laut.de-Kritik

Das Meisterwerk der Väter von Kanye, J.Dilla und Pharrell.

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Eigentlich müsste jedem Head beim Gedanken an den 28. September 1998 ein kalter Schauer über den Rücken laufen. Es ist der Tag, an dem eine Ära zu Ende ging. "The Love Movement" erschien und damit das letzte Album des legendären Tribe Called Quest. Nach den anschließenden Promoterminen ging die Truppe, die sich längst auseinander entwickelt hatte, endgültig getrennte Wege.

"The Love Movement" war ein guter, weitgehend unterschätzter Schlusspunkt, auch wenn Rapper Phife Dawg später lakonisch anmerkte, die Platte hätte eher "The Last Movement" heißen sollen. Für andere Bands wäre die Scheibe ebenso wie der Vorgänger "Beats, Rhymes & Life" ein Durchbruch gewesen. Doch A Tribe Called Quest hatten zuvor Maßstäbe gesetzt, die weder die eine noch die andere LP erfüllte.

Schlappe drei Jahre brauchen Q-Tip, Phife Dawg, Ali Shaheed Muhammad und Jarobi White – der die Truppe nach dem Debüt "People's Instinctive Travels And The Paths Of Rhythm" verlässt – um sich im Olymp des Hip Hop ganz oben zu positionieren. Sage und schreibe drei Meilensteine erschienen in dieser kurzen Zeitspanne Anfang der 1990er. Und doch thront ein Teil dieser Trilogie über allem. Der Zweitling "The Low End Theory" sollte den Hip Hop verändern und nachhaltig prägen. Er gilt noch heute vielen als das beste Album, das das Genre zu bieten hat.

Als "Sergeant Pepper des Hip Hop" bezeichnet Bob Power die Platte heute in Anspielung auf das legendäre Album der Beatles. Power war der Toningenieur, der "The Low End Theory" in den Greene Street Studios und den Soundtrack Studios in New York auf den Weg brachte. Es habe die Vorstellung der Menschen verändert, wie Musik zusammengesetzt sein müsse, meint er mit einigem Recht. Und zwar in zweierlei Hinsicht.

Zum einen revolutioniert "The Low End Theory" den Umgang mit Samples. Der herkömmliche Weg, ein einziges Sample als Loop über einem Bass- und Drumgerüst immer und immer wieder abzuspielen, genügt A Tribe Called Quest nicht. Bis auf "What?" und "Vibes And Stuff" besteht jeder Titel aus zwei oder mehr Samples, "Scenario", das nebenbei noch einem gewissen Busta Rhymes zum Solo-Durchbruch verhilft ("Raow, raow, like a dungeon dragon!"), setzt sich sogar aus sieben Anleihen zusammen – darunter Miles Davis, Kool & The Gang und Jimi Hendrix.

Es ist vor allem Q-Tips unglaublichem Gehör zu verdanken, dass der Tribe klingt, wie er klingt. Er ist es, der die meisten Samples entdeckt, die Produzent und DJ Ali Shaheed Muhammad veredelt. Darunter etwa das unverschämt funky Drumkit aus "Hydra" von Grover Washington Jr., das gemeinsam mit Anleihen von Minnie Riperton, der Average White Band und der Steve Miller Band die Single "Check The Rhime" ergibt.

Trotz dieser ständigen Vermengung klingt "The Low End Theory" im Gegensatz zum stellenweise etwas störrischen, überschwänglichen Vorgänger nie überfrachtet. De La Soul mögen ulkiger gewesen sein, die Jungle Brothers die größeren Hits und die Beastie Boys die bessere Party gehabt haben – aber so cool, entspannt und abgeklärt wie das Trio um Q-Tip war keine der Ikonen. Und nur wenige haben das Zusammenspiel zwischen Jazz und Hip Hop derart perfektioniert.

"Viele haben die Punkte zwischen Hip Hop und Jazz verbunden", wird der Rolling Stone später schreiben, als er "The Low End Theory" auf Platz 153 der besten Alben aller Zeiten wählt, "aber diese LP malt das komplette Bild." Und das, so möchte man anfügen, ist außer The Roots vier Jahre später mit einer solchen Hingabe davor und danach niemandem sonst gelungen.

