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Den Freunden mittelalterlicher Kultur sind sie seit langem ein Begriff. Keines der namhaften Burg- oder Mittelalterfeste in Deutschland kommt ohne die musikalische Untermalung von Corvus Corax, dem Kolkraben, aus. Dass sich die schwarzen Vögel innerhalb kürzester Zeit zu einem der populärsten Acts der Szene entwickeln würden war 1989 noch nicht zu erahnen.
Castus und Venustus (Wim), die beiden Gründungsmitglieder von Corvus Corax sind in jenem Sommer damit beschäftigt, der DDR via Ungarn den Rücken zu kehren. Kaum im Westen angekommen, zieht es sie zunächst gen Britannien, ehe beiden gelernten Instrumentenbauer - zurück in Deutschland und nach Fall der Mauer - Corvus Corax gründen. Die mittelalterliche Spielmannskunst wollen sie von Anfang an pflegen. So besteht der Sommer meist aus Konzertauftritten in ganz Europa, während der Winter dem Bibliotheksstudium auf der Suche nach mittelalterlichen Liedern vorbehalten bleibt.
Bei Dreharbeiten in den Babelsberger Filmstudios sind unsere beiden Spielmannsleute auch vor Ort und überreden einen Tontechniker zu einer spontanen Nachtschicht, um in einer Nacht- und Nebelaktion die Lieder für ihr Debüt "Ante Casu Peccati" aufzunehmen. Ihr alter Bekannter und Kollege Meister Selbfried gründet schließlich seine eigene Gruppe Zupfkopule, mit denen Corvus Corax einige Zeit zusammen unter dem Namen Congregatio (lat. Gemeinschaft) auftreten. Da sich Zupfkopule aber im Winter auflöst, schließt sich Meister Selbfried 1991 direkt Corvus Corax an. Die CD "Congregatio" erscheint aber noch unter dem Namen beider mitwirkenden Bands.
Das Trio bereist den kompletten Globus und kommt über Sibirien bis nach Japan, wo es allerorts für Staunen und offene Münder sorgt. Über Alaska und Grönland finden sie schließlich wieder zurück nach Deutschland und ihre Auftritte entwickeln sich zu immer größeren Spektakeln. Im Winter '92 werben sie den ehemaligen Unbehuot/Pediculus-Spielmann Brandan an und auch Teufel wollen sie eigentlich schon fest ins Line-Up integrieren, schließlich ist er auch auf "Tempi Antiquii 1988 - 1992" zu hören. Jedoch zieht Teufel lieber zunächst mit Bo Widbusch als Puppenspieler durch die Lande.
Als nächstes stößt Donar von Avignon zu dem bunten Trupp, auch wenn er zunächst gar nicht so begeistert von seiner Rolle als Trommler ist. Ihre Reise bringt sie 1993 nicht nur nach Israel und Syrien, sondern auch wieder ins Studio, wo sie mit freundlicher Unterstützung des Redakteurs für Alte Musik beim Sender Freies Berlin - Dr. Bernhard Morbach - ihr nächstes Werk "Inter Deum Et Diabolum Semper Musica Est" aufnehmen. In der folgenden Zeit kombinieren sie ihre Dudelsäcke mit Barock, treten auf Ritterspielen auf und spielen Anfang '94 auf den Karneval in Venedig.
Dann steht die nächste Studioproduktion namens "Tritonus" an. Dieser Begriff bezeichnet das Intervall zwischen der Quinte und der Quarte und is ein schiefer, schmerzender Klang. Erneut spielen sie auf diversen, mittelalterlichen Veranstaltungen, jedoch kündigt Venustus Ende des Jahres seine Rückzug aus der Musik der Spielleute an. Seinen Platz nimmt im folgenden Jahr Teufel ein und kaum ist er mit dabei, drehen Corvus Corax schon durch und nehmen das Album "Tanzwut" auf.
Hier wagen sie sich an Sounds wie Crossover und Techno. Mittelalterliche Melodien gepaart mit einem groovigen Elektronik-Beat werden zum Erkennungsmerkmal ihres Projektes, das sich seither ebenso großer Beliebtheit erfreut wie Corvus Corax selbst. Ende Juni hat Venustus genug vom Nichtstun und steht wieder mit Corvus Corax auf der Bühne. Doch dafür meldet Donar seinen Ausstieg an.
