laut.de-Kritik

Waterboarding mit eisigen Wortschwällen.

Review von

"Klingt, wie 'Die Enden der Parabel' von Thomas Pynchon eventuell als Rap-Album klingen würde", versucht sich der Beipackzettel aus dem Hause Big Dada an einer Beschreibung von "Perfect Hair". So schwammig die Analogie wirkt: Irgendwie kommt sie hin. Ich erinnere mich, dass bei der Lektüre besagten Buches schon ungefähr auf Seite 350 die erste leise Vermutung keimte, worum es möglicherweise gehen könnte. Blöd nur, dass dieser Handlungsstrang, bis ich knapp vor Seite 700 entnervt die Segel gestrichen habe, nie wieder aufgetaucht ist.

Kurz gesagt: Ich habe über weite Strecken nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, wovon Busdriver auf "Perfect Hair" erzählt. Auch nach dem vierten Durchlauf nicht. Immerhin: Der Mann hält mich ganz offensichtlich besser bei der Stange als seinerzeit Pynchon. Im Gegensatz zu dessen Roman unterhält "Perfect Hair" blendend. Ich fühle mich, als habe ich mich in ein Aesop Rock-Album verlaufen. Dass ebenjener zusammen mit Danny Brown für einen Gastauftritt in "Ego Death" um die Ecke schaut, unterstreicht diesen Eindruck noch. Jeremiah Jae steuert den düster um die Knöchel wabernden Beat dazu bei: Da treffen sich die Richtigen.

"We can make this better": Dieses Versprechen lösen die Herren gemeinschaftlich ein. "Is it sexier than torture?" Auch das: Den grummelnden Bass zieren Friedhofsglocken und Streicherschwaden. Alle Naslang explodiert irgendetwas, während Busdriver, Aesop und Brown abwechselnd Stephen King und Dantes Inferno, Marilyn Manson, Megadeth und Prodigy zitieren und ihre Hörer mit einem eisigen Wortschwall nach dem anderen waterboarden. Kein Spaziergang - aber eben auch kein Stück langweilig.

Gefahr, sich anöden zu lassen, besteht nirgends. Dafür flowt Busdriver schlicht und ergreifend zu gut, fräst noch das in absonderlichster Schieflage im Raum hängende Instrumental präzise entlang. Zu schier übermenschlichem Rhythmusgefühl gesellen sich ein exorbitanter Wortschatz und die Gabe, zugleich grimmig, durchdacht und vor Ironie nur so triefend zu klingen. In einer anderen Zeit wäre aus so einem vermutlich der Narr bei Hofe geworden. Der, der auch die unangenehmen, hässlichen Wahrheiten aussprechen darf, weil niemand weiß, wen, was und wieviel davon er ernst meint.

Auch als Produzenten erledigen Busdriver und die Kollegen (neben Jeremiah Jae unter anderem Great Dane, Kenny Segal und Mike Gao) einen ordentlichen Job. Die Ideen gehen scheinbar niemals aus. Elektrosounds und - ooooh! - Chöre, Spieluhren, Pingpong-Ball-Klickerklacker, Claps und Synthiefanfaren. Einlullende Melodien, ja, doch wiegen die in trügerischer Sicherheit: Unter allem sorgen schrappende Klänge für ein gar nicht einmal so gutes Grundgefühl. Von Absehbarkeit: keine Spur.

Allerdings fehlt mir diesmal, um mich so richtig zu erwischen, an vielen Stellen die Wucht. Ohne richtig dickes Fundament wirkt mancher Beat - etwa der von "Eat Rich" - einfach zu fisselig, und das trotz des schräg ins Bild tropfenden, herrlich quäkigen Basses. In ähnlicher Weise lassen "When The Tooth-Lined Horizon Blinks" (bidde?) oder "Can't You Tell I'm A Sociopath" (zweifellos!) den nötigen Nachdruck vermissen.

"If you were here for the last song about world leaders and street fashion / We bent the truth like so, and would like to announce the following redaction": Busdriver nummeriert seine Aussagen in "Colonize The Moon" zwar ordentlich durch. Es hilft aber nur wenig: Ich kann aber trotzdem nicht wirklich folgen. Vielleicht nach dem fünften, siebten oder neunzehnten Durchlauf, die sich allesamt auch noch lohnen dürften. Wer weiß? Vielleicht versuch' ich es danach doch noch einmal mit Thomas Pynchon. Niemals aufgeben, niemals kapitulieren!

Trackliste

  1. 1. Retirement Ode
  2. 2. Bliss Point
  3. 3. Ego Death feat. Aesop Rock & Danny Brown
  4. 4. Upsweep
  5. 5. When The Tooth-Lined Horizon Blinks feat. Open Mic Eagle
  6. 6. Motion Lines
  7. 7. Eat Rich
  8. 8. King Cookie Faced (For Her)
  9. 9. Can't You Tell I'm A Sociopath feat. VerBS
  10. 10. Colonize The Moon feat. Pegasus Warning

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1 Kommentar mit 2 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Nach der abendlichen Dosis Needledrop völlig erwartungslos heute Abend reingehört und für ziemlich großartig befunden. "Ego Death" und "Can't you tell I'm a Socipath" machen süchtig, Busdrivers Flow is einfach beeindruckend. Abseits der wirklich seltsamen Lyrics finde ich es nicht einmal so sperrig wie befürchtet.

    • Vor 3 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 3 Jahren

      Mann, wäre editieren ein tolles Feature. Abseits vom 'o' in Sociopath, das rein sollte, müsste 'heute Abend' aus stilistischen Gründen ganz dringend raus.