Dass Black Thought in der Dokumentation "Beats, Rhymes & Life: The Travels Of A Tribe Called Quest" infrage stellt, dass The Roots ohne ATCQ überhaupt zusammengefunden hätten, unterstreicht den Einfluss der Truppe. "Ich, J.Dilla, der fraglos einer der besten Beatbauer aller Zeiten ist, und Kanye", fährt Pharrell Williams fort, "wir wären nicht hier, wenn es keine Tribe-Alben gegeben hätte." Sie seien im Prinzip Q-Tips Ziehsöhne.

Drei Singles entstanden aus "The Low End Theory". Das bereits erwähnte, vor Energie sprühende "Scenario" mit den Leaders Of The New Shool, "Check The Rhime" und "Jazz (We've Got)", das einzige Stück, das sich jemals direkt mit Jazz beschäftigt hat, weswegen die Truppe es von Anfang an ablehnte, als Jazz-Rap markiert zu werden. Allerdings wäre es eine Schande, "The Low End Theory" auf die Auskopplungen zu reduzieren. Zumal ein anderes Stück für die Entwicklung der Truppe viel wichtiger war.

Zwei Verse reichen, um Phife Dawg aus dem Hintergrund ins Rampenlicht zu holen. War er beim Debüt noch mehr oder weniger begleitendes Beiwerk, ist er mit "Buggin' Out" urplötzlich eine Landmarke im Hip Hop: "Microphone check one, two, what is this? / The five foot assassin with the roughneck business." Oder anders ausgedrückt: Bämm, hier bin ich!

Das, was danach kommt, als Zusammenspiel zu bezeichnen, ist ein Frevel. Phife und Q-Tip sind mehr als die beiden Frontmänner einer damals schon legendären Rap-Kapelle. Die beiden nehmen sich von sexueller Gewalt ("The Infamous Date Rape") bis zum Konsumverhalten der Masse ("Skypager") und den Machenschaften im Musikgeschäft ("Rap Promotor") alle möglichen Themen vor – und ergänzen sich wie Ying und Yang. Ein passenderes Duo hat Hip Hop seither nicht mehr erlebt. Als würde Two-Face rappen, nur dass es nicht eine gute und eine böse Seite gibt, sondern zwei überragende.

Der nasale Flow des Q-Tip, der lyrisch immer wieder ins Poetische abdriftet und der geerdete Phife mit der hohen Stimme, der, so sagen manche, die Straße in A Tribe Called Quest gebracht hat. Auf Augenhöhe gelangt der "Funky Diabetic", wie er sich bei "Oh My God" auf dem Nachfolger "Midnight Marauders" selbst beschreibt, allerdings nie. A Tribe Called Quest ist immer irgendwie Q-Tip und seine kongenialen Partner.

So ist er es auch, der in "Verses From The Abstract" über den Double-Bass der Jazz-Legende Ron Carter rappen darf. 2008, siebzehn Jahre nach Veröffentlichung, gesteht der Bassist, die Aufnahme nie gehört zu haben. Dabei groovt Carter derart tief und passend, als wäre er von Beginn an Mitglied des Tribes oder wenigstens der Native Tongue-Posse gewesen. Er ist wohl der einzige, der jemals drohte, Q-Tip die Show zu stehlen.

Dieses interne Ungleichgewicht ist letztlich auch einer der Gründe, wieso es schon bei den Aufnahmen zum Nachfolger kriselt. Der perfektionistische, karriere-orientierte Q-Tip avanciert mehr und mehr zum Bandleader, der Forderungen stellt. Die monatelange Zusammenarbeit zu "Midnight Marauders" stellt die Freundschaft zwischen ihm und Phife auf eine harte Probe, der sie nicht standhält. Aus den Sandkastenfreunden werden Arbeitskollegen, der ATCQ-Geist geht flöten, "Beats, Rhymes & Life" und "The Love Movement" erfüllen die Erwartungen nicht. Die Band trennt sich.

Erst Jahre später raffen sich die beiden wieder zusammen, spielen immer wieder einige Konzerte, ohne neues Material zu präsentieren. Es werde kein neues Album geben, lässt Q-Tip 2008 verlauten. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Der Vertrag mit Jive, das mittlerweile in Sony aufgegangen ist, sieht sechs Alben vor. "The Love Movement" war das fünfte.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Excursions
  2. 2. Buggin' Out
  3. 3. Rap Promoter
  4. 4. Butter
  5. 5. Verses from the Abstract
  6. 6. Show Business
  7. 7. Vibes and Stuff
  8. 8. The Infamous Date Rape
  9. 9. Check the Rhime
  10. 10. Everything Is Fair
  11. 11. Jazz (We've Got)
  12. 12. Skypager
  13. 13. What
  14. 14. Scenario

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