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Embrace entstehen, wie so viele Bands, aus einer Schülerband. Das Besondere an ihnen ist allerdings, dass Richard und Danny McNamara (beide Gesang und Gitarre und Songwriter) Geschwister sind. Als Provinzband klampften sie in ihrer Heimat Huddersfield vor sich hin, suchten sich ihren Bassisten und Schlagzeuger übers Anzeigenblättchen.
Ihre Songs klangen wie eine Mischung ihrer größten Einflüsse: Ordentlich U2, ein wenig Joy Division und oben drauf Echo and The Bunnymen. Doch erst als sie mit dem Song "Retread" ihren eigenen Stil fanden, bekamen die Brüder die Chance, ein Album aufzunehmen. 1997 erscheint mit "All You Good, Good People", ihr bekanntester Single-Hit auf dem Label Fierce Panda (u.a. haben dort Placebo ihre ersten Singles veröffentlicht). "The Good Will Out", der erste Embrace-Longplayer erscheint auf einem Label, das nicht minder wichtigen ist, im Großbritannien der Mid-Neunziger: Hut-Recordings hat u.a. The Verve unter Vertrag.
Auf der Insel war das Werk gleich ein großer Erfolg. Den auf dem ersten Album vorherrschenden Stil lenkten Fachblätter ohne zu Zögern in die bereits angestaubte Britpop-Ecke: Eher ruhige, getragene Songs mit einem studiotechnisch aufwendigen, monumentalen Sound und insgesamt fast schon zu sehr gefühlsbetont - kein Wunder, denn der Bandname deutet ja auch schon auf ein "inniges", emotionales Programm hin (to embrace = umarmen).
Auf dem zweiten Album ist diese pathetische Attitüde zugunsten eines direkteren Stils in den Hintergrund getreten. Deutlich erkennbar auf der Single-Auskopplung "Hooligan": ein Song, der aufreizend lässig vor sich hin groovt. Manche Songs klingen gar derart dreckig-derb (was durchaus positiv gemeint ist), dass man hier schon fast von Alternative Rock reden könnte und bei alledem kommen auch melodiöse Passagen nicht zu kurz. Fest steht, dass sich Embrace nicht auf ihren frühen Lorbeeren ausgeruht haben, sondern 2000 eine sehr erfreuliche musikalische Weiterentwicklung gewagt haben.
Selber sagen sie nun selbstbewusst "Wir machen keinen Britpop!". Doch ob ihre Fans dem Glauben schenken mögen, ist nach dem durchgängig ruhigen 2001er-Album "If You've Never Been" sehr fraglich. Es folgt die Trennung von Hut, die schnell noch eine Singles-Collection auf den Markt werfen.
Mit neuem Vertrag beim Sony-Sublabel Independiente (u.a. Travis) machen sich die McNamara-Brüder wieder ans Songschreiben. Nach drei Jahren haben sie ca. 500 Demos in der Tasche, als sie mit Producer Youth (The Verve, Heather Nova) ins Studio gehen. Auf Out Of Nothing schaffen es zehn Songs, wobei die Single "Gravity" nicht einmal von der Band selber, sondern von Coldplay-Head und McNamara-Freund Chris Martin geschrieben wurde.
2005 erscheint "Dry Kids", das die B-Seiten der Jahre 1997 bis 2005 vereint. Im Jahr darauf geben Embrace wieder richtig Gas: Mit "This New Day" haben sie ein neues Studioalbum am Start, die erste Single "Natures Law" krempelt in Großbritannien gleich mal wieder die Charts um. Ende März sickert durch, dass die Band von der britischen Football Association den Auftrag erhält, die offizielle Hymne für die Fußball-WM mit dem Titel "World At Your Feet" aufzunehmen.
Alles in Butter soweit. Oder doch nicht? Im September 2006 verkündet Sänger Danny McNamara, dass die Embrace-Mitglieder nach einem weiteren Studio-Album getrennet Wege gehen. "Ich denke, unser nächstes Album wird unser allerletztes sein." So Danny gegenüber BBC 6. Der Rest scheint diese Ansicht nicht zu teilen und beeilt sich schleunigst, dieses Statement zu relativieren. "Wir arbeiten an unseren Alben immer so, als ob es unser letztes wäre". So so.
Völlig Genre-untypisch zeigt sich die britische Band Embrace derzeit dem deutschen Publikum. In gemütlichen Clubgigs präsentieren sie ihren melancholischen Gitarrenpop. LAUT sprach im Rahmen ihres Auftritts in Konstanz mit Sänger Danny McNamara über Britpop, Roskilde und das Internet.
