Porträt

laut.de-Biographie

39 Clocks

Es kursieren viele wilde Geschichten über die 39 Clocks - absolut wahre ebenfalls. So zum Beispiel die von dem einen Mal, wo sie anstelle ihrer Gitarren mit Staubsauger und Kreissäge ein Konzert gaben, da das LSD in ihren Köpfen keinen Raum mehr für die Erinnerung an die eigenen Songs ließ. Oder auch wie sie aus der Documenta-Messe flogen, weil ihre Musik Joseph Beuys auf die Nerven fiel. Dereinst drehten sie zudem auf einem Konzert im ausgedienten Flugzeughangar die Verstärker so weit auf, dass am Ende kein einziger Zuhörer mehr anwesend ist. Umso bemerkenswerter, dass wir es bei dem Skandal-Rooster hier nicht mit einer New Yorker Musiklegende zu tun haben, sondern mit einem deutschen Psychedelic-Garage-Punkduo aus der Hannoverschen Rockprovinz.

Immerhin: Christian Henjes (alias C.H.) und Jürgen Gleue (alias J.G.) stellen mittlerweile als nationale Neo-Psychedelic-Institution ziemlich gut da; Deutschlands dienstälteste Schrammelpioniere darf man sich nennen. Schon in der Frühphase nach Bandgründung 1979 deutet sich das Grenzgängertum stilistisch an. Sie spielen keinen reinen Punk, ebenso keinen trendigen New Wave, und verachten die aufkeimende Kommerzialisierung der NDW.

So gründen die Niedersachsen ihr ganz eigenes Subgenre: eine deutsche Form des US-Sixties-Garage-Punks, zeitversetzt in die frühen 80er mit Anleihen bei den Ikonen
Velvet Underground und Suicide. Die monotonen Psychedelia-Akkordfolgen mit hypnotischen Rhythmen aus der Beatbox sowie der bewusst ausdruckslosen Stimme und dem schmutzigen
Sound macht die Band hierzulande einzigartig.

Doch wie so häufig gelingt es dem Propheten im eigenen Lande nur schwer, seiner Stimme Gehör zu verschaffen. Das Publikum bleibt erlesen, aber auch eher vereinzelt. Zu schwer wiegt das Brechen mit Mainstream-Mustern für die Masse.
Die 39 Clocks schaffen es auf drei Platten immer wieder, die Grenzen des Experimentellen
noch ein Stück zu erweitern: Schwer erträglich lange Live-Improvisationen, atonale Passagen,
Störgeräusche, Extremst-LoFi und die blecherne Beatbox strapazieren die Hörgewohnheiten mitunter aufs Äußerste.

Der Achtungserfolg des 1981er Debütalbums "Pain It Dark" kommt nichtsdestotrotz - eben vor allem im Ausland. Die korrekte Einordnung in die Musikgeschichte erfahren die Clocks in England, den USA, in Japan und selbst in Griechenland. Dort wird ihnen bis heute eine Verehrung zuteil, die an den Stellenwert von deutschen Aushängeschildern wie Can oder Tangerine Dream im Ausland heranreicht. Sogar Sozio-Pop-Papst Diedrich Diederichsen bezeichnet sie gelegentlich gern als "die beste deutsche Band der 80er."

Seit 1983 geht man getrennte Wege, findet allerdings im Jahr 2009 wieder zusammen. Das legendäre Debütalbum wird erstmals als digitales Tondokument mit vernünftigem Sound veröffentlicht. Endlich kann man nach Jahrzehnten die Schätze der 39 Clocks entdecken, die so lang verschüttet blieben.

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