laut.de-Kritik

The sky is the limit.

Review von

Endlich. Frau im Himmel, wie lange musste es dauern, dass Deutschland einen echten R'n'B-Pop-Superstar bekommt, dessen Stimmenvolumen auch im internationalen Vergleich niemanden (außer Floor Jansen, sollte klar sein) scheuen muss? Helene Fischer ist eine supertalentierte, hart arbeitende Musical-Schlager-Tänzerin, deren Musik jedoch maximal bis Mallorca reicht. Xavier Naidoo? Ja, mei, merkste selbst. Lea? Nina Chuba? Haben alle ihre Berechtigung, doch Mariah Carey, Christina Aguilera oder Beyoncé standen bei ihnen nicht Pate wie Brando. Ganz im Gegensatz zu Ayliva – und die 25-jährige Recklinghausenerin verscheucht auf ihrem zweiten Album Zweifler- und NeiderInnen mit den ganz großen Gesten: den Powerballaden.

Sprach Yannik in der Review zum Debüt "Weißes Herz" noch genervt von einem einheitsbreiigen Powerballaden-Überfluss, wendet Ayliva den vermeintlichen Nachteil vom Start weg in ein Alleinstellungsmerkmal. In "Aber Sie" besingt sie den Verflossenen, verleiht dem handwerklich sauberen Drama-Tune alleine mit ihrer dunklen Stimme eine unendliche Tiefe. Mal hauchend, mal kraftvoll spielt sie mit der Musik, um dann im Refrain ihr Vibrato und das volle Volumen von der Leine zu lassen. Und genau in diesem Momenten geben die türkischen Wurzeln ihrem Sound eine orientalische, unique Note.

Die ersten sechs Songs folgen diesem Prinzip. Zu Recht! "In Deinen Armen" gehört zu den besten Slow Jamz der letzten Jahre. Endlich scheut eine Künstlerin aus Deutschland die große Geste nicht, sondern lässt einfach Stimme und Leidenschaft offen laufen. Man hört ihr einfach gerne zu, wie sie fokussiert aber spielend durch die Tracks fegt. In "Mein Kopf Ist Leer" geht mit dem türkischen Refrain noch ein Stück weiter, doch auch dieser Part fügt sich nahtlos ein. Kleine Abzüge in der B-Note sind der Roland Kaisereske Spoken Word-Part am Ende von "Scheine Zählen" und die arg durchschnittlichen Harmonien bei "Lass Mich Gehen".

Die zweite Albumhälfte versucht dann, neue Seiten von Ayliva zu etablieren. Das bekannte "Sie Weiß" mit Mero funktioniert okay als 2000er Dance-Tune. "Kal Yanimda" und "Mir Geht's Gut" lassen ihr mit leiser Akustik-Untermalung viel Raum wie die deutsche Nationalmannschaft beim Kontern. "Was Mir Gefällt" kopiert schamlos bei Timbaland, "Bei Mir" ist 60er Jahre Old School-Gospel, und bei "Burlesque" springt Christina Aguileras "Lady Marmelade" aus jedem Stream. Gegen die Powerballade-Macht zu Beginn sehen die Lieder kein Land. Diese Nummer Sicher sollte in Zukunft keinen Anschluss haben, das hat Ayliva nicht nötig.

Zum Glück finden sich auch zum Ende hin noch drei Perlen. Die melancholisch gepitchte Hook in "Weißes Haus" zaubert selbst im dunklen Home Office-Keller ein Lächeln auf die Lippen. "Ella" geht als "thematischer Nachfolger" von "Deine Schuld" durch. Ayliva erzählt dort die tragische Geschichte eines Mordes an einer Freundin. Der Titeltrack rundet als Soul-Ballade das gute Album gebührend ab. The sky is the limit für Ayliva. Wer auf dem Sportplatz die 13-jährigen Mädchen aus den umliegenden Blocks voller Inbrust "In Meinen Armen" hat singen hören, weiß, was ich meine.

Trackliste

  1. 1. Aber Sie
  2. 2. In Deinen Armen
  3. 3. Mein Kopf Ist Leer
  4. 4. Scheine Zählen
  5. 5. Schwer Zu Lieben
  6. 6. Lass Mich Gehen
  7. 7. Kal Yanimda
  8. 8. Mir Geht's Gut
  9. 9. Weißes Haus
  10. 10. Bei Mir
  11. 11. Überlebt (Skit)
  12. 12. Ella
  13. 13. Hold Up
  14. 14. Sie Weiß (Ft. MERO)
  15. 15. Burlesque
  16. 16. Was Mir Gefällt
  17. 17. Pills Pills Pills
  18. 18. Hässlich
  19. 19. Schwarzes Herz

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