Donar hilft zwar gelegentlich aus, doch erst mit Jagbird haben sich die Raben wieder einen talentierten und lauten Trommler in die Truppe geholt, der aber Ende April '98 wieder seinen Hut nimmt und Platz für Hatz macht. Trotz mittelalterlicher Instrumente macht die Technik aber auch vor Corvus Corax nicht halt, und so wird auf dem 98er Album "Viator" zum ersten Mal das Harddisc-Recording ausprobiert, um den Jahrhunderte alten Melodien einen modernen Klang zu geben. Im Oktober des Jahres wagen sie auch ihre erste Hallentour, die ein voller Erfolg ist und sie sogar für zwei Auftritte nach Mexiko führt.
Donar nimmt danach endgültig seinen Hut und seine Trommel, weshalb Hatz und der zurückgekehrte Jagbird einfach lauter kloppen müssen. Das "Tanzwut"-Album offenbart aber einige Nachwehen, denn es gibt den Namen zu dem Projekt, in dem die Corvus Corax Musiker auch weiterhin elektronische Instrumente mit ihren Mittelalterinstrumenten kreuzen und das erfolgreich. So tingeln die Buben ab 1999 nicht nur als Corvus Corax durch die Lande, sondern auch als Tanzwut. Bei den Raben ist inzwischen Trommler Jean neu dabei, mit dem sie den ganzen Sommer über die Leute unterhalten.
Bei dem nächsten Album "MM - 2000" handelt es sich mehr oder minder um eine Auftragsarbeit, denn sie sollten für die Ausstellung im Berliner Kupferstichkabinett Dantes "Göttlicher Komödie" die Musik schreiben. Im selben Jahr erscheint "Mille Anni Passi Sunt", ein Album, das die Geschichte von Ottomar Rodolphe Vlad Dracula Prinz Kretzulesco und seiner Abstammung erzählt. Ihn lernen Corvus Corax durch Zufall kennen und binden ihn nicht nur in die CD-Produktion mit ein, sondern entwickeln auch ein enge Freundschaft zu dem Herrn, der gern in einem Schlosschen im Süden Berlins residiert.
Der Sommer 2001 wartet mit eine wichtigen Erfahrung auf: Corvus Corax spielen auf dem Wiesen Festival in Österreich als einzige Mittelaltertruppe zwischen lauter Metal-Bands wie Judas Priest, Atrocity oder Holy Moses und können auch da bestehen! Im Herbst verlässt Jagbird die Band erneut, dafür kommen aber Harmann der Drescher und Strahli dazu, der schon mal angelernt wird, um bald Jean zu ersetzen, da dieser auch schon seinen Ausstieg prophezeit hat.
Da sie von anderen Künstlern immer wieder nach Gastbeiträgen oder Samples aus ihren Stücken gefragt werden, rufen sie einfach ein paar der Musiker dazu auf, sich doch an ein paar Corvus Corax-Stücke zu versuchen. Das Ergebnis erscheint 2002 und hort auf den Namen "In Electronica". Zwischendurch sind sie auch selber im Studio, um am Palästinalied-Projekt zu arbeiten, ehe sie - in ihrem eigenen Studio - mit den Arbeiten zu "Seikilos" beginnen. Das Titelstück ist dabei das wohl älteste, überlieferte Stück Europas.
Doch es kommen auch ein paar weniger schöne Momente auf die Raben zu, denn schon an Ostern kündigt Strahli für den Sommer seinen Ausstieg an. Seinen Platz nimmt Der Kalauer ein, der schon auf "In Electronica" ein paar interessante Gitarrenarbeiten geliefert hat, aber auch an der Davul und an der Pauke eine gute Figur macht. Auch Brandan reicht seinen Abschied ein, um sich fortan mehr auf seine Projekte Bruch und Cultus Ferox zu konzentrieren. Im August 2002 findet sich mit Ardor vom Venushügel ein fähiger Ersatz für Brandan.
Um auch den Daheimgebliebenen zu demonstrieren, wie spektakulär eine Show der Raben tatsächlich ist, schneiden sie 2003 in Form von "Gaudia Vite" eine Live-DVD und DCD mit. Doch dann steht den Spielmannsleuten der Sinn nach etwas wirklich Großem: eine Neuvertonung einzelner Stücke der Carmina Burana. Abseits von allem, was Carl Orff in den 30ern schon erfolgreich getan hat, suchen sich Corvus Corax ein paar andere Stücke aus der frühmittelalterlichen Liedersammlung heraus und beginnen damit ein enormes Projekt zu planen.