Ihre aktuelle CD "Drawn From Memory" wird von der Kritik allerorten gefeiert, in England sind sie Superstars: Embrace. Zwischen ihren Auftritten auf den großen Festivals Europas, zuletzt auf der Main Stage in Glastonbury, fanden die sympathischen Briten noch Zeit für eine skurille Mini-Tour durch Deutschland. Dies zeigt vor allem, wie sehr sich Embrace von den üblichen Verdächtigen des Britpop tatsächlich unterscheiden: Entgegen den genretypischen Gewohnheiten präsentieren sie ein gänzlich unarrogantes Programm in gemütlicher Club-Atmosphäre.
Am Rande ihres Auftakt-Gigs sprach LAUT mit Embrace-Sänger und Gitarrist Danny McNamara unter anderem über den Unterschied zwischen Oasis und Embrace, die Fußball-EM, die Roskilde-Katastrophe.
LAUT: Wie lief eure Tour bisher?
Danny: Yeah, it's cool! Wir haben in letzter Zeit nicht viel in Clubs gespielt, meistens auf Festivals. Heute ist der erste Tag der kleinen Deutschland-Tour, wir sind alle gespannt.
LAUT: Vor einigen Wochen habt ihr in Japan gespielt. Welche Eindrücke habt ihr von dort mitgenommen?
Danny: Die Leute dort sind ganz anders drauf als hier in Europa. Sie haben eine völlig andere Einstellung zum Leben, ein anderes Auftreten und andere Wertvorstellungen. Wenn du dort ankommst, fühlst du dich wie auf einem anderen Planeten.
LAUT: Aber ihr wurdet gut aufgenommen?
Danny: Ja, wir sind 'big in Japan' (lacht). Der alte Leonard Cohen-Song. Oder ist es einer von Tom Waits? Wie auch immer ... In Thailand sind wir auch big, wir waren vier Wochen Nummer Eins mit "You're Not Alone".
LAUT: Bekommt ihr auf den großen Festivals Feedback?
Danny: Bis jetzt läuft's gut, die Leute singen mit.
LAUT: Macht das keinen Unterschied für euch im Vergleich zu Clubgigs?
Danny: Also, ich war schon nervös als wir in Glastonbury spielten, 70.000 Leute, wow! Aber sie waren voll dabei und dann vergisst du die Aufregung und hast einfach nur Spaß.
LAUT: Letztes Wochenende starben acht Menschen beim dänischen Roskilde Festival. The Cure, Oasis und die Pet Shop Boys zogen daraufhin ihren Auftritt aus Pietätsgründen zurück. Glaubst du auch, dass eine Weiterführung der Veranstaltung in solch einem Fall den Verunglückten gegenüber respektlos ist?
Danny: Es ist schwierig, wir haben natürlich in der Band darüber gesprochen. Ich denke, wenn Du für ein Festivalticket bezahlt hast, willst du auch ein Konzert sehen. Nur weil man als Band den Auftritt absagt, kommen die Verstorbenen nicht zurück. Aber ich möchte hier nicht urteilen, ich denke, man muss vor Ort sein und die Atmosphäre einschätzen. Bei solch einer Tragödie wird auf dem Gelände sicher kein guter Vibe mehr sein und die Leute werden sich nicht mehr richtig freuen können.
LAUT: Zurück zu euch: Als ihr eure ersten Demos an die Plattenfirmen geschickt habt, war der Britpop-Hype in vollem Gange. Glaubst Du, dass ihr dadurch eher an einen Plattenvertrag gekommen seid?
Danny: Nein. Als wir rauskamen, wurden wir von der englischen Musikpresse als das komplette Gegenteil von Britpop angesehen. Unser Sound war etwas düsterer, die Texte persönlicher und zudem waren wir einfach nicht sehr an diesen Modedingen interessiert. Aber außerhalb Englands werden wir oft als Britpop-Band bezeichnet, was wohl vor allem damit zusammenhängt, dass wir aus England kommen.
Ich denke, dass es für Nicht-Engländer ziemlich schwierig ist, Unterschiede zwischen englischen Bands zu erkennen. Am Anfang konnten wir in Leeds nicht einmal Gigs bekommen, es hieß immer, wir seien zu düster. Das Britpop-Ding machte es uns also nicht leichter.
LAUT: Wie kam euer Kontakt zu Hut Records zustande?
Danny: Wir schickten ihnen das Demotape "All You Good Good People" und sie nahmen uns gleich unter Vertrag, ohne uns vorher live gesehen zu haben. Wir waren live aber auch ziemlich schlecht damals, ich glaube nicht, dass wir sie mit einem Gig überzeugt hätten (lacht).
LAUT: Wart ihr bei den Aufnahmen zum neuen Album einem großen Druck ausgesetzt, weil euer Debut so erfolgreich einschlug?
