Porträt

laut.de-Biographie

Digable Planets

Hip Hop und Jazz passen zusammen wie Gin und Tonic: Diese Erkenntnis ist nun wirklich nicht neu. Bereits Mitte der 90er Jahre setzen einige Crews auf diese ebenso schmackhafte wie wohltuende Kombination und bieten dem Publikum damit eine Alternative zum auf dem Vormarsch befindlichen Gangsta-Rap oder zu kompromissloser Härte, wie sie beispielsweise Public Enemy kredenzen. Ein New Yorker Trio zählt zur ersten Generation derer, die den entspannten Charme des Jazz in Hip Hop-Produktionen einweben - und tut dies mit nachhaltiger Wirkung: Künstler wie die Roots, Common, Mos Def oder die Black Eyed Peas nennen, nach Einflüssen gefragt, einhellig die Digable Planets als Inspirationsquelle.

Die Geschichte der Gruppe, die trotz ihres nur wenige Jahre währenden Bestehens tiefe Spuren hinterlässt, beginnt in den frühen 90er Jahren am College in Massachusetts. Hier trifft Ishmael Butler aus Brooklyn auf die brasilianisch-stämmige Mary Ann Vieira, die ursprünglich aus Maryland kommt. Wenig später stößt in Washington D.C. ein weiterer Weggenosse dazu: Philadelphias Craig Irving, Mitglied des Kollektivs Dread Poets Society, komplettiert das Trio.

Die drei legen sich den etwas kryptischen Namen Digable Planets zu. Insekten beherrschen die Welt und gehen Symbiosen ein: Entsprechend wählen Ishmael, Mary Ann und Craig ihre Alter Egos: Als Butterfly, Ladybug und Doodlebug schreiben sie Hip Hop-Geschichte. (Gelegentlich erhalten sie Unterstützung seitens eines gewissen Silkworm. Diese Raupe entpuppt sich später als King Britt.)

Gleich die erste Single der Digable Planets liefert ihren größten Erfolg: "Rebirth Of Slick (Cool Like Dat)" gibt mit markanter Basslinie und bei Art Blakeys Jazz Messangers entliehenen Bläsern die Richtung ihres Debüt-Albums vor: Hip Hop und Jazz fusionieren zu Hip Hop-Bebop; daneben fließen Elemente aus Funk, Samba und Psychedelia ein. Gehaltvolle Lyrics, Flow und gelungene Arrangements überzeugen Hörer und Kritiker. "Reachin' (A New Refutation Of Time And Space)" erscheint 1993, erreicht Platin und gilt bis heute als ein Meilenstein des alternativen Hip Hop. Die Digable Planets samplen Curtis Mayfield, die Lost Poets, Sonny Rollins und zahlreiche andere. Von Karl Marx bis Jimi Hendrix wird alles zitiert, das sich nicht wehrt oder wehren kann.

Besonders fällt die Verbeugung vor den Größen des Jazz ins Auge. Shout-Outs gehen an Charles Mingus und Charlie Parker. Butterfly begründet sein Gefühl der Verbundenheit: "Wie im Hip Hop haben die Jazz-Pioniere damals eine eigene Sprache entwickelt, einen Stil, der einzigartig war." Larry Flick vom Billboard Magazine schreibt zumindest Ladybug ebenfalls eine Vorreiterrolle zu: Sie zeige weiblichen MCs, die nach ihr kommen, in bahnbrechender Weise, "dass Frauen nicht schreien oder herumprahlen müssen, um tough zu sein und um sich durchzusetzen. Mecca erhebt nie die Stimme, ist aber trotzdem diejenige, die alles unter Kontrolle hat."

"Rebirth Of Slick" erreicht in den Billboard Single-Charts Platz 15, unter den Hip Hop/R'n'B-Platten landet der Track in den Top 5. Die Digable Planets kassieren dafür einen Grammy für die beste Rap-Performance sowie den Billboard Music Video Award für den Clip des Jahres. Dem überaus erfolgreichen Debüt schließen sich weltweite Tourneen an. Live treten die Digable Planets mit Unterstützung eines DJs und Live-Musikern an Saxophon, Bass und Schlagzeug auf. Auch wenn der Band immer wieder vorgeworfen wird, sie täte auf der Bühne wenig mehr, als die sattsam bekannten Samples nachzuspielen, verleiht sie den Auftritten doch eher den Charakter von Jazz-Konzerten denn von Hip Hop-Shows.

Nach Beiträgen zum Soundtrack von "Coneheads" ("Little Renee", 1993) und zum Sampler "Stolen Moments - Red Hot & Cool" ("Flyin' High In The Brooklyn Sky", 1994) folgt Ende 1994 das zweite Album. "Blowout Comb" setzt weiterhin auf die Melange von Jazz und Hip Hop, verschiebt den Schwerpunkt allerdings ein klein wenig zugunsten des Oldschool-Street-Sound. Ausgekoppelt werden "Dog It" und das stark nach 70er-Soul duftende "Dial 7 (Axioms Of Creamy Spies)". Bei "Graffiti" ist Jeru The Damaja am Start, bei "9th Wonder (Blackitolism)" hilft DJ Jazzy Joyce, die mit der Band gemeinsam tourt. Kritiker überschlagen sich, die Verkaufszahlen von "Blowout Comb" kommen an die des Debüts aber nicht ansatzweise heran.

1995 liefern die Digable Planets für dem Sampler "Inner City Blues - The Music Of Marvin Gaye" den Beitrag "Marvin, You're The Man". Im Jahr darauf führen "kreative Differenzen" neben persönlichen Problemen (Ladybug verliert beide Elternteile) zur Trennung. Die einzelnen Mitglieder bleiben der Musik jedoch treu.

Butterfly gründet die Hip Hop/Blues-Formation Cherrywine, deren Debüt "Bright Black" 2003 erscheint. Er arbeitet (als Ish) mit Künstlern wie 4 Hero oder Camp Lo, komponiert Musik für Werbespots (darunter für Kampagnen von Fila und Pepsi) und versucht sich als Schauspieler.

Ladybug erweitert ihren Namen zu Ladybug Mecca. Ihre erste Solo-Platte "Trip The Light Fantastic" (2005, auf ihrem eigenen Label Nu Paradigm Entertainment) vereint afro-brasilianische Rhythmen, Hip Hop-Beats, aber auch Rock-Riffs. "Musik machen ist wie eine Geburt, und das Baby ein Geschenk an die Welt", kommentiert Ladybug ihr Werk. Auf beiden Feldern kennt sie sich aus: Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits Mutter dreier Kinder.

Aus Doodlebug wird Cee Knowledge. Seit 2000 ist er mit seinem Cosmic Funk Orchestra, einem Live-Hip Hop-Ensemble mit Basis in Philadelphia, unterwegs und veröffentlicht mehrere Alben.

Gute zehn Jahre nach "Blowout Comb" dann die Überraschung: Die Digable Planets kündigen ihre Reunion an und begeben sich wieder gemeinsam auf Tour. Ein drittes Album sei in Arbeit, auch eine DVD sei geplant, doch die Mühlen mahlen langsam. Die Wartezeit auf neue Releases überbrücken die drei mit der Compilation "Beyond The Spectrum: The Creamy Spy Chronicles", die im Oktober 2005 beim traditionsreichen Label Blue Note erscheint. Das versprochene Album lässt auf sich warten, doch die Fans nehmen es gelassen: Was sind schon ein paar Monate hin oder her, wenn man sich zwölf Jahre in Geduld geübt hat? Ein Klacks!

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