Zwar arbeiten sie im Studio nur mit ein paar Streichern, Sängern und ein paar neuen Instrumenten, die Venustus extra dafür gebaut hat, aber live führen sie die Stücke mit dem Philharmonischen Orchester des Cottbusser Staatstheaters auf. Am 30.01. gibt es eine erste öffentliche Generalprobe im Staatstheater Cottbus, dann spielen sie auf dem Wacken Open Air mit unzähligen Metal-Bands, ehe Anfang August das eigentliche Werk "Cantus Buranus" in die Läden kommt. Weitere Konzerte sind Mitte August auf der Museumsinsel in Berlin und für den November in Bochum und Stuttgart geplant, so Wim im Interview.
Die beiden Konzertabende auf der Berliner Museumsinsel schneiden sie in Bild und Ton mit, und Anfang März kann sich jeder Daheimgebliebene mit "Cantus Buranus: Live In Berlin" einen ungefähren Eindruck davon verschaffen, was er verpasst hat. Doch auch im Anschluss daran ist an ausruhen nicht zu denken. Schon Anfang April folgt die nächste, eher durchwachsene Tanzwut-Scheibe, Anfang Juli schon "Venus Vina Musica". Darauf besinnen sich die Berliner auf ihre Wurzeln und schaffen wieder Großes in kleiner Besetzung.
Genial oder einfach nur bekloppt? Ambitioniert oder gar größenwahnsinnig? Welches Attribut auch immer man Corvus Corax unterstellen will, es gibt kaum eine andere Band, der man eine anspruchsvolle Vertonung der "Carmina Burana" zutrauen würde. Doch klappt das auch in Verbindung mit klassischen Instrumenten? Wir wollten's wissen.
Corvus Corax laden nicht einfach so zum Interview, nein! Sie haben ihr neues Album "Cantus Buranus" im Gepäck, und man darf sich das Werk erst mal im kleinen Kreis zu Gemüte führen, ehe sich die Band den Journalisten im Einzelnen widmet. Für laut.de stellt sich Wim (Venustus) mit breitem Berliner Akzent zur Verfügung.
Das klang ja gerade eben mächtig nach Soundtrack. Wirklich beeindruckend, wenn man sich das mit der richtigen Anlage zu Gemüte führen kann.
Danke schön, dann haben wir wohl was richtig gemacht, hahaha.
Erzähl uns doch zunächst mal ganz allgemein was zur "Carmina Burana". Damit kennt sich ja nicht zwangsläufig jeder aus.
Die "Carmina Burana" ist eine Liederhandschrift und bedeutet so viel wie Lieder aus Benediktbeuern. Das ist ein Kloster, in dem diese Handschriften von Mönchen im frühen 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurden. Die lagen da anschließend erst mal ziemlich lange rum und es hat sich eigentlich Jahrhunderte lang keiner darum gekümmert. Anfang des 18. Jahrhunderts wurden sie dann von einem Herrn Arretin wieder ausgegraben und als die Erforschung des Mittelalters so langsam in Gang kam, hat man sich auch wieder verstärkt für so was interessiert. Die "Carmina Burana" ist aber eine der bedeutendsten Sammlungen. Insgesamt sind um die 300 Liedtexte dort zu finden. Vielleicht muss man noch dazu sagen, dass man im Mittelalter ein Lied nicht unbedingt mit einer Melodie in Verbindung brachte, Lied heißt in dem Zusammenhang einfach nur Text. Ein paar Notenblätter waren zwar dabei, diese aber in Form von Neumen. Für den ungeübten Leser sind das wenig mehr als Kritzeleien über der Schrift. Daraus lässt sich nicht sehr viel ablesen, weil im Mittelalter zu den Texten eigentlich frei improvisiert wurde. Es gibt auch noch andere Liederhandschriften, anhand derer sich Parallelen feststellen lassen, bei denen auch Musik überliefert wurde. Mit ihrer Hilfe kann man sich wie in einem Puzzle zusammensetzen, was die eigentlich meinten. Unsere "Cantus Buranus" ist eine komplette Neuvertonung, wobei wir alles selber komponiert und arrangiert haben. Die Grundlage dazu haben einige Texte aus dieser Sammlung geliefert.