Danny: Nein, überhaupt nicht. Richard ist ein viel besserer Songwriter geworden und wir fühlten uns frei und folgten einfach unserem Instinkt.
LAUT: Ihr werdet noch immer mit Bands wie Oasis und The Verve verglichen. Stören euch solche Vergleiche oder sind sie schmeichelhaft?
Danny: Hmm, am Anfang war es gut, weil diese Bands sehr populär waren, diese Vergleiche waren gute Promotion für unser erstes Album. Aber keine Band übte wirklich Einfluss auf uns aus. 90 % von "The Good Will Out" war ja schon geschrieben, als diese Bands noch gar nicht erfolgreich waren. Ich denke, das Ganze ist eher ein Zufall.
LAUT: Für eure Aufnahme-Sessions habt ihr euch Flipperautomaten und eine Tischtennisplatte gekauft. Seid ihr auch an Fußball interessiert?
Danny: Oh nein, gar nicht, nur unser Basser mag Fußball. Wir anderen waren relativ erleichtert, als England aus dem EM-Turnier flog, da sie dann nicht die ganze Zeit im Fernsehen sind. Manchester, Liverpool oder Leeds sind klasse Clubs, aber England hat einfach keinen Teamcharakter.
LAUT: Welche Bands hast du in deiner Jugend gehört?
Danny: Viel Stone Roses, Happy Mondays und das ganze Manchester-Zeug Anfang der 90er. Aber auch Nirvana, Ride, Pixies oder PJ Harvey, solche Sachen. Und irgendwann uns (lacht). Es ist komisch, wenn du anfängst, selbst Musik zu machen, und damit erfolgreich wirst, hörst du auf, ständig auf andere Bands zu schauen.
Du entwickelst ein kommerzielles Gehör, so in der Art: "Wird das hier ein Top 5-Hit oder eher nicht?" Aber du hörst Musik nicht aus einer künstlerischen Perspektive heraus. Jeder, der in einer Band spielt und Platten veröffentlicht, denkt, seine Band ist besser als alles andere. Du respektierst nur noch den alten Kram, der 30 bis 40 Jahre alt ist. Der einzige Grund dafür liegt wohl darin, dass die Leute von damals tot sind oder zumindest nicht mehr mit dir konkurrieren.
LAUT: Welche drei Alben hast du dir zuletzt gekauft?
Danny: Ich muss sie nicht kaufen. Wenn ich welche will, frage ich einfach und bekomme sie umsonst (lacht). Nein, ich habe eine Menge Platten gekauft, die ich aber noch nicht angehört habe, die neue Kelis, Beck und Ian Brown zum Beispiel. Im Bus hören wir gerade Lambchop und David Holmes, das sind coole Sachen.
LAUT: Werdet ihr auf ausländische Bands aufmerksam, wenn ihr so durch die Welt reist?
Danny: Oh ja, aber ehrlich gesagt, mag ich sie meist nicht (lacht). Es gibt nicht viele europäische Bands, die mir gefallen. Wenn ich ihre CD's kriege und sie laufen lasse, denke ich immer "Oh nein, bitte" ... Das berührt mich nicht. Ich weiß nicht warum, es ist nicht die Sprache, die meisten singen sowieso in Englisch. Richtig schlimm ist es auf Festivals, wenn dir eine Band überhaupt nichts gibt, aber die Leute voll dazu abgehen. Das ist schon seltsam.
LAUT: Redest du jetzt von allen Stilrichtungen?
Danny: Oh no, I mean, es gibt keine Rock' n Roll-Bands aus Europa. Sicher, was Dance-Stuff angeht, HipHop und alles, da gibt’s coole Sachen, aber Rock ... Ich glaube, England und Amerika haben da noch die Nase vorn.
LAUT: Eure Homepage ist sehr anschaulich und übersichtlich gestaltet.
Danny: Dankeschön, mein 18-jähriger Bruder Jonathan kümmert sich darum. Er wird immer besser, die Seite verbessert sich praktisch wöchentlich, da wir immer wieder Neues hinzufügen.
LAUT: Ihr habt aber schon Mitspracherecht.
Danny: Ja klar, wir kommen oft mit verrückten Ideen, aber meistens schüttelt er nur den Kopf, weil das nicht durchzuführen ist ... Ich mag vor allem an unserer Page, dass alles so übersichtlich gestaltet ist, du musst nicht ewig suchen, bis du etwas findest und das ist sehr wichtig. Es ist schon was tolles, dass man durch das Internet ständig präsent sein kann, es ist definitiv die Zukunft.
LAUT: Das denken wir auch (Allgemeines Lachen).
Das Interview führte Michael Schuh.
This New Day (2006)
The Good Will Out (1997)
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