die britischen Saxer Ronnie Scott und Tubby Hayes. Der Jungmusiker sieht in London das "Mecca des Jazz". Genau dort hin zieht es ihn 1993, nach seiner Ausbildung in Jazz und Komposition an der Rubin Academy of Music, Jerusalem.

In der englischen Hauptstadt arbeitet Atzmon als Produzent und Arrangeur in Rock, Jazz und Ethnomusik. Dabei lernt er Kollegen wie Ofra Haza, Jack DeJohnette oder Michel Petrucciani kennen. Außerdem jobt der talentierte Neuankömmling als Studiomusiker für Paul McCartney, Sinéad O'Connor und Robbie Williams. Parallel dazu studiert er Philosophie. Ab 1998 ist Atzmon ein Mitglied der Punkband Ian Dury and the Blockheads, mit der er nach Durys Tod weiter tourt.

Atzmons erste Solo-Platte "Spiel" erscheint bereits im Jahr seiner Ankunft in London. Gemeinsam mit dem Drummer Asaf Sirkis, Basser Yaron Stavi und Keyboarder Frank Harrison, gründet er das Orient House Ensemble, mit dem er etliche Tourneen bestreitet und zahlreiche Platten beim Münchener Jazz-Label Enja veröffentlicht. Darunter auch das Album "Exile", das die BBC zum Jazz-Album des Jahres 2003 kürt. Benannt ist die Band nach dem ehemaligen Hauptquartier der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO.

Die Romane des umtriebigen Künstlers wurden bislang in 22 Sprachen übersetzt. Sein Erstlingswerk "More Nevuchim" ("Anleitung Für Zweifelnde") erscheint 2001. Darin beschreibt er den fiktiven Zusammenbruch Israels. In seinem zweiten Buch "My One And Only Love" von 2005 setzt sich Atzmon mit den Spionagetechniken eines zionistischen Staates auseinander.

Auf vielzähligen Konzert- und Lesereisen, stellt Atzmon seinen kontroversen Stoff einem großen Publikum vor. Die universelle Gefühlssprache "Musik" kommt bei all dem nicht zu kurz. So erweist er beispielsweise 2009 mit dem Album "In Loving Memory Of America" Charlie Parkers Aufnahmen mit klassischen Streichern große Ehrerbietung.

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