Ihr habt euch also nicht an der Aufführung von Carl Orff orientiert?
Nein, mit Absicht nicht! Wir haben uns ganz andere Texte heraus gesucht, wobei es sich hauptsächlich im irgendwelche Trinklieder handelt. Wir beschäftigen uns mit Corvus Corax ja schon seit fast 20 Jahren mit mittelalterlichen Themen und Musik und haben dabei auch schon des öfteren Stücke aus der "Carmina Burana" bearbeitet. Von daher kennen wir uns mit den Texten ganz gut aus, es gibt da immer wieder was Interessantes zu finden. Die "Carmina Burana" ist auch gegliedert in weltliche, geistliche und sozialkritische Texte sowie in Minne- und Liebeslieder. Wir haben uns dabei aber eher für die weltlichen Lieder interessiert, sozusagen die Kneipentexte, hahaha. Somit haben wir auch dieses Mal versucht, den Text musikalisch zu interpretieren. Orff blieb dabei aber komplett außen vor, weswegen wir uns auch bewusst gar nicht mit seinem Werk beschäftigt haben. Für uns war es sehr wichtig eine Verbindung zwischen unseren mittelalterlichen Instrumenten und den modernen Orchesterinstrumenten herzustellen. Es war wirklich sehr interessant, diese Instrumente in ein homogenes Klanggebilde zusammen zu führen. Es ist ja nichts Besonderes mehr, zu einem fertigen Rock- oder Popsong noch ein paar Streichersachen hinzu zu mischen, oder auch anders herum. Das kann ganz nett sein, aber für uns war es wichtig, dass beides gleichzeitig als etwas Organisches entsteht und sich so entwickelt.
Also seid ihr die Sache schon mit der Überlegung angegangen, mit Orchester zu arbeiten?
Ja klar, von Anfang an. Wenn man mal genauer reinhört, stellt man hoffentlich fest, dass das ganze Konstrukt nicht mehr funktionieren würde, wenn man auch nur einen Baustein weglässt. Jedes Instrument ist wichtig und trägt seinen Teil zum Gesamtsound bei.
Wie wollt ihr das auf Tour handhaben, mit wie viel Mann seid ihr da zu Gange?
Wir hatten im Januar ja schon eine öffentliche Generalprobe und das war für uns natürlich auch unglaublich aufregend. Wir wussten ja nicht, ob das außerhalb des Studios auch so klappt, wie wir uns das vorgestellt hatten. So was auf eine Bühne zu bringen ist ja schon noch mal eine ganz andere Nummer, da lässt sich nichts mehr tricksen. Das hat aber letztendlich ganz gut geklappt. Wir haben mit dem Cottbusser Staatsorchester gespielt, und die waren sehr offen für diese ganze Geschichte. Selbst, als wir während der Proben noch einige Stimmen umgearbeitet haben, sind die alle sehr locker geblieben. Wir werden mit dem Orchester auch keine Tournee im eigentlichen Sinne fahren, sondern spielen nur einige, wenige Konzerte, vorerst. Dabei wird es diese Jahr wohl auch bleiben, weil so was eine enorm lange Vorbereitungszeit erfordert. Wir hatten wirklich Glück, dass das so schnell geklappt hat, normalerweise planen Orchesterbetriebe immer auf zwei Jahre im voraus. Vielleicht bietet sich in zwei Jahren die Möglichkeit, richtig mit Orchester auf Tournee zu gehen, dann wird das alles auch international. Da sind wir schon kräftig am planen. Da wir uns mit dem Cottbussern ganz gut eingespielt haben, wäre es schon angenehm, auch in Zukunft mit ihnen zu arbeiten. Wie das dann aber in Hongkong oder New York aussehen würde, muss man sehen. Das hätte für uns Spielleute allerdings auch seinen Reiz, einfach wieder mit anderen Spielleuten zusammen aufzutreten, hahaha.
Wie lief es bei den Aufnahmen ab?. Hat das Orchester alles zusammen eingespielt, oder wurde auch dort jedes Instrument einzeln aufgenommen?
