Porträt

laut.de-Biographie

Dave Van Ronk

Im New Yorker Greenwich Village kam keiner an ihm vorbei. Nicht nur, weil er mit 1,88 Metern und seinen weit über 100 Kilogramm den Gehweg für sich einnahm. Dave Van Ronk war Körper und Gesicht der Folk-Revival-Szene, die in den 50er Jahren entstand und bis in die 70er Jahre andauerte. Danach galt er als wandelndes Lexikon für alle, die etwas über die legendären 60er Jahre erfahren wollten.

1934 im Stadtteil Brooklyn geboren, wächst Van Ronk ohne Vater auf. Der hat sich noch vor seiner Geburt aus dem Staub gemacht. Sein Zuhause ist zunächst bei Oma, Verwandten und Bekannten der Familie, später zieht er mit seiner Mutter in den Stadtteil Queens. Schon früh begeistert er sich für Jazz und die Gitarre. Die Schule vernachlässigt er, um sich mit Musik auseinander zu setzen.

Um 1950 fährt er mit der U-Bahn zum ersten Mal zum Washington Square im Greenwich Village auf Manhattan, wo sich sonntags Folk-Singer ausbreiten und Lieder spielen. Große Namen wie Pete Seeger oder Woody Guthrie sind auch dabei, doch Van Ronk interessiert sich zu diesem Zeitpunkt eher für traditionellen Jazz. Bebop und neuere Ansätze verabscheut er.

Er sattelt vorübergehend aufs Banjo um und spielt einige Jahre lang in verschiedenen Jazz-Combos, stellt dann aber fest, dass er sich damit keinen Lebensunterhalt verdienen kann. Mittlerweile im Village ansässig, interessiert er sich zunehmend für Folk. Wobei er ein Problem mit dem späteren Umgang des Begriffs hat. Für ihn ist ein "Folkie" nicht ein Singer/Songwriter, der Stücke mit einer Akustikgitarre vorträgt. Folk versteht er eher als Volksmusik, bestehend aus Liedern, deren Urheber zweitrangig sind und die von Interpret zu Interpret und von Generation zu Generation weiter gereicht werden.

Er engagiert sich für die politische Linke und sieht sich Zeit seines Lebens als Anarchist und Marxist. Eher aus einer philosophischen Perspektive, wobei er mit mäßigen Erfolg eine Gewerkschaft der Sänger im Village gründet, um feste Gagen mit den Veranstaltern auszuhandeln.

Mitte der 50er Jahre heuert er als Matrose bei der Handelsmarine an und bereist die US-Küsten. Als er im Suff jedoch sein Soldbuch verliert, kehrt er ins südliche Manhattan zurück, wo er, von kurzen Abschnitten abgesehen, bis zu seinem Lebensende bleibt.

Zu Beginn der 60er Jahre gehört er zu den Café-Performern der immer beliebteren neuen Folk-Szene, die im Village zur Eröffnung vieler Lokale und zu großen Besucherströmen führt. So nimmt er auch Bob Dylan unter seine Fittiche, der einige Monate lang auf seinem Sofa übernachtet. Die Wohnung von Van Ronk und seiner Frau entwickelt sich zum Dreh- und Angelpunkt der Szene. "Auch, weil wir wahrscheinlich die einzigen waren, die überhaupt eine Wohnung hatten", so Van Ronk.

Dylan selbst bezeichnet Van Ronk später als den "König der Straße" und den "unbestrittenen Herrscher des Village". Ein weiterer informeller Ehrentitel lautet "Bürgermeister der MacDougal Street", wo sich die meisten Folk-Cafés befinden, darunter auch das einflussreiche Gaslight, in dem Van Ronk zum Inventar gehört.

Als sich Dylan ungefragt Van Ronks Arrangement des Traditionals "House Of The Rising Sun" für sein Debütalbum ausleiht, kühlt die Beziehung ab. Van Ronks Laune wird nicht besser, als sich die Animals abermals bedienen und mit dem Song einen Riesenerfolg feiern. Sein bekanntestes Stück ist jedoch "Cocaine Blues", wiederum ein Arrangement eines bereits existierenden Liedes, das Hannes Wader ("Cocaine, all around my brain") später übersetzt und in sein Repertoire aufnimmt.

Zwar steht Van Ronk kurz bei Albert Grossman unter Vertrag, der auch Dylan betreut, doch trägt die Beziehung keine Früchte. Van Ronk hat für kleinere Labels schon ein paar Platten herausgebracht, doch passt er mit seiner lauten Stimme und den ebenfalls lauten Manieren nicht in das Schema des introvertierten, tief schürfenden Singer/Songwriters.

Grossman schlägt ihm vor, Teil eines Folk-Trios zu werden, dem er viel zutraut. Van Ronk lehnt ab, den Zuschlag erhält der Comedian Noel "Paul" Stookey, der mit Peter Yarrow und Mary Travers als Peter, Paul And Mary groß herauskommt. Im Zuge des Erfolges des Genres erhält er dennoch immer wieder einen Plattenvertrag und nimmt mehrere Alben auf, meist in Bandbesetzung, wobei er auch Jug und Jazz und nicht nur "reinen" Folk einspielt. Er schreibt gelegentlich eigene Songs, meist greift er aber auf Traditionals und Stücke anderer Künstler zurück.

Nachdem zu Beginn der 70er Jahre die Folk-Welle abflaut, hält sich Van Ronk mehr schlecht als recht mit Auftritten und Gitarrenunterricht über Wasser. Ab den 80er Jahren gilt er als Legende und tourt vermehrt durch die USA und Europa. Gelegentlich nimmt er ein Album auf, wobei er sich nach wie vor nicht einschränken lässt. So erscheint 1990 eine akustische Version von Prokofievs "Peter Und Der Wolf".

Zu Beginn der neuen Jahrtausends arbeitet Van Ronk an einem Buch über die Folk-Bewegung im Village. Es trägt autobiographische Züge, stellt aber eher die Szene als den Musiker in den Mittelpunkt. Es gelingt ihm jedoch nicht, das Projekt zu Ende zu bringen: Am 10. Februar 2002 stirbt der leidenschaftliche Raucher an Lungenkrebs.

Co-Autor Elijah Wald fügt die losen Enden zusammen und bringt 2006 "The Major Of MacDougal Street" auf den Markt, aus dem die Coen-Brüder ein Drehbuch stricken. Im dazugehörigen Film mit dem Titel "Inside Llewyn Davis" spielt unter anderen Justin Timberlake mit. 2013 erscheint das lesenswerte Buch mit dem Titel "Der König Von Greenwich Village" bei Heyne auch auf Deutsch.

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