Wir haben im Studio zunächst mal mit einem Streichquartett gearbeitet und das dann gedoppelt. Im Orchester hast du ja auch einfach vier Cellisten, die die selbe Stimme spielen und dadurch diesen voluminösen Sound entwickeln. Das lässt sich im Studio ja ohne weiteres machen. Das war natürlich sehr angenehm, da wir auch immer wieder in den Entstehungsprozess eingreifen konnten, wenn uns irgendwas noch nicht so gelungen erschien. Man hat zwar immer schon ein geistiges Konstrukt vor Augen, bzw. Ohren, aber wenn man es hört, denkt man sich oft noch ein paar andere Sachen dazu. Wir haben auch parallel in zwei Studios gearbeitet. Die mittelalterlichen Instrumente und Chöre haben wir in unseren eigenen Corvus Corax Studios aufgenommen. Beides haben wir dann in den Tommy Hein-Studios zusammengeführt, und nachdem wir diesen ganzen Spurenwahnsinn irgendwann einigermaßen geordnet hatten, konnte wir das nach drei Monaten tatsächlich mal anhören. Das war wirklich sehr spannend, weil es so in etwa 400 Spuren waren und wir nie genau wussten, ob das alles auch zusammen harmoniert. Das hat natürlich kein Computer dieser Welt zusammen abgespielt, hahaha. Wir haben dann Submixe von verschiedenen Gruppen gemacht und das auf diese Weise so weit zusammen gefasst, dass man es sich anhören konnte. Dabei haben wir natürlich auch immer wieder gemerkt, dass irgendwas nicht so ganz passt, und wir mussten immer wieder neu mischen. Das ist live mit richtigem Orchester natürlich viel einfacher, da sagst du einfach den Holzbläsern, sie sollen heute mal ein wenig leiser pusten.
Hat das die ganze Zeit eigentlich noch Spaß gemacht, oder war es irgendwann mehr Arbeit als Vergnügen?
Spaß hat natürlich gemacht, vor allem, weil wir immer wieder an irgendwelche Grenzen gestoßen sind, die wir erst überwinden mussten. Das war jeweils eine enorme Herausforderung und wir haben es jedes Mal gemeistert, das macht natürlich schon Spaß. Auf der anderen Seite sind wir auch wirklich froh, aus dem Studio endlich wieder heraus zu sein, hahaha.
Wie sind die Noten für das Orchester entstanden?
Wir haben zunächst ein Partitur für die normale Studiobesetzung geschrieben. Das waren aber noch nicht alle Instrumente, die jetzt auch live zum Einsatz kommen werden. Sachen wie Contrafagott sind ja herrliche Instrumente, die wir gerne auch schon im Studio gehabt hätten, aber finde so was mal auf die Schnelle, hahaha. Da mussten wir einfach ein wenig sparen. Wenn wir demnächst den nächsten Teil schreiben, dann können wir aber auch so was schon von vorne herein mit einbinden. Wir haben einfach eine ganze Menge gelernt bei dem Entstehungsprozess.
Kann man dieses riesige, umfangreiche Werk tatsächlich im voraus planen, oder tauchen einfach immer wieder Probleme und Umstände auf, mit denen keiner gerechnet hat?
Im Groben lässt sich das schon planen und das muss man auch tun. Wir hatten überlegt ob wir das gleich mit einem Orchester einspielen sollen, oder ob wir das mit Overdubs machen. Das hatten wir uns sehr gründlich überlegt und haben uns letztendlich für die Overdubs entschlossen. Auch musikalisch muss das sehr genau geplant werden, und wir haben das auch nicht im stillen Kämmerlein jeder für sich komponiert, sondern als Band im Proberaum ausgearbeitet. Jeder hat seine Vorschläge eingebracht, und wir haben uns mit Samples schon mal einen groben Eindruck davon verschafft. Während des Songwritings waren wir noch ziemlich frei und kaum festgefahren, in welche Richtung das alles gehen soll. Erst mit der Zeit hat sich das dann in diese Bombastrichtung entwickelt, auch wenn von Anfang an klar war, dass wir kein Geklimper, sondern was mit Pauken und Trompete haben wollten.
Als Dirigenten habt ihr euch Jörg Iwer an Land gezogen.
Der kam eigentlich erst mit der Live-Geschichte ins Spiel. Da braucht man einfach einen Dirigenten, der die ganze Sache zusammen hält. Der Jörg hat selber auch schon viel mit der "Carmina Burana" zu tun gehabt. Er hat die Sachen von Orff schon dirigiert und auch selber ein paar Sachen geschrieben. Dem war der Stoff sehr geläufig, und er ist auch ein sehr angenehmer Zeitgenosse. Man kommt ja nicht mit jedem Klassik-Menschen klar, hahaha. Manche sind da doch ein wenig steif und neuen Sachen nicht wirklich aufgeschlossen gegenüber. Wir wollen aber versuchen, mit dem Ganzen auch einen Schritt weiter zu gehen und ebenso in Konzerthäusern zu spielen. Wir wollen damit, wenn möglich, auch ein ganz anderes Publikum zusätzlich erreichen. Mit Corvus Corax haben wir ja nicht nur eine bestimmte Szene als Hörer, sondern eine recht große Bandbreite.
Ihr habt eine öffentliche Live-Probe vor den eigentlichen Auftritten abgehalten. Gab es irgendwelche Zweifel eurerseits, ob dieses Projekt so überhaupt funktioniert?
Nein, eigentlich gar nicht. Wir wollten es einfach einmal im kleineren Rahmen ausprobieren um zu sehen, was auf uns zukommt. Vor allem, was die technische Seite mit all den Mikrophonen und dem ganzen Kram angeht. Das muss man einfach mal ausprobieren, weil einem dabei auch erst bewusst wird, wie groß das tatsächlich alles ist und was für einen Platz man benötigt. Eigentlich wollten wir ja mit zwei Orchestern arbeiten ... aber das haben wir uns dann für später aufgehoben, hahaha.
Baut ihr dabei dann auch ein Dolby Surround System auf?
Wäre schon machbar, hahaha. In der Renessaince gab es das ja auch schon, dass man mehrere Instrumentengruppen auf den Raum verteilt hat, damit sich der Klang optimal entfaltet. Manche Komponisten haben auch gezielt solche Stücke geschrieben. Später wurde sogar noch die Architektur auf solche Stücke abgestimmt. So neu ist das Dolby Surround Prinzip gar nicht.
Wie ist das denn mit den Stimmen? Habt ihr einen Chor, der das einsingt oder habt ihr das selber übernommen?
Bei den Aufnahmen haben wir die Männerstimmen alle selber eingesungen. Für die Frauenstimmen haben wir uns ein Ensemble namens Psalteri aus Prag geholt. Das sind vier nette Damen, die sich auch schon seit Jahren mit mittelalterlicher Musik beschäftigen. Das Schöne daran ist, dass die bei den lateinischen Texten so einen osteuropäischen Akzent haben, der uns sehr gefallen hat, da wir uns schon lange mit osteuropäischer Musik beschäftigen. Gerade was den Rhythmus angeht, gibt es da sehr interessante Sachen.
Ihr habt ja auch einige Gastmusiker von anderen Bands dabei. Waren die leicht zu überzeugen, oder musstet ihr da ein bisschen nachhelfen?
Das sind eigentlich alles jahrelange Freunde. Sven (Zeraphine) hat uns auch bei den anderen Produktionen oft im Studio besucht und als wir dann davon erzählten, dass wir so eine größenwahnsinnige Idee haben, war er sofort davon begeistert und wollte direkt mitmachen. Auch bei Syrah (Qntal) lag die Kooperation nahe, weil sie einfach eine so charakteristische Stimme hat, die man sofort mit dem Mittelalter identifiziert. Das ging also alles ohne große Überzeugungsarbeit ab. Live wird es natürlich schwieriger, auch mit den Gastsängern zu arbeiten. In Berlin sollte das möglich sein, in Wacken wahrscheinlich weniger. In Berlin werden wir wohl sogar noch eine Opernsängerin dazu ziehen. Dort werden wir auch versuchen, szenisch zu arbeiten, das arbeiten wir aber noch aus.
Das bietet sich ja förmlich an, denn wie gesagt, das klang enorm nach Soundtrack.
Das ist auch so ne Sache. Wir wundern uns bei historischen Filmen immer, was für einen Schwachsinn die da als Musik drunter haben. Streicher einzusetzen, ist ja immer die eine Sache, aber wenn du irgendwelche europäischen Instrumente unter ne Szene legst, die in Ägypten spielt ... hallo? Das ist doch absoluter Quatsch. Wir hoffen, dass wir damit mal vorgelegt haben, wie man so was machen könnte. Vielleicht machen wir auch mal einen Film, irgendwann. Bei uns ist das ja immer so, wenn keiner was mit uns machen will, machen wir es eben irgendwann selber. Aber das steht noch in den Sternen, wir brauchen jetzt auch erst mal etwas Ruhe.
Als nächstes steht aber die DVD zur "Cantus Buranus" auf dem Plan.
Stimmt, wir werden den Auftritt auf der Museumsinsel in Berlin recht aufwändig mitschneiden, denn das ganze Ambiente dort ist der Wahnsinn. Diese antik anmutenden Säulen sind absolut genial. Ich denke, wir werden damit im Frühjahr um's Eck kommen, denn wir müssen das ja erst alles noch sichten und schneiden.
Ihr habt ja auch dieses Mal wieder extra neue Instrumente gebaut. So langsam könnt ihr euch fast für’s Guinness Buch bewerben.
Stimmt, sollten wir mal machen. Ich bin ja der hauseigene Instrumentenbauer von Corvus Corax, und immer, wenn wir was Neues vorhaben, werde ich in die Kammer gesperrt und komme erst wieder raus, wenn ich irgendwas Neues fabriziert hab. Ich habe mich ja jahrelang mit solchen Sachen beschäftigt, und dieses Mal dachte ich mir, da wir ja viel mit Streichern arbeiten, sollte man auch das mittelalterliche Pendant dazu finden. Die bekanntesten, mittelalterlichen Streichinstrumente sind eben die Drehleiern. Ich wollte aber noch etwas mehr ins Detail gehen und auch was aus der Zeit suchen. Zu der Zeit gab es Drehleiern, die wesentlich größer waren als die heute noch geläufigen Typen. Die Dinger nannte man dann Organistrum. Da gibt es ein paar Quellen, in denen man sich Bilder von diesem Ding anschauen kann. Es gibt eine Abbildung in einer spanischen Kapelle, auf der zwei Mönche dieses Organistrum spielen. Das ist einfach sehr groß, und ich dachte mir, das ist das Richtige, das baue ich jetzt mal nach. Das haben andere auch schon versucht, aber ich denke, ich gehe an den Instrumentenbau etwas unkonventioneller ran und habe ja auch schon einige Erfahrung damit. Jedenfalls hat es funktioniert, und der Sound ist der Hammer. Dann hab ich noch ein anderes Teil gebaut, das heute noch in Ungarn gespielt wird. Das nennt man 'Gordon', und das Kuriose dabei ist eigentlich, dass der Grundkorpus aus einem Schweinetrog besteht, hahaha. Da hat man eine Decke drauf gemacht, nen Steg und Saiten drüber gezogen und fertig war’s. Das ist aber mehr ein Rhythmusinstrument. Ich hab auch schon wieder was Neues vor, das kann ich aber noch nicht erzählen. Das machen wir das nächste Mal, wenn wir wieder beisammen sitzen.
Da braucht man dann eine ganze Mannschaft zum Bedienen, hab ich recht?
Naja, so in der Richtung, hahaha. Ich bin gerade dabei, eine neue Werkstatt zu bauen, nur damit ich dieses Instrument bauen kann. Man wächst an seinen Aufgaben, hahaha.
Das Interview führte Michael Edele
Gaudia Vite (2003)
Seikilos (2002), Corvus Corax erzählen Märchen aus alter Zeit (2001), Mille Anni Passi Sunt (2000), MM - 2000 (2000), Viator (1998), Live (1998), Tanzwut (1996), Tritonus (1995), Inter Deum Et Diabolum Semper Musica Est (1993), Tempi Antiquii 1988 - 1992 (1992), Congregatio (1991), Ante Casu Peccati (1989)
| Sa | 22.06.2013 | Corvus Corax Kümmersbruck (Kulturschloss Theuern) | |
| Sa | 10.08.2013 | Corvus Corax DRK Rocks (Berlin) |
15,99 €
19,99 EUR
17,99 €
19,99 €
16,99 €
17,99 €
44,99 EUR
16,99 EUR
15,99 EUR
14,99 EUR
Ganz ohne Biographie, Forum und Fanshop kommen auch die "Könige der Spielleute" nicht aus.
http://www.corvuscorax.de
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